Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung mit­tels Pen­si­ons­kas­se – und die Ein­stands­pflicht des Arbeit­ge­bers

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on (AEUV) um die Vor­a­be­ant­wor­tung der fol­gen­den Fra­gen ersucht:

Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung mit­tels Pen­si­ons­kas­se – und die Ein­stands­pflicht des Arbeit­ge­bers
  1. Ist Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22.10.2008 über den Schutz der Arbeit­neh­mer bei Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Arbeit­ge­bers anwend­bar, wenn Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung über eine der staat­li­chen Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht unter­lie­gen­den über­be­trieb­li­che Ver­sor­gungs­ein­rich­tung erbracht wer­den, die­se aus finan­zi­el­len Grün­den ihre Leis­tun­gen mit Zustim­mung der Auf­sichts­be­hör­de berech­tigt kürzt und der Arbeit­ge­ber nach natio­na­lem Recht zwar für die Kür­zun­gen gegen­über den ehe­ma­li­gen Arbeit­neh­mern ein­zu­ste­hen hat, sei­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit jedoch dazu führt, dass er sei­ne Ver­pflich­tung, die­se Leis­tungs­kür­zun­gen aus­zu­glei­chen, nicht erfül­len kann?
  2. Falls die ers­te Vor­la­ge­fra­ge bejaht wird:

    Unter wel­chen Umstän­den kön­nen die durch die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Arbeit­ge­bers erlit­te­nen Ver­lus­te des ehe­ma­li­gen Arbeit­neh­mers bei den Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung als offen­sicht­lich unver­hält­nis­mä­ßig ange­se­hen wer­den und damit die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­ten, hier­ge­gen einen Min­dest­schutz zu gewähr­leis­ten, obwohl der ehe­ma­li­ge Arbeit­neh­mer min­des­tens die Hälf­te der Leis­tun­gen erhält, die sich aus sei­nen erwor­be­nen Ren­ten­an­sprü­chen erge­ben?

  3. Falls die ers­te Vor­la­ge­fra­ge bejaht wird:

    Ent­fal­tet Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG unmit­tel­ba­re Wir­kung und ver­leiht die Bestim­mung, wenn ein Mit­glied­staat die­se Richt­li­nie nicht oder nur unzu­läng­lich in natio­na­les Recht umge­setzt hat, dem Ein­zel­nen Rech­te, die die­ser vor einem natio­na­len Gericht gegen­über dem Mit­glied­staat gel­tend machen kann?

  4. Falls die drit­te Vor­la­ge­fra­ge bejaht wird:

    Ist eine pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te Ein­rich­tung, die von dem Mit­glied­staat – für die Arbeit­ge­ber ver­pflich­tend – als Trä­ger der Insol­venz­si­che­rung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung bestimmt ist, der staat­li­chen Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht unter­liegt sowie die für die Insol­venz­si­che­rung erfor­der­li­chen Bei­trä­ge kraft öffent­li­chen Rechts von den Arbeit­ge­bern erhebt und wie eine Behör­de die Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung durch Ver­wal­tungs­akt her­stel­len kann, eine öffent­li­che Stel­le des Mit­glied­staa­tes?

Gegen­stand des Aus­gangs­ver­fah­rens[↑]

Die Par­tei­en strei­ten – soweit für das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren von Bedeu­tung – dar­über, ob der beklag­te Pen­si­ons-Siche­rungs-Ver­ein Ver­si­che­rungs­ver­ein auf Gegen­sei­tig­keit für einen Anspruch des Arbeit­neh­mers gegen sei­ne ehe­ma­li­ge Arbeit­ge­be­rin ein­tre­ten muss, weil die­se zah­lungs­un­fä­hig ist und des­halb ihrer Ver­pflich­tung, für eine Leis­tungs­kür­zung einer Pen­si­ons­kas­se ein­zu­ste­hen, nicht nach­kom­men kann.

