Bul­ga­ri­sche Pfle­ge­kräf­te, deut­scher Min­dest­lohn – und die deut­sche Arbeitsgerichtsbarkeit

Für die Lohn­kla­ge einer nach Deutsch­land ent­sand­ten bul­ga­ri­schen Pfle­ge­kraft gegen ihren bul­ga­ri­schen Arbeit­ge­ber sind die deut­schen Gerich­te für Arbeits­sa­chen gemäß § 15 Satz 1 AEntG inter­na­tio­nal zuständig. 

Bul­ga­ri­sche Pfle­ge­kräf­te, deut­scher Min­dest­lohn – und die deut­sche Arbeitsgerichtsbarkeit

Nach § 15 Satz 1 AEntG kön­nen Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer, die in den Gel­tungs­be­reich die­ses Geset­zes ent­sandt sind oder waren, eine auf den Zeit­raum der Ent­sen­dung bezo­ge­ne Kla­ge auf Erfül­lung der Ver­pflich­tun­gen nach § 2 AEntG vor einem deut­schen Gericht für Arbeits­sa­chen erheben.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Streit­fall erfüllt. Die Arbeit­neh­me­rin war im Streit­zeit­raum von der in Bul­ga­ri­en ansäs­si­gen Arbeit­ge­be­rin nach Ber­lin, also in den Gel­tungs­be­reich des Arbeit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes, zur vor­über­ge­hen­den Arbeits­leis­tung ent­sandt. Die Kla­ge bezieht sich auf die Erfül­lung der Ver­pflich­tung der Arbeit­ge­be­rin nach § 2 Nr. 1 AEntG in der im Streit­zeit­raum gel­ten­den Fas­sung (AEntG aF).

Danach fin­den die in Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ent­hal­te­nen Rege­lun­gen über die Min­des­t­ent­gelt­sät­ze ein­schließ­lich der Über­stun­den­sät­ze auch auf Arbeits­ver­hält­nis­se zwi­schen einem im Aus­land ansäs­si­gen Arbeit­ge­ber und sei­nen im Inland beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mern und Arbeit­neh­me­rin­nen zwin­gend Anwen­dung. Zu den Min­des­t­ent­gelt­sät­zen iSd. § 2 Nr. 1 AEntG aF gehör­te seit dem 1.01.2015 auch der gesetz­li­che Min­dest­lohn nach dem Min­dest­lohn­ge­setz1.

Die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerichts­bar­keit in der­ar­ti­gen Fäl­len ist gege­ben. Art. 6 Richt­li­nie 96/​71/​EG (Ent­sen­de-Richt­li­nie) sieht aus­drück­lich vor, dass Kla­gen wie die vor­lie­gen­de (auch) in dem Mit­glied­staat erho­ben wer­den kön­nen, in des­sen Hoheits­ge­biet der Arbeit­neh­mer ent­sandt ist oder war2. Dahin­ste­hen kann des­halb, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat, ob sich die Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te auch aus Art. 21 Abs. 1 Buchst. b Ver­ord­nung (EU) Nr. 1215/​2012 (Brüs­sel Ia-Ver­ord­nung) ergä­be, weil die Arbeit­neh­me­rin wäh­rend der gesam­ten Dau­er ihres Arbeits­ver­hält­nis­ses mit der Arbeit­ge­be­rin ihre Arbeit gewöhn­lich in Ber­lin ver­rich­tet hat.

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In wel­chem Umfang tat­säch­lich geleis­te­te Arbeit mit dem gesetz­li­chen Min­dest­lohn zu ver­gü­ten ist, rich­tet sich auch bei ent­sand­ten Arbeit­neh­mern nicht nur nach den arbeits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen, son­dern pri­mär nach den Vor­ga­ben des Min­dest­lohn­ge­set­zes. Denn der Min­dest­lohn­an­spruch aus § 1 Abs. 1 MiLoG ist ein die ver­trag­li­che Ver­gü­tungs­ab­re­de kor­ri­gie­ren­der gesetz­li­cher Anspruch, der eigen­stän­dig neben den arbeits- oder tarif­ver­trag­li­chen Ent­gelt­an­spruch tritt3. Weil § 20 MiLoG den Arbeit­ge­ber mit Sitz im Aus­land gegen­über sei­nen im Inland beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mern nach den­sel­ben Grund­sät­zen zur Zah­lung des Min­dest­lohns ver­pflich­tet, wie sie für einen Arbeit­ge­ber mit Sitz im Inland gel­ten, wären arbeits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen, die den inlän­di­schen gesetz­li­chen Min­dest­lohn­an­spruch unter­schrit­ten oder ver­ei­tel­ten, nach § 3 Satz 1 MiLoG unwirk­sam, unab­hän­gig davon, wel­chem Recht der Arbeits­ver­trag ansons­ten unter­liegt. Des­glei­chen ver­drängt § 20 MiLoG als Ein­griffs­norm etwa abwei­chen­des bul­ga­ri­sches Recht.

