Betriebs­über­gang – und das Wider­spruchs­rechts des Arbeitnehners

Der Über­gang eines Arbeits­ver­hält­nis­ses gemäß § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB auf die Betriebs­über­neh­me­rin setzt vor­aus, dass ein „Betrieb“ oder ein „Betriebs­teil“ auf einen neu­en Inha­ber über­geht. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist dar­un­ter der Über­gang einer ihre Iden­ti­tät bewah­ren­den wirt­schaft­li­chen Ein­heit im Sin­ne einer orga­ni­sier­ten Zusam­men­fas­sung von Res­sour­cen zur Ver­fol­gung einer wirt­schaft­li­chen Haupt- oder Neben­tä­tig­keit zu ver­ste­hen1.

Betriebs­über­gang – und das Wider­spruchs­rechts des Arbeitnehners

Der Arbeit­neh­me­rin steht gegen den Über­gang ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses auf die Betriebs­über­neh­me­rin ein Wider­spruchs­recht gemäß § 613a Abs. 6 Satz 1 BGB zu.

Das Wider­spruchs­recht ist ver­fas­sungs­recht­lich2, nicht aber uni­ons­recht­lich gebo­ten3, so dass auch des­sen nähe­re Aus­ge­stal­tung allein natio­na­lem Recht unter­liegt4.

Das Wider­spruchs­recht ist ein auf Ver­hin­de­rung oder Besei­ti­gung der Rechts­fol­ge des § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB gerich­te­tes Gestal­tungs­recht5.

Es muss inner­halb der in § 613a Abs. 6 Satz 1 BGB bestimm­ten Monats­frist aus­ge­übt wer­den. Die Frist beginnt unab­hän­gig vom Zeit­punkt des Betriebs­über­gangs6 mit dem Zugang der ord­nungs­ge­mä­ßen Unter­rich­tung durch den Arbeit­ge­ber gemäß § 613a Abs. 5 BGB7.

Die Frist für die Aus­übung des Wider­spruchs­rechts läuft nur bei einer ord­nungs­ge­mä­ßen Unter­rich­tung nach § 613a Abs. 5 BGB an zu lau­fen. Hier­zu gehört nicht nur eine Unter­rich­tung über den Betriebs-(teil-)übergang und den Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses auf die Betriebs­er­wer­be­rin; die Unter­rich­tung muss auch Infor­ma­tio­nen über das Haf­tungs­sys­tem von § 613a Abs. 1 und Abs. 2 BGB, das Kün­di­gungs­ver­bot des § 613a Abs. 4 BGB sowie die Sperr­frist des § 613a Abs. 1 Satz 2 ff. BGB enthalten.

Weiterlesen:
Betriebsübergang - und die bestehenden Gesamtbetriebsvereinbarungen

Dabei hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall aller­dings aus­drück­lich offen gelas­sen, ob an den durch die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung auf­ge­stell­ten inhalt­li­chen Anfor­de­run­gen an das Unter­rich­tungs­schrei­ben und den Vor­aus­set­zun­gen für das Anlau­fen der Wider­spruchs­frist8 unein­ge­schränkt fest­zu­hal­ten ist, oder ob jeden­falls bei Feh­lern, die regel­mä­ßig für den Wil­lens­bil­dungs­pro­zess der Arbeit­neh­mer ohne Belang sind, eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tungs­wei­se erfor­der­lich ist.

Dies konn­te für das Bun­des­ar­beits­ge­richt hier schon des­halb offen­blei­ben, da sich der Wider­spruch auch unter Anwen­dung der bis­he­ri­gen Rechts­sät­ze als ver­wirkt erwies; die Arbeit­neh­me­rin hat dem Über­gang ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses auf die Betriebs­er­wer­be­rin jeden­falls des­halb nicht wirk­sam wider­spro­chen, weil das Wider­spruchs­recht bei sei­ner Aus­übung bereits ver­wirkt war:

Eine nor­mier­te zeit­li­che Höchst­gren­ze für die Aus­übung des Wider­spruch­rechts besteht aller­dings nicht9. Der Gesetz­ge­ber hat ent­spre­chen­de Vor­schlä­ge im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren nicht auf­ge­grif­fen10. Eben­so stün­de der Wirk­sam­keit des Wider­spruchs nicht ent­ge­gen, dass das Arbeits­ver­hält­nis zwi­schen­zeit­lich been­det ist11.

Das Wider­spruchs­recht des Arbeit­neh­mers nach § 613a Abs. 6 BGB kann aber, wie jedes Recht, nur unter Berück­sich­ti­gung der Grund­sät­ze von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) aus­ge­übt und des­halb ver­wirkt wer­den12.

