Bran­chen­zu­schlag für Arbeit­neh­mer­über­las­sung

Nach dem Tarif­ver­trag über Bran­chen­zu­schlä­ge für Arbeit­neh­mer­über­las­sun­gen in der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie (TV BZ ME) haben Beschäf­tig­te Anspruch auf einen Bran­chen­zu­schlag, wenn sie im Rah­men der Arbeit­neh­mer­über­las­sung an Kun­den­be­trie­be der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie über­las­sen wer­den.

Bran­chen­zu­schlag für Arbeit­neh­mer­über­las­sung

Ob ein Kun­den­be­trieb der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie zuzu­ord­nen ist, ergibt sich aus § 1 des Tarif­ver­tra­ges. Dabei kommt es vor­ran­gig dar­auf an, ob der Betrieb einem der dort genann­ten Wirt­schafts­zwei­ge zuzu­ord­nen ist. Weder nach dem Wort­laut noch nach dem Sinn und Zweck des Tarif­ver­tra­ges kommt es auf die im Kun­den­be­trieb ange­wand­ten Tarif­ver­trä­ge an. Es ist weder erfor­der­lich noch aus­rei­chend, dass im Kun­den­be­trieb die Tarif­ver­trä­ge für die Metall- und Elek­tro­in­dus­trie zur Anwen­dung kom­men. Dar­auf ist ledig­lich im Zwei­fels­fall hin­sicht­lich der Ein­ord­nung des Kun­den­be­trie­bes abzu­stel­len.

Han­delt es sich bei dem Kun­den­be­trieb um einen Betrieb der Kunst­stoff be- und ver­ar­bei­ten­den Indus­trie, steht dem Arbeit­neh­mer ein Bran­chen­zu­schlag nach dem TV BZ ME folg­lich nicht des­halb zu, weil zum Bei­spiel aus his­to­ri­schen Grün­den im Kun­den­be­trieb die Tarif­ver­trä­ge der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie zur Anwen­dung kommen.Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils von Tarif­ver­trä­gen erfolgt nach den Regeln über die Aus­le­gung von Geset­zen. Dabei ist zunächst vom Wort­laut aus­zu­ge­hen, wobei der maß­geb­li­che Sinn der Erklä­rung zu erfor­schen ist, ohne am Buch­sta­ben zu haf­ten. Bei einem nicht ein­deu­ti­gen Wort­laut ist der wirk­li­che Wil­le der (Tarif­ver­trags-)Par­tei­en mit zu berück­sich­ti­gen, soweit er in der Norm sei­nen Nie­der­schlag gefun­den hat. Abzu­stel­len ist stets auf den Gesamt­zu­sam­men­hang, weil die­ser Anhalts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Par­tei­en lie­fert und nur so der Sinn und Zweck der Tarif­norm zutref­fend ermit­telt wer­den kann. Lässt dies zwei­fels­freie Aus­le­gungs­er­geb­nis­se nicht zu, dann kön­nen die Gerich­te für Arbeits­sa­chen ohne Bin­dung an eine Rei­hen­fol­ge wei­te­re Kri­te­ri­en wie die Ent­ste­hungs­ge­schich­te, ggf. auch die prak­ti­sche Übung, ergän­zend hin­zu­zie­hen. Auch die Prak­ti­ka­bi­li­tät denk­ba­rer Aus­le­gungs­er­geb­nis­se gilt es zu berück­sich­ti­gen; im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Aus­le­gung der Vor­rang, die zu einer ver­nünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Rege­lung führt 1.

Weder nach dem Wort­laut noch nach dem Sinn und Zweck der Rege­lung ist danach der fach­li­che und per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­tra­ges eröff­net.

Nach dem Wort­laut des Tarif­ver­tra­ges ist ent­schei­dend, dass der Beschäf­tig­te im Rah­men der Arbeit­neh­mer­über­las­sung an einen Kun­den­be­trieb der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie über­las­sen wird. § 1 TV BZ ME regelt selbst, wann von einem Kun­den­be­trieb der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie aus­zu­ge­hen ist. Als Kun­den­be­trieb in die­sem Sin­ne gel­ten nur die Betrie­be der auf­ge­zähl­ten Wirt­schafts­zwei­ge ein­schließ­lich deren Hilfs- und Neben­be­trie­be sowie die Betrie­be art­ver­wand­ter Indus­tri­en.

Der Tarif­ver­trag stellt nicht auf die Tarif­bin­dung des Kun­den­be­trie­bes ab, son­dern viel­mehr auf die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se, ob es sich also bei­spiels­wei­se bei dem Ein­satz­be­trieb um eine Gie­ße­rei, Zie­he­rei, Schlos­se­rei oder um einen Betrieb han­delt, der Stahl­kon­struk­tio­nen, Maschi­nen­bau, Fahr­zeug­bau, Schiffs­bau usw. zum Gegen­stand hat.

