Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung – und die Rechts­kraft des Ver­sor­gungs­aus­gleichs

Die mate­ri­el­le Rechts­kraft eines fami­li­en­ge­richt­li­chen Beschlus­ses über den Ver­sor­gungs­aus­gleich erfasst nicht die Vor­fra­ge, ob und in wel­chem Umfang einem der Ehe­gat­ten gegen sei­nen Arbeit­ge­ber oder einen exter­nen Ver­sor­gungs­trä­ger künf­ti­ge Ansprü­che auf Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung zuste­hen.

Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung – und die Rechts­kraft des Ver­sor­gungs­aus­gleichs

Durch den rechts­kräf­ti­gen Beschluss des Fami­li­en­ge­richts im Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren wur­de nicht mit inter­pro­zes­sua­ler Bin­dungs­wir­kung ent­schie­den, dass dem Arbeit­neh­mer kei­ne künf­ti­gen Ansprü­che auf Leis­tun­gen nach der betrieb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nung gegen die Arbeit­ge­be­rin zuste­hen. Die mate­ri­el­le Rechts­kraft eines fami­li­en­ge­richt­li­chen Beschlus­ses, durch den nach § 1 Abs. 1 VersAus­glG im Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren die in der Ehe­zeit erwor­be­nen Antei­le von Anrech­ten jeweils zur Hälf­te zwi­schen den geschie­de­nen Ehe­gat­ten geteilt wer­den, erfasst nicht die Vor­fra­ge, ob und in wel­chem Umfang dem aus­gleichs­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten gegen sei­nen Arbeit­ge­ber oder einen exter­nen Ver­sor­gungs­trä­ger künf­ti­ge Ansprü­che auf Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung zuste­hen.

Weder das Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz noch das Gesetz über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit (FamFG) ent­hal­ten aus­drück­li­che Rege­lun­gen zum Umfang der mate­ri­el­len Rechts­kraft einer über den Ver­sor­gungs­aus­gleich getrof­fe­nen Ent­schei­dung. Für die­se gel­ten viel­mehr die all­ge­mei­nen zivil­pro­zes­sua­len Grund­sät­ze zur mate­ri­el­len Rechts­kraft 1. Danach ist eine Ent­schei­dung in Bezug auf den jewei­li­gen Streit- bzw. Ver­fah­rens­ge­gen­stand der Rechts­kraft fähig (vgl. § 322 Abs. 1 ZPO). Prä­ju­di­zi­el­le Rechts­ver­hält­nis­se, über deren Bestand oder Umfang im Rah­men der Ent­schei­dung über den erho­be­nen pro­zes­sua­len Anspruch durch das Gericht vor­ab zu ent­schei­den ist, neh­men dage­gen grund­sätz­lich nicht an der Rechts­kraft­wir­kung teil 2. Die Fra­ge, ob – und ggf. in wel­chem Umfang – der aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te gegen sei­nen Arbeit­ge­ber oder einen exter­nen Ver­sor­gungs­trä­ger einen künf­ti­gen Anspruch auf Leis­tun­gen der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung bei Ein­tritt eines Ver­sor­gungs­falls erwor­ben hat, hat das Fami­li­en­ge­richt ledig­lich als Vor­fra­ge zur Ermitt­lung der in der Ehe­zeit erwor­be­nen Antei­le von Anrech­ten (Ehe­zeit­an­tei­le) zu prü­fen. Als ledig­lich prä­ju­di­zi­el­les Rechts­ver­hält­nis nimmt die Fest­stel­lung über des­sen Bestand und Umfang daher nicht an der mate­ri­el­len Rechts­kraft des Beschlus­ses über den Ver­sor­gung­aus­gleich teil.

