Bei­trags­pflicht zur Ren­ten­ver­si­che­rung bei tarif­li­cher Über­gangs­ver­sor­gung

Für die Dau­er einer tarif­li­chen Über­gangs­ver­sor­gung besteht kein Anspruch auf Aus­zah­lung fik­ti­ver Arbeit­ge­ber­an­tei­le zur Ren­ten­ver­si­che­rung.

Bei­trags­pflicht zur Ren­ten­ver­si­che­rung bei tarif­li­cher Über­gangs­ver­sor­gung

Der Loss of Licence-TV, der in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall Anwen­dung fin­det, regelt ein Über­gangs­geld nicht aus­drück­lich, son­dern ver­weist bei einem dau­ern­den Ver­lust der Taug­lich­keit in sei­nem § 3 Abs. 3 auf den Ü‑VersTV-Lot­sen. Die Tarif­re­ge­lun­gen des Ü‑VersTV-Lot­sen gewäh­ren den begehr­ten Anspruch aber nicht.

Einen Zuschuss in Höhe der fik­ti­ven Arbeit­ge­ber­an­tei­le zur Ren­ten­ver­si­che­rung sieht § 6 Abs. 3 Ü‑VersTV-Lot­sen nur in den Fäl­len vor, in denen der Mit­ar­bei­ter von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung befreit war und die Beklag­te ihm vor Beginn der Über­gangs­ver­sor­gung einen Zuschuss zur befrei­en­den Lebens­ver­si­che­rung gezahlt hat. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen nicht vor, da der Erb­las­ser weder von der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht befreit war noch von der Beklag­ten vor Beginn der Über­gangs­ver­sor­gung einen Zuschuss zur befrei­en­den Lebens­ver­si­che­rung erhal­ten hat.

Aus § 6 Abs. 2 Ü‑VersTV-Lot­sen lässt sich der begehr­te Anspruch nicht her­lei­ten. § 6 Abs. 2 Satz 1 Ü‑VersTV-Lot­sen ist kei­ne Anspruchs­grund­la­ge [1]. Die Tarif­norm ent­hält ledig­lich einen dekla­ra­to­ri­schen Hin­weis auf die sozi­al­recht­li­chen Fol­gen der Zah­lung von Über­gangs­geld (vgl. BAG, 15.06.2010 – 3 AZR 861/​08, Rn. 33, aaO)). Sie kann nicht so ver­stan­den wer­den, dass die Beklag­te hier­durch zur Leis­tung der Arbeit­ge­ber­an­tei­le zur Ren­ten­ver­si­che­rung an die Arbeit­neh­mer ver­pflich­tet oder das Über­gangs­geld einer Bei­trags­pflicht zur Ren­ten­ver­si­che­rung unab­hän­gig vom Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen unter­wor­fen wer­den soll­te. Dies gilt schon des­halb, weil die Tarif­ver­trags­par­tei­en über die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht einer Leis­tung nicht dis­po­nie­ren kön­nen. Die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht bestimmt sich aus­schließ­lich nach den anwend­ba­ren sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Rege­lun­gen [2]. Hier­von sind die Tarif­ver­trags­par­tei­en bei Schaf­fung der Tarif­nor­men offen­sicht­lich auch aus­ge­gan­gen, wie bereits die For­mu­lie­rung „unter­liegt“ in § 6 Abs. 2 Satz 1 Ü‑VersTV-Lot­sen deut­lich macht.

Ent­ge­gen der Ansicht der Klä­ger ergibt sich der begehr­te Anspruch auch nicht auf­grund einer ergän­zen­den Aus­le­gung des Ü‑VersTV-Lot­sen. Eine sol­che ergän­zen­de Aus­le­gung schei­tert bereits dar­an, dass kei­ne Rege­lungs­lü­cke vor­liegt, die von den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen geschlos­sen wer­den könn­te. Zudem wäre – selbst bei einer unter­stell­ten Tari­flü­cke – die­se nicht zwin­gend in dem von den Klä­gern ver­tre­te­nen Sin­ne zu schlie­ßen.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ger ist eine unbe­wuss­te tarif­li­che Rege­lungs­lü­cke nicht gege­ben. Mit § 6 Abs. 2 Satz 1 Ü‑VersTV-Lot­sen woll­ten die Tarif­ver­trags­par­tei­en kei­ne Ver­pflich­tung begrün­den oder eine Zusa­ge ertei­len und das Über­gangs­geld der Bei­trags­pflicht zur Ren­ten­ver­si­che­rung unter­wer­fen. Viel­mehr haben sie, wie im Übri­gen § 6 Abs. 2 Satz 2 Ü‑VersTV-Lot­sen zeigt, ledig­lich die vor­ge­fun­de­ne sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Situa­ti­on dekla­ra­to­risch wie­der­ge­ben wol­len. Die Tarif­re­ge­lun­gen set­zen die gesetz­li­che Bei­trags­pflicht vor­aus, begrün­den sie hin­ge­gen nicht. Der Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en, eine Zusa­ge in dem von den Klä­gern ange­nom­me­nen Sin­ne anzu­neh­men, müss­te in der Tarif­norm sei­nen kla­ren Nie­der­schlag gefun­den haben [3], was jedoch gera­de nicht der Fall ist. Etwas ande­res lässt sich auch nicht aus dem Ver­zicht der ursprüng­lich im Ent­wurf vor­ge­se­he­nen Rege­lung des § 4 Ü‑VersTV-Lot­sen schlie­ßen. Aus der Strei­chung kann nicht auf den ein­deu­ti­gen Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en geschlos­sen wer­den, den Über­gangs­ver­sorg­ten den fik­ti­ven Arbeit­ge­ber­an­teil zur Ren­ten­ver­si­che­rung als Anteil der Über­gangs­ver­sor­gung ohne Wenn und Aber zu ver­schaf­fen [4].

