Arbeits­kampf – und die Ver­let­zung der Frie­dens­pflicht

Ein Streik, des­sen Kampf­ziel auch auf die Durch­set­zung von For­de­run­gen gerich­tet ist, wel­che die in einem Tarif­ver­trag ver­ein­bar­te Frie­dens­pflicht ver­let­zen, ist rechts­wid­rig. Er ver­pflich­tet die streik­füh­ren­de Gewerk­schaft bei schuld­haf­tem Han­deln zum Ersatz der dem Kampf­geg­ner ent­stan­de­nen Schä­den. Die streik­füh­ren­de Gewerk­schaft kann dabei nicht ein­wen­den, die Schä­den wären auch bei einem Streik ohne frie­dens­pflicht­ver­let­zen­de For­de­run­gen ent­stan­den.

Arbeits­kampf – und die Ver­let­zung der Frie­dens­pflicht

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ging es um einen Flug­lot­sen­streik am Frank­fur­ter Flug­ha­fen: Die beklag­te Gewerk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) ver­tritt die berufs- und tarif­po­li­ti­schen Inter­es­sen des Flug­si­che­rungs­per­so­nals. Sie hat­te mit der Betrei­ber­ge­sell­schaft des Frank­fur­ter Flug­ha­fens – der Fra­port AG (Fra­port) – einen Tarif­ver­trag für die Beschäf­tig­ten in der Vor­feld­kon­trol­le und Ver­kehrs­zen­tra­le geschlos­sen, des­sen Bestim­mun­gen für die Lauf­zeit des Tarif­ver­trags abschlie­ßend sein soll­ten. Die Rege­lun­gen in § 5 bis § 8 des Tarif­ver­trags waren erst­ma­lig zum 31. Dezem­ber 2017 künd­bar, die übri­gen bereits zum 31. Dezem­ber 2011. Nach Teil­kün­di­gung des Tarif­ver­trags mit Aus­nah­me von § 5 bis § 8 durch die GdF zum 31. Dezem­ber 2011 ver­han­del­ten die­se und Fra­port über einen neu­en Tarif­ver­trag. Ein ver­ein­bar­tes Schlich­tungs­ver­fah­ren ende­te mit einer Emp­feh­lung des Schlich­ters. Die­se ent­hielt ent­spre­chend den Schlich­tungs­ver­hand­lun­gen auch Ergän­zun­gen zu dem noch unge­kün­dig­ten Teil des Tarif­ver­trags. Am 15. Febru­ar 2012 kün­dig­te die GdF gegen­über Fra­port an, ihre Mit­glie­der zu einem befris­te­ten Streik mit dem Ziel der Durch­set­zung der Schlich­ter­emp­feh­lung auf­zu­ru­fen. Der am 16. Febru­ar 2012 begon­ne­ne Streik ende­te auf­grund einer gericht­li­chen Unter­las­sungs­ver­fü­gung am 29. Febru­ar 2012.

Mit ihrer Kla­ge hat Fra­port von der GdF den Ersatz ihr auf­grund des Streiks ent­stan­de­ner Schä­den ver­langt. In den Vor­in­stan­zen haben Arbeits­ge­richt und Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt 1 die Kla­ge abge­wie­sen. Die hier­ge­gen von Fra­port ein­ge­leg­te Revi­si­on hat­te vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt Erfolg:

Der von der GdF getra­ge­ne, als ein­heit­li­che und unteil­ba­re Hand­lung zu beur­tei­len­de Streik war rechts­wid­rig. Er dien­te der Durch­set­zung der Schlich­ter­emp­feh­lung und damit auch der Modi­fi­zie­rung von unge­kün­dig­ten Bestim­mun­gen des Tarif­ver­trags. Hin­sicht­lich die­ser Rege­lun­gen galt nach wie vor die tarif­ver­trag­lich ver­ein­bar­te erwei­ter­te Frie­dens­pflicht. Die­se ver­wehr­te es der GdF, Ände­run­gen mit Mit­teln des Arbeits­kamp­fes durch­zu­set­zen. Ihr Ein­wand, sie hät­te den­sel­ben Streik auch ohne die der Frie­dens­pflicht unter­lie­gen­den For­de­run­gen geführt (sog. recht­mä­ßi­ges Alter­na­tiv­ver­hal­ten), ist unbe­acht­lich. Es hät­te sich wegen eines ande­ren Kampf­ziels nicht um die­sen, son­dern um einen ande­ren Streik gehan­delt. Weil die GdF schuld­haft gehan­delt hat, ist sie Fra­port gegen­über aus Delikt und wegen Ver­trags­ver­let­zung zum Ersatz von streik­be­ding­ten Schä­den ver­pflich­tet. Zu deren Fest­stel­lung ist die Sache an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen wor­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. Juli 2016 – 1 AZR 160/​14

  1. Hess. LAG, Urteil vom 05.12.2013 – 9 Sa 592/​13[]