Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung – Sozi­al­aus­wahl und Alters­struk­tur

Nach § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG ist eine Kün­di­gung trotz Vor­lie­gens drin­gen­der betrieb­li­cher Erfor­der­nis­se im Sin­ne von § 1 Abs. 2 KSchG sozi­al unge­recht­fer­tigt, wenn der Arbeit­ge­ber bei der Aus­wahl des Arbeit­neh­mers die Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, das Lebens­al­ter, bestehen­de Unter­halts­pflich­ten und eine Schwer­be­hin­de­rung nicht oder nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt hat.

Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung – Sozi­al­aus­wahl und Alters­struk­tur

Nach § 1 Abs. 5 Satz 2 KSchG kann die sozia­le Aus­wahl nur auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit über­prüft wer­den, wenn die Kün­di­gung auf­grund einer Betriebs­än­de­rung im Sin­ne von § 111 BetrVG erfolgt und die zu kün­di­gen­den Arbeit­neh­mer in einem Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat nament­lich bezeich­net sind.

§ 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG gestat­tet in Abwei­chung von § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG die Vor­nah­me der Sozi­al­aus­wahl im Rah­men von Alters­grup­pen, wenn dies zur Siche­rung einer aus­ge­wo­ge­nen Alters­struk­tur der Beleg­schaft im berech­tig­ten betrieb­li­chen Inter­es­se liegt. Das setzt vor­aus, dass die im kon­kre­ten Fall vor­ge­nom­me­ne Alters­grup­pen­bil­dung und die dar­aus abge­lei­te­ten Kün­di­gungs­ent­schei­dun­gen zur Siche­rung der bestehen­den Per­so­nal­struk­tur tat­säch­lich geeig­net sind 1.

Inwie­weit Kün­di­gun­gen Aus­wir­kun­gen auf die Alters­struk­tur des Betriebs haben, wel­che Nach­tei­le sich dar­aus erge­ben und ob die­se eine Abwei­chung von den Vor­ga­ben des § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG recht­fer­ti­gen, hängt von den betrieb­li­chen Ver­hält­nis­sen ab und kann nicht abs­trakt für alle denk­ba­ren Fäl­le beschrie­ben wer­den. Der Arbeit­ge­ber muss die Aus­wir­kun­gen und mög­li­chen Nach­tei­le des­we­gen im Ein­zel­nen dar­le­gen, wenn er sich wegen der Siche­rung der Per­so­nal­struk­tur auf § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG beru­fen will 2. Zumin­dest dann, wenn – wie hier – die Anzahl der Ent­las­sun­gen inner­halb der Grup­pe ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer im Ver­hält­nis zur Anzahl aller Arbeit­neh­mer des Betriebs die Schwel­len­wer­te des § 17 KSchG erreicht, kom­men ihm dabei Erleich­te­run­gen zugu­te; ein berech­tig­tes betrieb­li­ches Inter­es­se an der Bei­be­hal­tung der Alters­struk­tur wird unter die­ser Vor­aus­set­zung – wider­leg­bar – indi­ziert 3.

In jedem Fall muss die sich erge­ben­de Ver­tei­lung der bis­lang Beschäf­tig­ten auf die gebil­de­ten Alters­grup­pen ihre pro­zen­tua­le Ent­spre­chung in der Anzahl der in der jewei­li­gen Alters­grup­pe zu kün­di­gen­den Arbeits­ver­hält­nis­se fin­den 4.

Es müs­sen inner­halb des zur Sozi­al­aus­wahl anste­hen­den Per­so­nen­krei­ses – dh. inner­halb der Ver­gleichs­grup­pe

  • nach sach­li­chen Kri­te­ri­en Alters­grup­pen gebil­det (Schritt 1),
  • die pro­zen­tua­le Ver­tei­lung der Beleg­schaft auf die Alters­grup­pen fest­ge­stellt (Schritt 2) und
  • die Gesamt­zahl der aus­zu­spre­chen­den Kün­di­gun­gen die­sem Pro­porz ent­spre­chend auf die ein­zel­nen Alters­grup­pen ver­teilt wer­den (Schritt 3) 5.

