Aus­schließ­lich­keits­ver­tre­ter – und die Fra­ge des Rechts­wegs

Der in einem Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag ent­hal­te­nen Bestim­mung "Frau F. ist als selb­stän­di­ger Bausparkassen/​Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter/​in nach § 92 i.V.m. §§ 84 ff. HGB im Haupt­be­ruf stän­dig damit betraut, aus­schließ­lich für die P. und ihre Pro­dukt­part­ner Bau­spar, Finan­zie­rungs- und Ver­mö­gens­auf­bau­pro­duk­te zu ver­mit­teln" ist ein ver­trag­li­ches Tätig­keits­ver­bot im Sin­ne von § 92a Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 HGB zu ent­neh­men 1.

Aus­schließ­lich­keits­ver­tre­ter – und die Fra­ge des Rechts­wegs

Nach § 13 GVG gehö­ren vor die ordent­li­chen Gerich­te alle bür­ger­li­chen Rechts­strei­tig­kei­ten, für die nicht ent­we­der die Zustän­dig­keit von Ver­wal­tungs­be­hör­den oder Ver­wal­tungs­ge­rich­ten begrün­det ist oder auf Grund von Vor­schrif­ten des Bun­des­rechts beson­de­re Gerich­te bestellt oder zuge­las­sen sind. Nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 ArbGG sind die Arbeits­ge­rich­te aus­schließ­lich zustän­dig für näher bezeich­ne­te bür­ger­li­che Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern. Als Ange­stell­ter – und damit gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 ArbGG als Arbeit­neh­mer im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 3 ArbGG – gilt gemäß § 84 Abs. 2 HGB der­je­ni­ge, der, ohne selb­stän­dig im Sin­ne des § 84 Abs. 1 HGB zu sein, stän­dig damit betraut ist, für einen Unter­neh­mer Geschäf­te zu ver­mit­teln oder in des­sen Namen abzu­schlie­ßen. Han­dels­ver­tre­ter im Sin­ne der §§ 92, 84 Abs. 1 HGB gel­ten nach § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG nur dann als Arbeit­neh­mer im Sin­ne des Arbeits­ge­richts­ge­set­zes, wenn sie zu dem Per­so­nen­kreis gehö­ren, für den nach § 92a HGB die unte­re Gren­ze der ver­trag­li­chen Leis­tun­gen des Unter­neh­mers fest­ge­setzt wer­den kann, und wenn sie wäh­rend der letz­ten sechs Mona­te des Ver­trags­ver­hält­nis­ses, bei kür­ze­rer Ver­trags­dau­er wäh­rend die­ser, im Durch­schnitt monat­lich nicht mehr als 1.000 Euro auf Grund des Ver­trags­ver­hält­nis­ses an Ver­gü­tung ein­schließ­lich Pro­vi­si­on und Ersatz für im regel­mä­ßi­gen Geschäfts­be­trieb ent­stan­de­ne Auf­wen­dun­gen bezo­gen haben. § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG ist im Ver­hält­nis zu § 5 Abs. 1 Satz 2 ArbGG die vor­greif­li­che Son­der­re­ge­lung; § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG ent­hält eine in sich geschlos­se­ne Zustän­dig­keits­re­ge­lung, die es ver­bie­tet, Han­dels­ver­tre­ter im Sin­ne der §§ 92, 84 Abs. 1 HGB unter ande­ren als den in § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen als Arbeit­neh­mer oder arbeit­neh­mer­ähn­li­che Per­so­nen im Sin­ne des § 5 Abs. 1 Satz 2 Alt. 2 ArbGG zu behan­deln 2.

Im vor­lie­gen­den Fall war die Ver­tre­te­rin nicht als Arbeit­neh­me­rin der Klä­ge­rin im Sin­ne des § 5 Abs. 1 Satz 1 ArbGG ein­zu­stu­fen, wohl aber als Ein­fir­men­ver­tre­te­rin im Sin­ne des § 92a Abs. 1 HGB ein­zu­stu­fen. Dies folgt jeden­falls aus der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Rechts­stel­lung der Ver­si­che­rungs­ver­tre­te­rin.