Der PSVaG ist der gesetz­lich bestimm­te Trä­ger der Insol­venz­si­che­rung für die betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung. Sein Zweck ist es, die Zah­lung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung im Fall der Insol­venz eines Arbeit­ge­bers in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und im Groß­her­zog­tum Luxem­burg zu gewähr­leis­ten.

Dem Arbeit­neh­mer wur­den von sei­ner dama­li­gen Arbeit­ge­be­rin Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung zuge­sagt. Die­se set­zen sich aus einer – im Wege der Direkt­zu­sa­ge ver­spro­che­nen – monat­li­chen Pen­si­ons­zu­la­ge und einem jähr­li­chen Weih­nachts­geld für Pen­sio­nä­re sowie einer über den Durch­füh­rungs­weg Pen­si­ons­kas­se zuge­sag­ten Pen­si­ons­kas­sen­ren­te zusam­men. Die Pen­si­ons­kas­sen­ren­te ist betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung im Sin­ne des Geset­zes zur Ver­bes­se­rung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung (Betriebs­ren­ten­ge­setz), soweit sie auf Bei­trä­gen der ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­be­rin des Arbeit­neh­mers beruht. Inso­weit fin­den die Vor­schrif­ten des Betriebs­ren­ten­ge­set­zes Anwen­dung. Zusätz­lich hat der Arbeit­neh­mer durch eige­ne Bei­trä­ge die Pen­si­ons­kas­sen­ren­te erhöht; die­ser Teil der Pen­si­ons­kas­sen­ren­te ist jedoch nicht Gegen­stand des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens.

Ab dem 1.12 2000 bezog der Arbeit­neh­mer von sei­ner ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­be­rin die Pen­si­ons­zu­la­ge und das Weih­nachts­geld. Die Pen­si­ons­kas­sen­ren­te wird ihm ab die­sem Zeit­punkt von der Pen­si­ons­kas­se für die Deut­sche Wirt­schaft Ver­si­che­rungs­ver­ein auf Gegen­sei­tig­keit gezahlt. Bei die­ser han­delt es sich um eine rechts­fä­hi­ge über­be­trieb­li­che Ein­rich­tung, die den Arbeit­neh­mern einen Rechts­an­spruch auf ihre Leis­tun­gen gewährt.

Die Pen­si­ons­kas­se geriet Mit­te 2003 in eine wirt­schaft­li­che Kri­se und kürzt seit­dem die Pen­si­ons­kas­sen­ren­ten. Die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht, bei der es sich um die gesetz­lich bestimm­te staat­li­che Auf­sichts­be­hör­de han­delt, erteil­te hier­zu ihre Zustim­mung. Der arbeit­ge­ber­fi­nan­zier­te Teil der Pen­si­ons­kas­sen­ren­te des Arbeit­neh­mers betrug bei Ren­ten­be­ginn 585, 21 Euro brut­to und belief sich im Juni 2003 auf 599, 49 Euro brut­to. Die Pen­si­ons­kas­sen­ren­te wur­de zunächst ab dem 1.07.2003 um 1, 4 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2004 um wei­te­re 1, 4 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2005 um wei­te­re 1, 4 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2006 um wei­te­re 1, 4 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2007 um wei­te­re 1, 38 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2008 um wei­te­re 1, 36 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2009 um wei­te­re 1, 34 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2010 um wei­te­re 1, 26 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2011 um wei­te­re 1, 26 vom Hun­dert, ab dem 1.07.2012 um wei­te­re 1, 25 vom Hun­dert und ab dem 1.07.2013 um wei­te­re 1, 25 vom Hun­dert gekürzt. Die ehe­ma­li­ge Arbeit­ge­be­rin des Arbeit­neh­mers glich die­se Leis­tungs­kür­zun­gen der Pen­si­ons­kas­se auf­grund ihrer im natio­na­len Recht vor­ge­se­he­nen Ein­stands­pflicht zunächst aus. Eine Ver­pflich­tung, die unge­kürz­ten Leis­tun­gen der Pen­si­ons­kas­sen ander­wei­tig abzu­si­chern, sieht das natio­na­le Recht nicht vor.

