Das katho­li­sche Kran­ken­haus – und der wie­der­ver­hei­ra­te­te Chef­arzt

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat ein Ver­fah­ren wegen der Kün­di­gung des Chef­arz­tes eines katho­li­schen Kran­ken­hau­ses wegen Wie­der­ver­hei­ra­tung im zwei­ten Durch­gang – nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein ers­tes Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf die Ver­fas­sungs­be­schwer­de der katho­li­schen Arbeit­ge­be­rin auf­ge­ho­ben hat – aus­ge­setzt, um dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Rechts­fra­gen zur EU-Gleich­be­hand­lungs­richt­li­nie zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen.

Das katho­li­sche Kran­ken­haus – und der wie­der­ver­hei­ra­te­te Chef­arzt

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wird gem. Art. 267 des Ver­tra­ges über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on (AEUV) um die Beant­wor­tung der fol­gen­den Fra­gen ersucht:

  1. Ist Art. 4 Abs. 2 Unter­abs. 2 der Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates vom 27. Novem­ber 2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf (RL 2000/​78/​EG) dahin aus­zu­le­gen, dass die Kir­che für eine Orga­ni­sa­ti­on wie die Beklag­te des vor­lie­gen­den Rechts­streits ver­bind­lich bestim­men kann, bei einem an Arbeit­neh­mer in lei­ten­der Stel­lung gerich­te­ten Ver­lan­gen nach loya­lem und auf­rich­ti­gem Ver­hal­ten zwi­schen Arbeit­neh­mern zu unter­schei­den, die der Kir­che ange­hö­ren, und sol­chen, die einer ande­ren oder kei­ner Kir­che ange­hö­ren?
  2. Sofern die ers­te Fra­ge ver­neint wird:
    1. Muss eine Bestim­mung des natio­na­len Rechts, wie hier § 9 Abs. 2 AGG, wonach eine sol­che Ungleich­be­hand­lung auf­grund der Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit der Arbeit­neh­mer ent­spre­chend dem jewei­li­gen Selbst­ver­ständ­nis der Kir­che gerecht­fer­tigt ist, im vor­lie­gen­den Rechts­streit unan­ge­wen­det blei­ben?
    2. Wel­che Anfor­de­run­gen gel­ten gemäß Art. 4 Abs. 2 Unter­abs. 2 der RL 2000/​78/​EG für ein an die Arbeit­neh­mer einer Kir­che oder einer der dort genann­ten ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen gerich­te­tes Ver­lan­gen nach einem loya­len und auf­rich­ti­gen Ver­hal­ten im Sin­ne des Ethos der Orga­ni­sa­ti­on?

Die Arbeit­ge­be­rin ist Trä­ge­rin meh­re­rer Kran­ken­häu­ser und insti­tu­tio­nell mit der römisch-katho­li­schen Kir­che ver­bun­den. Der katho­li­sche Arbeit­neh­mer war bei ihr seit dem Jahr 2000 als Chef­arzt beschäf­tigt. Den Dienst­ver­trag schlos­sen die Par­tei­en unter Zugrun­de­le­gung der vom Erz­bi­schof von Köln erlas­se­nen Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Arbeits­ver­hält­nis­se vom 23. Sep­tem­ber 1993 (GrO 1993). Nach deren Art. 5 Abs. 2 han­del­te es sich beim Abschluss einer nach dem Glau­bens­ver­ständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungül­ti­gen Ehe um einen schwer­wie­gen­den Loya­li­täts­ver­stoß, der eine Kün­di­gung recht­fer­ti­gen konn­te. Die Wei­ter­be­schäf­ti­gung war grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen, wenn der Loya­li­täts­ver­stoß von einem lei­ten­den Mit­ar­bei­ter began­gen wur­de (Art. 5 Abs. 3 GrO 1993)*. Zu die­sen zäh­len nach kirch­li­chem Recht auch Chef­ärz­te.

Der Arbeit­neh­mer hei­ra­te­te nach der Schei­dung von sei­ner ers­ten Ehe­frau im Jahr 2008 ein zwei­tes Mal stan­des­amt­lich. Nach­dem die Arbeit­ge­be­rin hier­von Kennt­nis erlangt hat­te, kün­dig­te sie das Arbeits­ver­hält­nis mit Schrei­ben vom 30. März 2009 ordent­lich zum 30. Sep­tem­ber 2009. Hier­ge­gen hat sich der Arbeit­neh­mer mit der vor­lie­gen­den Kün­di­gungs­schutz­kla­ge gewandt. Er hat gemeint, sei­ne erneu­te Ehe­schlie­ßung ver­mö­ge die Kün­di­gung nicht zu recht­fer­ti­gen. Bei evan­ge­li­schen Chef­ärz­ten blei­be eine Wie­der­hei­rat nach der GrO 1993 ohne arbeits­recht­li­che Fol­gen.

In den Vor­in­stan­zen haben Arbeits­ge­richt sowie Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf 1 der Kün­did­gungs­schutz­kla­ge statt­ge­ge­ben. Das die Revi­si­on der Arbeit­ge­be­rin zurück­wei­sen­de Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts 2 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf die Ver­fas­sungs­be­schwer­de der katho­li­schen Kran­ken­haus­trä­ge­rin auf­ge­ho­ben und die Sache an das Bun­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen 3.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat nun ent­schie­den, den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 AEUV um die Beant­wor­tung von Fra­gen zur Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 2 Unter­abs. 2 der Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates vom 27. Novem­ber 2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf 4 zu ersu­chen. Für den Senat ist erheb­lich, ob die Kir­chen nach dem Uni­ons­recht bei einem an Arbeit­neh­mer in lei­ten­der Stel­lung gerich­te­ten Ver­lan­gen nach loya­lem und auf­rich­ti­gem Ver­hal­ten unter­schei­den dür­fen zwi­schen Arbeit­neh­mern, die der Kir­che ange­hö­ren, und sol­chen, die einer ande­ren oder kei­ner Kir­che ange­hö­ren.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 28. Juli 2016 – 2 AZR 746/​14 (A)

  1. LAG Düs­sel­dorf, Urteil vom 01.07.2010 – 5 Sa 996/​09[]
  2. BAG, Urteil vom 8. Sep­tem­ber 2011 – 2 AZR 543/​10[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 22. Okto­ber 2014 – 2 BvR 661/​12[]
  4. ABl. EG Nr. L 303 S. 16[]