Wird eine Alters­grup­pe statt­des­sen über­pro­por­tio­nal her­an­ge­zo­gen, wird die bestehen­de Alters­struk­tur nicht "gesi­chert", son­dern ver­än­dert. Das hat zur Fol­ge, dass nicht nur die Kün­di­gun­gen unwirk­sam sind, die unter Bei­be­hal­tung des Alters­grup­pen­sys­tems über den eigent­lich auf die Alters­grup­pe ent­fal­len­den Anteil hin­aus­ge­hen 6. Viel­mehr ist damit die gesam­te Sozi­al­aus­wahl nach Alters­grup­pen hin­fäl­lig und ist die frag­li­che Kün­di­gung ohne die­ses Pri­vi­leg an § 1 Abs. 3 Satz 1, § 1 Abs. 5 KSchG zu mes­sen. Der ent­spre­chen­de Feh­ler im Aus­wahl­ver­fah­ren führt damit zwar nicht per se zur Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung. Jedoch erstreckt sich die Ergeb­nis­kon­trol­le nun­mehr auf die gesam­te Ver­gleichs­grup­pe, weil die Vor­aus­set­zun­gen der Aus­nah­me­re­ge­lung des § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG nicht – alle­samt – erfüllt sind.

Betei­ligt der Arbeit­ge­ber die Alters­grup­pen pro­por­tio­nal unter­schied­lich stark an dem Per­so­nal­ab­bau, führt dies zu einer Ver­än­de­rung der vor­han­de­nen Alters­struk­tur. Eine sol­che stellt kein berech­tig­tes Inter­es­se im Sin­ne von § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG dar. Die­se Norm gestat­tet ledig­lich eine Siche­rung der vor­han­de­nen Per­so­nal­struk­tur. Mit die­sem Ziel ver­stößt sie nicht gegen das uni­ons­recht­li­che Ver­bot der Alters­dis­kri­mi­nie­rung (Art. 21 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on) und des­sen Aus­ge­stal­tung durch die Richt­li­nie 2000/​78/​EG 7. Eine Ver­än­de­rung der Per­so­nal­struk­tur wird durch das natio­na­le Recht nur im Anwen­dungs­be­reich des § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Halbs. 2 InsO ermög­licht. Die Schaf­fung einer aus­ge­wo­ge­nen Alters­struk­tur ist allein durch das Ziel der Sanie­rung eines insol­ven­ten Unter­neh­mens gerecht­fer­tigt. Dabei haben die Gerich­te die Erfor­der­lich­keit und Ange­mes­sen­heit der Alters­grup­pen­bil­dung mit Blick auf die uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben und § 10 AGG im Ein­zel­fall zu über­prü­fen 8. Gestat­te­te man dem­ge­gen­über auch im "nicht-insol­venz­li­chen" Gel­tungs­be­reich des § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG eine dis­pro­por­tio­na­le Betei­li­gung der Alters­grup­pen, könn­ten sich die Betriebs­par­tei­en will­kür­lich selbst über die nicht zu ihrer Dis­po­si­ti­on ste­hen­den gesetz­li­chen Grund­be­din­gun­gen der sozia­len Aus­wahl hin­weg­set­zen 9.

In der For­de­rung nach einer streng pro­por­tio­na­len Betei­li­gung der Alters­grup­pen am Per­so­nal­ab­bau – sei es nach "Köp­fen" oder nach "Arbeits­zeit­an­tei­len" – liegt kein Wider­spruch zu den Grund­sät­zen für die Annah­me gro­ber Feh­ler­haf­tig­keit bei der Bil­dung der aus­wahl­re­le­van­ten Arbeit­neh­mer­grup­pen 10 und bei der Her­aus­nah­me ein­zel­ner Arbeit­neh­mer aus der Sozi­al­aus­wahl gemäß § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG 11. Dort wer­den den Betriebs­par­tei­en Ein­schät­zungs- und Ermes­sens­spiel­räu­me in – oft schwie­ri­gen – Beur­tei­lungs- oder Abwä­gungs­fra­gen zuge­bil­ligt. Für sol­che Über­le­gun­gen ist im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang kein Raum. Hier geht es um schlich­te "Arith­me­tik". Dem­entspre­chend besteht bei der Sozi­al­aus­wahl nach Alters­grup­pen im Sin­ne von § 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG ein Gestal­tungs­raum ledig­lich bei der Fest­le­gung der Grup­pen (Schritt 1) 12.

Die Arbeit­ge­be­rin hat im hier ent­schie­de­nen Fall nicht vor­ge­tra­gen, dass die Abwei­chun­gen vom gleich­mä­ßi­gen Pro­porz in irgend­ei­ner Wei­se mit den Vor­ga­ben von § 1 Abs. 3 KSchG in Zusam­men­hang stün­den. Sofern der Alters­durch­schnitt in den jewei­li­gen Alters­grup­pen durch den Per­so­nal­ab­bau nur leicht erhöht und damit die Alters­struk­tur des Betriebs – fast – gewahrt wor­den sein soll­te, war dies nicht die Fol­ge einer kor­rek­ten Betei­li­gung der Alters­grup­pen, son­dern das Ergeb­nis einer will­kür­li­chen Bestim­mung der zu kün­di­gen­den Arbeit­neh­mer inner­halb der Alters­grup­pen 13. Eine ord­nungs­ge­mä­ße Sozi­al­aus­wahl hät­te mög­li­cher­wei­se zu einer stär­ke­ren Erhö­hung des Durch­schnitts­al­ters geführt. Im Übri­gen besag­te ein nach "Köp­fen" berech­ne­tes Durch­schnitts­al­ter nichts über die Siche­rung der Per­so­nal­struk­tur, wenn man die­se über "Tages­stun­den" defi­nie­ren woll­te.

