Arbeits­ver­trag­li­che Gleich­stel­lungs­ab­re­de – dyna­mi­sche oder sta­ti­sche Bezug­nah­me?

Wird eine Arbeit­neh­me­rin nach dem Wort­laut des Arbeits­ver­tra­ges als "Buch­händ­le­rin … Tarif­grup­pe II/​1" ein­ge­stellt und für die "Gehalts­zah­lung" ein "Tarif­ge­halt" vor­ge­se­hen, so hat die Arbeit­ge­be­rin damit deut­lich zum Aus­druck gebracht, sie ver­gü­te die Arbeit­neh­me­rin ent­spre­chend den ein­schlä­gi­gen tarif­li­chen Ent­gelt­be­stim­mun­gen.

Arbeits­ver­trag­li­che Gleich­stel­lungs­ab­re­de – dyna­mi­sche oder sta­ti­sche Bezug­nah­me?

Der durch­schnitt­li­che Arbeit­neh­mer darf bei einer der­ar­ti­gen Ver­knüp­fung von einem fes­ten Ent­gelt­be­trag und des­sen Bezeich­nung als Tarif­ge­halt red­li­cher­wei­se davon aus­ge­hen, der in der Klau­sel fest­ge­hal­te­ne Betrag wer­de nicht für die Dau­er des Arbeits­ver­hält­nis­ses sta­tisch sein, son­dern sol­le sich ent­spre­chend den tarif­li­chen Ent­wick­lun­gen des maß­ge­ben­den Gehalts­ta­rif­ver­trags ent­wi­ckeln.

Ein red­li­cher Arbeit­ge­ber wür­de – wenn er die von ihm gestell­te Klau­sel nicht so ver­stan­den wis­sen woll­te – die Bezeich­nung als Tarif­ge­halt unter­las­sen, um klar und deut­lich zum Aus­druck zu brin­gen (vgl. § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB), dass er nicht "nach Tarif" zah­len will, son­dern sich das ver­ein­bar­te Ent­gelt aus­schließ­lich nach den kon­kret bezif­fer­ten Par­tei­ver­ein­ba­run­gen rich­ten soll 1.

Bestä­tigt wur­de die­se Aus­le­gung im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall noch durch die arbeits­ver­trag­li­che Anrech­nungs­re­ge­lung, wonach "über­ta­rif­li­che Bezü­ge … bei Tarif­er­hö­hun­gen, bei Auf­rü­cken in ein ande­res Berufs- oder Tätig­keits­jahr oder bei Ein­stu­fung in eine höhe­re Beschäf­ti­gungs­grup­pe anre­chen­bar" sind. Eine sol­che Anrech­nungs­re­ge­lung hat nur bei einer dyna­mi­schen Inbe­zug­nah­me der tarif­li­chen Ent­gelt­be­stim­mun­gen einen Anwen­dungs­be­reich 2.

Einer dyna­mi­schen Bezug­nah­me der jewei­li­gen tarif­li­chen Ent­gelt­be­stim­mun­gen steht die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 18.07.2013 3 nicht ent­ge­gen.

Bei einer der­ar­ti­gen Rege­lung im Arbeits­ver­trag han­delt es sich auch nicht ledig­lich um eine sog. dekla­ra­to­ri­sche Ver­trags­be­stim­mung. Bei einer arbeits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung ist grund­sätz­lich von über­ein­stim­men­den Wil­lens­er­klä­run­gen aus­zu­ge­hen. Soll deren Inhalt kei­ne rechts­ge­schäft­li­che Wir­kung zukom­men, son­dern es sich nur um eine dekla­ra­to­ri­sche Anga­be in Form einer sog. Wis­sens­er­klä­rung han­deln, muss dies im Ver­trag deut­lich zum Aus­druck gebracht wor­den sein 4. Nach dem jewei­li­gen Wort­laut lie­gen den Ver­ein­ba­run­gen ohne Wei­te­res über­ein­stim­men­de Wil­lens­er­klä­run­gen zugrun­de. Anhalts­punk­te dafür, die Par­tei­en hät­ten rei­ne Wis­sens­er­klä­run­gen ohne Rechts­bin­dungs­wil­len abge­ge­ben, las­sen sich hier aber weder den Ver­trags­wort­lau­ten ent­neh­men noch sind beson­de­re Umstän­de erkenn­bar, die hier­auf schlie­ßen las­sen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 8. Juli 2015 – 4 AZR 51/​14

  1. so bereits BAG 13.02.2013 – 5 AZR 2/​12, Rn. 17; wei­ter­hin 13.05.2015 – 4 AZR 244/​14, Rn. 17 ff., für eine nahe­zu wort­glei­che Ver­trags­ge­stal­tung[]
  2. eben­so BAG 13.05.2015 – 4 AZR 244/​14, Rn. 18; 20.04.2012 – 9 AZR 504/​10, Rn. 29[]
  3. EuGH 18.07.2013 – C‑426/​11[]
  4. BAG 13.05.2015 – 4 AZR 244/​14, Rn. 29; 21.08.2013 – 4 AZR 656/​11, Rn. 12 mwN, BAGE 146, 29[]