Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen – und die Tarif­ge­schich­te

Die Berück­sich­ti­gung der Ent­ste­hungs­ge­schich­te bei der Aus­le­gung eines Tarif­ver­trags unter­liegt nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richs bereits grund­sätz­li­chen Beden­ken.

Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen – und die Tarif­ge­schich­te

Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils eines Tarif­ver­trags folgt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts den für die Aus­le­gung von Geset­zen gel­ten­den Regeln 1.

Wegen der weit­rei­chen­den Wir­kung von Tarif­nor­men auf die Rechts­ver­hält­nis­se Drit­ter, die an den Tarif­ver­trags­ver­hand­lun­gen nicht betei­ligt waren, kann der Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit nur aus­nahms­wei­se dann berück­sich­tigt wer­den, wenn er in den tarif­li­chen Nor­men unmit­tel­bar sei­nen Nie­der­schlag gefun­den hat 2.

Die an einen Tarif­ver­trag gebun­de­nen Arbeits­ver­trags­par­tei­en müs­sen aus des­sen Wort­laut ermit­teln kön­nen, wel­chen Rege­lungs­ge­halt die Tarif­nor­men haben. Sie kön­nen regel­mä­ßig nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, sich – über den Wort­laut und die Sys­te­ma­tik hin­aus – Kennt­nis­se über wei­te­re Aus­le­gungs­as­pek­te und ‑metho­den zu ver­schaf­fen, zB durch Ein­ho­lung von Aus­künf­ten ihrer Koali­ti­on über die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Tarif­ver­trags oder durch Ermitt­lung der Exis­tenz und des Inhalts von – ver­meint­li­chen – Vor­gän­ger­ta­rif­ver­trä­gen. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn der Wort­laut zu Zwei­feln kei­ner­lei Anlass gibt.

Eine sol­che Ver­pflich­tung wider­sprä­che dem Norm­cha­rak­ter eines Tarif­ver­trags. Sie näh­me der Gewiss­heit des Gel­tungs­grun­des und des Gel­tungs­in­halts der Tarif­nor­men die not­wen­di­ge Sicher­heit. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen einem vom Wort­laut der tarif­li­chen Vor­schrift abwei­chen­den Rege­lungs­wil­len viel­mehr dadurch Rech­nung tra­gen, dass sie die­sen in einer auch für Außen­ste­hen­de erkenn­ba­ren Wei­se zum Aus­druck brin­gen 3.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 10. Dezem­ber 2014 – 4 AZR 503/​12

  1. näher dazu zB BAG 7.07.2004 – 4 AZR 433/​03, zu I 1 b aa der Grün­de, BAGE 111, 204; 30.05.2001 – 4 AZR 269/​00, zu B I 1 d aa der Grün­de, BAGE 98, 35; jeweils mwN[]
  2. BAG 21.03.2012 – 4 AZR 254/​10, Rn. 40; 19.09.2007 – 4 AZR 670/​06, Rn. 32 mwN, BAGE 124, 110[]
  3. BAG 21.03.2012 – 4 AZR 254/​10 – aaO[]