Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­seln – und die dyna­mi­sche Ver­wei­sung auf ein­schlä­gi­ge Tarif­ver­trä­ge

Dyna­mi­sche Ver­wei­sun­gen auf ein­schlä­gi­ge Tarif­ver­trä­ge sind im Arbeits­le­ben als Gestal­tungs­in­stru­ment so ver­brei­tet, dass ihre Auf­nah­me in For­mu­lar­ver­trä­ge nicht iSd. § 305c Abs. 1 BGB über­ra­schend ist 1.

Arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­seln – und die dyna­mi­sche Ver­wei­sung auf ein­schlä­gi­ge Tarif­ver­trä­ge

Sie wer­den von Arbeit­neh­mern des öffent­li­chen Diens­tes erwar­tet.

Bezug­nah­me­klau­seln auf das jeweils gül­ti­ge Tarif­recht ent­spre­chen einer übli­chen Rege­lungs­tech­nik und die­nen den Inter­es­sen bei­der Par­tei­en. Dies ergibt sich dar­aus, dass das Arbeits­ver­hält­nis auf die Zukunft aus­ge­rich­tet ist. Nach § 2 Abs. 1 Satz 2 Nr. 10 NachwG genügt des­halb der blo­ße all­ge­mei­ne Hin­weis auf Tarif­ver­trä­ge 2.

Eine Ver­wei­sung auf Vor­schrif­ten eines ande­ren Rege­lungs­wer­kes führt für sich genom­men auch nicht zur Intrans­pa­renz, selbst wenn sie dyna­misch aus­ge­stal­tet ist. Das Bestimmt­heits­ge­bot als maß­geb­li­che Aus­prä­gung des Trans­pa­renz­ge­bots ver­langt ledig­lich, dass die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen so genau beschrie­ben wer­den, dass für den Ver­wen­der kei­ne unge­recht­fer­tig­ten Beur­tei­lungs­spiel­räu­me ent­ste­hen und der Gefahr vor­ge­beugt wird, dass der Ver­trags­part­ner von der Durch­set­zung bestehen­der Rech­te abge­hal­ten wird. Die im Zeit­punkt der jewei­li­gen Anwen­dung gel­ten­den, in Bezug genom­me­nen Rege­lun­gen sind bestimm­bar. Das ist aus­rei­chend 3.

So auch in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Die Bezug­nah­me­klau­sel in § 2 des Arbeits­ver­trags vom 08.12 1976 war für die Klä­ge­rin danach weder über­ra­schend noch unver­ständ­lich oder unklar. Wel­che kon­kre­ten tarif­li­chen Rege­lun­gen jeweils das Arbeits­ver­hält­nis aus­fül­len sol­len, war für die Klä­ge­rin fest­stell­bar. Die Fra­ge, ob tarif­li­che Bestim­mun­gen, die für die Ver­trags­part­ner bei Abschluss des Ver­trags schlech­ter­dings nicht vor­her­seh­bar waren, nicht Ver­trags­in­halt wer­den 4, stellt sich hier nicht. Der mit dem Arbeits­ver­trag in Bezug genom­me­ne BAT-VKA ent­hielt bereits in § 59 eine Rege­lung über die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ohne Kün­di­gung bei Bewil­li­gung einer Erwerbs­min­de­rungs­ren­te. Eine sol­che Bestim­mung ist im Tarif­ver­trag mit einem öffent­li­chen Arbeit­ge­ber nicht unge­wöhn­lich, son­dern üblich. Des­halb war zu erwar­ten, dass sie auch Bestand­teil ablö­sen­der Tarif­ver­trä­ge sein wür­de 5.

Tarif­ver­trag­li­che Rege­lun­gen tra­gen den imma­nen­ten Vor­be­halt ihrer nach­träg­li­chen Abän­de­rung durch Tarif­ver­trag in sich 6. Die Gestal­tungs­frei­heit der Tarif­ver­trags­par­tei­en zur rück­wir­ken­den Ände­rung tarif­ver­trag­li­cher Rege­lun­gen ist aller­dings durch den Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes der Norm­un­ter­wor­fe­nen begrenzt; es gel­ten inso­weit die glei­chen Rege­lun­gen wie nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bei der Rück­wir­kung von Geset­zen 7.

Zu unter­schei­den ist danach zwi­schen ech­ter und unech­ter Rück­wir­kung. Eine Rechts­norm ent­fal­tet ech­te Rück­wir­kung, wenn sie in einen abge­schlos­se­nen Sach­ver­halt nach­träg­lich ein­greift 8. Um eine unech­te Rück­wir­kung han­delt es sich dem­ge­gen­über, wenn eine Norm auf gegen­wär­ti­ge, noch nicht abge­schlos­se­ne Sach­ver­hal­te und Rechts­be­zie­hun­gen für die Zukunft ein­wirkt und damit zugleich die betrof­fe­ne Rechts­po­si­ti­on ent­wer­tet. Das ist der Fall, wenn belas­ten­de Rechts­fol­gen erst nach ihrem Inkraft­tre­ten ein­tre­ten, tat­be­stand­lich aber von einem bereits "ins Werk gesetz­ten" Sach­ver­halt aus­ge­löst wer­den ("tat­be­stand­li­che Rück­an­knüp­fung") 9.