Wird einem Han­dels­ver­tre­ter auf­er­legt, haupt­be­ruf­lich für den Unter­neh­mer tätig zu wer­den, mit dem er den Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag geschlos­sen hat, so ist er nach Sinn und Zweck des § 92a Abs. 1 Satz 1 HGB als Ein­fir­men­ver­tre­ter kraft Ver­trags ein­zu­stu­fen. Ein sol­cher Han­dels­ver­tre­ter ist zwar nicht völ­lig von die­sem Unter­neh­mer abhän­gig, sofern ihm eine neben­be­ruf­li­che Tätig­keit gestat­tet ist. Bei der gebo­te­nen typi­sie­ren­den Betrach­tung ist ein sol­cher Han­dels­ver­tre­ter jedoch einem Ange­stell­ten ähn­lich ange­nä­hert wie ein Han­dels­ver­tre­ter, dem ver­trag­lich voll­stän­dig unter­sagt ist, für wei­te­re Unter­neh­mer tätig zu wer­den 3. Denn er ist – ähn­lich wie ein haupt­be­ruf­lich Ange­stell­ter – ver­pflich­tet, haupt­be­ruf­lich für den Unter­neh­mer tätig zu wer­den, mit dem er den Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag geschlos­sen hat. Er kann die sich aus einer ander­wei­ti­gen Tätig­keit erge­ben­den Chan­cen nicht in glei­cher Wei­se nut­zen wie ein nicht in den Anwen­dungs­be­reich des § 92a Abs. 1 Satz 1 HGB fal­len­der Mehr­fir­men­ver­tre­ter 3.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze ergibt sich aus der ein­gangs zitier­ten Ver­trags­klau­sel ein ver­trag­li­ches Ver­bot der Tätig­keit für wei­te­re Unter­neh­mer im Sin­ne des § 92a Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 HGB. Der genann­ten Ver­trags­be­stim­mung ist die Ver­pflich­tung der Ver­si­che­rungs­ver­tre­te­rin zu ent­neh­men, haupt­be­ruf­lich für die auf­trag­ge­ben­de Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft und die mit ihr ver­bun­de­nen Kon­zern­ge­sell­schaf­ten tätig zu wer­den.

Für die Fra­ge des Rechts­wegs ent­schei­dend ist daher die Höhe der von der Ver­tre­te­rin in den letz­ten sechs Mona­ten vor Ver­trags­be­en­di­gung bezo­ge­ne durch­schnitt­li­che monat­li­che Ver­gü­tung unter Berück­sich­ti­gung einer Sal­die­rung von gut­ge­schrie­be­nen und stor­nier­ten Pro­vi­sio­nen.

Für die Ermitt­lung der wäh­rend der letz­ten sechs Mona­te des Ver­trags­ver­hält­nis­ses im Durch­schnitt monat­lich bezo­ge­nen Ver­gü­tung nach § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG sind alle unbe­dingt ent­stan­de­nen Ansprü­che des Han­dels­ver­tre­ters zu berück­sich­ti­gen unab­hän­gig davon, ob und auf wel­che Wei­se sie von dem Unter­neh­mer erfüllt wor­den sind 4. Kei­ne Ver­gü­tung im Sin­ne des § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG sind als vor­läu­fi­ge Zah­lun­gen gewähr­te Vor­schüs­se, die dem Han­dels­ver­tre­ter nicht auf Dau­er ver­blei­ben; gezahl­te Pro­vi­si­ons­vor­schüs­se sind aber inso­weit als Ver­gü­tung anzu­rech­nen, als sie nach­träg­lich durch unbe­dingt ent­stan­de­ne Pro­vi­si­ons­an­sprü­che gedeckt wer­den 5.

Sso­fern die Ver­si­che­rungs­ver­tre­te­rin danach nicht als Arbeit­neh­me­rin im Sin­ne des § 5 Abs. 1 Satz 1 ArbGG ein­stuft wer­den kann, sind unter Berück­sich­ti­gung der vor­ste­hend genann­ten Grund­sät­ze Fest­stel­lun­gen zur wäh­rend der letz­ten sechs Mona­te des Ver­trags­ver­hält­nis­ses im Durch­schnitt monat­lich von der Ver­si­che­rung bezo­ge­nen Ver­gü­tung zu tref­fen. Soll­te die Sum­me der der Ver­si­che­rungs­ver­tre­te­rin in den letz­ten sechs Mona­ten des Ver­trags­ver­hält­nis­ses gezahl­ten Pro­vi­si­ons­vor­schüs­se, die nach­träg­lich durch unbe­dingt ent­stan­de­ne Pro­vi­si­ons­an­sprü­che gedeckt wer­den, den Betrag von 6.000 € über­steigt, so wird es sich gege­be­nen­falls mit den nach vor­ge­nom­me­nen Stor­nie­run­gen zu befas­sen haben. Eine Berück­sich­ti­gung von Pro­vi­si­ons­rück­for­de­rungs­an­sprü­chen des Unter­neh­mers kommt bei der Ermitt­lung der nach § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG maß­ge­ben­den durch­schnitt­li­chen monat­li­chen Ver­gü­tung des Han­dels­ver­tre­ters allein dann in Betracht, wenn sie in den letz­ten sechs Mona­ten vor Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses ent­stan­de­ne Pro­vi­si­ons­an­sprü­che oder in die­sem Zeit­raum gezahl­te Pro­vi­si­ons­vor­schüs­se, die nach­träg­lich durch unbe­dingt ent­stan­de­ne Pro­vi­si­ons­an­sprü­che gedeckt wer­den, betref­fen 6. Sind in den letz­ten sechs Mona­ten vor Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses ent­stan­de­ne Pro­vi­si­ons­an­sprü­che oder in die­sem Zeit­raum gezahl­te Pro­vi­si­ons­vor­schüs­se, die nach­träg­lich durch unbe­dingt ent­stan­de­ne Pro­vi­si­ons­an­sprü­che gedeckt wer­den, nach­träg­lich wie­der ent­fal­len, so kön­nen die dar­auf geleis­te­ten Zah­lun­gen nicht mehr als Ver­gü­tung im Sin­ne des § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG ange­se­hen wer­den 7.