Am 30.01.2012 wur­de über das Ver­mö­gen der ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­be­rin des Arbeit­neh­mers das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Mit Bescheid vom 12.09.2012 teil­te der PSVaG dem Arbeit­neh­mer mit, dass er die Zah­lung der Pen­si­ons­zu­la­ge iHv. 398, 90 Euro monat­lich und des Weih­nachts­gel­des iHv.01.451, 05 Euro jähr­lich über­neh­me. Einen Aus­gleich der Leis­tungs­kür­zun­gen bei der Pen­si­ons­kas­sen­ren­te lehn­te der PSVaG ab. Die Pen­si­ons­kas­se zahlt an den Arbeit­neh­mer die – gekürz­te – Pen­si­ons­kas­sen­ren­te wei­ter, da sein Anspruch gegen die Pen­si­ons­kas­se von der Zah­lungs­un­fä­hig­keit sei­ner ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­be­rin nach dem natio­na­len Recht nicht berührt wird.

Der Arbeit­neh­mer hat im Aus­gangs­ver­fah­ren gel­tend gemacht, der PSVaG müs­se auf­grund der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen sei­ner ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­be­rin für die Leis­tungs­kür­zun­gen der Pen­si­ons­kas­se ein­ste­hen. Der PSVaG hat hier­zu die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ihn tref­fe nach natio­na­lem Recht kei­ne Ein­tritts­pflicht für Ver­sor­gungs­an­sprü­che, die im Durch­füh­rungs­weg Pen­si­ons­kas­se geleis­tet wer­den, wenn der Arbeit­ge­ber sei­ner gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Ein­stands­pflicht infol­ge einer eige­nen Zah­lungs­un­fä­hig­keit nicht nach­kom­men kön­ne.

Das Arbeits­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auf die Beru­fung des Arbeit­neh­mers das Urteil des Arbeits­ge­richts abge­än­dert und der Kla­ge statt­ge­ge­ben.

Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen[↑]

Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen betrifft die Anwend­bar­keit und die Aus­le­gung von Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22.10.2008 über den Schutz der Arbeit­neh­mer bei Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Arbeit­ge­bers [1], geän­dert durch Art. 1 ÄndRL (EU) 2015/​1794 vom 06.10.2015 [2].

Das Recht der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung ist im Gesetz zur Ver­bes­se­rung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung (Betriebs­ren­ten­ge­setz) vom 19.12 1974 [3], zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 17.08.2017 [4], gere­gelt.

Erläu­te­run­gen zur ers­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kann ein Arbeit­ge­ber sei­nen Arbeit­neh­mern Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung ent­we­der unmit­tel­bar (Direkt­zu­sa­ge) oder über exter­ne Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen zusa­gen. Bei einer Direkt­zu­sa­ge hat der Arbeit­ge­ber den Arbeit­neh­mern die Ver­sor­gungs­leis­tun­gen unmit­tel­bar selbst zu gewäh­ren. Betraut der Arbeit­ge­ber eine exter­ne Ver­sor­gungs­ein­rich­tung mit der Durch­füh­rung der Betriebs­ren­ten­zu­sa­gen, erfüllt er sei­ne Leis­tungs­pflicht mit­tel­bar ent­we­der über eine Direkt­ver­si­che­rung – also eine vom Arbeit­ge­ber zuguns­ten des Arbeit­neh­mers abge­schlos­se­ne Lebens­ver­si­che­rung – oder durch eine Unter­stüt­zungs­kas­se, einen Pen­si­ons­fonds oder eine Pen­si­ons­kas­se [5].

