Betriebs­still­le­gung oder doch die Absicht zur Betriebs­ver­äu­ße­rung?

Die Still­le­gung des gesam­ten Betriebs oder eines Betriebs­teils durch den Arbeit­ge­ber gehört zu den drin­gen­den betrieb­li­chen Erfor­der­nis­sen im Sin­ne von § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG, die einen Grund zur sozia­len Recht­fer­ti­gung einer Kün­di­gung abge­ben kön­nen 1.

Betriebs­still­le­gung oder doch die Absicht zur Betriebs­ver­äu­ße­rung?

Unter Betriebs­still­le­gung ist die Auf­lö­sung der zwi­schen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer bestehen­den Betriebs- und Pro­duk­ti­ons­ge­mein­schaft zu ver­ste­hen, die ihre Ver­an­las­sung und ihren unmit­tel­ba­ren Aus­druck dar­in fin­det, dass der Unter­neh­mer die bis­he­ri­ge wirt­schaft­li­che Betä­ti­gung in der ernst­li­chen Absicht ein­stellt, die Ver­fol­gung des bis­he­ri­gen Betriebs­zwe­ckes dau­ernd oder für eine ihrer Dau­er nach unbe­stimm­te, wirt­schaft­lich nicht uner­heb­li­che Zeit­span­ne nicht wei­ter zu ver­fol­gen 2.

Der Arbeit­ge­ber ist nicht gehal­ten, eine Kün­di­gung erst nach Durch­füh­rung der Still­le­gung aus­zu­spre­chen. Neben der Kün­di­gung wegen erfolg­ter Still­le­gung kommt auch eine Kün­di­gung wegen beab­sich­tig­ter Still­le­gung in Betracht. Im Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kün­di­gung muss die auf Tat­sa­chen gestütz­te, betriebs­wirt­schaft­li­che Pro­gno­se gerecht­fer­tigt sein, dass zum Kün­di­gungs­ter­min mit eini­ger Sicher­heit der Ein­tritt des die Ent­las­sung erfor­der­lich machen­den betrieb­li­chen Grun­des vor­lie­gen wird 3. Erfor­der­lich ist, dass der Arbeit­ge­ber im Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gung den ernst­haf­ten und end­gül­ti­gen Ent­schluss gefasst hat, den Betrieb end­gül­tig und nicht nur vor­über­ge­hend still­zu­le­gen 4. Der Ernst­haf­tig­keit der Still­le­gungs­ab­sicht steht dabei nicht ent­ge­gen, dass sich der Arbeit­ge­ber ent­schlos­sen hat, die gekün­dig­ten Arbeit­neh­mer in der jewei­li­gen Kün­di­gungs­frist noch für die Abar­bei­tung vor­han­de­ner Auf­trä­ge ein­zu­set­zen. Der Arbeit­ge­ber erfüllt damit gegen­über den tat­säch­lich ein­ge­setz­ten Arbeit­neh­mern ledig­lich sei­ne auch im gekün­dig­ten Arbeits­ver­hält­nis bestehen­de Beschäf­ti­gungs­pflicht 5. An einem end­gül­ti­gen Ent­schluss zur Betriebs­still­le­gung fehlt es, wenn der Arbeit­ge­ber im Zeit­punkt der Kün­di­gung noch in ernst­haf­ten Ver­hand­lun­gen über eine Ver­äu­ße­rung des Betriebs steht oder sich noch um neue Auf­trä­ge bemüht 6.

Bei einer Betriebs­still­le­gung ist fer­ner erfor­der­lich, dass die geplan­ten Maß­nah­men zum Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gung bereits "greif­ba­re For­men" ange­nom­men haben 7. Von einer Still­le­gung kann jeden­falls dann aus­ge­gan­gen wer­den, wenn der Arbeit­ge­ber sei­ne Still­le­gungs­ab­sicht unmiss­ver­ständ­lich äußert, allen Arbeit­neh­mern kün­digt, etwai­ge Miet- oder Pacht­ver­trä­ge zum nächst­mög­li­chen Zeit­punkt auf­löst, die Betriebs­mit­tel, über die er ver­fü­gen darf, ver­äu­ßert und die Betriebs­tä­tig­keit voll­stän­dig ein­stellt 8. Für die Still­le­gung von Betriebs­tei­len gilt dies, begrenzt auf die ent­spre­chen­de Ein­heit, ent­spre­chend 9.

