Das frei­ge­stell­te Betriebs­rats­mit­glied – und der Umfang der Betriebs­rats­tä­tig­keit

Ein Betriebs­rats­mit­glied ist für die Dau­er der Frei­stel­lung nach § 38 Abs. 1 BetrVG ver­pflich­tet, sich wäh­rend der ver­trag­lich geschul­de­ten Arbeits­zeit von 40 Stun­den wöchent­lich zur Wahr­neh­mung betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Auf­ga­ben zur Ver­fü­gung zu hal­ten.

Das frei­ge­stell­te Betriebs­rats­mit­glied – und der Umfang der Betriebs­rats­tä­tig­keit

Dies beruht dar­auf, dass an die Stel­le der Arbeits­pflicht im Fal­le der voll­stän­di­gen Frei­stel­lung die Ver­pflich­tung des Betriebs­rats­mit­glieds tritt, wäh­rend sei­ner arbeits­ver­trag­li­chen Arbeits­zeit im Betrieb am Sitz des Betriebs­rats, dem es ange­hört, anwe­send zu sein und sich dort für anfal­len­de Betriebs­rats­ar­beit bereit­zu­hal­ten 1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zutref­fend erkannt, dass die Par­tei­en die unter II. 2. des Arbeits­ver­trags vom 16. Februar/22.03.2007 ver­ein­bar­te durch­schnitt­li­che wöchent­li­che Arbeits­zeit von 40 Stun­den weder aus­drück­lich noch kon­klu­dent geän­dert haben.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ist zwar davon aus­zu­ge­hen, dass das Betriebs­rats­mit­glied vor sei­ner Frei­stel­lung im Schicht­sys­tem in der Regel nur 36, 75 Wochen­stun­den gear­bei­tet hat. Jedoch ist es der Arbeit­ge­be­rin nach VII. 3. der BV Wech­sel­schicht vor­be­hal­ten, die im Schicht­sys­tem täti­gen Arbeit­neh­mer zu Trai­nings, Mee­tings oder ähn­li­chen Arbei­ten her­an­zu­zie­hen und dadurch die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Wochen­ar­beits­zeit abzu­ru­fen und sie in der "E‑Schicht", dh. im "nor­ma­len Tag­dienst", mit einer Wochen­ar­beits­zeit von 40 Stun­den ein­zu­set­zen. Auch das Betriebs­rats­mit­glied könn­te nach II. 3. sei­nes Arbeits­ver­trags vom 16. Februar/22.03.2007 in die­ser Wei­se ein­ge­setzt wer­den, wenn er nicht nach § 38 Abs. 1 BetrVG als Betriebs­rats­mit­glied von der Arbeits­leis­tung frei­ge­stellt wäre. Das Betriebs­rats­mit­glied hat in den Tat­sa­chen­in­stan­zen nicht behaup­tet, dass die Arbeit­ge­be­rin abwei­chend von der BV Wech­sel­schicht ihm gegen­über – oder gene­rell – auf die Anord­nung zusätz­li­cher Stun­den oder auf eine Beschäf­ti­gung von Schicht­dienst­leis­ten­den im "nor­ma­len Tag­dienst" ver­zich­tet hät­te.

Das Betriebs­rats­mit­glied wird durch die Ver­pflich­tung, sich wäh­rend der Dau­er sei­ner Frei­stel­lung im Umfang von 40 Wochen­stun­den zur Wahr­neh­mung betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Auf­ga­ben im Betrieb bereit­zu­hal­ten, nicht ent­ge­gen § 78 Satz 2 BetrVG auf­grund sei­nes Betriebs­rats­amts benach­tei­ligt.

Nach § 78 Satz 2 BetrVG dür­fen Mit­glie­der des Betriebs­rats wegen ihrer Tätig­keit weder benach­tei­ligt noch begüns­tigt wer­den. Die­se Rege­lung ergänzt § 37 Abs. 1 BetrVG, wonach die Mit­glie­der des Betriebs­rats ihr Amt unent­gelt­lich als Ehren­amt füh­ren. Das Ehren­amts­prin­zip wahrt die inne­re und äuße­re Unab­hän­gig­keit der Betriebs­rats­mit­glie­der 2. Eine Benach­tei­li­gung iSv. § 78 Satz 2 BetrVG ist jede Schlech­ter­stel­lung im Ver­gleich zu ande­ren Arbeit­neh­mern, die nicht auf sach­li­chen Grün­den, son­dern auf der Tätig­keit als Betriebs­rats­mit­glied beruht. Eine Benach­tei­li­gungs­ab­sicht ist nicht erfor­der­lich. Es genügt die objek­ti­ve Schlech­ter­stel­lung gegen­über Nicht­be­triebs­rats­mit­glie­dern 3.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat danach zu Unrecht ange­nom­men, es stel­le eine nicht auf sach­li­chen Grün­den beru­hen­de Benach­tei­li­gung des Betriebs­rats­mit­glieds als Betriebs­rats­mit­glied dar, wenn die Arbeit­ge­be­rin von ihm ver­lan­ge, auf­grund der arbeits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen 40 Wochen­stun­den im Betrieb anwe­send zu sein, um bei Bedarf Betriebs­rats­auf­ga­ben nach­ge­hen zu kön­nen. Dadurch wird das Betriebs­rats­mit­glied gegen­über Schicht­ar­beit­neh­mern nicht objek­tiv schlech­ter­ge­stellt.