Dabei ist gege­be­nen­falls zu beach­ten, dass bei der Prü­fung der Rechts­weg­zu­stän­dig­keit nach § 17a GVG die zustän­dig­keits­be­grün­den­den Tat­sa­chen dann kei­nes Bewei­ses bedür­fen, wenn sie gleich­zei­tig not­wen­di­ge Tat­be­stands­merk­ma­le des schlüs­sig dar­ge­leg­ten Anspruchs selbst sind (dop­pel­re­le­van­te Tat­sa­chen). Dann ist für die Fra­ge des Rechts­wegs die Rich­tig­keit des Kla­ge­vor­trags zu unter­stel­len 8. Han­delt es sich nicht um dop­pel­re­le­van­te Tat­sa­chen, so ist nicht allein der Sach­vor­trag der kla­gen­den Par­tei Grund­la­ge der Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit des Rechts­wegs. Viel­mehr hat der Klä­ger dann die für die Begrün­dung der Rechts­weg­zu­stän­dig­keit maß­geb­li­chen Tat­sa­chen zu bewei­sen, sofern der Beklag­te die­se bestrei­tet 9.

Fer­ner ist zu beach­ten, dass nach § 17 Abs. 1 Satz 1 GVG die Zuläs­sig­keit des beschrit­te­nen Rechts­wegs durch eine nach Rechts­hän­gig­keit ein­tre­ten­de Ver­än­de­rung der sie begrün­den­den Umstän­de nicht berührt wird; beacht­lich sind hin­ge­gen etwai­ge Ver­än­de­run­gen nach Rechts­hän­gig­keit, durch die ein zunächst unzu­stän­di­ges Gericht zustän­dig wird 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Okto­ber 2015 – VII ZB 8/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 16.10.2014 – VII ZB 16/​14, ZVer­triebsR 2015, 117[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.2013 – VII ZB 45/​12, ZVer­triebsR 2013, 318, 319 18; Beschluss vom 27.10.2009 – VIII ZB 42/​08, BGHZ 183, 49 Rn. 23; Beschluss vom 25.10.2000 – VIII ZB 30/​00, NJOZ 2001, 42, 44 13 m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 16.10.2014 – VII ZB 16/​14, ZVer­triebsR 2015, 117 Rn. 18[][]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 04.02.2015 – VII ZB 36/​14, ZVer­triebsR 2015, 116 Rn. 11; Beschluss vom 28.06.2011 – VIII ZB 91/​10, NJW-RR 2011, 1255 Rn. 17[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 28.06.2011 – VIII ZB 91/​10, NJW-RR 2011, 1255 Rn. 17; Urteil vom 09.12 1963 – VII ZR 113/​62, NJW 1964, 497, 498, zu Art. 3 des Geset­zes zur Ände­rung des Han­dels­ge­setz­buchs [Recht der Han­dels­ver­tre­ter], BGBl. I 1953 S. 771, 776, der Vor­läu­fer­vor­schrift von § 5 Abs. 3 Satz 1 ArbGG[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 04.02.2015 – VII ZB 36/​14, ZVer­triebsR 2015, 116 Rn. 12[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1963 – VII ZR 113/​62, NJW 1964, 497, 498[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 27.10.2009 – VIII ZB 42/​08, BGHZ 183, 49 Rn. 14[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 27.10.2009 – VIII ZB 42/​08, BGHZ 183, 49 Rn. 18[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 11.01.2001 – V ZB 40/​99, NJW-RR 2001, 1007, 1008, m.w.N.[]