Außer­or­dent­li­che Kün­di­gung eines Betriebs­rats­mit­glieds – und die Kündigungserklärungsfrist

Nach § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB kann die frist­lo­se Kün­di­gung nur inner­halb von zwei Wochen erfol­gen. Die Frist beginnt gem. § 626 Abs. 2 Satz 2 BGB mit dem Zeit­punkt, in dem der Kün­di­gungs­be­rech­tig­te von den für die Kün­di­gung maß­ge­ben­den Tat­sa­chen Kennt­nis erlangt.

Außer­or­dent­li­che Kün­di­gung eines Betriebs­rats­mit­glieds – und die Kündigungserklärungsfrist

Dies ist der Fall, sobald er eine zuver­läs­si­ge und hin­rei­chend voll­stän­di­ge Kennt­nis der ein­schlä­gi­gen Tat­sa­chen hat, die ihm die Ent­schei­dung dar­über ermög­licht, ob er das Arbeits­ver­hält­nis fort­set­zen soll oder nicht. Auch grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis setzt die Frist nicht in Gang [1]. Zu den maß­ge­ben­den Tat­sa­chen gehö­ren sowohl die für als auch die gegen die Kün­di­gung spre­chen­den Umstän­de [2].

Bedarf es gem. § 103 Abs. 1 BetrVG der Zustim­mung des Betriebs­rats zu einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung und hat der Arbeit­ge­ber inner­halb der Frist des § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB beim Betriebs­rat die erfor­der­li­che Zustim­mung bean­tragt sowie bei deren aus­drück­li­cher oder wegen Frist­ab­laufs zu unter­stel­len­der Ver­wei­ge­rung das Ver­fah­ren auf Erset­zung der Zustim­mung nach § 103 Abs. 2 BetrVG beim Arbeits­ge­richt ein­ge­lei­tet, ist die Kün­di­gung nicht wegen einer Über­schrei­tung der Frist unwirk­sam, wenn das Zustim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren bei ihrem Ablauf noch nicht abge­schlos­sen ist [3]. Die Kün­di­gung kann viel­mehr auch noch nach Ablauf der Frist des § 626 Abs. 2 BGB erfol­gen, wenn sie unver­züg­lich nach der rechts­kräf­ti­gen gericht­li­chen Ent­schei­dung über die Erset­zung der Zustim­mung erklärt wird [4]. Dies folgt aus einer ent­spre­chen­den Anwen­dung von § 174 Abs. 5 SGB IX. Die Inter­es­sen­la­ge ist mit dem Fall des Erfor­der­nis­ses einer Zustim­mung des Inte­gra­ti­ons­amts gem. § 174 Abs. 1 iVm. § 168 SGB IX vor einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung ver­gleich­bar, da auch die gericht­li­che Erset­zung einer vom Betriebs­rat ver­wei­ger­ten Zustim­mung zu einer beab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung inner­halb der Frist des § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB nicht zu erlan­gen ist. Man­gels einer § 174 Abs. 5 SGB IX ent­spre­chen­den Rege­lung besteht eine Rege­lungs­lü­cke, die durch die ana­lo­ge Anwen­dung von § 174 Abs. 5 SGB IX zu schlie­ßen ist [5]. Endet der Son­der­kün­di­gungs­schutz des Amts­trä­gers wäh­rend des lau­fen­den Zustim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens, muss der Arbeit­ge­ber die Kün­di­gung unver­züg­lich aus­spre­chen, nach­dem er Kennt­nis von der Been­di­gung des Son­der­kün­di­gungs­schut­zes erlangt hat [6].