Selbst bei Vor­lie­gen einer unbe­wuss­ten Tari­flü­cke hät­te die Kla­ge auch aus ande­ren Grü­nen kei­nen Erfolg.

Eine unbe­wuss­te tarif­li­che Rege­lungs­lü­cke kann von den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen nur dann geschlos­sen wer­den, wenn sich im Tarif­ver­trag siche­re Anhalts­punk­te fin­den las­sen, wie die Tarif­ver­trags­par­tei­en die­se geschlos­sen hät­ten. Feh­len sol­che siche­ren Ori­en­tie­rungs­hil­fen, kom­men ins­be­son­de­re meh­re­re Mög­lich­kei­ten zur Lücken­schlie­ßung in Betracht, kann ein mut­maß­li­cher Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht fest­ge­stellt wer­den [5].

Eine Lücken­schlie­ßung durch die Arbeits­ge­rich­te ist in die­sem Fall unzu­läs­sig. Sie wür­de in die Gestal­tungs­frei­heit der Tarif­ver­trags­par­tei­en ein­grei­fen. Eine Neu­re­ge­lung oder Ergän­zung bleibt den Tarif­ver­trags­par­tei­en vor­be­hal­ten und über­las­sen [6]. Die Arbeits­ge­rich­te kön­nen nicht gegen den Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en ergän­zen­de tarif­li­che Rege­lun­gen schaf­fen oder eine schlech­te Ver­hand­lungs­füh­rung der Tarif­ver­trags­par­tei­en aus­glei­chen, indem sie „Ver­trags­hil­fe“ leis­ten [7].

Im Ent­schei­dungs­fall kom­men durch­aus ver­schie­de­ne Lösun­gen in Betracht. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en hät­ten sich sowohl für als auch gegen eine Zah­lung der fik­ti­ven Arbeit­ge­ber­an­tei­le ent­schei­den oder ande­re dif­fe­ren­zier­te Lösun­gen ent­wi­ckeln kön­nen, bei­spiels­wei­se durch den Abschluss von unter­schied­li­chen Ver­sor­gungs­er­gän­zungs­ver­trä­gen. Dies ver­deut­licht im Übri­gen auch die der­zeit von den Tarif­ver­trags­par­tei­en dis­ku­tier­te Neu­re­ge­lung, die eine bestimm­te Rege­lung der Über­gangs­ver­sor­gung ins Auge gefasst hat. Es wür­de des­halb einen unzu­läs­si­gen Ein­griff in die Auto­no­mie der Tarif­ver­trags­par­tei­en dar­stel­len, wenn die Gerich­te für Arbeits­sa­chen ent­schei­den könn­ten, wel­che Lösung ihnen sach­ge­recht und ange­mes­sen erschie­ne.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 15. Juni 2011 – 10 AZR 92/​10

  1. BAG, 15.06.2010 – 3 AZR 861/​08, Rn. 33, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Luft­fahrt Nr. 32[]
  2. BAG, 15.06.2010 – 3 AZR 861/​08, Rn. 33, aaO[]
  3. BAG, 15.06.2010 – 3 AZR 861/​08, Rn. 35, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Luft­fahrt Nr. 32[]
  4. BAG, 15.06.2010 – 3 AZR 861/​08, Rn. 36, aaO[]
  5. vgl. Krau­se in Jacobs/​Krause/​Oetker Tarif­ver­trags­recht § 4 Rn. 197 ff.; Däub­ler TVG 2. Aufl. Einl. Rn. 522 ff.; Wiedemann/​Wank TVG 7. Aufl. § 1 Rn. 1034 ff.[]
  6. vgl. BAG, 16.10.2007 – 9 AZR 170/​07, Rn. 13, BAGE 124, 210; 08.11.2006 – 4 AZR 558/​05, Rn. 24, BAGE 120, 72; 23.09.1981 – 4 AZR 569/​79, BAGE 36, 218[]
  7. sie­he BAG, 15.06.2010 – 3 AZR 861/​08, Rn. 26, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Luft­fahrt Nr. 32[]