Aus­le­gung einer arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me­klau­sel

Ver­weist eine arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel auf den jewei­li­gen Bun­des-Ange­stell­ten­ta­rif­ver­trag und die ihn ergän­zen­den Tarif­ver­trä­ge, wer­den infol­ge der Tarif­suk­zes­si­on im öffent­li­chen Dienst im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung regel­mä­ßig die an des­sen Stel­le tre­ten­den Nach­fol­ge­ta­rif­ver­trä­ge erfasst.

Aus­le­gung einer arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me­klau­sel

Bei der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung des Arbeits­ver­tra­ges eines Arz­tes kann, wenn die Tarif­re­ge­lun­gen im Bereich der Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bän­de ver­ein­bart wor­den sind, der TVöD/​VKA dann Ver­trags­in­halt sein, wenn ein tari­fun­ge­bun­de­ner Arbeit­ge­ber die Tarif­ver­trä­ge des öffent­li­chen Diens­tes des­halb in Bezug genom­men hat, um eine ein­heit­li­che, an einem Tarif­werk ori­en­tier­te Rege­lung der Arbeits­be­din­gun­gen her­bei­zu­füh­ren.

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall gel­ten nach § 2 des Arbeits­ver­tra­ges – abge­se­hen von den unter § 5 auf­ge­führ­ten Aus­nah­men und Ergän­zun­gen – für das Arbeits­ver­hält­nis der „Bun­des­An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag vom 01.04.61 in der jeweils für den Bereich der kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bän­de gel­ten­den Fas­sung (BAT/​VKA)“ sowie die ergän­zen­den Tarif­ver­trä­ge. Die­se Abre­de 1 ent­hält jeden­falls hin­sicht­lich der streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen eine zeit­dy­na­mi­sche Bezug­nah­me, die den jewei­li­gen BAT/​VKA und nach Absatz 2 der Ver­trags­be­stim­mung auch ihn ergän­zen­de Tarif­ver­trä­ge erfasst. Dem ent­spricht die nach­ste­hen­de Rege­lung in § 3 des Arbeits­ver­tra­ges. Sie benennt die sich aus der vor­ste­hen­den Bezug­nah­me erge­ben­de Ver­gü­tungs­grup­pe, die für die Tätig­keit des Klä­gers maß­ge­bend ist. Von die­sem dyna­mi­schen Ver­ständ­nis der Bezug­nah­me­klau­sel gehen auch die Par­tei­en im Grund­satz über­ein­stim­mend aus.

Die Bezug­nah­me erfasst nach ihrem Wort­laut aller­dings weder den den BAT/​VKA erset­zen­den TVöD/​VKA noch den TVÄrz­te/​VKA. Bei­de Tarif­ver­trä­ge sind weder eine jewei­li­ge Fas­sung des BAT/​VKA noch ihn ergän­zen­de Tarif­ver­trä­ge im Sin­ne des § 2 des Arbeits­ver­tra­ges 2. Die Ver­trags­re­ge­lung ist zeit­dy­na­misch aus­ge­stal­tet, jedoch nicht inhalts­dy­na­misch. Ein Zusatz, dass auch die „erset­zen­den“ Tarif­ver­trä­ge Anwen­dung fin­den sol­len 3, wur­de nicht in den Arbeits­ver­trag auf­ge­nom­men. Davon ist auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend aus­ge­gan­gen.

Die unbe­ding­te dyna­mi­sche Bezug­nah­me bewirkt spä­tes­tens ab dem 1.08.2006 und damit für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raum eine nach­träg­li­che Lücke der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung, die im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung 4 zu schlie­ßen ist.

