Arbeits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten in Alt­ver­trä­gen – und der Min­dest­lohn

Eine vor Inkraft­tre­ten des Min­dest­lohn­ge­set­zes ver­ein­bar­te arbeits­ver­trag­li­che Ver­fall­klau­sel „Ansprü­che aus dem Arbeits­ver­hält­nis und sol­che, die mit die­sem in Ver­bin­dung ste­hen, sind inner­halb von drei Mona­ten nach Fäl­lig­keit schrift­lich gegen­über der ande­ren Ver­trags­par­tei gel­tend zu machen. Ansprü­che, die nicht inner­halb die­ser Frist gel­tend gemacht wer­den, sind ver­fal­len. Lehnt die ande­re Par­tei den Anspruch ab oder erklärt sie sich nicht inner­halb von zwei Wochen nach der Gel­tend­ma­chung des Anspruchs, so ver­fällt der Anspruch, wenn er nicht inner­halb von drei Mona­ten nach der Ableh­nung oder dem Frist­ab­lauf gericht­lich gel­tend gemacht wird. Der Aus­schluss gilt nicht, soweit der Anspruch auf der Haf­tung wegen Vor­satz beruht.” ist wirk­sam.

Arbeits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten in Alt­ver­trä­gen – und der Min­dest­lohn

Bei der­ar­ti­gen Rege­lun­gen des Arbeits­ver­trags han­delt es sich um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (§ 305 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 BGB)1. Dies folgt bereits aus dem äuße­ren Erschei­nungs­bild der for­mu­lar­mä­ßi­gen Ver­trags­ge­stal­tung. Ob es sich bei den Rege­lun­gen um für eine Viel­zahl von Ver­trä­gen vor­for­mu­lier­te Ver­trags­be­din­gun­gen han­delt (§ 305 Abs. 1 BGB), bedarf kei­ner wei­te­ren Auf­klä­rung, denn der Arbeits­ver­trag ist ein Ver­brau­cher­ver­trag iSv. § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB2. Die Aus­le­gung All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen durch das Beru­fungs­ge­richt unter­liegt der vol­len revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt3.

Nach der arbeits­ver­trag­li­chen Rege­lung ver­fal­len Ansprü­che aus dem Arbeits­ver­hält­nis und sol­che, die mit die­sem in Ver­bin­dung ste­hen, wenn sie nicht inner­halb von drei Mona­ten nach Fäl­lig­keit schrift­lich gel­tend gemacht wer­den. Dazu gehö­ren alle Ansprü­che, wel­che die Arbeits­ver­trags­par­tei­en auf­grund ihrer durch den Arbeits­ver­trag begrün­de­ten Rechts­be­zie­hun­gen gegen­ein­an­der haben, ohne dass es auf die mate­ri­ell-recht­li­che Anspruchs­grund­la­ge ankommt4.

Die arbeits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung ist rechts­wirk­sa­mer Ver­trags­be­stand­teil gewor­den.

Die Klau­sel ist nicht über­ra­schend iSd. § 305c Abs. 1 BGB und damit Ver­trags­be­stand­teil gewor­den. Die Ver­ein­ba­rung von Aus­schluss­fris­ten ent­spricht einer weit ver­brei­te­ten Übung im Arbeits­le­ben5.

Die Klau­sel ver­stößt nicht gegen § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB. Eine ein­zel­ver­trag­li­che Ver­fall­frist, die eine Gel­tend­ma­chung inner­halb eines Zeit­raums von min­des­tens drei Mona­ten ver­langt, begeg­net in AGB-recht­li­cher Hin­sicht kei­nen durch­grei­fen­den Beden­ken6.

Die Klau­sel ist auch nicht intrans­pa­rent iSd. § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB. Sie ord­net ein­deu­tig den Ver­fall der Ansprü­che an, wenn die­se nicht inner­halb der Aus­schluss­frist von drei Mona­ten nach Fäl­lig­keit gel­tend gemacht wer­den7.

Die ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung ist nicht wegen eines Ver­sto­ßes gegen § 3 Satz 1 MiLoG ins­ge­samt unwirk­sam8.

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall han­del­te es sich bei dem Arbeits­ver­trag um einen sog. Alt­ver­trag, der vor Inkraft­tre­ten des Min­dest­lohn­ge­set­zes am 16.08.2014, das als Art. 1 des Tarif­au­to­no­mie­stär­kungs­ge­set­zes vom 11.08.2014 ver­kün­det wur­de9, abge­schlos­sen wur­de. . Für einen sol­chen neh­men – wenn auch mit unter­schied­li­chen Begrün­dun­gen – sowohl der Neun­te Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts10 als auch die ganz über­wie­gen­de Mei­nung im Schrift­tum11 zu Recht an, dass es bei der von § 3 Satz 1 MiLoG vor­ge­se­he­nen Teil­un­wirk­sam­keit einer „über­schie­ßen­den” Ver­fall­klau­sel bleibt, weil eine bei Ver­trags­schluss trans­pa­ren­te Klau­sel nicht durch eine spä­te­re Ände­rung der Rechts­la­ge intrans­pa­rent wird12.

Eine sol­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung ist auch nicht intrans­pa­rent und des­halb nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB unwirk­sam, weil tarif­li­che Ansprü­che und Ansprü­che aus Betriebs­ver­ein­ba­run­gen in ihr nicht aus­drück­lich aus­ge­nom­men wer­den13.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 17. April 2019 – 5 AZR 331/​18

  1. zu deren Aus­le­gung vgl. BAG 19.12 2018 – 10 AZR 130/​18, Rn.19 mwN
  2. vgl. BAG 27.06.2012 – 5 AZR 530/​11, Rn. 14 mwN
  3. BAG 19.12 2018 – 10 AZR 233/​18, Rn. 35 mwN
  4. vgl. BAG 20.06.2018 – 5 AZR 377/​17, Rn. 16
  5. vgl. nur BAG 27.01.2016 – 5 AZR 277/​14, Rn.19, BAGE 154, 93
  6. vgl. BAG 17.10.2017 – 9 AZR 80/​17, Rn. 17 mwN
  7. vgl. BAG 13.03.2013 – 5 AZR 954/​11, Rn. 48, BAGE 144, 306
  8. vgl. BAG 30.01.2019 – 5 AZR 43/​18, Rn. 30
  9. BGBl. I S. 1348
  10. vgl. BAG 18.09.2018 – 9 AZR 162/​18, Rn. 42
  11. vgl. nur Riechert/​Nimmerjahn MiLoG 2. Aufl. § 3 Rn. 30; Grei­ner in Thü­s­ing MiLoG/​AEntG 2. Aufl. § 3 MiLoG Rn. 12; Münch­Komm-BGB/­Mül­ler-Glö­ge 7. Aufl. § 3 MiLoG Rn. 3; ErfK/​Franzen 19. Aufl. MiLoG § 3 Rn. 3a – alle mwN; abw. Schaub ArbR-HdB/­Vo­gel­sang 17. Aufl. § 66 Rn. 45; Sei­werth NZA 2019, 17, 18; Zwan­zi­ger AuR 2017, 333, 336
  12. inso­weit zutr. BAG 18.09.2018 – 9 AZR 162/​18, Rn. 42 mwN; aA neu­er­dings Sei­werth NZA 2019, 17, 18 unter Beru­fung auf „dyna­mi­sche Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen”; kri­tisch hier­zu Naber/​Schulte BB 2019, 501, 503
  13. vgl. hier­zu aus­führ­lich BAG 30.01.2019 – 5 AZR 43/​18, Rn. 31 ff.