Aus­lie­fe­rung nach Bewäh­rungs­wi­der­ruf – und die fal­sche Zustell­adres­se

Der Kern­be­stand der einem Ver­folg­ten aus Art. 6 MRK gewähr­ten Garan­tie auf recht­li­ches Gehör ist nicht ver­letzt, wenn die­ser dem ersu­chen­den Staat eine fal­sche Anschrift für die Zustel­lung von Schrift­stü­cken mit­ge­teilt hat und er des­halb vor einem Wider­ruf einer ihm zunächst gewähr­ten Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung nicht ange­hört wur­de.

Aus­lie­fe­rung nach Bewäh­rungs­wi­der­ruf – und die fal­sche Zustell­adres­se

Nach § 79 Abs. 2 Satz 3 IRG obliegt dem Ober­lan­des­ge­richt im Ver­fah­ren nach § 29 IRG die Über­prü­fung der Ent­schei­dung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft nach § 79 Abs. 2 Satz 1 und 2 IRG, kei­ne Bewil­li­gungs­hin­der­nis­se gel­tend machen zu wol­len. Dabei ist erfor­der­lich, dass die nach § 79 Abs. 2 Satz 2 IRG zu begrün­den­de Vor­ab­ent­schei­dung dem Ober­lan­des­ge­richt die gebo­te­ne Über­prü­fung ermög­licht, ob die Bewil­li­gungs­be­hör­de die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 83b IRG zutref­fend beur­teilt hat und sich bei Vor­lie­gen von Bewil­li­gungs­hin­der­nis­sen des ihr ein­ge­räum­ten Ermes­sens unter Berück­sich­ti­gung aller in Betracht kom­men­der Umstän­de des Ein­zel­fal­les bewusst war. Auch dür­fen in die Ermes­sens­ab­wä­gung kei­ne die Ent­schei­dung maß­geb­lich beein­flus­sen­den unzu­läs­si­gen Erwä­gun­gen ein­ge­stellt wer­den. Die wesent­li­chen Gesichts­punk­te müs­sen aus­drück­lich bedacht und die in dem Bescheid auf­ge­führ­ten und erkann­ten Gesichts­punk­ten ein­an­der abwä­gend gegen­über­ge­stellt wer­den 1.

Nach der Recht­spre­chung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he 2 kommt es für die Fra­ge, ob über­wie­gen­de schutz­wür­di­ge Belan­ge des Ver­folg­ten eine Voll­stre­ckung der Stra­fe im Inland gebie­ten, maß­geb­lich dar­auf an, ob durch die Ver­bü­ßung der Stra­fe im Inland die Reso­zia­li­sie­rungs­chan­cen des Ver­folg­ten merk­lich erhöht wer­den 3. Der hie­si­ge Straf­voll­zug muss der Auf­ga­be, den Ver­ur­teil­ten zu einem künf­ti­gen Leben in sozia­ler Ver­ant­wor­tung ohne Straf­ta­ten zu befä­hi­gen (§ 2 Satz 1 StVoll­zG, § 1 JVoll­z­GB III BW), bes­ser gerecht wer­den als die Straf­voll­stre­ckung im ersu­chen­den Staat. Inso­weit ist über den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Ver­folg­ten in Deutsch­land hin­aus – auch unter Beach­tung des Gesichts­punk­tes des Schut­zes von Ehe und Fami­lie nach Art. 6 Abs.1 GG 4 und der Gewähr­leis­tun­gen des Art. 8 Abs. 1 MRK – von Bedeu­tung, in wel­chem Maße die beruf­li­chen, wirt­schaft­li­chen, fami­liä­ren und sozia­len Bezie­hun­gen des Ver­folg­ten im Inland ver­fes­tigt sind. Inso­weit spielt vor allem auch die Dau­er des Auf­ent­halts im Inland eine Rol­le. Hält sich jemand näm­lich bereits län­ger als fünf Jah­re unun­ter­bro­chen im Inland auf, so kann schon allein die Dau­er die­ses Auf­ent­halts aus­rei­chen, um einen indi­zi­el­len Schluss auf eine aus­rei­chen­de Inte­gra­ti­on im Inland zu recht­fer­ti­gen 5. Auch stellt die Beherr­schung der deut­schen Spra­che für die Annah­me einer Inte­gra­ti­on einen gewich­ti­gen Umstand dar. Ande­rer­seits ist anzu­neh­men, dass im Fal­le einer Voll­stre­ckung der Stra­fe im Her­kunfts­staat von vorn­her­ein kei­ne der Reso­zia­li­sie­rung ent­ge­gen­ste­hen­den sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Pro­ble­me bestehen 6. Im All­ge­mei­nen müs­sen des­halb bei dro­hen­der Straf­voll­stre­ckung im Her­kunfts­land die Bin­dun­gen an Deutsch­land von beson­de­rer Aus­prä­gung sein, um ein Bewil­li­gungs­hin­der­nis zu begrün­den 7. Auch ist wie bei jeder Aus­lie­fe­rungs­ent­schei­dung der Grund­satz des § 79 Abs. 1 IRG zu beach­ten, wonach eine zuläs­si­ge Aus­lie­fe­rung nach dem gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len im Regel­fall auch zu bewil­li­gen ist 8.