Unech­te Rück­wir­kung ist grund­sätz­lich zuläs­sig. Der zu beach­ten­de Ver­trau­ens­schutz geht nicht so weit, den norm­un­ter­wor­fe­nen Per­so­nen­kreis vor Ent­täu­schun­gen zu bewah­ren 10. Die blo­ße all­ge­mei­ne Erwar­tung, das gel­ten­de Recht wer­de künf­tig unver­än­dert fort­be­stehen, ist nicht schutz­wür­dig. Viel­mehr müs­sen beson­de­re Momen­te der Schutz­wür­dig­keit hin­zu­tre­ten 11. Der Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes kann bei tarif­ver­trag­li­chen Been­di­gungs­nor­men nur im Aus­nah­me­fall gegen­über einer tarif­ver­trag­li­chen Neu­re­ge­lung durch­schla­gen 12.

Gemes­sen dar­an unter­liegt es kei­nen recht­li­chen Beden­ken, dass der tarif­li­che Schutz nach § 59 Abs. 5 BAT-VKA von den Tarif­ver­trags­par­tei­en zum Nach­teil des Arbeit­neh­mers für die Zukunft ein­ge­schränkt und auf­ge­ho­ben wur­de 13. Durch die Strei­chung des Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruchs wur­de Arbeit­neh­mern, die bei Über­lei­tung in den TVöD bereits unkünd­bar waren, nicht in unzu­läs­si­ger Wei­se rück­wir­kend eine Rechts­po­si­ti­on ent­zo­gen. Inso­weit kann für Arbeit­neh­mer, die – wie die Klä­ge­rin – bei der Über­lei­tung in den TVöD noch kei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch auf der Grund­la­ge des § 59 Abs. 5 BAT-VKA erwor­ben hat­ten, allen­falls eine unech­te Rück­wir­kung vor­lie­gen. Die­se Arbeit­neh­mer konn­ten jedoch nicht dar­auf ver­trau­en, dass bei der auf­lö­sen­den Bedin­gung der dau­er­haf­ten Erwerbs­min­de­rung auch in Zukunft ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch bestehen wür­de. Allein eine dahin­ge­hen­de Erwar­tung war nicht schutz­wür­dig. Auch der Min­dest­be­stands­schutz des Arbeit­neh­mers nach Art. 12 Abs. 1 GG erfor­dert einen sol­chen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch nicht. Der grund­recht­li­che Min­dest­be­stands­schutz wird dadurch gewähr­leis­tet, dass die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses nach § 33 Abs. 2 TVöD nur ein­tre­ten kann, wenn die Behe­bung der Erwerbs­min­de­rung unwahr­schein­lich ist. Nur unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen wird eine unbe­fris­te­te Erwerbs­min­de­rungs­ren­te bewil­ligt (§ 102 Abs. 2 Satz 5 SGB VI). Die Tarif­ver­trags­par­tei­en waren nicht ver­pflich­tet, für die­sen unwahr­schein­li­chen Fall den in § 59 Abs. 5 BAT-VKA gere­gel­ten Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch bei­zu­be­hal­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Juni 2018 – 7 AZR 737/​16

  1. BAG 24.09.2008 – 6 AZR 76/​07, Rn.20 mwN, BAGE 128, 73[]
  2. vgl. BAG 14.01.2015 – 7 AZR 880/​13, Rn.19; 23.07.2014 – 7 AZR 771/​12, Rn. 24 mwN, BAGE 148, 357[]
  3. BAG 14.01.2015 – 7 AZR 880/​13, Rn.20; 23.07.2014 – 7 AZR 771/​12, Rn. 25 mwN, BAGE 148, 357[]
  4. vgl. dazu BAG 24.09.2008 – 6 AZR 76/​07, Rn. 21 mwN, BAGE 128, 73[]
  5. BAG 14.01.2015 – 7 AZR 880/​13, Rn. 22; 10.12 2014 – 7 AZR 1002/​12, Rn. 22, BAGE 150, 165; 23.07.2014 – 7 AZR 771/​12, Rn. 26, BAGE 148, 357[]
  6. vgl. BAG 27.11.2008 – 2 AZR 757/​07, Rn. 21 mwN, BAGE 128, 308; 17.10.2007 – 4 AZR 812/​06, Rn. 26[]
  7. BAG 17.10.2007 – 4 AZR 812/​06, Rn. 26; 2.02.2006 – 2 AZR 58/​05, Rn.20, BAGE 117, 53; 23.11.1994 – 4 AZR 879/​93, BAGE 78, 309[]
  8. BAG 25.03.2015 – 5 AZR 458/​13, Rn. 38; 27.03.2014 – 6 AZR 204/​12, Rn. 43, BAGE 147, 373[]
  9. vgl. BVerfG 7.07.2010 – 2 BvL 14/​02 ua., Rn. 55, BVerfGE 127, 1; BAG 25.03.2015 – 5 AZR 458/​13, Rn. 38; 27.03.2014 – 6 AZR 204/​12, Rn. 46, aaO[]
  10. BAG 25.03.2015 – 5 AZR 458/​13, Rn. 40[]
  11. vgl. BVerfG 7.07.2010 – 2 BvL 14/​02 ua., Rn. 57, BVerfGE 127, 1; BAG 25.03.2015 – 5 AZR 458/​13, Rn. 40[]
  12. BAG 27.11.2008 – 2 AZR 757/​07, Rn. 21 mwN, BAGE 128, 308[]
  13. vgl. BAG 10.12 2014 – 7 AZR 1002/​12, Rn. 37, BAGE 150, 165[]