Befris­tung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses – in einem gericht­li­chen Ver­gleich

Nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG liegt ein sach­li­cher Grund für die Befris­tung eines Arbeits­ver­trags vor, wenn sie auf einem gericht­li­chen Ver­gleich beruht.

Befris­tung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses – in einem gericht­li­chen Ver­gleich

Vor­aus­set­zung für den Sach­grund des § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG ist die Ver­ein­ba­rung einer Befris­tung des Arbeits­ver­hält­nis­ses in einem gericht­li­chen Ver­gleich, soweit die Par­tei­en dar­in zur Been­di­gung eines Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­rens oder eines sons­ti­gen Fest­stel­lungs­rechts­streits über den Fort­be­stand oder die Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses eine Eini­gung erzie­len [1]. Der gericht­li­che Ver­gleich, mit dem die Par­tei­en zur Bei­le­gung einer der­ar­ti­gen Rechts­strei­tig­keit ein befris­te­tes oder auf­lö­send beding­tes Arbeits­ver­hält­nis ver­ein­ba­ren, unter­liegt kei­ner wei­te­ren Befris­tungs­kon­trol­le. Deren Funk­ti­on erfüllt das Arbeits­ge­richt durch sei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Mit­wir­kung beim Zustan­de­kom­men des Ver­gleichs. Dem Gericht als Grund­rechts­ver­pflich­te­ten iSd. Art. 1 Abs. 3 GG obliegt im Rah­men der arbeits­ge­richt­li­chen Befris­tungs­kon­trol­le die Auf­ga­be, den Arbeit­neh­mer vor einem grund­lo­sen Ver­lust sei­nes Arbeits­plat­zes zu bewah­ren und damit einen ange­mes­se­nen Aus­gleich der wech­sel­sei­ti­gen, grund­rechts­ge­schütz­ten Inter­es­sen der Arbeits­ver­trags­par­tei­en zu fin­den. Die­se aus Art. 12 Abs. 1 GG abge­lei­te­te Schutz­pflicht erfüllt das Gericht nicht nur durch ein Urteil, son­dern auch im Rah­men der güt­li­chen Bei­le­gung eines Rechts­streits. Schlägt das Arbeits­ge­richt zur Been­di­gung des Ver­fah­rens über den Bestand eines Arbeits­ver­hält­nis­ses einen Ver­gleich vor, der eine wei­te­re, aller­dings zeit­lich begrenz­te Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses vor­sieht, bie­tet das im Regel­fall eine hin­rei­chen­de Gewähr dafür, dass die­se Befris­tung nicht des­we­gen gewählt wor­den ist, um dem Arbeit­neh­mer grund­los den gesetz­li­chen Bestands­schutz zu neh­men [2].

Ein nach § 278 Abs. 6 ZPO zustan­de gekom­me­ner Ver­gleich erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen eines gericht­li­chen Ver­gleichs iSv. § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG nur dann, wenn das Gericht an dem Ver­gleich ver­ant­wort­lich mit­wirkt. Das ist bei einem nach § 278 Abs. 6 Satz 1 Alt. 2 ZPO zustan­de gekom­me­nen Ver­gleich der Fall. Dage­gen wird ein nach § 278 Abs. 6 Satz 1 Alt. 1 ZPO geschlos­se­ner Ver­gleich den Anfor­de­run­gen des § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG in der Regel nicht gerecht. Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­kannt.

