Außer­or­dent­li­che Kün­di­gung eines Schwer­be­hin­der­ten – und die Zustim­mung des Inte­gra­ti­ons­am­tes

Die Zustim­mungs­fik­ti­on des § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX greift auch bei einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist ein.

Außer­or­dent­li­che Kün­di­gung eines Schwer­be­hin­der­ten – und die Zustim­mung des Inte­gra­ti­ons­am­tes

Gemäß § 91 Abs. 3 Satz 1 SGB IX trifft das Inte­gra­ti­ons­amt bei einer beab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung die Ent­schei­dung inner­halb von zwei Wochen vom Tag des Ein­gangs des Antrags an. Nach § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX gilt die Zustim­mung als erteilt, wenn inner­halb die­ser Frist eine Ent­schei­dung nicht getrof­fen wird.

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Streit­fall kann offen­blei­ben, ob die Gerich­te für Arbeits­sa­chen schon des­halb davon aus­zu­ge­hen haben, dass die Zustim­mung zu der beab­sich­tig­ten Kün­di­gung fin­giert wur­de, weil das Inte­gra­ti­ons­amt mit sei­nem Schrei­ben vom 18.03.2012 einen ent­spre­chen­den fest­stel­len­den Ver­wal­tungs­akt erlas­sen hat, den der Arbeit­neh­mer mit einem Wider­spruch hät­te angrei­fen kön­nen und müs­sen [1].

Die Fik­ti­on des § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX ist unab­hän­gig von einer sol­chen Fest­stel­lung ein­ge­tre­ten. Rich­ti­ger­wei­se greift sie auch bei Anträ­gen auf Zustim­mung zu einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist ein.

Nach einer im Schrift­tum ver­tre­te­nen Ansicht fin­det § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX bei der beab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist kei­ne Anwen­dung [2]. Es gebe bei sol­chen Kün­di­gun­gen, denen regel­mä­ßig Dau­er­tat­be­stän­de zugrun­de lägen, kei­nen Grund für eine Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung. Zudem dür­fe ein tarif­li­cher Son­der­kün­di­gungs­schutz sich nicht gegen den Arbeit­neh­mer aus­wir­ken. Ob danach § 91 SGB IX ins­ge­samt unan­ge­wen­det zu blei­ben hat oder ledig­lich sei­ne Absät­ze 3 und 4 SGB IX nicht gel­ten kön­nen, wird unter­schied­lich beur­teilt [3].

Nach ande­rer Ansicht gilt der gesam­te § 91 SGB IX auch bei einer beab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist [4]. Es ent­ste­he bei der Anwen­dung von § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX auf einen Antrag auf Zustim­mung zu einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist kein Wer­tungs­wi­der­spruch sol­chen Gewichts, dass er eine Abwei­chung von der ein­deu­ti­gen gesetz­li­chen Rege­lung zu recht­fer­ti­gen ver­mö­ge.

Die­se Auf­fas­sung trifft zu. Der erst­ge­nann­ten Ansicht könn­te ange­sichts eines kla­ren Geset­zes­wort­lauts nur durch eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on des § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX Gel­tung ver­schafft wer­den. Deren Vor­aus­set­zun­gen lie­gen nicht vor.

Die teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on ist dadurch gekenn­zeich­net, dass sie die nach ihrem Wort­laut anzu­wen­den­de Vor­schrift hin­sicht­lich eines Teils der von ihr erfass­ten Fäl­le für gleich­wohl unan­wend­bar hält, weil Sinn und Zweck, Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Gesamt­zu­sam­men­hang der ein­schlä­gi­gen Rege­lung gegen eine unein­ge­schränk­te Anwen­dung spre­chen [5]. Sie setzt vor­aus, dass der geset­zes­sprach­lich erfass­te, dh. der gesetz­lich in bestimm­ter Wei­se gere­gel­te Fall nach Maß­ga­be des Gleich­heits­sat­zes nach einer ande­ren Ent­schei­dung ver­langt als die übri­gen gere­gel­ten Fäl­le, um Wer­tungs­wi­der­sprü­che zu ver­mei­den [6]. Eine Geset­zes­an­wen­dung, die als rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung den kla­ren Wort­sinn einer Norm hint­an stellt, ohne dass die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­lä­gen, greift unzu­läs­sig in die Kom­pe­ten­zen des demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Gesetz­ge­bers ein [7].

Der Wort­sinn des § 91 SGB IX ist ein­deu­tig. Die Norm spricht ohne wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung von außer­or­dent­li­chen Kün­di­gun­gen. Das umschließt sol­che mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist. Die Geset­zes­fas­sung ist in Bezug auf der­ar­ti­ge Kün­di­gun­gen auch nicht gleich­heits­wid­rig über­schie­ßend. Der Gesetz­ge­ber, dem die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur inhalts­glei­chen Vor­gän­ger­re­ge­lung des § 21 SchwbG bekannt gewe­sen sein muss [8], hat bei der Ver­ab­schie­dung des SGB IX im Jahr 2001 [9] die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist aus guten Grün­den nicht aus dem Anwen­dungs­be­reich des § 91 SGB IX her­aus­ge­nom­men.

