Bei­trags­pflich­ten zu dem Sozi­al­kas­sen­sys­tem der Bau­wirt­schaft – und der Min­dest­lohn

Die Urlaubs- und Lohn­aus­gleichs­kas­se der Bau­wirt­schaft, eine gemein­sa­me Ein­rich­tung der Tarif­ver­trags­par­tei­en in der Rechts­form eines Ver­eins mit eige­ner Rechts­per­sön­lich­keit kraft staat­li­cher Ver­lei­hung, ist berech­tigt, die geschul­de­ten Bei­trä­ge nicht nach den tat­säch­lich gezahl­ten Brut­to­löh­nen, son­dern anhand der höhe­ren tarif­li­chen Min­dest­löh­ne zu berech­nen 1.

Bei­trags­pflich­ten zu dem Sozi­al­kas­sen­sys­tem der Bau­wirt­schaft – und der Min­dest­lohn

Die Bei­trä­ge sind für Arbeit­neh­mer, die dem deut­schen Lohn­steu­er­recht unter­lie­gen, nach dem Brut­to­lohn zu berech­nen, der für die Lohn­steu­er zugrun­de zu legen und in die Lohn­steu­er­be­schei­ni­gung ein­zu­tra­gen ist (§ 18 Abs. 4 Buchst. a VTV 2009, VTV 2011 und VTV 2012 sowie § 15 Abs. 4 Buchst. a VTV 2013 I und VTV 2013 II). Dar­un­ter ist der vom Bau­ar­beit­ge­ber geschul­de­te, nicht der gerin­ge­re tat­säch­lich gezahl­te Brut­to­ar­beits­lohn zu ver­ste­hen 2.

So hat­te auch in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall die Sozi­al­kas­se Anspruch auf die gel­tend gemach­ten Bei­trä­ge für gewerb­li­che Arbeit­neh­mer aus § 7 Abs. 3 bis Abs. 7 iVm. Anla­gen 28 bis 32 Soka­SiG. Die Anla­gen 28 bis 32 ent­hal­ten den voll­stän­di­gen Text der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge in den im Streit­zeit­raum gel­ten­den Fas­sun­gen 3. Die Bei­trags­pflicht des Unter­neh­mers folgt für die Zeit vom 01.12 2011 bis 31.12 2011 aus § 1 Abs. 1, Abs. 2 Abschn. II und Abschn. V, Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 iVm. § 18 Abs. 1 Satz 1, § 21 Abs. 1 Satz 1 VTV 2009, für die Zeit vom 01.01.2012 bis 31.12 2012 aus § 1 Abs. 1, Abs. 2 Abschn. II und Abschn. V, Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 iVm. § 18 Abs. 1 Satz 1, § 21 Abs. 1 Satz 1 VTV 2011 und für die Zeit vom 01.01.2013 bis 30.06.2013 aus § 1 Abs. 1, Abs. 2 Abschn. II und Abschn. V, Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 iVm. § 18 Abs. 1 Satz 1, § 21 Abs. 1 Satz 1 VTV 2012. Für die Zeit vom 01.07.2013 bis 31.12 2013 ergibt sich die Bei­trags­pflicht des Unter­neh­mers aus § 1 Abs. 1, Abs. 2 Abschn. II und Abschn. V, Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 iVm. § 15 Abs. 1 Satz 1, § 18 Abs. 1 Satz 1 VTV 2013 I und für die Zeit vom 01.01.2014 bis 31.01.2014 aus § 1 Abs. 1, Abs. 2 Abschn. II und Abschn. V, Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 iVm. § 15 Abs. 1 Satz 1, § 18 Abs. 1 Satz 1 VTV 2013 II.

Der im hier ent­schie­de­nen Fall in Sach­sen-Anhalt gele­ge­ne Betrieb des Unter­neh­mers unter­fällt nach § 1 Abs. 1 der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge ihrem räum­li­chen Gel­tungs­be­reich. Die bei dem Unter­neh­mer beschäf­tig­ten gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer wer­den nach § 1 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge von ihrem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich erfasst.

Der betrieb­li­che Gel­tungs­be­reich der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge ist eröff­net. Nach den Fest­stel­lun­gen in den Ent­schei­dungs­grün­den des erst­in­stanz­li­chen Urteils, auf die das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bezug genom­men hat, unter­hielt der Unter­neh­mer im Streit­zeit­raum einen Bau­be­trieb. In ihm wur­den arbeits­zeit­lich über­wie­gend Mau­rer­ar­bei­ten, Ver­putz­ar­bei­ten, Stemm- und Schacht­ar­bei­ten, Abbruch­ar­bei­ten, Flie­sen­ver­le­ge­ar­bei­ten, Tief­bau­ar­bei­ten (Erd­aus­hub), Pflas­ter­ar­bei­ten, Iso­lier­ar­bei­ten (Dämm­ar­bei­ten gegen Wär­me, Käl­te, Feuch­tig­keit), Beton­ar­bei­ten und der Ein­bau von Bau­fer­tig­tei­len (Fens­ter und Türen) geleis­tet. Die­se Tätig­kei­ten fal­len unter § 1 Abs. 2 Abschn. V Nr. 5, Nr. 9, Nr. 10, Nr. 15, Nr. 23, Nr. 26, Nr. 29, Nr. 34, Nr. 36 und Nr. 37 der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge. Dane­ben wur­den Maler­ar­bei­ten durch­ge­führt, die als bau­li­che Leis­tun­gen von § 1 Abs. 2 Abschn. II der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge erfasst wer­den. Ein vom betrieb­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge aus­ge­nom­me­ner Betrieb des Maler- und Lackie­rer­hand­werks iSv. § 1 Abs. 2 Abschn. VII Nr. 6 der Ver­fah­rensta­rif­ver­trä­ge liegt schon des­we­gen nicht vor, weil nicht arbeits­zeit­lich über­wie­gend Maler­ar­bei­ten erbracht wur­den 4.

Die von der Sozi­al­kas­se für die ein­zel­nen Kalen­der­mo­na­te jeweils in Ansatz gebrach­ten Bei­trags­sät­ze ent­spra­chen im vor­lie­gen­den Fall auch den tarif­li­chen Bestim­mun­gen (vgl. § 18 Abs. 1 Satz 1 VTV 2009, VTV 2011 und VTV 2012 bzw. § 15 Abs. 1 Satz 1 VTV 2013 I und VTV 2013 II).

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 30. Okto­ber 2019 – 10 AZR 371/​18

  1. BAG 13.11.2013 – 10 AZR 842/​12, Rn. 27[]
  2. vgl. BAG 14.02.2007 – 10 AZR 63/​06, Rn. 25[]
  3. vgl. den Anla­ge­band zum BGBl. I Nr. 29 vom 24.05.2017 S. 283 bis 350[]
  4. vgl. BAG 27.03.2019 – 10 AZR 512/​17, Rn. 30 mwN[]