Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­seln – und der Weg­fall der Tarif­ge­bun­den­heit

Eine als Gleich­stel­lungs­ab­re­de aus­zu­le­gen­de arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel hat ihre Dyna­mik in dem Zeit­punkt ver­lo­ren, in dem die nor­ma­ti­ve Tarif­ge­bun­den­heit der Arbeit­ge­be­rin an die Tarif­ver­trä­ge des öffent­li­chen Diens­tes ent­fal­len ist.

Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­seln – und der Weg­fall der Tarif­ge­bun­den­heit

Nach der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts waren bei ent­spre­chen­der Tarif­ge­bun­den­heit des Arbeit­ge­bers Bezug­nah­me­klau­seln wie die­je­ni­ge im Arbeits­ver­trag der Par­tei­en in aller Regel als sog. Gleich­stel­lungs­ab­re­den aus­zu­le­gen 1. Die­se ver­wei­sen dyna­misch auf die fach­lich ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trä­ge. War der Arbeit­ge­ber zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses tarif­ge­bun­den, führt jedoch der Weg­fall der Tarif­ge­bun­den­heit dazu, dass die in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge nur noch sta­tisch in der Fas­sung anzu­wen­den waren, die in die­sem Zeit­punkt galt. Aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes wen­det das Bun­des­ar­beits­ge­richt die­se Recht­spre­chung wei­ter­hin auf Bezug­nah­me­klau­seln an, die vor dem 1.01.2002 ver­ein­bart wor­den sind 2.

Um einen sol­chen sog. Alt­ver­trag han­delt es sich auch in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Die arbeits­ver­trag­li­che Abre­de wur­de vor dem 1.01.2002 getrof­fen. Der Arbeits­ver­trag der Par­tei­en wur­de – soweit ersicht­lich – seit­her nicht geän­dert. Die dama­li­ge Arbeit­ge­be­rin des Klä­gers war bei Abschluss des Arbeits­ver­trags tarif­ge­bun­den.

Danach ver­weist die Bezug­nah­me­klau­sel auf den BAT in der zuletzt gül­ti­gen Fas­sung des 78. Ände­rungs­ta­rif­ver­trags vom 31.01.2003.

Die Beklag­te ist nicht an die Tarif­ver­trä­ge des öffent­li­chen Diens­tes gebun­den. In wel­chem genau­en Zeit­punkt die ent­spre­chen­de Tarif­ge­bun­den­heit ihrer Rechts­vor­gän­ge­rin­nen ent­fal­len ist, hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Dies kann jedoch dahin­ste­hen. Die Tarif­ge­bun­den­heit – und damit die Dyna­mik der Bezug­nah­me­klau­sel – ende­te spä­tes­tens mit dem Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses auf die Beklag­te im Novem­ber 2005.

In die­sem Zeit­punkt war der BAT noch nicht durch einen ande­ren Tarif­ver­trag ersetzt wor­den. Der Arbeits­ver­trag vom 01.10.1971 war mit dem Land Schles­wig-Hol­stein geschlos­sen wor­den. Ein Bezug zu einem kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber ist nicht zu erken­nen. Eine Ablö­sung des in Bezug genom­me­nen BAT wäre des­halb allen­falls durch den Tarif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Län­der (TV‑L) in Betracht gekom­men, wel­cher zum 1.11.2006 und damit in jedem Fall nach Weg­fall der Tarif­ge­bun­den­heit der Beklag­ten bzw. einer ihrer Rechts­vor­gän­ge­rin­nen in Kraft getre­ten ist. Es kann des­halb offen­blei­ben, ob die Bezug­nah­me­klau­sel durch die spä­te­re Ablö­sung des BAT lücken­haft gewor­den wäre und ggf. einer ergän­zen­den Aus­le­gung bedurft hät­te 3.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 10. Dezem­ber 2014 – 4 AZR 503/​12

  1. vgl. etwa BAG 10.12 2008 – 4 AZR 881/​07, Rn. 18 mwN[]
  2. st. Rspr., BAG 19.10.2011 – 4 AZR 811/​09, Rn.20; 18.11.2009 – 4 AZR 514/​08, Rn. 18 mwN, BAGE 132, 261[]
  3. ausf. zu den Vor­aus­set­zun­gen und Maß­stä­ben einer sol­chen Aus­le­gung BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn. 23, 31 ff., BAGE 134, 283; 6.07.2011 – 4 AZR 706/​09, Rn. 27, 31 ff., BAGE 138, 269[]