Die dyna­mi­sche Bezug­nah­me­re­ge­lung in § 2 des Arbeits­ver­tra­ges ist lücken­haft. Aus der dyna­mi­schen Aus­ge­stal­tung der Bezug­nah­me auf das jeweils gel­ten­de tarif­li­che Rege­lungs­werk ergibt sich der Wil­le der Par­tei­en, jeden­falls die Ein­grup­pie­rungs- und Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen für das Arbeits­ver­hält­nis, nicht in einer bestimm­ten Wei­se fest­zu­schrei­ben, son­dern sie dyna­misch an der Tarif­ent­wick­lung im öffent­li­chen Dienst im Bereich der Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bän­de (VKA) aus­zu­rich­ten. Durch die wei­test­ge­hen­de Erset­zung des BAT/​VKA für den Bereich der Kom­mu­nen zum 1.10.2005 durch den Tarif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) vom 13.09.2005 (§ 2 Tarif­ver­trag zur Über­lei­tung der Beschäf­tig­ten der kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber in den TVöD und zur Rege­lung des Über­gangs­rechts [TVÜ-VKA] vom 13.09.2005) sowie den TVÄrzte/​VKA zum 1.08.2006 (§ 2 Abs. 1 TVÜÄrzte/​VKA) hat die dyna­mi­sche Ent­wick­lung des BAT/​VKA und die zu sei­ner Ergän­zung geschlos­se­nen Tarif­ver­trä­ge ihr Ende gefun­den. Da die arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf die­ser Dyna­mik auf­baut, ist der Ver­trag durch die Tarif­suk­zes­si­on im öffent­li­chen Dienst spä­tes­tens seit dem 1.08.2006 lücken­haft gewor­den 5.

Eine nach­träg­li­che Rege­lungs­lü­cke kann, wie es auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend gewür­digt hat, nicht des­halb ver­neint wer­den, weil der BAT/​VKA noch mit sei­nem – sta­ti­schen – Inhalt das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en regeln könn­te, wie es die Beklag­te erst­in­stanz­lich vor­ge­tra­gen hat. Ein sol­ches Ver­ständ­nis ist weder mit dem Wort­laut der Klau­sel noch mit dem Zweck einer zeit­dy­na­mi­schen Bezug­nah­me ver­ein­bar 6.

Die mit der Erset­zung des BAT/​VKA ent­stan­de­ne nach­träg­li­che Rege­lungs­lü­cke ist im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung zu schlie­ßen.

Im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung tritt an die Stel­le der lücken­haf­ten Klau­sel die­je­ni­ge Gestal­tung, die die Par­tei­en bei einer ange­mes­se­nen Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen nach Treu und Glau­ben als red­li­che Ver­trags­par­tei­en ver­ein­bart hät­ten, wenn ihnen die Unwirk­sam­keit der Geschäfts­be­din­gung bekannt gewe­sen wäre. Die Ver­trags­er­gän­zung muss des­halb für den betrof­fe­nen Ver­trags­typ als all­ge­mei­ne Lösung eines stets wie­der­keh­ren­den Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes ange­mes­sen sein. Maß­ge­ben­der Zeit­punkt für die Fest­stel­lung und Bewer­tung des mut­maß­li­chen typi­sier­ten Par­tei­wil­lens und der Inter­es­sen­la­ge ist der Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses, da die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung eine anfäng­li­che Rege­lungs­lü­cke rück­wir­kend schließt. Das gilt auch, wenn eine Lücke sich erst nach­träg­lich als Fol­ge des wei­te­ren Ver­laufs der Din­ge erge­ben hat 7.

Die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung bedeu­tet vor­lie­gend in einem ers­ten Schritt, dass die Par­tei­en red­li­cher­wei­se für den Fall der hier vor­lie­gen­den Tarif­suk­zes­si­on des im Arbeits­ver­trag benann­ten tarif­li­chen Rege­lungs­werks das nach­fol­gen­de Rege­lungs­werk des öffent­li­chen Diens­tes ver­ein­bart hät­ten, weil eine sta­ti­sche Rege­lung der Arbeits­be­din­gun­gen auf den Zeit­punkt der bestehen­den Tarif­suk­zes­si­on nicht ihren Inter­es­sen ent­sprach. Die Par­tei­en haben mit der dyna­mi­schen Aus­ge­stal­tung der Bezug­nah­me auf das Tarif­werk des BAT/​VKA in § 2 des Arbeits­ver­tra­ges – mit Aus­nah­me der in § 5 auf­ge­führ­ten Aus­nah­men und Ergän­zun­gen – die Rege­lun­gen der Arbeits­be­din­gun­gen für die Zukunft der Rege­lungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes im Bereich der VKA anver­traut.

Der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung steht nicht ent­ge­gen, dass von der arbeits­ver­trag­li­chen Ver­wei­sung ein­zel­ne Bestim­mun­gen des BAT auf­grund der Rege­lun­gen des § 5 des Arbeits­ver­tra­ges aus­ge­nom­men sind. Die Par­tei­en haben – anders als in der grund­le­gend anders gela­ger­ten Fall­ge­stal­tung, die der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 10.06.2009 8 zugrun­de lag – nicht etwa meh­re­re Ele­men­te aus ver­schie­de­nen Nor­men­wer­ken in einer eigen­stän­di­gen Ver­trags­re­ge­lung mit­ein­an­der ver­bun­den, die einer Grund­vor­stel­lung des Arbeits­ver­tra­ges ent­ge­gen­steht, mit der dyna­mi­schen Aus­ge­stal­tung der Bezug­nah­me auf das tarif­li­che Rege­lungs­werk des BAT soll­ten für die Zukunft die arbeits­ver­trag­li­chen Bedin­gun­gen im Grund­satz der Rege­lungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes anver­traut wer­den 9.