Dem steht § 2 Nr. 1 AEntG aF mit der For­mu­lie­rung „Min­des­t­ent­gelt­sät­ze“ nicht ent­ge­gen. Mit die­sem Begriff, der durch das Gesetz zur Umset­zung der RL (EU) 2018/​957 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 28.06.2018 zur Ände­rung der Richt­li­nie 96/​71/​EG über die Ent­sen­dung von Arbeit­neh­mern im Rah­men der Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen vom 10.07.20204 durch den Begriff Ent­loh­nung ersetzt wur­de, ist – anders als die Revi­si­on annimmt – nicht nur die Höhe des gesetz­li­chen Min­dest­lohns gemeint. Er umfasst viel­mehr auch die Moda­li­tä­ten, nach denen der gesetz­li­che Min­dest­lohn zu zah­len ist. Das gebie­tet schon eine uni­ons­rechts­kon­for­me Aus­le­gung des § 2 Nr. 1 AEntG aF. In sei­ner im Streit­zeit­raum gel­ten­den Fas­sung sprach Art. 3 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c Richt­li­nie 96/​71/​EG zwar von „Min­dest­lohn­sät­zen“, wäh­rend es nun­mehr nach der Ände­rung der RL 96/​71/​EG durch die RL (EU) 2018/​957 „Ent­loh­nung“ heißt. Doch hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on schon seit län­ge­rem geklärt, dass der Begriff „Min­dest­lohn­sät­ze“ weit aus­zu­le­gen ist und zumin­dest den im Recht des Auf­nah­me­mit­glied­staats vor­ge­se­he­nen Min­dest­lohn umfasst5. Der Gerichts­hof hat fer­ner dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich nach Art. 3 Abs. 1 Unter­abs. 2 RL 96/​71/​EG der Begriff der Min­dest­lohn­sät­ze aus­drück­lich nach den Rechts­vor­schrif­ten und/​oder Prak­ti­ken des Mit­glied­staats, in des­sen Hoheits­ge­biet der Arbeit­neh­mer ent­sandt wird, bestimmt.

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Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 24. Juni 2021 – 5 AZR 505/​20

  1. so aus­drück­lich Regie­rungs­be­grün­dung zu § 20 MiLoG, BT-Drs. 18/​1558 S. 42; all­gA, vgl. nur ErfK/​Franzen 21. Aufl. MiLoG § 20 Rn. 1; HWK/​Tillmanns 9. Aufl. § 2 AEntG Rn. 5; Riechert/​Nimmerjahn MiLoG 2. Aufl. § 20 Rn. 4; Thü­s­ing in Thü­s­ing MiLoG/​AEntG 2. Aufl. § 2 AEntG Rn. 7 – jeweils mwN[]
  2. zu dem in Art. 2 Abs. 1 Richt­li­nie 96/​71/​EG defi­nier­ten uni­ons­recht­li­chen Begriff der Ent­sen­dung vgl. etwa EuGH 1.12.2020 – C‑815/​18 – [Fede­ra­tie Neder­land­se Vak­be­we­ging] Rn. 43 ff. mwN[]
  3. BAG 25.05.2016 – 5 AZR 135/​16, Rn. 22, BAGE 155, 202, seit­her st. Rspr.[]
  4. BGBl. I S. 1657[]
  5. vgl. EuGH 8.12.2020 – C‑620/​18 – [Ungarn/​Parlament und Rat] Rn. 144; 12.02.2015 – C‑396/​13 – [Säh­köa­lo­jen ammat­ti­lii­t­to] Rn. 32 ff.[]