Nach § 278 Abs. 6 Satz 1 Alt. 2 ZPO wird ein Ver­gleich dadurch geschlos­sen, dass die Par­tei­en einen schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag des Gerichts durch Schrift­satz gegen­über dem Gericht anneh­men. Durch den Ver­gleichs­vor­schlag wirkt das Gericht am Inhalt des Ver­gleichs ver­ant­wort­lich mit [3]. Wird der Ver­gleich hin­ge­gen nach § 278 Abs. 6 Satz 1 Alt. 1 ZPO dadurch geschlos­sen, dass die Par­tei­en dem Gericht einen über­ein­stim­men­den schrift­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag unter­brei­ten, fehlt es in der Regel an der erfor­der­li­chen ver­ant­wort­li­chen Mit­wir­kung des Gerichts [4]. Bei einem sol­chen Ver­gleich ist der gericht­li­che Bei­trag – abge­se­hen von der Prü­fung von Ver­stö­ßen gegen Straf­ge­set­ze und gegen §§ 134, 138 BGB – regel­mä­ßig auf eine Fest­stel­lungs­funk­ti­on beschränkt [5]. Ein nach § 278 Abs. 6 Satz 1 Alt. 1 ZPO zustan­de gekom­me­ner Ver­gleich genügt nur aus­nahms­wei­se den Anfor­de­run­gen des § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG, wenn das Gericht den Ver­gleich selbst vor­ge­schla­gen hat [6]. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung ergibt sich zwar nicht aus dem Wort­laut des § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG. Die­ser unter­schei­det nicht zwi­schen den bei­den Alter­na­ti­ven des § 278 Abs. 6 Satz 1 ZPO. Der Wort­laut des § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG erweist sich jedoch inso­weit unter Berück­sich­ti­gung der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift als uner­gie­big, da es die in § 278 Abs. 6 ZPO getrof­fe­ne Rege­lung bei Inkraft­tre­ten des Teil­zeit- und Befris­tungs­ge­set­zes am 1.01.2001 noch nicht gab. Bis Ende des Jah­res 2001 muss­te ein den Pro­zess been­den­der Ver­gleich vor Gericht abge­schlos­sen und nach § 160 Abs. 3 Nr. 1, § 162 ZPO pro­to­kol­liert wer­den. Aus der Geset­zes­be­grün­dung zu § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG [7] ergibt sich aller­dings, dass der Gesetz­ge­ber den gericht­li­chen Ver­gleich des­halb als Sach­grund für die Befris­tung eines Arbeits­ver­trags aner­kannt hat, weil das Gericht die Mög­lich­keit und die Oblie­gen­heit hat, beim Abschluss des Ver­gleichs dar­auf hin­zu­wir­ken, dass bei des­sen Inhalt – auch unter Berück­sich­ti­gung der Pro­zess­aus­sich­ten in dem bei­geleg­ten Rechts­streit – die Schutz­in­ter­es­sen des Arbeit­neh­mers berück­sich­tigt wer­den. Es gibt kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass der Gesetz­ge­ber zwi­schen­zeit­lich von dem Erfor­der­nis der gericht­li­chen Mit­wir­kung an dem Ver­gleich Abstand genom­men hat. Aus dem Zweck der zum 1.01.2002 in Kraft getre­te­nen und zum 1.09.2004 erwei­ter­ten Rege­lung in § 278 Abs. 6 ZPO, den Abschluss eines Pro­zess­ver­gleichs zu ver­ein­fa­chen, folgt nicht der Wil­le des Gesetz­ge­bers, die Befris­tung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses zu erleich­tern [8].

Die Dif­fe­ren­zie­rung ist auch uni­ons­recht­lich gebo­ten [9]. Nach § 5 der EGB-UNI­CE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge im Anhang der Richt­li­nie 1999/​70/​EG des Rates vom 28.06.1999 ergrei­fen die Mit­glied­staa­ten, um Miss­brauch durch auf­ein­an­der­fol­gen­de befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge oder ‑ver­hält­nis­se zu ver­mei­den, eine oder meh­re­re der in § 5 Nr. 1 Buchst. a bis Buchst. c der Rah­men­ver­ein­ba­rung genann­ten Maß­nah­men. Ent­schließt sich ein Mit­glied­staat zu einer oder meh­re­ren die­ser Maß­nah­men, hat er das uni­ons­recht­lich vor­ge­ge­be­ne Ziel der Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs durch auf­ein­an­der­fol­gen­de befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge zu gewähr­leis­ten [10]. Es ist Auf­ga­be der natio­na­len Gerich­te, im Rah­men ihrer Zustän­dig­keit die­sem Ziel bei der Aus­le­gung der natio­na­len Vor­schrif­ten Rech­nung zu tra­gen [11]. Dies geschieht bei dem in § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG gere­gel­ten Sach­grund durch das Erfor­der­nis der ver­ant­wort­li­chen Mit­wir­kung des Gerichts an dem Ver­gleichs­schluss [12].