Aus den in § 5 des Arbeits­ver­tra­ges im Ein­zel­nen auf­ge­führ­ten unan­wend­ba­ren oder geän­der­ten Bestim­mun­gen des BAT/​VKA und der die­sen ergän­zen­den Tarif­ver­trä­ge erge­ben sich kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die Par­tei­en die grund­sätz­li­che Anbin­dung ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses an die tarif­li­chen Bedin­gun­gen des öffent­li­chen Diens­tes im Bereich der VKA hin­sicht­lich der strei­ti­gen Ver­gü­tungs- und Ein­grup­pie­rungs­be­stim­mun­gen aus­schlie­ßen woll­ten. Die Her­aus­nah­me der § 6 (Gelöb­nis) und § 69 BAT (Anwend­bar­keit beam­ten­recht­li­cher Vor­schrif­ten) von der Ver­wei­sung ist nahe­lie­gend, da die Beklag­te nicht dem öffent­li­chen Dienst ange­hört. Das gilt im Wesent­li­chen auch für § 20 BAT (Dienst­zeit). § 32 BAT (Ört­li­cher Son­der­zu­schlag) war bereits zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses durch den 55. Ände­rungs­ta­rif­ver­trag zum BAT vom 09.01.1987 gestri­chen. § 33 BAT regelt Zula­gen für Berei­che, die für das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en nicht ein­schlä­gig sind, die §§ 62 bis 64 BAT das Über­gangs­geld nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses. Bei den Ände­run­gen und Ergän­zun­gen im Übri­gen han­delt es sich im Wesent­li­chen um Son­der­re­ge­lun­gen für die spe­zi­el­le Berufs­grup­pe des Klä­gers (zB §§ 42 und 50 BAT) und die Anpas­sung an den kirchlichen/​diakonischen Dienst (zB §§ 8, 29 Abs. 5 bis Abs. 7 BAT, Rege­lun­gen im Bereich des Zuwen­dungs-Tarif­ver­tra­ges für Ange­stell­te).

Auf­grund der Auf­spal­tung der Rege­lun­gen des BAT/​VKA in die tarif­li­chen Rege­lun­gen des TVöD/​VKA und den TVÄrzte/​VKA ist im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung zu bestim­men, wel­che Nach­fol­ge­re­ge­lung nach § 2 des Arbeits­ver­tra­ges maß­ge­bend sein soll, also wel­ches Tarif­werk die Par­tei­en in Bezug genom­men hät­ten, wenn sie die ein­ge­tre­te­ne auf­ge­spal­te­ne Tarif­suk­zes­si­on bedacht hät­ten.

Bereits die grund­le­gen­de Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, auf­grund der zeit­li­chen Abfol­ge sei die ver­trag­li­che Rege­lung schon zum 1.10.2005 lücken­haft gewor­den und infol­ge­des­sen sei der TVöD/​VKA anzu­wen­den, der als ein­zi­ger Tarif­ver­trag bereits zu die­sem Zeit­punkt zur Lücken­fül­lung die­nen konn­te, ist nicht zwin­gend. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt über­sieht, dass der BAT/​VKA, soweit er vom Mar­bur­ger Bund mit abge­schlos­sen wur­de, von die­sem erst zum 31.12.2005 gekün­digt wur­de und bis zum Inkraft­tre­ten des TVÄrzte/​VKA zwi­schen dem Mar­bur­ger Bund und der VKA gemäß § 4 Abs. 5 TVG nach­wirk­te 10. Eine ver­trag­lich lücken­haf­te Rege­lung bereits ab dem 1.10.2005 könn­te nur dann ange­nom­men wer­den, wenn es dem Wil­len der Par­tei­en ent­spro­chen hät­te, gera­de das zwi­schen der VKA und der Gewerk­schaft ver.di ver­ein­bar­te Tarif­werk und damit auch des­sen Nach­fol­ge­re­ge­lung, nicht dage­gen das­je­ni­ge des Mar­bur­ger Bun­des in Bezug zu neh­men 11.

