Außer­or­dent­li­che Kün­di­gung wegen bewusst fal­scher Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen

Nach § 626 Abs. 1 BGB kann das Arbeits­ver­hält­nis aus wich­ti­gem Grund ohne Ein­hal­tung einer Kün­di­gungs­frist gek ündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund derer dem Kün­di­gen­den unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls und unter Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses bis zum Ablauf der Kün­di­gungs­frist nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Bei ordent­li­cher Unkünd­bar­keit des Arbeit­neh­mers ist für die Beur­tei­lung, ob ein Grund zur frist­lo­sen Kün­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses vor­liegt, auf den Ablauf der fik­ti­ven ordent­li­chen Kün­di­gungs­frist abzu­stel­len 1. Aus § 17 Ziff. 3 Abs. 1 Alt. 1 MTV erge­ben sich inso­weit kei­ne Beson­der­hei­ten.

Außer­or­dent­li­che Kün­di­gung wegen bewusst fal­scher Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen

Dabei ist zunächst zu unter­su­chen, ob der Sach­ver­halt ohne sei­ne beson­de­ren Umstän­de "an sich" und damit typi­scher­wei­se als wich­ti­ger Grund geeig­net ist. Als­dann bedarf es der wei­te­ren Prü­fung, ob dem Kün­di­gen­den die Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses unter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Falls und unter Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le jeden­falls bis zum Ablauf der (fik­ti­ven) Kün­di­gungs­frist zumut­bar ist oder nicht 2.

Einen in die­sem Sin­ne die frist­lo­se Kün­di­gung "an sich" recht­fer­ti­gen­den Grund stel­len ua. gro­be Belei­di­gun­gen des Arbeit­ge­bers oder sei­ner Ver­tre­ter und Reprä­sen­tan­ten oder von Arbeits­kol­le­gen dar, die nach Form und Inhalt eine erheb­li­che Ehr­ver­let­zung für den Betrof­fe­nen bedeu­ten 3. Ent­spre­chen­des gilt, wenn der Arbeit­neh­mer bewusst unwah­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen über sei­nen Arbeit­ge­ber oder Vor­ge­setz­te bzw. Kol­le­gen auf­stellt, ins­be­son­de­re wenn die Erklä­run­gen den Tat­be­stand der üblen Nach­re­de erfül­len. Der Arbeit­neh­mer kann sich für ein sol­ches Ver­hal­ten regel­mä­ßig nicht auf sein Recht zur frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung (Art. 5 Abs. 1 GG) beru­fen. Das Grund­recht ist nicht schran­ken­los gewähr­leis­tet 4. Die Mei­nungs­frei­heit wird durch das Recht der per­sön­li­chen Ehre gemäß Art. 5 Abs. 2 GG beschränkt und muss mit die­sem in ein aus­ge­gli­che­nes Ver­hält­nis gebracht wer­den. Zwar dür­fen Arbeit­neh­mer – auch unter­neh­mens­öf­fent­lich – Kri­tik am Arbeit­ge­ber, ihren Vor­ge­setz­ten und den betrieb­li­chen Ver­hält­nis­sen üben und sich dabei auch über­spitzt äußern. In gro­bem Maße unsach­li­che Angrif­fe, die zur Unter­gra­bung der Posi­ti­on eines Vor­ge­setz­ten füh­ren kön­nen, muss der Arbeit­ge­ber aber nicht hin­neh­men 5.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2012 – 2 AZR 646/​11

  1. BAG 27.04.2006 – 2 AZR 386/​05, Rn. 34, BAGE 118, 104[]
  2. BAG 19.07.2012 – 2 AZR 989/​11, Rn. 38, NZA 2013, 143; 9.06.2011 – 2 AZR 323/​10, Rn. 14, AP BGB § 626 Nr. 236 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 36; 10.06.2010 – 2 AZR 541/​09, Rn. 16, BAGE 134, 349[]
  3. BAG 10.12.2009 – 2 AZR 534/​08, Rn. 17 mwN, AP BGB § 626 Nr. 226 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 29[]
  4. vgl. BAG 7.12.2006 – 2 AZR 400/​05, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 55 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 70[]
  5. vgl. BAG 10.12.2009 – 2 AZR 534/​08 – aaO; 24.11.2005 – 2 AZR 584/​04, Rn. 22, AP BGB § 626 Nr.198 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 13; 10.10.2002 – 2 AZR 418/​01, zu B I 3 a der Grün­de, EzA BGB 2002 § 626 Unkünd­bar­keit Nr. 1; zur ordent­li­chen Kün­di­gung: 12.01.2006 – 2 AZR 21/​05, Rn. 45, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 53 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 67[]