Aus­set­zung eines Ver­fah­rens wegen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de in einem vor­greif­li­chen Ver­fah­ren

Nach § 148 ZPO kann das Gericht, wenn die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder teil­wei­se von dem Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt, das den Gegen­stand eines ande­ren anhän­gi­gen Rechts­streits bil­det, anord­nen, dass die Ver­hand­lung bis zur Erle­di­gung des ande­ren Rechts­streits aus­zu­set­zen ist. Das Gesetz stellt die Aus­set­zung in das pflicht­ge­mä­ße Ermes­sen des Gerichts. Eine Aus­set­zung muss nur dann erfol­gen, wenn sich das Ermes­sen des Gerichts auf null redu­ziert hat [1]. Gegen­über dem vor­ran­gi­gen Zweck einer Aus­set­zung – ein­an­der wider­spre­chen­de Ent­schei­dun­gen zu ver­hin­dern – sind ins­be­son­de­re die Nach­tei­le einer lan­gen Ver­fah­rens­dau­er und die dabei ent­ste­hen­den Fol­gen für die Par­tei­en abzu­wä­gen [2]. Dabei ist der Beschleu­ni­gungs­grund­satz des § 9 Abs. 1 ArbGG eben­so zu berück­sich­ti­gen wie die Vor­schrif­ten zum Schutz vor über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er (§ 9 Abs. 2 Satz 2 ArbGG, § 198 ff. GVG).

Aus­set­zung eines Ver­fah­rens wegen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de in einem vor­greif­li­chen Ver­fah­ren

Im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall konn­te es das Bun­des­ar­beits­ge­richt dahin­ste­hen las­sen, ob die Auf­fas­sung zutrifft, wonach es wegen der rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung des Arbeits­ge­richts Dres­den über die Kün­di­gung bereits an einem vor­greif­li­chen Rechts­ver­hält­nis, das Gegen­stand eines anhän­gi­gen Rechts­streits ist, fehlt. Denn jeden­falls war die (evtl. vor­greif­li­che) Ent­schei­dung des Arbeits­ge­richts Dres­den nach Ver­wer­fung der Beru­fung der Beklag­ten als unzu­läs­sig (§ 66 Abs. 2 Satz 2 ArbGG iVm. § 522 Abs. 1 ZPO) und (spä­tes­tens) nach der Ent­schei­dung über deren Anhö­rungs­rü­ge (§ 78a ArbGG) rechts­kräf­tig gewor­den ist. Hier­an ändert die erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nichts. Bei ihr han­delt es sich um einen außer­or­dent­li­chen Rechts­be­helf, der die Rechts­kraft des ange­grif­fe­nen Urteils nicht hemmt und die Pflicht des Unter­le­ge­nen, das Urteil zu befol­gen, nicht besei­tigt [3]. Damit steht (zunächst) rechts­kräf­tig fest, dass die Kün­di­gung vom 23.04.2012 unwirk­sam war.

Kommt aller­dings das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men der erho­be­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu dem Ergeb­nis, dass das Recht der Beklag­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) ver­letzt wur­de und hebt es die Beschlüs­se des Lan­des­ar­beits­ge­richts gemäß § 95 Abs. 2 BVerfGG auf, stün­de die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung erneut im Streit. Des­halb spricht man­ches dafür, dass trotz des ande­ren Streit­ge­gen­stan­des der Ver­fas­sungs­be­schwer­de [4] die Annah­me des Bestehens eines vor­greif­li­chen Rechts­streits und eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 148 ZPO im Ein­zel­fall nicht aus­ge­schlos­sen sind [5].

Die Vor­greif­lich­keit eines Rechts­streits ist kein Ermes­sens­kri­te­ri­um, son­dern eine Vor­aus­set­zung des § 148 ZPO, die erfüllt sein muss, damit das Ermes­sen des Gerichts über­haupt eröff­net ist [6].