Die Gegen­an­sicht beruft sich hier­bei auch zu Unrecht auf § 2 Abs. 1 Satz 1 TVÜÄrzte/​VKA. Soweit dort die Par­tei­en die­ses Tarif­ver­tra­ges eine Erset­zung des TVöD und des BTK ver­ein­bart haben, ist dies ohne Bedeu­tung. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en des TVÜÄrzte/​VKA kön­nen in ihrem Tarif­werk nicht die Erset­zung von Tarif­ver­trä­gen fest­le­gen, die von ande­ren Tarif­ver­trags­par­tei­en geschlos­sen wur­den. Des­halb konn­ten sie damit auch nicht zum Aus­druck brin­gen, sie hät­ten einer Über­lei­tung „aus dem BAT in den TVöD ab 01.10.2005“ zuge­stimmt, wie es das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men hat. Für die tarif­ge­bun­de­nen Mit­glie­der ist allein die tarif­li­che Rechts­la­ge maß­ge­bend. Für die Aus­le­gung einer ein­zel­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me­klau­sel ist eine sol­che von nicht am Arbeits­ver­trag Betei­lig­ten ver­ein­bar­te „Tarif­re­ge­lung“ und ein sich etwai­ger dar­aus ableit­ba­rer Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en grund­sätz­lich ohne Bedeu­tung 12.

Schließ­lich folgt die Anwen­dung des TVöD/​VKA im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung nicht aus der Durch­füh­rung des Arbeits­ver­hält­nis­ses für den Zeit­raum vom 01.10.2005 bis 31.07.2006 auf der Grund­la­ge die­ses Tarif­ver­tra­ges.

Zwar darf sich das Ergeb­nis einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung nicht in Wider­spruch zum Par­tei­wil­len set­zen. Die­ser Grund­satz ist aber dahin­ge­hend zu prä­zi­sie­ren, dass eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung nicht im Wider­spruch zu dem im Ver­trag zum Aus­druck gebrach­ten Par­tei­wil­len ste­hen und nicht zu einer unzu­läs­si­gen Erwei­te­rung des Ver­trags­ge­gen­stan­des füh­ren darf 13. Ohne Bedeu­tung sind hin­ge­gen unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen der Par­tei­en, wie eine Rege­lungs­lü­cke zu schlie­ßen ist. Bei den Begleit­um­stän­den, die Rück­schlüs­se auf den erklär­ten Geschäfts­wil­len haben kön­nen, sind bei der Aus­le­gung grund­sätz­lich nur die­je­ni­gen zu berück­sich­ti­gen, die bei Abschluss des Rechts­ge­schäfts erkenn­bar waren. Dies gilt auch im Rah­men der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung. Soweit gleich­wohl ein nach­träg­li­ches Ver­hal­ten der Par­tei­en bei der Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen berück­sich­tigt wird 14, muss es „Rück­schlüs­se auf den tat­säch­li­chen Wil­len und das tat­säch­li­che Ver­ständ­nis der an dem Rechts­ge­schäft Betei­lig­ten zulas­sen“. Hier­zu bedarf es in der Regel aber einer über län­ge­re Zeit geüb­ten ein­ver­ständ­li­chen Ver­trags- und Zah­lungs­pra­xis.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier nicht vor. Dabei kann es dahin­ste­hen, ob aus der Tat­sa­che, dass das Arbeits­ver­hält­nis für den genann­ten Zeit­raum auf Grund­la­ge des TVöD/​VKA durch­ge­führt wur­de, nach den genann­ten Kri­te­ri­en über­haupt auf einen Wil­len der Par­tei­en bei Ver­trags­schluss geschlos­sen wer­den kann, es sol­le der TVöD/​VKA maß­ge­bend sein. Selbst wenn man davon aus­ge­hen wür­de, fehlt es an einer über län­ge­re Zeit ein­ver­ständ­lich aus­ge­üb­ten Ver­trags- oder Zah­lungs­pra­xis. Wei­ter­hin hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht berück­sich­tigt, dass aus­weis­lich des Schrei­bens des Klä­gers vom 30.06.2007 die Beklag­te die „Tari­f­um­stel­lung“ mit ihrem Schrei­ben vom 27.03.2007 mit­ge­teilt hat, wes­halb schon nicht fest­steht, ob tat­säch­lich ab dem 1.10.2005 bereits eine „voll­stän­di­ge“ Über­lei­tung in den TVöD/​VKA vor­ge­nom­men wor­den ist.

