Aus­le­gung eines Tarif­ver­tra­ges

Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils eines Tarif­ver­trags folgt den für die Aus­le­gung von Geset­zen gel­ten­den Regeln. Danach ist zunächst vom Tarif­wort­laut aus­zu­ge­hen, wobei der maß­geb­li­che Sinn der Erklä­rung zu erfor­schen ist, ohne am Buch­sta­ben zu haf­ten.

Aus­le­gung eines Tarif­ver­tra­ges

Bei nicht ein­deu­ti­gem Tarif­wort­laut ist der wirk­li­che Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en mit zu berück­sich­ti­gen, soweit er in den tarif­li­chen Nor­men sei­nen Nie­der­schlag gefun­den hat. Abzu­stel­len ist fer­ner auf den tarif­li­chen Gesamt­zu­sam­men­hang, weil die­ser Anhalts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en lie­fern und nur so der Sinn und Zweck der Tarif­norm zutref­fend ermit­telt wer­den kann.

Lässt dies zwei­fels­freie Aus­le­gungs­er­geb­nis­se nicht zu, kön­nen die Gerich­te für Arbeits­sa­chen ohne Bin­dung an die Rei­hen­fol­ge wei­te­re Kri­te­ri­en wie die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Tarif­ver­trags, gege­be­nen­falls auch die prak­ti­sche Tarif­übung ergän­zend her­an­zie­hen. Auch die Prak­ti­ka­bi­li­tät denk­ba­rer Aus­le­gungs­er­geb­nis­se gilt es zu berück­sich­ti­gen; im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Tarif­aus­le­gung der Vor­zug, die zu einer ver­nünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Rege­lung führt [1].

Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Tarif­ver­trags ist für sei­ne Aus­le­gung eben­so ohne Bedeu­tung wie die tat­säch­li­che Hand­ha­bung der tarif­li­chen Rege­lung in frü­he­ren Jah­ren, soweit die Aus­le­gung des Tarif­ver­trags nach Wort­laut, Sys­te­ma­tik sowie Sinn und Zweck bereits zu einem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis führt [2].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 10. Febru­ar 2015 – 3 AZR 904/​13

  1. st. Rspr., vgl. etwa BAG 18.02.2014 – 3 AZR 808/​11, Rn. 29; 26.03.2013 – 3 AZR 68/​11, Rn. 25 mwN[]
  2. vgl. BAG 24.02.2010 – 10 AZR 1035/​08, Rn. 29 mwN[]