Das nicht mit Grün­den ver­se­he­ne Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts

In Arbeits­ge­richts­sa­chen kann die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nicht mit Erfolg dar­auf gestützt wer­den, dass das Beru­fungs­ur­teil nicht mit Grün­den im Sin­ne des § 547 Nr. 6 ZPO ver­se­hen sei.

Das nicht mit Grün­den ver­se­he­ne Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts

§ 547 Nr. 6 ZPO ist weder in § 72 Abs. 2 Nr. 3 Alt. 1 ArbGG noch in § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 Alt. 1 ArbGG in Bezug genom­men; die­se Bestim­mun­gen ver­wei­sen allein auf § 547 Nr. 1 bis Nr. 5 ZPO. Ein Ver­fah­rens­man­gel iSv. § 547 Nr. 6 ZPO ist danach im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kein Grund für die Zulas­sung der Revi­si­on.

Soweit der Beklag­te wegen Urteils­män­geln iSv. § 547 Nr. 6 ZPO, die ggf. über die von § 72b ArbGG erfass­ten Män­gel hin­aus­ge­hen, eine Ver­let­zung sei­nes Anspruchs auf recht­li­ches Gehör gel­tend macht 1, wür­de die nach­träg­li­che Zulas­sung der Revi­si­on inso­weit jeden­falls vor­aus­set­zen, dass die Ent­schei­dungs­grün­de des Urteils des Lan­des­ar­beits­ge­richts voll­kom­men unklar oder lücken­haft wären und in die­sem Man­gel zugleich eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör läge 2.

Eine Umdeu­tung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Beklag­ten in eine sofor­ti­ge Beschwer­de nach § 72b ArbGG 3 ist in einem sol­chen Fall nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts eben­falls nicht ver­an­lasst.

Dabei kann dahin­ste­hen, ob § 72b ArbGG über­haupt in den Fäl­len Anwen­dung fin­det, in denen das Urteil zwar bin­nen fünf Mona­ten nach der Ver­kün­dung abge­fasst vor­liegt und Ent­schei­dungs­grün­de ent­hält, die den for­ma­len Min­dest­in­halt eines Urteils abde­cken, in denen das Urteil jedoch im Hin­blick auf inhalt­li­che Min­dest­an­for­de­run­gen als nicht "voll­stän­dig abge­fasst" anzu­se­hen wäre. Ob § 72b ArbGG sol­che Fäl­le über­haupt erfasst, ist umstrit­ten 4. Dahin­ste­hen kann auch, wel­che Beschwer­de­frist wann zu lau­fen begin­nen wür­de, wenn § 72b ArbGG inso­weit zur Anwen­dung käme, dh. ob die ein­mo­na­ti­ge Begrün­dungs­frist (Not­frist) des § 72b Abs. 2 Satz 1 ArbGG streng nach dem Wort­laut des § 72b Abs. 2 Satz 2 ArbGG "mit dem Ablauf von fünf Mona­ten nach der Ver­kün­dung des Urteils des Lan­des­ar­beits­ge­richts" zu lau­fen begin­nen wür­de oder ob eine erfolg­te Zustel­lung des Beru­fungs­ur­teils als Zäsur anzu­se­hen wäre, die die Not­frist des § 72b Abs. 2 Satz 1 ArbGG in Gang set­zen wür­de.

Selbst wenn § 72b ArbGG die Fäl­le erfas­sen soll­te, in denen das anzu­fech­ten­de Urteil im Hin­blick auf inhalt­li­che Min­dest­an­for­de­run­gen als nicht "voll­stän­dig abge­fasst" anzu­se­hen wäre, wäre eine Umdeu­tung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Beklag­ten in eine sofor­ti­ge Beschwer­de nach § 72b ArbGG im hier ent­schie­de­nen Fall nicht ver­an­lasst:

Eine Ent­schei­dung ist dann iSd. § 547 Nr. 6 ZPO "nicht mit Grün­den ver­se­hen", wenn aus ihr nicht zu erken­nen ist, wel­che tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen und wel­che recht­li­chen Erwä­gun­gen für die getrof­fe­ne Ent­schei­dung maß­ge­bend waren. Dabei ste­hen dem voll­stän­di­gen Feh­len von Grün­den die Fäl­le gleich, in denen es zwar Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts gibt, die­se aber nicht erken­nen las­sen, auf wel­chen Über­le­gun­gen die Ent­schei­dung beruht. Dies gilt auch dann, wenn auf ein­zel­ne Ansprü­che oder auf ein­zel­ne selb­stän­di­ge Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel über­haupt nicht ein­ge­gan­gen wor­den ist. Erfor­der­lich ist, dass die ange­führ­ten Grün­de unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt geeig­net sind, den Tenor zu stüt­zen. Hier­von abzu­gren­zen sind die Fäl­le, in denen die Ent­schei­dung nur sach­lich unvoll­stän­dig, unzu­rei­chend, unrich­tig oder sonst rechts­feh­ler­haft begrün­det wor­den ist 5.