Füh­ren Par­tei­en einen Rechts­streit über Ent­gelt­an­sprü­che, die von der Wirk­sam­keit einer Kün­di­gung abhän­gen, über die bereits eine (nicht rechts­kräf­ti­ge) Ent­schei­dung zuguns­ten des Arbeit­neh­mers vor­liegt, kommt eine Aus­set­zung die­ses Rechts­streits regel­mä­ßig nicht in Betracht. Dem steht der Umstand ent­ge­gen, dass der Arbeit­neh­mer typi­scher­wei­se auf sei­ne Ver­gü­tung ange­wie­sen ist und sich nicht auf die Inan­spruch­nah­me von Sozi­al­leis­tun­gen ver­wei­sen las­sen muss, wenn ein Ver­gü­tungs­an­spruch gegen den Arbeit­ge­ber besteht. Der arbeits­recht­li­che Beschleu­ni­gungs­grund­satz (§ 9 Abs. 1 ArbGG) ver­bie­tet in sol­chen Fäl­len regel­mä­ßig, eine Aus­set­zung vor­zu­neh­men [7]. Für eine ermes­sens­feh­ler­freie Aus­set­zungs­ent­schei­dung müs­sen in einem sol­chen Fall beson­de­re Grün­de des Ein­zel­falls vor­lie­gen, die das schüt­zens­wer­te Inter­es­se des Arbeit­neh­mers an einer auch vor­läu­fi­gen Exis­tenz­si­che­rung aus­nahms­wei­se über­wie­gen [8]. Der Gesichts­punkt der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit, näm­lich den Rechts­streit über die Ver­gü­tung ggf. deut­lich zu ver­ein­fa­chen, kann dabei kei­ne Rol­le spie­len. Die­se Erwä­gun­gen gel­ten erst recht, wenn das zunächst vor­greif­li­che Ver­fah­ren über die Wirk­sam­keit einer Kün­di­gung rechts­kräf­tig abge­schlos­sen und ledig­lich ein außer­or­dent­li­cher Rechts­be­helf ein­ge­legt ist. Sol­che beson­de­ren Grün­de hat das Arbeits­ge­richt weder erwo­gen noch hat die Beklag­te die­se vor­ge­tra­gen. Sie hat sich viel­mehr aus­schließ­lich auf die Vor­greif­lich­keit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de beru­fen. Allein die Gefahr wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen bei einem Erfolg der Ver­fas­sungs­be­schwer­de und einem Erfolg der Beklag­ten im dann fort­zu­set­zen­den Kün­di­gungs­schutz­pro­zess führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Die Arbeit­ge­be­rin bleibt auch im Fall einer Ableh­nung der Aus­set­zung nicht schutz­los. Soll­te es nach einem Erfolg ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Ergeb­nis zur Abwei­sung der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge kom­men, stün­de ihr, falls der Ver­gü­tungs­kla­ge rechts­kräf­tig statt­ge­ge­ben wor­den ist, die Resti­tu­ti­ons­kla­ge nach § 580 Nr. 6 ZPO zur Ver­fü­gung [9]. Ob in Fäl­len, in denen erkenn­bar eine Über­schrei­tung der 5‑Jah­res-Frist des § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO droht, etwas ande­res gilt, kann dahin­ste­hen. Dafür gibt es vor­lie­gend kei­ne Anhalts­punk­te.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 16. April 2014 – 10 AZB 6/​14

  1. BAG 17.06.2003 – 2 AZR 245/​02, zu B II 2 a der Grün­de, BAGE 106, 293[]
  2. BAG 17.06.2003 – 2 AZR 245/​02, zu B II 2 c der Grün­de, aaO[]
  3. BVerfG 30.04.2003 – 1 PBvU 1/​02, zu C III 2 a aa der Grün­de, BVerfGE 107, 395; 18.01.1996 – 1 BvR 2116/​94, zu B der Grün­de, BVerfGE 93, 381[]
  4. vgl. dazu Zuck Das Recht der Ver­fas­sungs­be­schwer­de 4. Aufl. Rn.19[]
  5. vgl. zu die­ser Mög­lich­keit: BVerfG 11.01.2000 – 1 BvR 1392/​99, zu II 2 der Grün­de; BAG 28.01.1988 – 2 AZR 296/​87, zu II 3 a der Grün­de; BGH 17.07.2013 – IV ZR 150/​12 – [jeweils zu anhän­gi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den über ein ent­schei­dungs­er­heb­li­ches Gesetz]; BAG 27.01.1998 – 3 AZR 430/​96, zu A der Grün­de [zu Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Ent­schei­dun­gen in Par­al­lel­fäl­len][]
  6. BVerfG 22.09.2008 – 1 BvR 1707/​08, Rn.19, BVerfGK 14, 270[]
  7. vgl. zB LAG Köln 19.06.2006 – 3 Ta 60/​06; LAG Schles­wig-Hol­stein 24.11.2006 – 2 Ta 268/​06; Hes­si­sches LAG 3.07.2002 – 12 Ta 213/​02; Thü­rin­ger LAG 27.06.2001 – 6/​9 Ta 160/​00; Düwell/​Lipke/​Kloppenburg ArbGG 3. Aufl. § 55 Rn. 25; GK-ArbGG/­Schütz Stand Dezem­ber 2013 § 55 Rn. 48; GMP/​Germelmann ArbGG 8. Aufl. § 55 Rn. 29; Schwab/​Weth/​Korinth ArbGG 3. Aufl. § 55 Rn. 43; vgl. auch BVerfG 22.09.2008 – 1 BvR 1707/​08, Rn.20, BVerfGK 14, 270[]
  8. LAG Köln 14.12 1992 – 11 Ta 234/​92[]
  9. vgl. BAG 7.11.2002 – 2 AZR 297/​01, zu B I 6 der Grün­de, BAGE 103, 290; vgl. auch BGH 23.11.2006 – IX ZR 141/​04, zu I 2 b der Grün­de[]