Dar­le­gungs- und Beweis­last im Über­stun­den­pro­zess

Für die Dar­le­gung und den Beweis der Leis­tung von Über­stun­den gel­ten die Grund­sät­ze wie für die Behaup­tung des Arbeit­neh­mers, die geschul­de­te (Normal-)Arbeit ver­rich­tet zu haben.

Dar­le­gungs- und Beweis­last im Über­stun­den­pro­zess

Aus­ge­hend von den Vor­schrif­ten des all­ge­mei­nen Schuld­rechts in Ver­bin­dung mit § 614 BGB gilt im Arbeits­ver­hält­nis der Grund­satz „Ohne Arbeit kein Lohn“. Ver­langt der Arbeit­neh­mer gem. § 611 BGB Arbeits­ver­gü­tung für Arbeits­leis­tun­gen, hat er des­halb dar­zu­le­gen und – im Bestrei­tens­fall – zu bewei­sen, dass er Arbeit ver­rich­tet oder einer der Tat­be­stän­de vor­ge­le­gen hat, der eine Ver­gü­tungs­pflicht ohne Arbeit regelt (z.B. § 1 BUr­lG, §§ 615, 616 Satz 1 BGB, § 2 Abs. 1, § 3 Abs. 1 Ent­geltFG, § 37 Abs. 2 BetrVG). Da die kon­kret zu leis­ten­de Arbeit in der Regel vom Arbeit­ge­ber durch Wei­sun­gen zu bestim­men ist (§ 106 GewO), genügt der Arbeit­neh­mer sei­ner Dar­le­gungs­last, indem er vor­trägt, er habe sich zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort bereit­ge­hal­ten, um Arbeits­an­wei­sun­gen des Arbeit­ge­bers zu befol­gen. Auf die­sen Vor­trag muss der Arbeit­ge­ber im Rah­men einer gestuf­ten Dar­le­gungs­last sub­stan­ti­iert erwi­dern. Des­halb hat der Arbeit­ge­ber im Ein­zel­nen vor­zu­tra­gen, wel­che Arbei­ten er dem Arbeit­neh­mer zuge­wie­sen hat und ob der Arbeit­neh­mer den Wei­sun­gen nach­ge­kom­men ist. Trägt er nichts vor oder lässt er sich nicht sub­stan­ti­iert ein, gel­ten die vom Arbeit­neh­mer vor­ge­tra­ge­nen Arbeits­stun­den als zuge­stan­den 1.

Nichts ande­res gilt für die Behaup­tung des Arbeit­neh­mers, er habe die geschul­de­te Arbeit in einem die Nor­mal­ar­beits­zeit über­stei­gen­den zeit­li­chen Umfang ver­rich­tet. Ver­langt der Arbeit­neh­mer auf­grund arbeits­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung, tarif­ver­trag­li­cher Ver­pflich­tung des Arbeit­ge­bers oder § 612 Abs. 1 BGB Arbeits­ver­gü­tung für Über­stun­den, hat er dar­zu­le­gen und – im Bestrei­tens­fall – zu bewei­sen, dass er Arbeit in einem die Nor­mal­ar­beits­zeit über­stei­gen­den zeit­li­chen Umfang ver­rich­tet hat. Dabei genügt der Arbeit­neh­mer sei­ner Dar­le­gungs­last, indem er vor­trägt, an wel­chen Tagen er von wann bis wann Arbeit geleis­tet oder sich auf Wei­sung des Arbeit­ge­bers zur Arbeit bereit­ge­hal­ten hat. Auf die­sen Vor­trag muss der Arbeit­ge­ber im Rah­men einer gestuf­ten Dar­le­gungs­last sub­stan­ti­iert erwi­dern und im Ein­zel­nen vor­tra­gen, wel­che Arbei­ten er dem Arbeit­neh­mer zuge­wie­sen hat und an wel­chen Tagen der Arbeit­neh­mer von wann bis wann die­sen Wei­sun­gen – nicht – nach­ge­kom­men ist.

Die­se Grund­sät­ze dür­fen aber nicht gleich­sam sche­ma­tisch ange­wen­det wer­den, son­dern bedür­fen stets der Berück­sich­ti­gung der im jewei­li­gen Streit­fall zu ver­rich­ten­den Tätig­keit und der kon­kre­ten betrieb­li­chen Abläu­fe. So kann ein Kraft­fah­rer wie der Klä­ger, dem vom Arbeit­ge­ber bestimm­te Tou­ren zuge­wie­sen wer­den, sei­ner Dar­le­gungs­last bereits dadurch genü­gen, dass er vor­trägt, an wel­chen Tagen er wel­che Tour wann begon­nen und wann been­det hat. Im Rah­men der gestuf­ten Dar­le­gungs­last ist es dann Sache des Arbeit­ge­bers, unter Aus­wer­tung der Auf­zeich­nun­gen nach § 21a Abs. 7 Satz 1 ArbZG sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen, an wel­chen Tagen der Arbeit­neh­mer aus wel­chen Grün­den in gerin­ge­rem zeit­li­chen Umfang als von ihm behaup­tet gear­bei­tet haben muss.

Ihrer Dar­le­gungs­last genü­gen weder Arbeit­neh­mer noch Arbeit­ge­ber durch die blo­ße Bezug­nah­me auf den Schrift­sät­zen als Anla­gen bei­gefüg­te Stun­den­auf­stel­lun­gen oder sons­ti­ge Auf­zeich­nun­gen. Anla­gen kön­nen ledig­lich zur Erläu­te­rung des schrift­sätz­li­chen Vor­trags die­nen, die­sen aber nicht erset­zen 2. Die Dar­le­gung der Leis­tung von Über­stun­den durch den Arbeit­neh­mer bzw. die sub­stan­ti­ier­te Erwi­de­rung hier­auf durch den Arbeit­ge­ber hat viel­mehr ent­spre­chend § 130 Nr. 3 und Nr. 4 ZPO schrift­sätz­lich zu erfol­gen. Bei­gefüg­te Anla­gen kön­nen den schrift­sätz­li­chen Vor­trag ledig­lich erläu­tern oder bele­gen, ver­pflich­ten das Gericht aber nicht, sich die unstrei­ti­gen oder strei­ti­gen Arbeits­zei­ten aus den Anla­gen selbst zusam­men­zu­su­chen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Mai 2012 – 5 AZR 347/​11

  1. vgl. zum Gan­zen BAG 18.04.2012 – 5 AZR 248/​11, Rn. 14[]
  2. BGH 2.07.2007 – II ZR 111/​05, Rn. 25 mwN, NJW 2008, 69; vgl. auch BVerfG 30.06.1994 – 1 BvR 2112/​93 – zu III 2 a der Grün­de, NJW 1994, 2683[]