Ent­ge­gen der hilfs­wei­se her­an­ge­zo­ge­nen Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts kann eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung für die Zeit ab dem 1.08.2006 auch nicht mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, es hät­te eine Viel­zahl von mög­li­chen Rege­lungs­mög­lich­kei­ten bestan­den, wes­halb es an aus­rei­chen­den Anhalts­punk­ten für die Durch­füh­rung einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung feh­le. Für eine „Abkop­pe­lung“ von den Tarif­wer­ken des öffent­li­chen Diens­tes als mut­maß­li­chen Par­tei­wil­len gibt es kei­ner­lei Hin­wei­se. Dem steht zudem ent­ge­gen, dass die Par­tei­en mit der dyna­mi­schen Inbe­zug­nah­me des BAT/​VKA sich gera­de der Rege­lungs­be­fug­nis die­ser Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes anver­traut haben. Des­halb kann des Wei­te­ren auch nicht ange­nom­men wer­den, die Ver­trags­par­tei­en hät­ten im Wege der Lücken­fül­lung die ein­schlä­gi­gen kirch­li­chen Arbeits­ver­trags­Richt­li­ni­en in Bezug genom­men. Hier han­delt es sich nicht um Rege­lun­gen, deren Urhe­ber die Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes sind.

Über die Kla­ge kann nicht aus ande­ren Grün­den abschlie­ßend ent­schie­den wer­den. Die bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts las­sen kei­nen Schluss dar­auf zu, wel­chen der bei­den hier in Fra­ge ste­hen­den Tarif­ver­trä­ge die Par­tei­en in Bezug genom­men hät­ten, wenn sie im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses von der Erset­zung des BAT/​VKA durch meh­re­re Tarif­ver­trä­ge Kennt­nis gehabt hät­ten.

Zutref­fend geht das Lan­des­ar­beits­ge­richt davon aus, dass ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers der TVÄrzte/​VKA gegen­über dem TVöD/​VKA nicht der sach­nä­he­re Tarif­ver­trag ist. Der TVöDBTK idF vom 01.08.2006 stellt für das ärzt­li­che Per­so­nal in Kran­ken­häu­sern ein voll­stän­di­ges Tarif­werk mit spe­zi­el­len Ent­gelt­grup­pen und rege­lun­gen dar. Die ein­zel­nen Bestim­mun­gen bei­der Tarif­wer­ke stim­men mit Aus­nah­me der Ver­gü­tungs­hö­he im Wesent­li­chen über­ein. Unter­schie­de, die vor­ran­gig den Ent­gelt­be­reich betref­fen, füh­ren für sich genom­men nicht zu grö­ße­rer Sach­nä­he 15.

Zudem han­delt es sich bei dem Prin­zip der Sach­nä­he oder Spe­zia­li­tät um eine tarif­recht­li­che Kol­li­si­ons­re­gel, die dazu dient, eine Tarif­kon­kur­renz auf­zu­lö­sen 16. Eine Tarif­kon­kur­renz kann aber bei der arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me auf einen Tarif­ver­trag nicht ent­ste­hen 17. Für die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung ist des­halb das tarif­recht­li­che Prin­zip der Spe­zia­li­tät ohne Belang, sofern sich nicht aus dem Rege­lungs­plan des Ver­tra­ges Gegen­tei­li­ges ergibt 18. Sol­che Anhalts­punk­te sind vor­lie­gend nicht ersicht­lich.

Eine Mit­glied­schaft des Klä­gers im Mar­bur­ger Bund allein kann für die Inter­es­sen­la­ge der Par­tei­en bei Ver­trags­schluss kei­ne Hin­wei­se geben. Selbst wenn die Beklag­te zum dama­li­gen Zeit­punkt davon Kennt­nis gehabt hät­te, fehlt es nach dem bis­he­ri­gen Vor­brin­gen der Par­tei­en an Anhalts­punk­ten dafür, die­ser Umstand sei von Bedeu­tung für den Inhalt der Bezug­nah­me­klau­sel gewe­sen.