Soweit der Beklag­te im Übri­gen Ver­let­zun­gen sei­nes Anspruchs auf recht­li­ches Gehör (§ 72 Abs. 2 Nr. 3, § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 ArbGG) rügt, wur­de die Beschwer­de im hier ent­schie­de­nen Fall nicht den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chend begrün­det:

Wird mit einer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 3 Alt. 2, § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 Alt. 2 ArbGG eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör gel­tend gemacht, muss nach § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 Alt. 2 ArbGG die Beschwer­de­be­grün­dung die Dar­le­gung der Ver­let­zung die­ses Anspruchs und deren Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit ent­hal­ten 6. Es gel­ten grund­sätz­lich die Anfor­de­run­gen, die an eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­fah­rens­rüge iSv. § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 ZPO gestellt wer­den. Danach muss die Gehörs­rü­ge die Bezeich­nung der Tat­sa­chen ent­hal­ten, die den Man­gel erge­ben, auf den sich die Beschwer­de stüt­zen will. Zudem muss regel­mä­ßig die Kau­sa­li­tät zwi­schen der Gehörs­ver­let­zung und dem Ergeb­nis des Beru­fungs­ur­teils dar­ge­legt wer­den. Inso­weit genügt es, wenn dar­ge­tan wird, dass das Beru­fungs­ge­richt bei rich­ti­gem Ver­fah­ren mög­li­cher­wei­se anders ent­schie­den hät­te 7.

Danach wur­de die Beschwer­de im vor­lie­gen­den Fall nicht ord­nungs­ge­mäß begrün­det. Der Beklag­te hat schon die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der von ihm gerüg­ten Gehörs­ver­stö­ße nicht dar­ge­tan. Er hat nicht dar­ge­legt, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt nach sei­ner Argu­men­ta­ti­ons­li­nie bei rich­ti­gem Ver­fah­ren mög­li­cher­wei­se anders ent­schie­den hät­te.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 24. Okto­ber 2019 – 8 AZN 589/​19

  1. vgl. für die­se Mög­lich­keit ua. BAG 20.12 2006 – 5 AZB 35/​06, Rn. 5, BAGE 120, 358; Bep­ler RdA 2005, 65, 72; GMP/­Mül­ler-Glö­ge 9. Aufl. § 72 Rn. 26a und § 72b Rn. 23; Schwab/​Weth/​Ulrich 5. Aufl. ArbGG § 72 Rn. 43; HWK/​Treber 8. Aufl. § 72 ArbGG Rn. 23 und § 72b ArbGG Rn. 6; GWBG/​Benecke ArbGG 8. Aufl. § 72b Rn. 8; Kiel/​Koch ArbR 2013, 174, 176[]
  2. vgl. etwa GMP/­Mül­ler-Glö­ge aaO[]
  3. vgl. BAG 2.11.2006 – 4 AZN 716/​06, Rn. 8, BAGE 120, 69[]
  4. vgl. dafür: GK-ArbGG/­Mi­kosch Stand Sep­tem­ber 2019 § 72b Rn. 15 ff. mit Dif­fe­ren­zie­rung für ver­schie­de­ne Kon­stel­la­tio­nen; Beck­OK ArbR/​Klose Stand 1.09.2019 ArbGG § 72b Rn. 9; eben­so zur par­al­le­len Bestim­mung für das Beschluss­ver­fah­ren ErfK/​Koch 19. Aufl. ArbGG § 92b Rn. 1; ableh­nend: ua. BAG 20.12 2006 – 5 AZB 35/​06, Rn. 4 ff., BAGE 120, 358; GMP/­Mül­ler-Glö­ge 9. Aufl. § 72b Rn. 23; Schwab/​Weth/​Ulrich 5. Aufl. ArbGG § 72b Rn. 15; HWK/​Treber 8. Aufl. ArbGG § 72b Rn. 6; GWBG/​Benecke ArbGG 8. Aufl. § 72b Rn. 8; Düwell/​Lipke/​Düwell 5. Aufl. § 72b Rn. 3; dahin­ge­hend ist ggf. auch BAG 15.03.2006 – 9 AZN 885/​05, Rn. 11 zu ver­ste­hen[]
  5. vgl. BAG 11.12 2013 – 4 AZR 250/​12, Rn. 17 f. mwN; vgl. auch BAG 11.11.2014 – 3 AZR 848/​11, Rn. 18 mwN[]
  6. vgl. etwa BAG 15.10.2012 – 5 AZN 1958/​12, Rn. 4 mwN; Bep­ler RdA 2005, 65, 72[]
  7. BAG 10.05.2005 – 9 AZN 195/​05, zu II 2 der Grün­de, BAGE 114, 295[]