Auf­lö­sungs­an­trag und der Streit­wert der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

Der Gegen­stands­wert erhöht sich nicht durch einen Auf­lö­sungs­an­trag, der im Zusam­men­hang mit einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge gemäß den §§ 9, 10 KSchG gestellt wird.

Auf­lö­sungs­an­trag und der Streit­wert der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg führt der Auf­lö­sungs­an­trag zu kei­ner Erhö­hung des Gegen­stands­wer­tes. Kraft aus­drück­li­cher gesetz­li­cher Rege­lung wird der Auf­lö­sungs­an­trag, der im Zusam­men­hang mit einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge nach den §§ 9, 10 KSchG gestellt wird, dem Gegen­stands­wert nicht hin­zu­ge­rech­net 1. Die­se Auf­fas­sung wird sowohl in der Lite­ra­tur 2 als auch in der Recht­spre­chung ande­rer Lan­des­ar­beits­ge­rich­te, soweit ersicht­lich 3 geteilt.

Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin, die der Beschwer­de­füh­rer her­an­zieht 4 ist ver­ein­zelt geblie­ben und hat kei­ne Recht­spre­chungs­än­de­rung im Sin­ne der Beschwer­de­füh­rer gebracht. Das LAG Ber­lin hat aus­ge­führt, der Streit­wert für den Auf­lö­sungs­an­trag des Arbeit­neh­mers sei auf den Betrag einer Brut­to­mo­nats­ver­gü­tung fest­zu­set­zen. Es hat aus­ge­führt, erst dann, wenn über die Kün­di­gungs­strei­tig­keit ent­schie­den und damit deren Streit­ge­gen­stand erle­digt wor­den sei, kön­ne über den gestell­ten Auf­lö­sungs­an­trag ent­schie­den wer­den, so dass ver­schie­de­ne Streit­ge­gen­stän­de anzu­neh­men sei­en. Auch der Zweck des § 12 Abs. 7 Satz 1 ArbGG a.F. ste­he der Hin­zu­rech­nung des Werts des Fest­stel­lungs­an­trags nicht ent­ge­gen. Die­ser sei bereits aus­rei­chend berück­sich­tigt dadurch, dass der Streit­wert über die Fest­stel­lungs­kla­ge auf drei Monats­ver­gü­tun­gen begrenzt sei. Schließ­lich erge­be sich die Not­wen­dig­keit, den Auf­lö­sungs­an­trag selb­stän­dig zu bewer­ten auch dann, wenn in ers­ter Instanz die Auf­lö­sung des Arbeits­ver­hält­nis­ses gegen Zah­lung einer Abfin­dung ver­langt wor­den sei und eine Par­tei nur des­we­gen Beru­fung ein­le­ge, weil sie ihren eige­nen, in ers­ter Instanz erfolg­los geblie­be­nen Auf­lö­sungs­an­trag zum Erfolg ver­hel­fen wol­le oder weil sie den in ers­ter Instanz erfolg­rei­chen geg­ne­ri­schen Auf­lö­sungs­an­trag wei­ter bekämp­fen wol­le.

Dem ist nach Mei­nung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg nicht zu fol­gen: Die Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung einer Abfin­dung setzt einen Auf­lö­sungs­an­trag vor­aus, weil die Auf­lö­sung nicht von Amts wegen erfol­gen kann. Wenn die gesetz­li­che Rege­lung bestimmt, dass die aus­ge­ur­teil­te Abfin­dung nicht hin­zu­zu­rech­nen ist, dann macht es kei­nen Sinn, den zwangs­läu­fig erfor­der­li­chen Auf­lö­sungs­an­trag streit­wert­er­hö­hend zu berück­sich­ti­gen, zumal der Wert sich dann nach der Höhe der aus­ge­ur­teil­ten Abfin­dung zu rich­ten hät­te. Die Hin­zu­rech­nung des Abfin­dungs­be­tra­ges ist jedoch kraft aus­drück­lich gesetz­li­cher Vor­schrift nach § 42 Abs. 4 Satz 1 Halb­satz 2 GKG aus­ge­schlos­sen.

Nach all­ge­mei­ner und lang­jäh­ri­ger Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur wur­de der Aus­lö­sungs­an­trag nach § 9 Abs. 1 Satz 1 KSchG nicht wert­er­hö­hend berück­sich­tigt. In Kennt­nis die­ser all­ge­mei­nen Auf­fas­sung in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung zu § 12 Abs. 7 Satz 1 2. Halb­satz ArbGG hat der Gesetz­ge­ber die dort gere­gel­te Nicht­be­rück­sich­ti­gung der Abfin­dung in die Vor­schrift des § 42 Abs. 4 Satz 1 Halb­satz 2 GKG über­nom­men. Wenn der Gesetz­ge­ber ange­ord­net hat, dass eine Abfin­dung nicht hin­zu­ge­rech­net wird, dann zählt nicht nur der Abfin­dungs­be­trag, son­dern auch der zwangs­läu­fig erfor­der­li­che vor­aus­ge­hen­de Auf­lö­sungs­an­trag zum Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren und stellt wert­mä­ßig eine Ein­heit dar. Schon die Rege­lung des § 12 Abs. 7 Satz 1 Halb­satz 2 ArbGG stell­te eine Fest­schrei­bung der lang­jäh­ri­gen Recht­spre­chung dar 5.

Dass bei einem Beru­fungs­ver­fah­ren, das nur um die Auf­lö­sung oder die Höhe des Abfin­dungs­be­tra­ges geführt wird, ein Wert fest­zu­set­zen ist, stellt kei­ne Beson­der­heit dar, es ist dann ledig­lich ein Teil des erst­in­stanz­li­chen Gesamt­streit­ge­gen­stan­des in die Beru­fung gelangt. Eine eige­ne Wert­fest­set­zung erfolgt in die­sem Fall unab­hän­gig vom Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren 6.

Der mit § 42 Abs. 4 Satz 1 GKG ver­bun­de­ne sozia­le Schutz­zweck, die Kos­ten für Bestand­strei­tig­kei­ten zu begren­zen, wür­de bei Ände­rung die­ser fest­ste­hen­den Recht­spre­chung ver­fehlt. Eine im Markt­in­ter­es­se der Anwalt­schaft (so der Hin­weis der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers) geän­der­te Rege­lung bleibt dem Gesetz­ge­ber über­las­sen.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 1. April 2011 – 5 Ta 8/​11

  1. LAG Ham­burg, 26.06.2001 – 2 Ta 12/​01; LAG Ham­burg, 03.09.2003 – 4 Ta 11/​03[]
  2. Schwab, ArbGG, 3. Aufl. 2011, Nr 214 zu § 12 mwN.[]
  3. LAG Köln, 17.08.2010 – 11 Ta 194/​10; LAG Nürn­berg, 29.08.2005 – 2 Ta 109/​05; Säch­si­sches LAG, 09.06.2005 – 4 Ta 390/​04; LAG Baden-Würt­tem­berg, 22.09.2004 – 3 Ta 136/​04; LAG Bran­den­burg, 17.04.2003 – 6 Ta 62/​03; LAG Mün­chen, 14.09.2001 – 4 Ta 200/​01[]
  4. LAG Ber­lin, 30.12.1999 – 7 Ta 6121/​99 (Kost) []
  5. LAG Nürn­berg, 29.08.2005 aaO.[]
  6. BAG, Urteil vom 06.03.1979 – 6 AZR 397/​77; Schwab aaO.[]