Nach dem Wort­laut des Tarif­ver­tra­ges ent­steht der Anspruch auf den Bran­chen­zu­schlag folg­lich unab­hän­gig von der Tarif­bin­dung des Kun­den­be­trie­bes. Wäre die Fir­ma M. ein Betrieb der genann­ten Wirt­schafts­zwei­ge ent­stün­de der Anspruch auch dann, wenn sie an einen bran­chen­frem­den Tarif­ver­trag, bei­spiels­wei­se für die Kunst­stoff be- und ver­ar­bei­ten­de Indus­trie oder an kei­nen Tarif­ver­trag gebun­den wäre.

Auf den im Kun­den­be­trieb ange­wand­ten Tarif­ver­trag ist in einem zwei­ten Schritt ledig­lich bei Zwei­fels­fäl­len hin­sicht­lich der Ein­ord­nung des Kun­den­be­triebs als maß­geb­li­ches Ent­schei­dungs­kri­te­ri­um abzu­stel­len.

Die­se am Wort­laut ori­en­tier­te Aus­le­gung ent­spricht auch Sinn und Zweck des Tarif­ver­tra­ges unter Berück­sich­ti­gung der Rege­lungs­sys­te­ma­tik.

Die Rege­lun­gen zur Aus­ge­stal­tung des Bran­chen­zu­schla­ges, ins­be­son­de­re zu des­sen Höhe in § 2 des Tarif­ver­tra­ges haben kei­ner­lei unmit­tel­ba­ren Bezug zur Ver­gü­tung nach dem Tarif­ver­trag über Ent­gel­te und Aus­bil­dungs­ver­gü­tun­gen der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie . Der Bran­chen­zu­schlag knüpft viel­mehr an das Stun­den­ta­bel­len­en­t­gelt des Ent­gelt­ta­rif­ver­tra­ges Zeit­ar­beit an und gewährt gestaf­felt nach der Ein­satz­dau­er eine pro­zen­tua­le Erhö­hung des­sel­ben (§ 2 Abs. 3 TV BZ ME). Die­ses erhöh­te Ent­gelt bil­det gleich­zei­tig die Basis für sons­ti­ge Zuschlä­ge (§ 2 Abs. 6 TV BZ ME). Das Stun­den­ent­gelt eines ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mers des Kun­den­be­trie­bes begrenzt ledig­lich den Bran­chen­zu­schlag der Höhe nach (§ 2 Abs. 4 TV BZ ME). Dabei kommt es nicht dar­auf an, auf wel­cher Grund­la­ge das Ver­gleichs­ent­gelt beruht. Die Rege­lung lässt ins­be­son­de­re kei­nen Bezug zu einem Tarif­ver­trag als Grund­la­ge des Ver­gleichs­ent­gelts erken­nen und mit­hin erst recht kei­nen zum Tarif­ge­fü­ge der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie.

Des Rück­griffs auf den im Kun­den­be­trieb ange­wand­ten Tarif­ver­trag (ledig­lich) im Zwei­fels­fall der Ein­ord­nung des Kun­den­be­triebs hät­te es nicht bedurft, wenn grund­sätz­lich auf die Tarif­bin­dung des Kun­den­be­triebs abzu­stel­len wäre. Die­ses Anknüp­fungs­kri­te­ri­um ist neben der beschrei­ben­den Auf­zäh­lung der Wirt­schafts­zwei­ge nicht ein­mal kumu­la­tiv genannt.

er Bran­chen­zu­schlag nach dem TV BZ ME soll den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten einer Tätig­keit in der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie Rech­nung tra­gen. Die­se wei­chen von den Gege­ben­hei­ten in der Kunst­stoff be- und ver­ar­bei­ten­den Indus­trie und der Tex­til- und Beklei­dungs­in­dus­trie nach Auf­fas­sung der Tarif­ver­trags­par­tei­en ab. Dar­aus erklärt sich, dass die IG Metall drei unter­schied­li­che Tarif­ver­trä­ge zum sel­ben Rege­lungs­ge­gen­stand mit den­sel­ben Ver­trags­part­nern geschlos­sen hat. Die­se Tarif­ver­trä­ge gestal­ten den Bran­chen­zu­schlag jeweils unter­schied­lich aus. Auch dar­an wird deut­lich, dass es auf die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se der jewei­li­gen Bran­che ankommt und nicht auf die Tarif­bin­dung des Ein­satz­un­ter­neh­mens. Die­se wirkt sich nur im Zwei­fels­fall und sonst nur mit­tel­bar bei der Decke­lung des Anspruchs aus.

Arbeits­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 22. Janu­ar 2014 – 11 Ca 5441/​13

  1. BAG 06.07.2006, NZA 2007, 167; 19.06.2001 EzA BetrVG 1972, § 77 BetrVG Nr. 77; 22.05.2001 EzA BetrAVG, § 1 Betriebs­ver­ein­ba­rung Nr. 3[]