Sinn und Zweck des fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­rens ste­hen dem eben­falls nicht ent­ge­gen. Dies folgt aus der Rege­lung in § 221 FamFG. Nach § 221 Abs. 2 FamFG hat das Fami­li­en­ge­richt das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen, wenn ein Rechts­streit über Bestand oder Höhe eines in den Ver­sor­gungs­aus­gleich ein­zu­be­zie­hen­den Anrechts anhän­gig ist. Besteht Streit über ein Anrecht, ohne dass die Vor­aus­set­zun­gen des Absat­zes 2 erfüllt sind, kann das Gericht das Ver­fah­ren aus­set­zen und einem oder bei­den Ehe­gat­ten eine Frist zur Erhe­bung der Kla­ge set­zen. Wird die­se Kla­ge nicht oder nicht recht­zei­tig erho­ben, kann das Gericht das Vor­brin­gen unbe­rück­sich­tigt las­sen, das mit der Kla­ge hät­te gel­tend gemacht wer­den kön­nen (§ 221 Abs. 3 FamFG). Die Rege­lung ent­spricht dem frü­he­ren § 53c FGG 3. Die im ursprüng­li­chen Geset­zes­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung nicht ent­hal­te­ne Bestim­mung 4 wur­de, zunächst als § 53 b/​1 – auf Anre­gung des Rechts­aus­schus­ses in das dama­li­ge Gesetz über die Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit auf­ge­nom­men 5. Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung soll­te die Vor­schrift regeln, wie zu ver­fah­ren ist, wenn unter den am Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren Betei­lig­ten über den Bestand oder die Höhe einer Ver­sor­gung Streit besteht. Der Gesetz­ge­ber woll­te mit die­ser Rege­lung der jeweils zustän­di­gen Fach­ge­richts­bar­keit den Vor­rang für die Klä­rung die­ser strit­ti­gen Vor­fra­gen ein­räu­men. Dies beruht auf der Über­le­gung, dass die Fami­li­en­ge­rich­te in die­sen Fäl­len häu­fig über weni­ger Fach­kennt­nis­se ver­fü­gen und ein "Zwi­schen­streit die­ser Art durch den Fami­li­en­rich­ter nicht auch mit Ver­bind­lich­keit gegen­über dem Trä­ger der Ver­sor­gung geklärt wer­den kann" 6. Damit liegt auch § 221 FamFG die Vor­stel­lung zu Grun­de, dass die Fami­li­en­ge­rich­te durch die Ent­schei­dung über den Ver­sor­gungs­aus­gleich nicht rechts­kräf­tig über den Bestand und den Umfang der vom aus­gleichs­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten erwor­be­nen künf­ti­gen Ver­sor­gungs­an­sprü­che ent­schei­den 7.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum Umfang der mate­ri­el­len Rechts­kraft von Ent­schei­dun­gen über den Ver­sor­gungs­aus­gleich gebie­tet kein ande­res Ergeb­nis. Danach sind – der Natur des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­rens als Amts­er­mitt­lungs­ver­fah­ren ent­spre­chend – sämt­li­che bei Ehe­zei­ten­de vor­han­de­nen Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten und ‑anrech­te der Ehe­gat­ten Gegen­stand des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­rens, unab­hän­gig davon, ob sie von den Ehe­gat­ten mit­ge­teilt oder ver­schwie­gen wur­den 8. Wird eine dem Wert­aus­gleich bei der Schei­dung grund­sätz­lich unter­fal­len­de Ver­sor­gungs­an­wart­schaft feh­ler­haft nicht aus­ge­gli­chen, weil sie dem Gericht nicht bekannt war oder von die­sem über­se­hen wur­de, liegt zwar eine feh­ler­haf­te Ent­schei­dung des Gerichts vor. Die­se erwächst aber mit Ablauf der Beschwer­de­frist in for­mel­le und mate­ri­el­le Rechts­kraft, und zwar nicht nur inso­weit, als Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten tat­säch­lich aus­ge­gli­chen wer­den, son­dern auch mit dem Inhalt, dass kei­ne wei­te­ren Anrech­te im Wert­aus­gleich bei der Schei­dung nach §§ 9 ff. VersAus­glG aus­zu­glei­chen sind 9. Damit beschränkt sich auch nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die mate­ri­el­le Rechts­kraft der Ent­schei­dung über den Ver­sor­gungs­aus­gleich inhalt­lich ledig­lich auf die dadurch her­bei­ge­führ­te Aus­gleichs­wir­kung. Durch einen sol­chen Beschluss steht im Fall sei­ner for­mel­len Rechts­kraft nur fest, dass kei­ne wei­te­ren Anrech­te im Wert­aus­gleich bei der Schei­dung nach §§ 9 ff. VersAus­glG mehr aus­zu­glei­chen sind, nicht jedoch, ob und in wel­chem Umfang zwi­schen einem der Ehe­gat­ten und sei­nem Arbeit­ge­ber oder einen exter­nen Ver­sor­gungs­trä­ger sol­che Anrech­te bestehen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. April 2018 – 3 AZR 738/​16

  1. vgl. Zöller/​Feskorn ZPO 32. Aufl. § 45 FamFG Rn. 11; Abra­men­ko in Prütting/​Helms FamFG 4. Aufl. § 45 Rn. 12; Rüntz in Bah­ren­fuss FamFG 3. Aufl. § 45 Rn. 15; Elzer in Bork/​Jacoby/​Schwab FamFG 2. Aufl. § 45 Rn. 13; zur mate­ri­el­len Rechts­kraft­fä­hig­keit von Ent­schei­dun­gen über den Ver­sor­gungs­aus­gleich sie­he auch BGH 24.07.2013 – XII ZB 340/​11, Rn. 28, BGHZ 198, 91; 25.06.2014 – XII ZB 410/​12, Rn. 12 f.; vgl. schon zur alten Rechts­la­ge BGH 17.01.2007 – XII ZB 134/​03, Rn. 13 ff.; 28.03.1984 – IVb ZB 774/​81, zu II B der Grün­de; 21.04.1982 – IVb ZB 584/​81, zu II 2 c der Grün­de[]
  2. vgl. etwa BAG 27.05.2015 – 5 AZR 88/​14, Rn. 37 mwN, BAGE 152, 1; BGH 14.03.2008 – V ZR 13/​07, Rn. 18 f.; 26.06.2003 – I ZR 269/​00, zu II 1 b der Grün­de[]
  3. vgl. BT-Drs. 16/​6308 S. 253[]
  4. vgl. BT-Drs. 7/​650 S. 32 f.[]
  5. vgl. BT-Drs. 7/​4361 S. 164[]
  6. vgl. BT-Drs. 7/​4361 S. 71[]
  7. eben­so OLG Karls­ru­he 14.06.2017 – 5 UF 43/​17, Rn. 11[]
  8. BGH 25.06.2014 – XII ZB 410/​12, Rn. 11; 24.07.2013 – XII ZB 340/​11, Rn. 26, BGHZ 198, 91[]
  9. BGH 25.06.2014 – XII ZB 410/​12, Rn. 13; 24.07.2013 – XII ZB 340/​11, Rn. 28, aaO[]