Sagt der Arbeit­ge­ber sei­nem Arbeit­neh­mer Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung zu, die über eine exter­ne Ver­sor­gungs­ein­rich­tung – wie im Aus­gangs­ver­fah­ren eine Pen­si­ons­kas­se – erbracht wer­den sol­len, und blei­ben deren Leis­tun­gen an den Arbeit­neh­mer hin­ter dem zurück, was der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer aus dem arbeits­recht­li­chen Grund­ver­hält­nis an Ver­sor­gung schul­det, ist der Arbeit­ge­ber nach dem natio­na­len Recht ver­pflich­tet, die­se Lücke zu schlie­ßen. Nach § 1 Abs. 1 Satz 3 des Betriebs­ren­ten­ge­set­zes hat er gegen­über dem Arbeit­neh­mer für die zuge­sag­ten Leis­tun­gen ein­zu­ste­hen und ihm die­se im Ver­sor­gungs­fall aus sei­nem eige­nen Ver­mö­gen zu erbrin­gen. Wird der Arbeit­ge­ber – wie im Fall des Arbeit­neh­mers – in einer sol­chen Situa­ti­on zah­lungs­un­fä­hig, sieht das natio­na­le Recht kei­ne Ein­tritts­pflicht des PSVaG oder einer ande­ren Siche­rungs­ein­rich­tung für die vom Arbeit­ge­ber an den Arbeit­neh­mer auf­grund sei­ner gesetz­li­chen Ein­stands­pflicht zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen vor, wenn die­se Ein­stands­pflicht besteht, weil eine Pen­si­ons­kas­se die Pen­si­ons­kas­sen­ren­te kürzt.

Nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Gerichts fin­det Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22.10.2008 über den Schutz der Arbeit­neh­mer bei Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Arbeit­ge­bers auch dann Anwen­dung, wenn die Pen­si­ons­kas­se – ohne selbst zah­lungs­un­fä­hig gemäß Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG zu sein – Leis­tungs­kür­zun­gen mit Zustim­mung der staat­li­chen Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht vor­nimmt, der Arbeit­ge­ber die­se Kür­zun­gen aber nicht aus­glei­chen kann, weil er selbst zah­lungs­un­fä­hig ist. Bei der gesetz­li­chen Ein­stands­pflicht han­delt es sich um einen Rechts­an­spruch des Arbeit­neh­mers gegen den Arbeit­ge­ber aus dem Arbeits­ver­hält­nis im Sin­ne des Art. 1 Abs. 1 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG, da sie auf der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge des Arbeit­ge­bers beruht. Etwas ande­res folgt auch nicht dar­aus, dass die Pen­si­ons­kas­se ver­pflich­tet ist, den Teil der Pen­si­ons­kas­sen­ren­te, der nach der Kür­zung ver­bleibt, unab­hän­gig von der Insol­venz des ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­bers wei­ter an den ehe­ma­li­gen Arbeit­neh­mer zu zah­len und dadurch die­ser Teil des Ver­sor­gungs­an­spruchs trotz der Zah­lungs­un­fä­hig­keit des ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­bers geschützt ist.

Die zu 1. gestell­te Fra­ge ist vom Gerichts­hof noch nicht so ein­deu­tig beant­wor­tet wor­den, dass kei­ne Zwei­fel an ihrer Beant­wor­tung bestehen. Die Ant­wort ist auch nicht ein­deu­tig.