Lagen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Abwei­chung von den Grund­sät­zen der Sozi­al­aus­wahl nach § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG nicht vor, hat­te die Sozi­al­aus­wahl ohne Rück­sicht auf Alters­grup­pen zu erfol­gen 14.

Die Sozi­al­aus­wahl ist grob feh­ler­haft, wenn eine evi­den­te, ins Auge sprin­gen­de erheb­li­che Abwei­chung von den Grund­sät­zen des § 1 Abs. 3 KSchG vor­liegt und der Inter­es­sen­aus­gleich jede sozia­le Aus­ge­wo­gen­heit ver­mis­sen lässt 15. Dabei muss sich die getrof­fe­ne Aus­wahl gera­de mit Blick auf den kla­gen­den Arbeit­neh­mer im Ergeb­nis als grob feh­ler­haft erwei­sen. Nicht ent­schei­dend ist, dass das gewähl­te Aus­wahl­ver­fah­ren als sol­ches Anlass zu Bean­stan­dun­gen gibt 16. Die Wür­di­gung des Gerichts, die sozia­le Aus­wahl sei – grob – feh­ler­haft, setzt die Fest­stel­lung vor­aus, dass der vom Arbeit­neh­mer gerüg­te Aus­wahl­feh­ler tat­säch­lich vor­liegt, also ein bestimm­ter mit dem Gekün­dig­ten ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer in dem nach dem Gesetz erfor­der­li­chen Maß weni­ger schutz­be­dürf­tig ist 17.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. März 2015 – 2 AZR 478/​13

  1. BAG 24.10.2013 – 6 AZR 854/​11, Rn. 49, BAGE 146, 234; 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11, Rn. 26, BAGE 142, 339[]
  2. BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12, Rn. 33; 15.12 2011 – 2 AZR 42/​10, Rn. 65, BAGE 140, 169[]
  3. BAG 24.10.2013 – 6 AZR 854/​11, Rn. 54, BAGE 146, 234; 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11, Rn. 28, BAGE 142, 339[]
  4. BAG 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11, Rn. 31, BAGE 142, 339; 22.03.2012 – 2 AZR 167/​11, Rn. 33[]
  5. BAG 24.10.2013 – 6 AZR 854/​11, Rn. 49, BAGE 146, 234; 15.12 2011 – 2 AZR 42/​10, Rn. 60, BAGE 140, 169[]
  6. aA Krieger/​Reinecke DB 2013, 1906, 1911[]
  7. vgl. BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12, Rn. 23 ff.; 15.12 2011 – 2 AZR 42/​10, Rn. 46 ff., BAGE 140, 169[]
  8. vgl. BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12 – aaO[]
  9. zu die­sem Maß­stab der gro­ben Feh­ler­haf­tig­keit vgl. BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12, Rn. 44; 20.09.2012 – 6 AZR 483/​11, Rn. 22[]
  10. vgl. BAG 24.10.2013 – 6 AZR 854/​11, Rn. 26, BAGE 146, 234; 15.12 2011 – 2 AZR 42/​10, Rn. 38, BAGE 140, 169[]
  11. vgl. BAG 10.06.2010 – 2 AZR 420/​09, Rn. 29[]
  12. vgl. BAG 15.12 2011 – 2 AZR 42/​10, Rn. 65, aaO; 20.04.2005 – 2 AZR 201/​04, Rn. 17; zu § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 InsO: BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12, Rn. 50; 24.10.2013 – 6 AZR 854/​11, Rn. 53, aaO[]
  13. vgl. dazu BAG 22.03.2012 – 2 AZR 167/​11, Rn. 35[]
  14. vgl. BAG 19.12 2013 – 6 AZR 790/​12, Rn. 58; 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11, Rn. 33, BAGE 142, 339[]
  15. st. Rspr., BAG 24.10.2013 – 6 AZR 854/​11, Rn. 26, BAGE 146, 234; 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11, Rn. 34, BAGE 142, 339[]
  16. BAG 19.07.2012 – 2 AZR 352/​11 – aaO; 15.12 2011 – 2 AZR 42/​10, Rn. 39, BAGE 140, 169[]
  17. BAG 20.09.2012 – 6 AZR 483/​11, Rn. 25; 10.06.2010 – 2 AZR 420/​09, Rn.19[]