Zwar erwar­tet die Arbeit­ge­be­rin auf­grund des Arbeits­ver­trags vom Betriebs­rats­mit­glied, dass er sich durch­schnitt­lich 40 Wochen­stun­den zur Leis­tung von Betriebs­rats­ar­beit im Betrieb bereit­hält. Sie wen­det die Rege­lung des VII. 1. der BV Wech­sel­schicht auf frei­ge­stell­te Betriebs­rats­mit­glie­der nicht an. Danach sind Schicht­ar­beit­neh­mer "im Grund­satz" nicht zur Nach­ar­beit ver­pflich­tet und bau­en kei­ne Minus­stun­den auf, soweit die arbeits­ver­trag­lich geschul­de­te Arbeits­zeit durch regu­lä­re Schicht­ar­beit nicht abge­ru­fen wird. Sie sind daher nicht zur Nach­ar­beit ver­pflich­tet, wenn sie die im Schicht­sys­tem durch­schnitt­lich anfal­len­den 36, 75 Wochen­stun­den leis­ten.

Dadurch wird das Betriebs­rats­mit­glied jedoch nicht wegen der Wahr­neh­mung sei­nes Amts als Betriebs­rats­mit­glied iSv. § 78 Satz 2 BetrVG benach­tei­ligt. Die Arbeit­ge­be­rin ist berech­tigt, die Arbeit­neh­mer im Schicht­dienst im Rah­men ihrer ver­trag­li­chen Arbeits­zeit von 40 Wochen­stun­den auch zu zusätz­li­chen Auf­ga­ben her­an­zu­zie­hen oder tags­über in der "E‑Schicht" ein­zu­set­zen. VII. 3. BV Wech­sel­schicht bestimmt, dass für die Teil­nah­me an Trai­nings außer­halb des CPS (zB För­der­pro­gram­me, Tech­ni­ker­trai­nings bei Sup­pli­ern etc.) oder für Tätig­kei­ten in ande­ren Arbeits­zeit­sys­te­men (zB Pro­jekt­sup­port in E‑Schicht) die ver­trag­li­che Arbeits­zeit gilt. Es bleibt der Arbeit­ge­be­rin somit vor­be­hal­ten, von Schicht­ar­beit­neh­mern außer­halb der Schicht­zei­ten für wei­te­re 3, 25 Stun­den pro Woche der­ar­ti­ge Arbeits­leis­tun­gen zu ver­lan­gen, ohne dass dafür ein Anspruch auf zusätz­li­che Ver­gü­tung ent­stün­de. Von voll­stän­dig von der Arbeits­leis­tung frei­ge­stell­ten Betriebs­rats­mit­glie­dern kann die Arbeit­ge­be­rin die­se Zusatz­tä­tig­kei­ten jedoch nicht ver­lan­gen. Müss­te das Betriebs­rats­mit­glied sich für sei­ne Tätig­keit als frei­ge­stell­tes Betriebs­rats­mit­glied stets nur 36, 75 Stun­den pro Woche zur Ver­fü­gung hal­ten, wür­de er sowohl gegen­über "im nor­ma­len Tag­dienst" Beschäf­tig­ten als auch gegen­über Arbeit­neh­mern im Schicht­dienst wegen der Frei­stel­lung unge­recht­fer­tigt begüns­tigt iSv. § 78 Satz 2 BetrVG.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. Okto­ber 2017 – 7 AZR 731/​15

  1. vgl. BAG 18.05.2016 – 7 AZR 401/​14, Rn. 24; 24.02.2016 – 7 ABR 20/​14, Rn. 14, BAGE 154, 207; 10.07.2013 – 7 ABR 22/​12, Rn.20; 13.06.2007 – 7 ABR 62/​06, Rn. 14; 28.08.1991 – 7 ABR 46/​90, zu B II 3 a der Grün­de, BAGE 68, 224; 31.05.1989 – 7 AZR 277/​88, zu 3 der Grün­de[]
  2. vgl. BAG 18.05.2016 – 7 AZR 401/​14, Rn. 21; 18.02.2014 – 3 AZR 568/​12, Rn. 28; 20.01.2010 – 7 ABR 68/​08, Rn. 10; 11.11.2008 – 1 AZR 646/​07, Rn. 21[]
  3. vgl. BAG 18.05.2016 – 7 AZR 401/​14, Rn. 21; 25.06.2014 – 7 AZR 847/​12, Rn. 29 mwN, BAGE 148, 299; 5.12 2012 – 7 AZR 698/​11, Rn. 47, BAGE 144, 85; 20.01.2010 – 7 ABR 68/​08, Rn. 11 mwN[]