Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung – und die Anhö­rung des Betriebs­rats

Nach § 102 Abs. 1 Satz 1 BetrVG ist der Betriebs­rat vor jeder Kün­di­gung zu hören. Der Arbeit­ge­ber hat ihm gemäß § 102 Abs. 1 Satz 2 BetrVG die Grün­de für die Kün­di­gung mit­zu­tei­len. Eine ohne Anhö­rung des Betriebs­rats aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung ist gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 BetrVG unwirk­sam.

Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung – und die Anhö­rung des Betriebs­rats

Für die Mit­tei­lung der Kün­di­gungs­grün­de gilt der Grund­satz der „sub­jek­ti­ven Deter­mi­nie­rung[1]. Der Arbeit­ge­ber muss dem Betriebs­rat die Umstän­de mit­tei­len, die sei­nen Kün­di­gungs­ent­schluss tat­säch­lich bestimmt haben [2]. Dem kommt er dann nicht nach, wenn er dem Betriebs­rat einen schon aus sei­ner eige­nen Sicht unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halt unter­brei­tet [2]. Das Gebot der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit soll im Ver­hält­nis zwi­schen Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat Offen­heit und Ehr­lich­keit gewähr­leis­ten und ver­bie­tet es, dem Betriebs­rat Infor­ma­tio­nen zu geben bzw. ihm vor­zu­ent­hal­ten, auf­grund derer bzw. ohne die bei ihm ein fal­sches Bild über den Kün­di­gungs­sach­ver­halt ent­ste­hen könn­te [3]. Schil­dert der Arbeit­ge­ber dem Betriebs­rat bewusst und gewollt unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge – und damit irre­füh­ren­de – Kün­di­gungs­sach­ver­hal­te, ist die Anhö­rung unzu­rei­chend und die Kün­di­gung unwirk­sam [4]. Eine bloß ver­meid­ba­re oder unbe­wuss­te Fehl­in­for­ma­ti­on führt dage­gen noch nicht für sich allei­ne zur Unwirk­sam­keit der Betriebs­rats­an­hö­rung [5].

Die Mit­tei­lungs­pflicht des Arbeit­ge­bers im Rah­men von § 102 Abs. 1 Satz 2 BetrVG reicht nicht so weit wie sei­ne Dar­le­gungs­last im Pro­zess [6]. Die Anhö­rung des Betriebs­rats soll die­sem nicht die selb­stän­di­ge Über­prü­fung der Wirk­sam­keit der beab­sich­tig­ten Kün­di­gung, son­dern eine Ein­fluss­nah­me auf die Wil­lens­bil­dung des Arbeit­ge­bers ermög­li­chen [7]. Sinn und Zweck des § 102 Abs. 1 Satz 2 BetrVG ist es, den Betriebs­rat in die Lage zu ver­set­zen, sach­ge­recht auf den Arbeit­ge­ber ein­zu­wir­ken, dh. die Stich­hal­tig­keit und Gewich­tig­keit der Kün­di­gungs­grün­de zu über­prü­fen und sich über sie eine eige­ne Mei­nung zu bil­den [8]. Den Kün­di­gungs­grund hat der Arbeit­ge­ber daher regel­mä­ßig unter Anga­be von Tat­sa­chen so zu beschrei­ben, dass der Betriebs­rat ohne zusätz­li­che eige­ne Nach­for­schun­gen die Stich­hal­tig­keit prü­fen kann [9].