Betriebs­ver­äu­ße­rung und Betriebs­still­le­gung schlie­ßen sich sys­te­ma­tisch aus 10. Dabei kommt es auf das tat­säch­li­che Vor­lie­gen des Kün­di­gungs­grun­des und nicht auf die vom Arbeit­ge­ber gege­be­ne Begrün­dung an. Eine vom Arbeit­ge­ber mit einer Still­le­gungs­ab­sicht begrün­de­te Kün­di­gung ist nur dann sozi­al gerecht­fer­tigt, wenn sich die geplan­te Maß­nah­me objek­tiv als Betriebs­still­le­gung und nicht als Betriebs­ver­äu­ße­rung dar­stellt, weil etwa die für die Fort­füh­rung des Betriebs wesent­li­chen Gegen­stän­de einem Drit­ten über­las­sen wer­den soll­ten, der Ver­äu­ße­rer die­sen Vor­gang aber recht­lich unzu­tref­fend als Betriebs­still­le­gung wer­tet 11. An einer Still­le­gung des Betriebs fehlt es nicht nur dann, wenn der gesam­te Betrieb ver­äu­ßert wird, son­dern auch, wenn orga­ni­sa­to­risch abtrenn­ba­re Tei­le des Betriebs im Wege eines Betriebs­teil­über­gangs (§ 613a Abs. 1 Satz 1 BGB) ver­äu­ßert wer­den. Dann liegt kei­ne Betriebs­still­le­gung, son­dern allen­falls eine Betriebs­teil­still­le­gung vor 12. Wird ein Betriebs­teil ver­äu­ßert und der ver­blei­ben­de Rest­be­trieb still­ge­legt, kommt es dar­auf an, ob der gekün­dig­te Arbeit­neh­mer dem auf einen Erwer­ber über­ge­hen­den Betriebs­teil zuge­ord­net war 13. Ist dies nicht der Fall, so kann die Still­le­gung des Rest­be­triebs einen betriebs­be­ding­ten Kün­di­gungs­grund dar­stel­len, wenn die Arbeit­neh­mer die­sem Betriebs­teil zuge­ord­net waren 14.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 14. März 2013 – 8 AZR 153/​12

  1. st. Rspr., vgl. BAG 26.05.2011 – 8 AZR 37/​10, Rn. 25, AP BGB § 613a Nr. 409 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 125[]
  2. BAG 16.02.2012 – 8 AZR 693/​10, Rn. 37, AP KSchG 1969 § 1 Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 188[]
  3. BAG 13.02.2008 – 2 AZR 543/​06, Rn. 22, AP KSchG 1969 § 1 Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 175[]
  4. vgl. BAG 16.02.2012 – 8 AZR 693/​10, Rn. 37, AP KSchG 1969 § 1 Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 188[]
  5. vgl. BAG 8.11.2007 – 2 AZR 554/​05, Rn.20, AP KSchG 1969 § 17 Nr. 28 = EzA KSchG § 1 Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 156[]
  6. vgl. BAG 13.02.2008 – 2 AZR 543/​06, Rn. 23, aaO[]
  7. vgl. BAG 15.12.2011 – 8 AZR 692/​10, Rn. 40, AP BGB § 613a Nr. 424 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 132[]
  8. vgl. BAG 26.05.2011 – 8 AZR 37/​10, Rn. 26, AP BGB § 613a Nr. 409 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 125[]
  9. BAG 26.05.2011 – 8 AZR 37/​10, aaO[]
  10. st. Rspr., vgl. BAG 16.02.2012 – 8 AZR 693/​10, Rn. 39, AP KSchG 1969 § 1 Betriebs­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 188[]
  11. vgl. BAG 28.05.2009 – 8 AZR 273/​08, Rn. 30, AP BGB § 613a Nr. 370 = EzA KSchG § 17 Nr.20[]
  12. BAG 30.10.2008 – 8 AZR 397/​07, Rn. 28, AP BGB § 613a Nr. 358 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 103[]
  13. vgl. BAG 30.10.2008 – 8 AZR 397/​07, Rn. 41, aaO[]
  14. vgl. ErfK/​Oetker 13. Aufl. § 1 KSchG Rn. 283[]
  15. st. Rspr., BAG 16.02.2012 – 8 AZR 693/​10, Rn. 39[]