Beru­fungs­be­grün­dung in Arbeitsgerichtsverfahren

Zweck des § 520 ZPO ist es, die Beur­tei­lung des Streit­falls durch den Erstrich­ter zu über­prü­fen und den Rechts­streit für die Beru­fungs­in­stanz durch eine Zusam­men­fas­sung und Beschrän­kung des Rechts­stoffs aus­rei­chend vorzubereiten.

Beru­fungs­be­grün­dung in Arbeitsgerichtsverfahren

Nach § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG iVm. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO muss die Beru­fungs­be­grün­dung die Umstän­de bezeich­nen, aus denen sich die Rechts­ver­let­zung durch das ange­foch­te­ne Urteil und deren Erheb­lich­keit für das Ergeb­nis der Ent­schei­dung ergibt. Die Beru­fungs­be­grün­dung muss erken­nen las­sen, in wel­chen Punk­ten tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Art das ange­foch­te­ne Urteil nach Ansicht des Beru­fungs­klä­gers unrich­tig ist und auf wel­chen Grün­den die­se Ansicht im Ein­zel­nen beruht1.

Sie muss auf den zur Ent­schei­dung ste­hen­den Fall zuge­schnit­ten sein und sich mit den recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Argu­men­ten des ange­foch­te­nen Urteils befas­sen, wenn sie die­se bekämp­fen will2. Eine schlüs­si­ge, recht­lich halt­ba­re Begrün­dung kann zwar nicht ver­langt wer­den. Für die erfor­der­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den Urteils­grün­den der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung reicht es aber nicht aus, die tat­säch­li­che oder recht­li­che Wür­di­gung durch das Arbeits­ge­richt mit for­mel­haf­ten Wen­dun­gen zu rügen und ledig­lich auf das erst­in­stanz­li­che Vor­brin­gen zu ver­wei­sen oder die­ses zu wie­der­ho­len3.

Wer­den meh­re­re selb­stän­di­ge pro­zes­sua­le Ansprü­che zu- oder aberkannt, so muss das Rechts­mit­tel grund­sätz­lich hin­sicht­lich jedes Anspruchs, über den zu Las­ten des Rechts­mit­tel­füh­rers ent­schie­den wor­den ist, begrün­det wer­den. Eine eigen­stän­di­ge Begrün­dung der Beru­fung ist jedoch ent­behr­lich, wenn mit der Begrün­dung der Beru­fung über den einen Streit­ge­gen­stand zugleich dar­ge­legt ist, dass die Ent­schei­dung über den ande­ren unrich­tig ist4. Das ist etwa der Fall, wenn die Begründ­etheit des einen Anspruchs den­knot­wen­dig von der des ande­ren abhängt5, so dass mit der Begrün­dung des Rechts­mit­tels über den einen Streit­ge­gen­stand gleich­zei­tig auch dar­ge­legt ist, wor­in die Ent­schei­dung über den ande­ren Streit­ge­gen­stand unrich­tig sein soll6.

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Danach war die Beru­fung im hier vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall zuläs­sig: Der Klä­ger hat sich sowohl mit den Aus­füh­run­gen des Arbeits­ge­richts zu den tarif­ver­trag­li­chen Grund­la­gen wie auch hin­sicht­lich eines Anspruchs aus Gleich­be­hand­lung aus­ein­an­der­ge­setzt. Uner­heb­lich ist, dass der Klä­ger im Wesent­li­chen sei­ne bereits erst­in­stanz­lich vor­ge­brach­ten Argu­men­te wie­der­holt; dar­in liegt kein unzu­läs­si­ger Ver­weis auf das Vor­brin­gen ers­ter Instanz. Sinn der Beru­fung ist es gera­de, dem Beru­fungs­klä­ger die Über­prü­fung der Rechts­an­sicht der ers­ten Instanz zu ermög­li­chen. Aus dem Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz ist das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot abzu­lei­ten, dass for­mel­le Anfor­de­run­gen an die Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels im Zivil­pro­zess nicht wei­ter gehen dür­fen, als es durch ihren Zweck gebo­ten ist7. Der Klä­ger muss­te dabei zudem nicht mehr zur Begrün­dung auf­wen­den, als dies das Arbeits­ge­richt getan hat.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 1. Okto­ber 2020 – 17 Sa 7/​20

  1. vgl. etwa BAG 24.10.2017 – 1 AZR 166/​16, Rn. 11[]
  2. vgl. BAG 24.10.2019 – 8 AZR 528/​18, Rn. 17, AP BGB § 288 Nr. 8; 14.05.2019 – 3 AZR 274/​18, Rn. 18[]
  3. vgl. BAG 23.11.2017 – 8 AZR 458/​16, Rn. 14, AP ArbGG 1979 § 64 Nr. 53; 26.04.2017 – 10 AZR 275/​16, Rn. 13; 17.02.2016 – 2 AZR 613/​14, Rn. 13, AP KSchG 1969 § 2 Nr. 168[]
  4. vgl. BAG 24.10.2019 – 8 AZR 528/​18, Rn. 18, AP BGB § 288 Nr. 8; 30.01.2019 – 5 AZR 450/​17, Rn.20, BAGE 165, 168; 20.02.2018 – 1 AZR 531/​15, Rn. 13[]
  5. vgl. BAG 16.04.1997 – 4 AZR 653/​95[]
  6. BAG 24.10.2019 – 8 AZR 528/​18 – aaO mwN[]
  7. vgl. BGH 7.06.2018 – I ZB 57/​17, Rn. 10 mwN, NJW 2018, 2894; LAG Baden-Würt­tem­berg 6.05.2020 – 4 Sa 51/​19, Rn. 29, NZA-RR 2020, 489[]

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