Aus­weis­lich sei­nes Absat­zes 4 möch­te § 91 SGB IX alle Kün­di­gun­gen erfas­sen, für die ein wich­ti­ger Grund gemäß § 626 Abs. 1 BGB erfor­der­lich ist. Nach die­ser Vor­schrift soll das Inte­gra­ti­ons­amt die Zustim­mung ertei­len, wenn die Kün­di­gung aus einem – „wich­ti­gen“ – Grund erfolgt, der mit der Behin­de­rung nicht im Zusam­men­hang steht. Auch eine außer­or­dent­li­che Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist erfor­dert einen wich­ti­gen Grund iSv. § 626 Abs. 1 BGB. Das gilt gera­de auch im Hin­blick auf einen Sach­ver­halt, der bei einem Arbeit­neh­mer ohne Son­der­kün­di­gungs­schutz nur eine ordent­li­che Kün­di­gung recht­fer­ti­gen könn­te [10].

Soweit § 91 SGB IX das Beschleu­ni­gungs­in­ter­es­se der Arbeits­ver­trags­par­tei­en schüt­zen möch­te [11] und inso­fern an § 626 Abs. 2 BGB anknüpft, könn­te allen­falls unter­schie­den wer­den zwi­schen Kün­di­gun­gen, die auf einem ein­ma­li­gen Vor­fall beru­hen, und sol­chen, denen ein Dau­er­tat­be­stand zugrun­de liegt. Es ist aber weder so, dass eine außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gung nicht auch auf einen Dau­er­tat­be­stand gestützt wer­den könn­te, noch ist es aus­ge­schlos­sen, dass ein ein­ma­li­ger Vor­fall ledig­lich zu einer außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung mit not­wen­di­ger Aus­lauf­frist berech­tigt [12]. Zudem wird dem Beschleu­ni­gungs­in­ter­es­se des Arbeit­ge­bers nicht aus­rei­chend Rech­nung getra­gen, wenn allein die Kün­di­gungs­er­klä­rungs­frist des § 626 Abs. 2 BGB in den Blick genom­men wür­de. Der Arbeit­ge­ber wird – anders als im Streit­fall – oft­mals nicht von der Pflicht zur Zah­lung des Ent­gelts befreit sein, obgleich ihm ein wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses zur Sei­te steht. Sein berech­tig­tes Anlie­gen, die Kün­di­gung zeit­nah erklä­ren zu kön­nen, wür­de erheb­lich geschwächt, woll­te man § 88 Abs. 1 SGB IX anstel­le von § 91 Abs. 3 SGB IX für ein­schlä­gig erach­ten. Nach § 88 Abs. 1 SGB IX soll das Inte­gra­ti­ons­amt die Ent­schei­dung inner­halb eines Monats tref­fen. Eine Fris­t­über­schrei­tung hat kei­ne gesetz­li­chen Kon­se­quen­zen. Gemäß § 91 Abs. 3 SGB IX muss das Inte­gra­ti­ons­amt den Antrag inner­halb von zwei Wochen beschei­den, andern­falls wird sei­ne Zustim­mung fin­giert. Die ver­gleich­ba­re, aller­dings eine „Bear­bei­tungs­frist“ von einem Monat vor­se­hen­de Rege­lung in § 88 Abs. 5 SGB IX betrifft ledig­lich die Son­der­fäl­le einer ordent­li­chen Kün­di­gung gemäß § 89 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 SGB IX (Betriebs­ein­stel­lun­g/-auf­lö­sung und „Insol­venz­kün­di­gun­gen“ unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen).

Mit der gesetz­li­chen Fik­ti­on wird auch dem Recht­schutz­be­dürf­nis des Arbeit­neh­mers genügt. Der gemäß § 91 Abs. 3 Satz 2 SGB IX fin­gier­te Ver­wal­tungs­akt ent­fal­tet alle Wir­kun­gen einer erteil­ten Zustim­mung. Die Fik­ti­on hat Sur­ro­gats­cha­rak­ter [13]. Der Arbeit­neh­mer kann des­halb eine vol­le, zeit­lich nicht limi­tier­te mate­ri­ell-recht­li­che Über­prü­fung errei­chen, indem er Wider­spruch gegen den fin­gier­ten Ver­wal­tungs­akt ein­legt [14]. Im Wider­spruchs­ver­fah­ren geht es nicht mehr dar­um, ob die Zustim­mung als erteilt gilt, son­dern allein dar­um, ob sie hät­te erteilt wer­den dür­fen. Dabei besteht wie stets die Mög­lich­keit, dass der fin­gier­te Ver­wal­tungs­akt auf­ge­ho­ben wird.