Danach hat die Arbeit­ge­be­rin in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall dem Betriebs­rat den für sie maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­sach­ver­halt hin­rei­chend mit­ge­teilt. Sie hat ange­ge­ben, die Auf­ga­ben der Arbeit­neh­me­rin wür­den zum 1.01.2013 teil­wei­se an Dritt­un­ter­neh­men über­tra­gen, teil­wei­se intern neu ver­teilt. Sie hat anhand der bis­he­ri­gen Stel­len­be­schrei­bung der Arbeit­neh­me­rin kon­kret auf­ge­lis­tet, wel­che Teil­auf­ga­ben zukünf­tig von wel­chem Dritt­un­ter­neh­men oder wel­chem ande­ren Mit­ar­bei­ter wahr­ge­nom­men wür­den. Soweit sie dabei feh­ler­haft dar­ge­stellt haben soll­te, die Tätig­kei­ten betref­fend die „Ver­ant­wor­tung PR- und Media­bud­get“ wer­de der Lei­ter Mar­ke­ting über­neh­men, wäh­rend sie in Wirk­lich­keit eben­falls einem – für die Über­nah­me ande­rer Auf­ga­ben der Arbeit­neh­me­rin benann­ten – exter­nen Unter­neh­men über­tra­gen wer­den soll­ten, lag dar­in nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts kei­ne bewuss­te Irre­füh­rung. Die objek­tiv unzu­tref­fen­de Anga­be hat den Kün­di­gungs­sach­ver­halt nicht so ver­fälscht, dass dem Betriebs­rat eine Stel­lung­nah­me zu den wah­ren Kün­di­gungs­grün­den nicht mög­lich gewe­sen wäre. Der Kern des Kün­di­gungs­grun­des – der Weg­fall der Stel­le der Arbeit­neh­me­rin durch Fremd­ver­ga­be und Umver­tei­lung auf ande­re Mit­ar­bei­ter – blieb unver­än­dert. Eine ande­re Beur­tei­lung käme in Betracht, wenn es für die Ein­schät­zung des Betriebs­rats, ob die Umor­ga­ni­sa­ti­on so, wie sie geplant war, über­haupt prak­tisch durch­führ­bar wäre, von erheb­li­cher Bedeu­tung hät­te sein kön­nen, ob der frag­li­che Auf­ga­ben­be­reich von einem inter­nen Mit­ar­bei­ter oder von einem Dritt­un­ter­neh­men über­nom­men wer­den soll­te, weil dies etwa ange­sichts von Art oder Umfang der Tätig­kei­ten nicht gleich­gül­tig wäre.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. März 2015 – 2 AZR 417/​14

  1. BAG 23.10.2014 – 2 AZR 736/​13, Rn. 14; 21.11.2013 – 2 AZR 797/​11, Rn. 24, BAGE 146, 303[]
  2. BAG 23.10.2014 – 2 AZR 736/​13 – aaO; 21.11.2013 – 2 AZR 797/​11 – aaO[][]
  3. BAG 31.05.1990 – 2 AZR 78/​89, zu II 1 a der Grün­de[]
  4. BAG 31.07.2014 – 2 AZR 407/​13, Rn. 46; 10.04.2014 – 2 AZR 684/​13, Rn. 22; 24.05.1989 – 2 AZR 399/​88, zu II 2 c der Grün­de[]
  5. vgl. BAG 21.11.2013 – 2 AZR 797/​11, Rn. 26, aaO; 12.09.2013 – 6 AZR 121/​12, Rn. 21; 22.09.1994 – 2 AZR 31/​94, zu II 3 b der Grün­de, BAGE 78, 39[]
  6. BAG 23.10.2014 – 2 AZR 736/​13, Rn. 22; 21.11.2013 – 2 AZR 797/​11, Rn. 27, BAGE 146, 303[]
  7. BAG 23.10.2014 – 2 AZR 736/​13 – aaO; 31.01.1996 – 2 AZR 181/​95, zu II 2 der Grün­de[]
  8. BAG 23.10.2014 – 2 AZR 736/​13 – aaO; 27.06.1985 – 2 AZR 412/​84, zu II 1 b der Grün­de, BAGE 49, 136[]
  9. BAG 12.09.2013 – 6 AZR 121/​12, Rn. 21; 23.02.2012 – 2 AZR 773/​10, Rn. 30[]