Für eine Anwen­dung des TVöD/​VKA im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung könn­te aller­dings spre­chen, dass die Beklag­te nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts über Jahr­zehn­te mit dem gesam­ten, also auch dem nicht­ärzt­li­chen Per­so­nal den BAT/​VKA ver­ein­bart hat­te. Für die unmit­tel­bar im Anschluss getrof­fe­ne Schluss­fol­ge­rung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dies sei „mit­hin“ zur Ver­ein­heit­li­chung der Arbeits­be­din­gun­gen und aus Grün­den der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung erfolgt, fehlt es aber an ent­spre­chen­den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen. Ins­be­son­de­re hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stellt, ob auch mit dem nicht­ärzt­li­chen Per­so­nal ent­spre­chen­de, ggf. auf den jewei­li­gen Beschäf­tig­ten­kreis bezo­ge­ne Aus­nah­men und Ergän­zun­gen getrof­fen wur­den, wie sie in § 5 des zwi­schen den Par­tei­en geschlos­se­nen Arbeits­ver­tra­ges ver­ein­bart sind. Ande­ren­falls könn­te nicht mehr ohne Wei­te­res von einer „Schaf­fung mög­lichst ein­heit­li­cher Arbeits­be­din­gun­gen“ aus­ge­gan­gen wer­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. April 2012 – 4 AZR 392/​10

  1. zu den Maß­stä­ben der Aus­le­gung einer sol­chen All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn. 15, BAGE 134, 283; 25.08.2010 – 4 AZR 14/​09, Rn. 23 ff., AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Arzt Nr. 21[]
  2. vgl. nur BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn. 18, BAGE 134, 283[]
  3. dazu BAG 22.04.2009 – 4 ABR 14/​08, Rn. 25 mwN, BAGE 130, 286; 10.06.2009 – 4 AZR 194/​08, Rn. 38, AP BGB § 157 Nr. 38[]
  4. ausf. zu den Vor­aus­set­zun­gen und Maß­stä­ben BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn. 23, 31 ff., BAGE 134, 283; 6.07.2011 – 4 AZR 706/​09, Rn. 27, 31 ff., NZA 2012, 100[]
  5. st. Rspr., BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn. 25 ff., BAGE 134, 283; 24.08.2011 – 4 AZR 683/​09, Rn. 23 mwN; 16.11.2011 – 4 AZR 246/​10, Rn. 23[]
  6. ausf. BAG 25.08.2010 – 4 AZR 14/​09, Rn. 26 mwN, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Arzt Nr. 21 sowie 16.11.2011 – 4 AZR 246/​10, Rn. 24[]
  7. st. Rspr., BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn. 31 mwN, BAGE 134, 283; 16.06.2010 – 4 AZR 924/​08, Rn. 26 mwN, AP TVG § 1 Bezug­nah­me auf Tarif­ver­trag Nr. 79; 24.08.2011 – 4 AZR 683/​09, Rn. 29 mwN[]
  8. BAG 10.06.2009 – 4 AZR 194/​08, AP BGB § 157 Nr. 38[]
  9. s. auch BAG 24.08.2011 – 4 AZR 683/​09, Rn. 32; 16.11.2011 – 4 AZR 246/​10, Rn. 37[]
  10. zur Tarif­his­to­rie s. etwa BAG 7.07.2010 – 4 AZR 549/​08, Rn. 3, BAGE 135, 80[]
  11. für die aller­dings abwei­chen­de Fall­ge­stal­tung einer Ver­gü­tungs­ab­re­de eines Chef­arz­tes „ent­spre­chend der Ver­gü­tungs­grup­pe I BAT“ anders, weil hier eine Über­lei­tungs­re­ge­lung im TVÜ-VKA besteht und der TVÄrzte/​VKA nach sei­nem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich Chef­ärz­te nicht erfasst: BAG 09.06.2010 – 5 AZR 696/​09NZA 2011, 109[]
  12. vgl. BAG 19.05.2010 – 4 AZR 796/​08, Rn.20 mwN, BAGE 134, 283[]
  13. BGH 22.04.1953 – II ZR 143/​52BGHZ 9, 273[]
  14. vgl. Staudinger/​Singer BGB Neu­be­ar­bei­tung 2012 § 133 Rn. 50 mwN[]
  15. s. nur Bay­reu­ther NZA 2009, 935[]
  16. vgl. BAG 9.12.2009 – 4 AZR 190/​08, Rn. 49, AP TVG § 3 Nr. 48 = EzA TVG § 3 Nr. 34[]
  17. s. nur BAG 29.08.2007 – 4 AZR 767/​06, Rn.20, BAGE 124, 34[]
  18. BAG 29.06.2011 – 5 AZR 186/​10, Rn. 30, KHE 2011/​126[]