Danach war in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall die in dem Ver­gleich vom 21.06.2012 ver­ein­bar­te Befris­tung zum 31.12 2012 ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG gerecht­fer­tigt. Die Par­tei­en haben die streit­be­fan­ge­ne Befris­tung nicht in einem gericht­li­chen Ver­gleich iSv. § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 TzBfG ver­ein­bart. Das Gericht hat am Abschluss des Ver­gleichs nicht durch einen Ver­gleichs­vor­schlag ver­ant­wort­lich mit­ge­wirkt, viel­mehr war sein Bei­trag auf eine Fest­stel­lungs­funk­ti­on beschränkt. Die Par­tei­en haben dem Arbeits­ge­richt über­ein­stim­mend den die Befris­tung des Arbeits­ver­trags zum 31.12 2012 ent­hal­ten­den Ver­gleichs­vor­schlag unter­brei­tet. Das Arbeits­ge­richt hat ledig­lich das Zustan­de­kom­men und den Inhalt des Ver­gleichs mit Beschluss vom 21.06.2012 nach § 278 Abs. 6 Satz 1 Alt. 1, Satz 2 ZPO fest­ge­stellt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 21. März 2017 – 7 AZR 369/​15

  1. vgl. BAG 8.06.2016 – 7 AZR 339/​14, Rn. 14; 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 23; 12.11.2014 – 7 AZR 891/​12, Rn. 13, BAGE 150, 8; 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn. 13, BAGE 140, 368[]
  2. vgl. BAG 8.06.2016 – 7 AZR 339/​14, Rn. 15; 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 24; 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn. 13, aaO; 23.11.2006 – 6 AZR 394/​06, Rn. 55, BAGE 120, 251[]
  3. vgl. BAG 8.06.2016 – 7 AZR 467/​14, Rn. 23; 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 28; 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn. 25, BAGE 140, 368; 23.11.2006 – 6 AZR 394/​06, Rn. 55 f., BAGE 120, 251[]
  4. BAG 8.06.2016 – 7 AZR 467/​14, Rn. 23; 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 26; 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn.19, aaO[]
  5. vgl. BAG 8.06.2016 – 7 AZR 467/​14, Rn. 23; 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 28; 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn. 25, aaO[]
  6. vgl. BAG 8.06.2016 – 7 AZR 339/​14, Rn. 24[]
  7. BT-Drs. 14/​4374 S.19[]
  8. BAG 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 27[]
  9. vgl. BAG 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn. 17, BAGE 140, 368[]
  10. vgl. EuGH 14.09.2016 – C‑16/​15 – [Pérez López] Rn. 30 f.; 26.11.2014 – C‑22/​13 ua. – [Mas­co­lo ua.] Rn. 76 f.; 3.07.2014 – C‑362/​13 ua. – [Fia­min­go ua.] Rn. 60 f.; 23.04.2009 – C‑378/​07 ua. – [Angeli­da­ki ua.] Rn. 94 f. mwN, Slg. 2009, I‑3071[]
  11. vgl. EuGH 14.09.2016 – C‑16/​15 – [Pérez López] Rn. 35; 26.11.2014 – C‑22/​13 ua. – [Mas­co­lo ua.] Rn. 82; 3.07.2014 – C‑362/​13 ua. – [Fia­min­go ua.] Rn. 67; 23.04.2009 – C‑378/​07 ua. – [Angeli­da­ki ua.] Rn. 106, aaO; 7.09.2006 – C‑53/​04 – [Mar­ro­su und Sar­di­no] Rn. 56, Slg. 2006, I‑7213; 7.09.2006 – C‑180/​04 – [Vass­al­lo] Rn. 41, Slg. 2006, I‑7251[]
  12. vgl. BAG 14.01.2015 – 7 AZR 2/​14, Rn. 29; 15.02.2012 – 7 AZR 734/​10, Rn. 17, aaO[]