Erläu­te­run­gen zur zwei­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Der Gerichts­hof hat in den Rechts­sa­chen Robins ua. [6] und Hogan ua. [7] bis­lang ent­schie­den, eine ord­nungs­ge­mä­ße Umset­zung von Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG erfor­de­re, dass ein Arbeit­neh­mer bei Zah­lungs­un­fä­hig­keit sei­nes Arbeit­ge­bers min­des­tens die Hälf­te der Leis­tun­gen aus einer betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung erhal­te, die sich aus sei­nen erwor­be­nen Rech­ten erge­ben. Hier­an hat der Gerichts­hof in sei­nem Urteil vom 24.11.2016 [8] zwar im Grund­satz fest­ge­hal­ten. Aller­dings hat er wei­ter aus­ge­führt, es sei nicht aus­ge­schlos­sen, dass unter ande­ren Umstän­den die erlit­te­nen Ver­lus­te, auch wenn ihr Pro­zent­satz ein ande­rer sei, als offen­sicht­lich unver­hält­nis­mä­ßig ange­se­hen wer­den könn­ten. Der Gerichts­hof hat bis­lang nicht kon­kre­ti­siert, wel­cher Art die­se „ande­ren Umstän­de“ sein kön­nen und nach wel­chen Kri­te­ri­en sich beur­teilt, ob Ver­lus­te offen­sicht­lich unver­hält­nis­mä­ßig sind.

Danach ver­mag das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht mit der für ein letzt­in­stanz­li­ches Gericht gebo­te­nen Sicher­heit zu beur­tei­len, ob nach dem fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens der nach Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG vor­ge­se­he­ne Min­dest­schutz gewährt wird, obwohl der Arbeit­neh­mer durch die Kür­zung der Pen­si­ons­kas­sen­ren­te zwar kei­ne Ver­lus­te erlei­det, die die Hälf­te sei­ner erwor­be­nen Ren­ten­an­sprü­che über­stei­gen. Die Leis­tungs­kür­zung beträgt bezo­gen auf den arbeit­ge­ber­fi­nan­zier­ten Teil der Pen­si­ons­kas­sen­ren­te des Arbeit­neh­mers bis­lang zwar nur etwa 13, 8 vom Hun­dert und bezo­gen auf die gesam­ten ihm gewähr­ten Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung ein­schließ­lich der Pen­si­ons­zu­la­ge und des Weih­nachts­gel­des nur etwa 7, 4 vom Hun­dert. Ins­ge­samt beläuft sich der vom Arbeit­neh­mer infol­ge der Zah­lungs­un­fä­hig­keit sei­ner ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­be­rin erlit­te­ne Ver­lust jedoch zur­zeit auf 82, 74 Euro brut­to monat­lich und ist damit deut­lich höher, als der Ver­lust von 7, 00 Euro, den der Gerichts­hof in der Rechts­sa­che Webb-Sämann [9] als nicht erheb­lich ange­se­hen hat.

Erläu­te­run­gen zur drit­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Soll­te Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG im Aus­gangs­ver­fah­ren eine Absi­che­rung der Ansprü­che des Arbeit­neh­mers durch den Mit­glied­staat erfor­dern, wäre das vor­le­gen­de Gericht gehin­dert, die­ses Ergeb­nis durch eine uni­ons­rechts­kon­for­me Aus­le­gung oder Fort­bil­dung des Betriebs­ren­ten­ge­set­zes zu errei­chen. Ansprü­che des Arbeit­neh­mers könn­ten dann nur unmit­tel­bar aus Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG fol­gen. Ob dies der Fall ist, ist unklar und daher durch den Gerichts­hof zu klä­ren.

Die natio­na­len Gerich­te sind nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs gehal­ten, bei der Anwen­dung des natio­na­len Rechts die­ses so weit wie mög­lich anhand des Wort­lauts und des Zwecks der Richt­li­nie aus­zu­le­gen, um das in der Richt­li­nie fest­ge­leg­te Ziel zu errei­chen und damit Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men; das darf aber nicht als Grund­la­ge für eine Aus­le­gung con­tra legem des natio­na­len Rechts die­nen [10].