Vor­lie­gend hat die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Karls­ru­he zwar gese­hen und bedacht, dass der Ver­folg­te zum Zeit­punkt ihrer Ent­schlie­ßung schon seit vier Jah­ren in Deutsch­land leb­te und sich hier auch sein Bru­der und sein Vater auf­hal­ten, sie hat jedoch ihre Ableh­nung der Gel­tend­ma­chung eines Bewil­li­gungs­hin­der­nis­ses maß­geb­lich dar­auf gestützt, dass der Ver­folg­te trotz die­ses ver­hält­nis­mä­ßig lan­gen Auf­ent­halts gleich­wohl die deut­sche Spra­che nicht zurei­chend beherrscht. Auch im Hin­blick auf §§ 79 Abs. 3, 33 IRG wird die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Karls­ru­he aber nun­mehr auch zu berück­sich­ti­gen haben, dass der Ver­folg­te aus­weis­lich der in der Akten befind­li­chen Arbeit­ge­ber­be­schei­ni­gung der Fa. F./GmbH vom 14.12.2015 in Deutsch­land über eine fes­te Arbeits­stel­le ver­fügt. Inso­weit wird sie zu klä­ren haben, ob dem Ver­folg­ten bei einer Voll­stre­ckung im Inland anders als bei einer Voll­stre­ckung in Polen die Mög­lich­keit offen­steht, sein aktu­el­les Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis bei­zu­be­hal­ten. Dies wäre anzu­neh­men, wenn eine hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht besteht, dass der Ver­folg­te sein Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis fort­set­zen kann, weil er die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung zum Frei­gang (§ 9 Abs. 2 Nr. 1 JVoll­z­GB III BW) 9.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 14. März 2016 – 1 AK 109/​15

  1. OLG Karls­ru­he NJW 2007, 617; NStZ-RR 2008, 376; Beschluss vom 13.05.2014, 1 AK 48/​14; vgl. auch KG NJW 2006, 3507; OLG Stutt­gart NJW 2007, 1702; OLG Hamm NStZ-RR 2010, 209[]
  2. vgl. zuletzt OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 10.11.2015 – 1 AK 111/​14[]
  3. vgl. EuGH, Urteil vom 17.07.2008, – C‑66/​08 – Kozlow­ski, NJW 2008, 3201; OLG Karls­ru­he NStZ-RR 2009, 107 und 2011, 145; KG NJW 2010, 3177[]
  4. vgl. OLG Karls­ru­he, NJW 2007, 2567[]
  5. vgl. hier­zu OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 16.04.2013 – 1 AK 19/​13; EuGH, Urteil vom 05.09.2012, – C‑42/​11 – Lopes da Sil­va Jor­ge , NJW 2013, 141, ders., Urteil vom 06.10.2009, – C‑123/​08 – Wol­zen­burg , NJW 2010, 283[]
  6. vgl. OLG Karls­ru­he, a.a.O.; KG a.a.O.; OLG Cel­le StV 2013, 315[]
  7. vgl. KG a.a.O.[]
  8. vgl. BT-Drs. 16/​1024, 13[]
  9. vgl. auch Ver­wal­tungs­vor­schrift des JuMBW zur sofor­ti­gen Zulas­sung zum Frei­gang im Kurz­stra­fen­voll­zug vom 01.12.2011 – Az. 4410/​0125) erfüllt. In die­sem Fal­le könn­te es in Anbe­tracht einer Auf­ent­halts­dau­er von nun­mehr bei­na­he 4½ Jah­ren nahe lie­gen, dass durch eine Inlands­voll­stre­ckung die Reso­zia­li­sie­rungs­chan­cen merk­lich erhöht sind ((vgl. hier­zu OLG Karls­ru­he, NStZ-RR 2014, 322; sowie Beschluss vom 13.05.2014 – 1 AK 48/​14[]