Betriebs­über­gang – und die mensch­li­che Arbeits­kraft als wesent­li­che Iden­ti­täts­grund­la­ge

Ein Betriebs­über­gang oder Betriebs­teil­über­gang i.S. von § 613a Abs. 1 BGB i.V. mit der Richt­li­nie 2001/​23/​EG vom 12.03.2001 1 liegt vor, wenn ein neu­er Rechts­trä­ger eine bestehen­de wirt­schaft­li­che Ein­heit unter Wah­rung ihrer Iden­ti­tät fort­führt 2.

Betriebs­über­gang – und die mensch­li­che Arbeits­kraft als wesent­li­che Iden­ti­täts­grund­la­ge

Dabei muss es um eine auf Dau­er ange­leg­te Ein­heit gehen, deren Tätig­keit nicht auf die Aus­füh­rung eines bestimm­ten Vor­ha­bens beschränkt ist. Um eine sol­che Ein­heit han­delt es sich bei jeder hin­rei­chend struk­tu­rier­ten und selb­stän­di­gen Gesamt­heit von Per­so­nen und Sachen zur Aus­übung einer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit mit eige­nem Zweck 3.

Den für das Vor­lie­gen eines Über­gangs maß­ge­ben­den Kri­te­ri­en kommt je nach der aus­ge­üb­ten Tätig­keit und je nach den Pro­duk­ti­ons- oder Betriebs­me­tho­den unter­schied­li­ches Gewicht zu. Bei der Prü­fung, ob eine sol­che Ein­heit ihre Iden­ti­tät bewahrt, müs­sen sämt­li­che den betref­fen­den Vor­gang kenn­zeich­nen­den Tat­sa­chen berück­sich­tigt wer­den. Dazu gehö­ren nament­lich die Art des Unter­neh­mens oder Betriebs, der etwai­ge Über­gang der mate­ri­el­len Betriebs­mit­tel wie Gebäu­de und beweg­li­che Güter, der Wert der imma­te­ri­el­len Akti­va im Zeit­punkt des Über­gangs, die etwai­ge Über­nah­me der Haupt­be­leg­schaft durch den neu­en Inha­ber, der etwai­ge Über­gang der Kund­schaft sowie der Grad der Ähn­lich­keit zwi­schen den vor und nach dem Über­gang ver­rich­te­ten Tätig­kei­ten und die Dau­er einer even­tu­el­len Unter­bre­chung die­ser Tätig­kei­ten. Die­se Umstän­de sind jedoch nur Teil­as­pek­te der vor­zu­neh­men­den Gesamt­be­wer­tung und dür­fen des­halb nicht iso­liert betrach­tet wer­den 4.

Kommt es im Wesent­li­chen auf die mensch­li­che Arbeits­kraft an, kann eine struk­tu­rier­te Gesamt­heit von Arbeit­neh­mern trotz des Feh­lens nen­nens­wer­ter mate­ri­el­ler oder imma­te­ri­el­ler Ver­mö­gens­wer­te eine wirt­schaft­li­che Ein­heit dar­stel­len. Wenn eine Ein­heit ohne nen­nens­wer­te Ver­mö­gens­wer­te funk­tio­niert, kann die Wah­rung ihrer Iden­ti­tät nach ihrer Über­nah­me nicht von der Über­nah­me der­ar­ti­ger Ver­mö­gens­wer­te abhän­gen. Die Wah­rung der Iden­ti­tät der wirt­schaft­li­chen Ein­heit ist in die­sem Fall anzu­neh­men, wenn der neue Betriebs­in­ha­ber nicht nur die betref­fen­de Tätig­keit wei­ter­führt, son­dern auch einen nach Zahl und Sach­kun­de wesent­li­chen Teil des Per­so­nals über­nimmt 5.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 30. Janu­ar 2017 – 5 Sa 42/​16

  1. ABl. EG L 82 vom 22.03.2001 S. 16[]
  2. vgl. EuGH 06. 03.2014 – C‑458/​12 – [Ama­to­ri ua.] Rn. 30f. m.w.N.; BAG 19.03.2015 – 8 AZR 150/​14, Rn. 17 m.w.N.[]
  3. EuGH 06. 03.2014 – C‑458/​12 – [Ama­to­ri ua.] Rn. 30f. mwN; BAG 19.03.2015 – 8 AZR 150/​14, 18 m.w.N[]
  4. EuGH 20.01.2011 – C‑463/​09 – [Cle­ce] Rn. 34; BAG 19.03.2015 – 8 AZR 150/​14,19 mwN[]
  5. EuGH 06.09.2011 – C‑108/​10 – [Scat­to­lon] Rn. 49 ff.; BAG 19.03.2015 – 8 AZR 150/​14,20 mwN. Hin­ge­gen stellt die blo­ße Fort­füh­rung der Tätig­keit durch einen ande­ren (Funk­ti­ons­nach­fol­ge) eben­so wenig einen Betriebs­über­gang dar wie die rei­ne Auf­trags­nach­fol­ge ((vgl. EuGH 20.01.2011 – C‑463/​09 – [Cle­ce] Rn. 39 ff.; BAG 19.03.2015 – 8 AZR 150/​14,20 mwN[]