Eine Aus­le­gung des Betriebs­ren­ten­ge­set­zes oder eine Rechts­fort­bil­dung dahin, dass der PSVaG haf­tet, wenn ein ehe­ma­li­ger Arbeit­ge­ber sei­ner gesetz­li­chen Ein­stands­pflicht für eine von der Pen­si­ons­kas­se berech­tigt gekürz­te Pen­si­ons­kas­sen­ren­te nicht nach­kom­men kann, weil er zah­lungs­un­fä­hig gewor­den ist, ist con­tra legem. Das Betriebs­ren­ten­ge­setz ent­hält ein aus­dif­fe­ren­zier­tes Regel­werk für die Absi­che­rung von Betriebs­ren­ten­an­sprü­chen und Betriebs­ren­ten­an­wart­schaf­ten, wenn der Arbeit­ge­ber zah­lungs­un­fä­hig ist. Eine Absi­che­rung der Ein­stands­pflicht des zah­lungs­un­fä­hi­gen Arbeit­ge­bers bei Kür­zun­gen von Pen­si­ons­kas­sen­ren­ten sieht das Betriebs­ren­ten­ge­setz nicht vor. Hier­bei han­delt es sich um eine bewuss­te Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers. Er hielt Ansprü­che der ehe­ma­li­gen Arbeit­neh­mer gegen Pen­si­ons­kas­sen durch die Ver­si­che­rungs­auf­sicht und die Vor­schrif­ten zur Anla­ge des Siche­rungs­ver­mö­gens der Pen­si­ons­kas­sen für aus­rei­chend gesi­chert [11].

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs kann sich der Ein­zel­ne jedoch in den Fäl­len, in denen die Bestim­mun­gen einer Richt­li­nie inhalt­lich unbe­dingt und hin­rei­chend genau sind, vor den natio­na­len Gerich­ten gegen­über dem Mit­glied­staat auf die­se Bestim­mun­gen beru­fen, wenn die­ser die Richt­li­nie nicht frist­ge­mäß oder nur unzu­läng­lich in das natio­na­le Recht umge­setzt hat [12]. Der Gerichts­hof hat ange­nom­men, eine Uni­ons­vor­schrift sei unbe­dingt, wenn sie eine Ver­pflich­tung nor­mie­re, die an kei­ne Bedin­gung geknüpft sei und zu ihrer Durch­füh­rung oder Wirk­sam­keit auch kei­ner wei­te­ren Maß­nah­men der Uni­ons­or­ga­ne oder der Mit­glied­staa­ten bedür­fe. Sie sei hin­rei­chend genau, um von einem Ein­zel­nen gel­tend gemacht; und vom Gericht ange­wandt wer­den zu kön­nen, wenn sie in unzwei­deu­ti­gen Wor­ten eine Ver­pflich­tung fest­le­ge [13]. Dabei erstre­cke sich die Prü­fung, ob eine Richt­li­ni­en­be­stim­mung die­se Kri­te­ri­en erfüllt, auf drei Gesichts­punk­te, näm­lich die Bestim­mung des Per­so­nen­krei­ses, dem der vor­ge­se­he­ne Min­dest­schutz zugu­te­kom­men soll, den Inhalt die­ses Min­dest­schut­zes und die Per­son, die den Min­dest­schutz schul­det [14].

Für das vor­le­gen­de Gericht steht vor dem Hin­ter­grund der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs [15] nicht zwei­fels­frei fest, ob die­se Rege­lung ins­ge­samt – mög­li­cher­wei­se auch nach Beant­wor­tung der durch die zwei­te Vor­la­ge­fra­ge erfolg­ten wei­te­ren Kon­kre­ti­sie­rung – die Anfor­de­run­gen an eine unmit­tel­bar wir­ken­de und damit inhalt­lich unbe­dingt und hin­rei­chend genaue Richt­li­ni­en­be­stim­mung erfüllt.

Erläu­te­run­gen zur vier­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Soll­te der Gerichts­hof die drit­te Vor­la­ge­fra­ge beja­hen, kann das vor­le­gen­de Gericht nicht mit der für ein letzt­ent­schei­den­des Gericht gebo­te­nen Sicher­heit beur­tei­len, ob der PSVaG zu den Rechts­sub­jek­ten gehört, denen nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs [16] der unmit­tel­bar anwend­ba­re Art. 8 der Richt­li­nie 2008/​94/​EG ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den könn­te.