Die Ver­wir­kung ist ein Son­der­fall der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung (§ 242 BGB). Mit ihr wird die illoy­al ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung von Rech­ten aus­ge­schlos­sen. Sie beruht auf dem Gedan­ken des Ver­trau­ens­schut­zes und trägt dem Bedürf­nis nach Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit Rech­nung. Die Ver­wir­kung ver­folgt nicht den Zweck, den Schuld­ner bereits dann von sei­ner Ver­pflich­tung zu befrei­en, wenn des­sen Gläu­bi­ger sei­ne Rech­te län­ge­re Zeit nicht gel­tend gemacht hat (Zeit­mo­ment). Der Berech­tig­te muss viel­mehr unter Umstän­den untä­tig geblie­ben sein, die den Ein­druck erweck­ten, dass er sein Recht nicht mehr gel­tend machen wol­le, so dass der Ver­pflich­te­te sich dar­auf ein­stel­len durf­te, nicht mehr in Anspruch genom­men zu wer­den (Umstands­mo­ment). Hier­bei muss das Erfor­der­nis des Ver­trau­ens­schut­zes auf Sei­ten des Ver­pflich­te­ten das Inter­es­se des Berech­tig­ten der­art über­wie­gen, dass ihm die Erfül­lung des Anspruchs nicht mehr zuzu­mu­ten ist13.

Weiterlesen:
Rückabwicklung einer Lebensversicherung - und die gezogenen Nutzungen

Zeit- und Umstands­mo­ment beein­flus­sen sich wech­sel­sei­tig. Je stär­ker das gesetz­te Ver­trau­en oder die Umstän­de sind, die eine Gel­tend­ma­chung eines Anspruchs oder eines Rechts für den Geg­ner unzu­mut­bar machen, des­to schnel­ler kön­nen die­se ver­wir­ken14. Bezo­gen auf die Aus­übung des Rechts aus § 613a Abs. 6 BGB gilt umge­kehrt, je mehr Zeit seit dem Betriebs­über­gang ver­stri­chen ist und je län­ger der Arbeit­neh­mer bereits für den neu­en Inha­ber gear­bei­tet hat, des­to gerin­ger sind die Anfor­de­run­gen an das Umstands­mo­ment15. Es müs­sen letzt­lich beson­de­re Ver­hal­tens­wei­sen sowohl des Berech­tig­ten als auch des Ver­pflich­te­ten vor­lie­gen, die es recht­fer­ti­gen, die spä­te Gel­tend­ma­chung des Rechts als mit Treu und Glau­ben unver­ein­bar und für den Ver­pflich­te­ten als unzu­mut­bar anzu­se­hen16. Die Fra­ge nach einer Ver­wir­kung ist im Rah­men einer Gesamt­be­trach­tung zu beant­wor­ten17.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Juli 2021 – 1 AZR 591/​20

  1. EuGH 27.02.2020 – C‑298/​18 – [Gra­fe und Poh­le] Rn. 22; 13.06.2019 – C‑664/​17 – [Elli­ni­ka Naf­pi­geia] Rn. 36[]
  2. vgl. BVerfG 25.01.2011 – 1 BvR 1741/​09, zu B I 2 a der Grün­de, BVerfGE 128, 157; BAG 11.12.2014 – 8 AZR 943/​13, Rn. 32[]
  3. vgl. EuGH 7.03.1996 – C‑171/​94 – [Merckx] Rn. 33 ff.[]
  4. vgl. EuGH 16.12.1992 – C‑132/​91 – [Kats­ikas] Rn. 35; BAG 24.08.2017 – 8 AZR 265/​16, Rn. 17, BAGE 160, 70[]
  5. vgl. BAG 28.02.2019 – 8 AZR 201/​18, Rn. 42, BAGE 166, 54; 15.12.2016 – 8 AZR 612/​15, Rn. 32, BAGE 157, 317[]
  6. ErfK/​Preis 21. Aufl. BGB § 613a Rn. 100[]
  7. vgl. BAG 28.02.2019 – 8 AZR 201/​18, Rn. 44, BAGE 166, 54[]
  8. vgl. BAG 13.07.2006 – 8 AZR 303/​05, Rn. 22 ff., BAGE 119, 81; 13.07.2006 – 8 AZR 305/​05, Rn. 17 ff., BAGE 119, 91; sh. auch BAG 26.05.2011 – 8 AZR 18/​10, Rn.20 ff.; 23.07.2009 – 8 AZR 538/​08, Rn. 31, BAGE 131, 258; 22.01.2009 – 8 AZR 808/​07, Rn. 26[]
  9. vgl. BAG 28.06.2018 – 8 AZR 100/​17, Rn. 31[]
  10. vgl. BT-Drs. 14/​8128 S. 4; BR-Drs. 831/​1/​01 S. 2[]
  11. BAG 21.01.2010 – 8 AZR 870/​07, Rn. 17; 20.03.2008 – 8 AZR 1016/​06, Rn. 37[]
  12. st. Rspr., zuletzt BAG 28.02.2019 – 8 AZR 201/​18, Rn. 66 ff., BAGE 166, 54[]
  13. vgl. BAG 28.06.2018 – 8 AZR 100/​17, Rn. 16[]
  14. BAG 24.07.2008 – 8 AZR 175/​07, Rn. 27[]
  15. BAG 22.06.2011 – 8 AZR 752/​09, Rn. 30[]
  16. vgl. BAG 28.06.2018 – 8 AZR 100/​17, Rn. 17; 17.10.2013 – 8 AZR 974/​12, Rn. 27[]
  17. vgl. BAG 17.10.2013 – 8 AZR 974/​12, Rn. 29; 22.06.2011 – 8 AZR 752/​09, Rn. 33[]