An den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen ändert es nichts, wenn der Arbeit­ge­ber wäh­rend des lau­fen­den Zustim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens gem. § 103 Abs. 2 BetrVG gegen­über dem an die­sem betei­lig­ten Arbeit­neh­mer eine Kün­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ohne Zustim­mung des Betriebs­rats erklärt. Dar­in ist jeden­falls dann kei­ne Rück­nah­me des Zustim­mungs­er­su­chens gegen­über dem Betriebs­rat zu sehen, wenn die Kün­di­gung nur vor­sorg­lich für den Fall aus­ge­spro­chen wur­de, dass es einer Zustim­mung des Betriebs­rats nicht (mehr) bedarf [7]. Eine sol­che Kün­di­gung lässt das Ersu­chen um Zustim­mung gegen­über dem Betriebs­rat und den Fort­gang des gericht­li­chen Ver­fah­rens nach § 103 Abs. 2 BetrVG unbe­rührt. Dabei ist in der Regel davon aus­zu­ge­hen, dass ein Arbeit­ge­ber, der im Lauf des gericht­li­chen Ver­fah­rens eine Kün­di­gung gegen­über dem betref­fen­den Arbeit­neh­mer ohne Zustim­mung des Betriebs­rats unter Auf­recht­erhal­tung sei­nes Erset­zungs­an­trags erklärt, dies im beschrie­be­nen Sin­ne vor­sorg­lich tut [8]. Der Grund­satz, dass jeder Kün­di­gung eine geson­der­te Anhö­rung des Betriebs­rats vor­aus­zu­ge­hen hat, wird dadurch nicht ver­letzt [9]. Der wäh­rend des Laufs des Zustim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens erfolg­te (vor­sorg­li­che) Aus­spruch einer man­gels Zustim­mung des Betriebs­rats unwirk­sa­men Kün­di­gung ver­braucht weder die erfolg­te, auch im Rah­men des Ersu­chens um Zustim­mung nach § 103 Abs. 1 BetrVG erfor­der­li­che Anhö­rung nach § 102 Abs. 1 BetrVG noch das an den Betriebs­rat gerich­te­te; und vom Arbeit­ge­ber auf­recht­erhal­te­ne Ersu­chen um Zustim­mung als sol­ches. Solan­ge der Arbeit­ge­ber sein Ersu­chen um Zustim­mung gegen­über dem Betriebs­rat auf­recht­erhält und das gericht­li­che Erset­zungs­ver­fah­ren andau­ert, kommt ein „Ver­brauch“ der zu den frag­li­chen Kün­di­gungs­grün­den erfolg­ten Anhö­rung nach § 102 Abs. 1 BetrVG durch den (vor­sorg­li­chen) Aus­spruch einer auf die­se Grün­de gestütz­ten Kün­di­gung für die bean­trag­te Zustim­mungs­er­set­zung nicht in Betracht [10]. Die erfor­der­li­che Anhö­rung zu der wei­ter­hin auf den­sel­ben Lebens­sach­ver­halt gestütz­ten Kün­di­gungs­ab­sicht liegt viel­mehr im Auf­recht­erhal­ten des Zustim­mungs­er­su­chens gegen­über dem Betriebs­rat. Die­ser kann dar­aus unschwer erse­hen, dass der Arbeit­ge­ber die beab­sich­tig­te Kün­di­gung und sei­nen Antrag auf Zustim­mungs­er­set­zung wei­ter­hin auf die schon mit­ge­teil­ten Grün­de stüt­zen will. Einer förm­li­chen neu­en Anhö­rung nach § 102 Abs. 1 BetrVG bedarf es dafür nicht [8]. Die von ihm in der Ent­schei­dung vom 24.10.1996 [11] ver­tre­te­ne anders­lau­ten­de Auf­fas­sung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt der Sache nach bereits in sei­nem Urteil vom 27.01.2011 [12] aufgegeben.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 1. Okto­ber 2020 – 2 AZR 238/​20

Außerordentliche Kündigung eines Betriebsratsmitglieds - und die Kündigungserklärungsfrist
  1. BAG 27.02.2020 – 2 AZR 570/​19, Rn. 29; 25.04.2018 – 2 AZR 611/​17, Rn. 50[]
  2. BAG 27.02.2020 – 2 AZR 570/​19 – aaO; 27.06.2019 – 2 ABR 2/​19, Rn. 18; 1.06.2017 – 6 AZR 720/​15, Rn. 61, BAGE 159, 192; zu wei­te­ren Fra­gen zum Beginn der Frist vgl. BAG 27.02.2020 – 2 AZR 570/​19, Rn. 30 bis 32[]
  3. BAG 25.04.2018 – 2 AZR 401/​17, Rn. 17; vgl. auch BAG 24.10.1996 – 2 AZR 3/​96, zu II 1 der Grün­de[]
  4. BAG 25.04.2018 – 2 AZR 401/​17 – aaO; 16.11.2017 – 2 AZR 14/​17, Rn. 46, BAGE 161, 69[]
  5. zur ana­lo­gen Anwen­dung von § 91 Abs. 5 SGB IX aF: BAG 25.04.2018 – 2 AZR 401/​17 – aaO; vgl. auch BAG 26.09.2013 – 2 AZR 843/​12, Rn. 42[]
  6. BAG 16.11.2017 – 2 AZR 14/​17 – aaO; vgl. auch BAG 30.05.1978 – 2 AZR 637/​76, zu D II 2 der Grün­de, BAGE 30, 320[]
  7. BAG 27.01.2011 – 2 ABR 114/​09, Rn. 24[]
  8. BAG 27.01.2011 – 2 ABR 114/​09 – aaO[][]
  9. BAG 27.01.2011 – 2 ABR 114/​09, Rn. 25[]
  10. BAG 27.01.2011 – 2 ABR 114/​09, Rn. 27[]
  11. BAG 24.10.1996 – 2 AZR 3/​96[]
  12. BAG 27.01.2011 – 2 ABR 114/​09[]

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