Der PSVaG ist nach § 14 Abs. 1 Satz 1 Betriebs­ren­ten­ge­setz der gesetz­lich bestimm­te Trä­ger der Insol­venz­si­che­rung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und dem Groß­her­zog­tum Luxem­burg. Er ist von der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Arbeit­ge­ber­ver­bän­de, dem Ver­band der Lebens­ver­si­che­rungs-Unter­neh­men und dem Bun­des­ver­band der Deut­schen Indus­trie, ein­ge­tra­ge­nen Ver­ei­nen, gegrün­det wor­den. Der PSVaG hat die Rechts­form eines Ver­si­che­rungs­ver­eins auf Gegen­sei­tig­keit, das heißt einer juris­ti­schen Per­son des Pri­vat­rechts. Ihm obliegt die Erfül­lung von Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung, wenn bei einem Arbeit­ge­ber ein in § 7 Abs. 1 Betriebs­ren­ten­ge­setz vor­ge­se­he­ner Siche­rungs­fall, wie die Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens, ein­ge­tre­ten ist.

Der PSVaG unter­liegt nach § 14 Abs. 2 Satz 1 Betriebs­ren­ten­ge­setz der Auf­sicht durch die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht. Die­se Auf­sicht ent­spricht im Wesent­li­chen der Auf­sicht für pri­va­te soge­nann­te klei­ne Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men nach dem Gesetz über die Beauf­sich­ti­gung der Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men (Ver­si­che­rungs­auf­sichts­ge­setz).

Arbeit­ge­ber, die eine siche­rungs­pflich­ti­ge betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung durch­füh­ren, sind nach § 10 Abs. 1 Betriebs­ren­ten­ge­setz ver­pflich­tet, Bei­trä­ge zur Durch­füh­rung der Insol­venz­si­che­rung an den PSVaG zu ent­rich­ten. Hier­bei han­delt es sich um eine öffent­lich-recht­li­che Ver­pflich­tung. Damit besteht eine Zwangs­ver­si­che­rungs­pflicht für die­se Arbeit­ge­ber.

Für die Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen dem PSVaG und dem Arbeit­ge­ber als Ver­si­che­rungs­neh­mer sind nach natio­na­lem Recht zwar die zivil­recht­li­chen Rege­lun­gen anwend­bar. Dies gilt jedoch nicht für die Bei­trags­pflicht des Arbeit­ge­bers. Inso­weit ste­hen dem PSVaG auf­grund öffent­li­chen Rechts hoheit­li­che Befug­nis­se zu [17]. Hin­sicht­lich sei­ner Berech­ti­gung, Bei­trä­ge zu erhe­ben, ist er ein mit Auf­ga­ben und Befug­nis­sen der öffent­li­chen Ver­wal­tung belie­he­nes Unter­neh­men [18]. Er hat damit das Recht, die von ihm erteil­ten Bei­trags­be­schei­de als Ver­wal­tungs­ak­te zu erlas­sen. Aller­dings ist er – anders als eine Behör­de – nicht ermäch­tigt, ver­wal­tungs­recht­li­che Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men anzu­ord­nen. Viel­mehr fin­det die Zwangs­voll­stre­ckung aus die­sen Ver­wal­tungs­ak­ten nach den Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung statt, die nach § 10 Abs. 4 Satz 1 Betriebs­ren­ten­ge­setz ent­spre­chend anwend­bar sind. Für das Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nach den Bestim­mun­gen der Zivil­pro­zess­ord­nung bedarf es eines Voll­stre­ckungs­ti­tels und einer voll­streck­ba­ren Aus­fer­ti­gung. Die­se Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung schafft der PSVaG nach § 10 Abs. 4 Betriebs­ren­ten­ge­setz auf­grund sei­ner hoheit­li­chen Befug­nis selbst. Das unter­schei­det ihn von Pri­vat­per­so­nen, die eine Zwangs­voll­stre­ckung betrei­ben. Denn die­se müs­sen regel­mä­ßig einen Voll­stre­ckungs­ti­tel im gericht­li­chen Ver­fah­ren erwir­ken und eine voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung des Voll­stre­ckungs­ti­tels über die gesetz­lich hier­für bestimm­ten Orga­ne der Rechts­pfle­ge bean­tra­gen. Die Befug­nis­se des PSVaG ähneln daher inso­weit den­je­ni­gen der Ver­wal­tungs­be­hör­den, die nach § 3 Ver­wal­tungs-Voll­stre­ckungs­ge­setz berech­tigt sind, auf­grund ihrer Leis­tungs­be­schei­de eine Voll­stre­ckungs­an­ord­nung zu erlas­sen und damit die Zwangs­voll­stre­ckung ein­zu­lei­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt – Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ‑Vor­la­ge vom 20. Febru­ar 2018 – 3 AZR 142/​16 (A)

