Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me – auf einen unwirk­sa­men Tarif­ver­trag

Die Arbeits­ver­trags­par­tei­en kön­nen grund­sätz­lich auch unwirk­sa­me Tarif­ver­trä­ge in Bezug neh­men. Für eine Annah­me, sie hät­ten den Tarif­ver­trag nur für den Fall sei­ner Wirk­sam­keit in Bezug neh­men wol­len, müs­sen sich aus der Aus­le­gung des Arbeits­ver­trags beson­de­re Anhalts­punk­te erge­ben.

Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me – auf einen unwirk­sa­men Tarif­ver­trag

Die Wirk­sam­keit des betref­fen­den Tarif­ver­trags ist nicht Vor­aus­set­zung für die Wirk­sam­keit einer arbeits­ver­trag­li­chen Inbe­zug­nah­me. Viel­mehr kön­nen Arbeits­ver­trags­par­tei­en grund­sätz­lich auch unwirk­sa­me Tarif­ver­trä­ge in Bezug neh­men 1. Für die Annah­me, die Arbeits­ver­trags­par­tei­en woll­ten den Tarif­ver­trag nur für den Fall sei­ner Wirk­sam­keit in Bezug neh­men, bedarf es beson­de­rer Anhalts­punk­te. Sol­che sind bei­spiels­wei­se gege­ben, wenn nur mit einer Bezug­nah­me auf einen wirk­sa­men Tarif­ver­trag deren Zweck – wie etwa das Abwei­chen vom Gebot der Gleich­be­hand­lung nach § 9 Nr. 2 AÜG – erreicht wer­den kann 2.

Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn eine Unwirk­sam­keit des in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trags zum Zeit­punkt der Ver­ein­ba­rung der Bezug­nah­me­klau­sel im Jahr 2007 nicht fest­stand, son­dern allen­falls Zwei­fel an des­sen Wirk­sam­keit bestan­den.

So auch in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Die­se Zwei­fel bestan­den mit Blick auf die Tarif­fä­hig­keit der DHV. Sie war mehr­fach Gegen­stand arbeits­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren. Mit Beschluss vom 10.12.1956 3 stell­te das Arbeits­ge­richt Ham­burg ihre Tarif­fä­hig­keit auf der Grund­la­ge der Sat­zun­gen vom 01.07.1952 bzw.01.07.1954 fest. In einem wei­te­ren Ver­fah­ren wies es mit Beschluss vom 09.11.1995 4 einen Antrag auf Fest­stel­lung der feh­len­den Tarif­fä­hig­keit der DHV wegen wei­ter­hin ent­ge­gen­ste­hen­der Rechts­kraft des Beschlus­ses aus dem Jah­re 1956 als unzu­läs­sig zurück. Die hier­ge­gen gerich­te­te Beschwer­de wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg mit Beschluss vom 18.02.1997 5 zurück. Mit einem wei­te­ren, nicht rechts­kräf­ti­gen Beschluss vom 04.05.2016 6 bestä­tig­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg die Tarif­fä­hig­keit der DHV.

Trotz die­ser Pro­ble­ma­tik haben die Arbeits­ver­trags­par­tei­en aus­drück­lich den "DRK-Tarif­ver­trag Land Bran­den­burg" und damit einen mit der DHV abge­schlos­se­nen Tarif­ver­trag in Bezug genom­men. Von der Mög­lich­keit, den – mit der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft (ver.di) abge­schlos­se­nen – DRK-Tarif­ver­trag in der zum 1.01.2007 in Kraft getre­te­nen Fas­sung ("DRK-Reform­ta­rif­ver­trag"), des­sen Gel­tungs­be­reich anders als der mit der DHV abge­schlos­se­ne Tarif­ver­trag nicht auf das Land Bran­den­burg beschränkt ist, in Bezug zu neh­men, haben die Arbeits­ver­trags­par­tei­en trotz der mit Blick auf die Tarif­fä­hig­keit der DHV unge­klär­ten Rechts­la­ge gera­de kei­nen Gebrauch gemacht. Eine Inter­es­sen­la­ge der Arbeits­ver­trags­par­tei­en, die es nahe­le­gen wür­de, dass sie auf­grund der zwei­fel­haf­ten Rechts­la­ge ent­ge­gen dem ein­deu­ti­gen Wort­laut der Klau­sel einen ande­ren Tarif­ver­trag hät­ten in Bezug neh­men wol­len, ist nicht fest­stell­bar.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 30. August 2017 – 4 AZR 443/​15

  1. BAG 25.09.2013 – 5 AZR 815/​12, Rn. 11; 14.12 2011 – 4 AZR 26/​10, Rn. 43; 22.01.2002 – 9 AZR 601/​00, zu A I 2 b der Grün­de, BAGE 100, 189[]
  2. BAG 13.03.2013 – 5 AZR 954/​11, Rn. 35, BAGE 144, 306[]
  3. ArbG Ham­burg 10.12.1956 – 2 BV 366/​56[]
  4. AG Ham­burg 09.11.1995 – 1 BV 8/​92[]
  5. LAG Ham­burg 18.02.1997 – 2 TaBV 9/​95[]
  6. LAG Ham­burg 04.05.2016 – 5 TaBV 8/​15[]