Es kann dahin­ste­hen, ob der Arbeit­ge­ber die Kün­di­gung unver­züg­lich nach „Ertei­lung“ der Zustim­mung iSv. § 91 Abs. 5 SGB IX erklärt hat. Die Vor­schrift greift erst dann ein, wenn die Frist des § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB abge­lau­fen ist [15]. Dem war hier nicht so. Kün­di­gungs­grund ist ein unver­än­der­ter Dau­er­tat­be­stand.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Okto­ber 2015 – 2 AZR 381/​14

  1. zum Erfor­der­nis einer schrift­li­chen, mit einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung ver­se­he­nen „Bestä­ti­gung“ des Fik­ti­ons­ein­tritts vgl. BVerwG 10.09.1992 – 5 C 39.88BVerw­GE 91, 7[]
  2. Bey­er juris­PR-ArbR 28/​2013 Anm. 4; Düwell in LPK-SGB IX 4. Aufl. § 91 Rn. 11; FBAG-SGB IX/​Schmitz 3. Aufl. § 91 Rn. 4 ff.; Grie­be­ling NZA 2005, 494, 500; Grie­be­ling in Hauck/​Noftz SGB IX § 91 Rn. 4; Trenk-Hin­ter­ber­ger in HK-SGB IX 3. Aufl. § 91 Rn. 12; Lam­pe Der Kün­di­gungs­schutz behin­der­ter Arbeit­neh­mer Rn. 519; Schmidt Schwer­be­hin­der­ten­ar­beits­recht 2. Aufl. Rn. 765[]
  3. für eine „gesplit­te­te“ Lösung: Bey­er aaO; Grie­be­ling in Hauck/​Noftz aaO; Trenk-Hin­ter­ber­ger in HK-SGB IX aaO; Lam­pe aaO; für eine Gel­tung von § 88 SGB IX: KDZ/​Söhngen BAG­chR 9. Aufl. § 91 SGB IX Rn. 2; unent­schie­den: Düwell in LPK-SGB IX aaO; unklar: FBAG-SGB IX/​Schmitz aaO[]
  4. BAG 12.05.2005 – 2 AZR 159/​04, zu B I 1 der Grün­de; VG Düs­sel­dorf 10.06.2013 – 13 K 6670/​12, Rn. 66; VG Stutt­gart 7.02.2011 – 11 K 2352/​10; ErfK/​Rolfs 15. Aufl. § 91 SGB IX Rn. 2; Knit­tel SGB IX 8. Aufl. § 91 Rn. 31 ff.; Kos­sens in Kossens/​von der Heide/​Maaß SGB IX 4. Aufl. § 91 Rn. 4; KR/​Etzel/​Gallner 10. Aufl. § 91 SGB IX Rn. 2; wohl auch Neu­mann in Neu­man­n/­Pah­len/­Ma­jer­ski-Pah­len SGB IX 12. Aufl. § 91 Rn. 2, 4; sie­he zudem BAG 12.08.1999 – 2 AZR 748/​98, zu B V 3 der Grün­de; VGH Baden-Würt­tem­berg 5.08.1996 – 7 S 483/​95 – jeweils zu § 21 SchwbG[]
  5. vgl. BSG 4.12 2014 – B 2 U 18/​13 R, Rn. 27 mwN[]
  6. vgl. BAG 21.02.2013 – 2 AZR 433/​12, Rn.20 mwN[]
  7. vgl. BVerfG 19.05.2015 – 2 BvR 1170/​14, Rn. 51[]
  8. so der zutref­fen­de Hin­weis von VG Düs­sel­dorf 10.06.2013 – 13 K 6670/​12[]
  9. BGBl. I S. 1046[]
  10. vgl. BAG 23.01.2014 – 2 AZR 582/​13, Rn. 28, BAGE 147, 162[]
  11. vgl. BAG 12.05.2005 – 2 AZR 159/​04, zu B I 3 b bb der Grün­de[]
  12. vgl. BAG 13.05.2015 – 2 AZR 531/​14, Rn. 45[]
  13. vgl. BVerwG 12.07.2012 – 5 C 16.11, Rn. 12, BVerw­GE 143, 325; 10.09.1992 – 5 C 39.88BVerw­GE 91, 7[]
  14. in die­sem Sin­ne VG Stutt­gart 7.02.2011 – 11 K 2353/​10; Knit­tel SGB IX 8. Aufl. § 91 Rn. 33[]
  15. vgl. BAG 13.05.2004 – 2 AZR 36/​04, zu II 2 der Grün­de[]