  1. ABl. EU L 283 vom 28.10.2008 Sei­te 36[]
  2. ABl. EU L 263 vom 08.10.2015 Sei­te 1[]
  3. BGBl. I Sei­te 3610[]
  4. BGBl. I Sei­te 3214[]
  5. vgl. hier­zu EuGH 9.10.2001 – C‑379/​99 – [Men­au­er] Rn. 5 f.[]
  6. 25.01.2007 – C‑278/​05, Rn. 57 zum wort­i­den­ti­schen Art. 8 der Richt­li­nie 80/​987/​EWG des Rates vom 20.10.1980[]
  7. 25.04.2013 – C‑398/​11, Rn. 51[]
  8. - C‑454/​15 – [Webb-Sämann] Rn. 35[]
  9. EuGH 24.11.2016 – C‑454/​15 – [Webb-Sämann] Rn. 36[]
  10. vgl. etwa EuGH 24.01.2012 – C‑282/​10 – [Dom­in­guez] Rn. 25 mwN[]
  11. vgl. Bun­des­tags-Drs. 7/​2843 Sei­te 9; sowie die ent­spre­chen­den Erör­te­run­gen im Ple­num des Deut­schen Bun­des­ta­ges, 7. Legis­la­tur­pe­ri­ode, 134. Sit­zung, Ste­no­gra­fi­sche Berich­te Sei­te 9060[]
  12. vgl. etwa EuGH 1.07.2010 – C‑194/​08 – [Gas­s­mayr] Rn. 44 mwN[]
  13. vgl. etwa EuGH 1.07.2010 – C‑194/​08 – [Gas­s­mayr] Rn. 45 mwN[]
  14. vgl. EuGH 19.11.1991 – C‑6/​90 und – C‑9/​90 – [Pre­tu­ra Vicen­za und Pre­tu­ra Bassa­no del Grap­pa] Rn. 12[]
  15. vgl. EuGH 25.01.2007 – C‑278/​05 – [Robins ua.] zum wort­i­den­ti­schen Art. 8 der Richt­li­nie 80/​987/​EWG des Rates vom 20.10.1980; 25.04.2013 – C‑398/​11 – [Hogan ua.]; 24.11.2016 – C‑454/​15 – [Webb-Sämann][]
  16. sie­he hier­zu etwa EuGH 12.12 2013 – C‑361/​12 – [Car­ra­tù] Rn. 29; 12.09.2013 – C‑614/​11 – [Kuso] Rn. 32; 12.07.1990 – C‑188/​89 – [Fos­ter ua.] Rn. 22[]
  17. vgl. etwa BAG 29.09.2010 – 3 AZR 546/​08, Rn. 15 mwN[]
  18. Bun­des­tags-Drs. 7/​2843 Sei­te 10[]