Das nicht vor Urlaubs­an­tritt aus­ge­zahl­te Urlaubs­ent­gelt – und die arbeits­ver­trag­li­che Ver­fall­klau­sel

Zahlt der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer das Urlaubs­ent­gelt nicht vor Urlaubs­an­tritt aus, ist die Urlaubser­tei­lung des Arbeit­ge­bers jeden­falls im bestehen­den Arbeits­ver­hält­nis nach Treu und Glau­ben geset­zes­kon­form so zu ver­ste­hen (§ 157 BGB), dass der Arbeit­ge­ber damit zugleich streit­los stellt, dass er für den gewähr­ten Urlaub dem Grun­de nach zur Zah­lung von Urlaubs­ent­gelt nach den gesetz­li­chen Vor­ga­ben und etwai­gen arbeits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen ver­pflich­tet ist, sofern dem nicht kon­kre­te Anhalts­punk­te ent­ge­gen­ste­hen.

Das nicht vor Urlaubs­an­tritt aus­ge­zahl­te Urlaubs­ent­gelt – und die arbeits­ver­trag­li­che Ver­fall­klau­sel

Wäh­rend der Urlaubs­an­spruch wegen des für ihn gel­ten­den Fris­ten­re­gimes des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­schluss­fris­ten regel­mä­ßig nicht unter­liegt [1], unter­fällt der Urlaubs­ent­gelt­an­spruch nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung ent­spre­chen­den tarif­li­chen und ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten [2], und zwar auch dann, wenn Urlaub gewährt wur­de [3]. Ob dar­an – jeden­falls im Hin­blick auf den gesetz­li­chen Min­dest­ur­laub – ange­sichts des uni­ons­recht­li­chen Ver­ständ­nis­ses, der Anspruch auf Jah­res­ur­laub und der auf Zah­lung des Urlaubs­ent­gelts sei­en „zwei Aspek­te eines ein­zi­gen Anspruchs“ [4], und dem Erfor­der­nis, der Arbeit­neh­mer müs­se wäh­rend des Urlaubs das gewöhn­li­che Ent­gelt wei­ter­be­zie­hen [5], fest­ge­hal­ten wer­den kann, brauch­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall jedoch nicht zu ent­schei­den:

Die Arbeit­ge­be­rin hat dem Arbeit­neh­mer im hier ent­schie­de­nen Streit­frall nach Aus­spruch der ordent­li­chen Kün­di­gung Urlaub gewährt. Damit hat sie den Anspruch auf Urlaubs­ent­gelt dem Grun­de nach streit­los gestellt und der Not­wen­dig­keit einer Gel­tend­ma­chung inner­halb von ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­schluss­fris­ten ent­zo­gen.

Gewährt der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer in Erfül­lung sei­ner gesetz­li­chen und ver­trag­li­chen Pflich­ten Urlaub, ist davon aus­zu­ge­hen, dass er wirk­sam Urlaub gewäh­ren will. Das setzt nicht nur bei Urlaubs­ge­wäh­rung nach frist­lo­ser Kün­di­gung [6], son­dern gene­rell vor­aus, dass dem Arbeit­neh­mer zum Zeit­punkt der Inan­spruch­nah­me des Urlaubs ent­spre­chend dem arbeits­ver­trag­lich nicht abding­ba­ren § 11 Abs. 2 BUr­lG [7] ent­we­der das Urlaubs­ent­gelt aus­ge­zahlt wird oder ein Anspruch auf Ver­gü­tung sicher sein muss [8]. Ande­ren­falls wird er wäh­rend des Urlaubs nicht in die Lage ver­setzt, die in Bezug auf das Ent­gelt mit den Zei­ten geleis­te­ter Arbeit ver­gleich­bar ist [9].

Zahlt der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer das Urlaubs­ent­gelt nicht vor Urlaubs­an­tritt aus, ist die Urlaubser­tei­lung des Arbeit­ge­bers jeden­falls im bestehen­den Arbeits­ver­hält­nis nach Treu und Glau­ben geset­zes­kon­form so zu ver­ste­hen (§ 157 BGB), dass der Arbeit­ge­ber damit zugleich streit­los stellt, dass er für den gewähr­ten Urlaub dem Grun­de nach zur Zah­lung von Urlaubs­ent­gelt nach den gesetz­li­chen Vor­ga­ben und etwai­gen arbeits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen ver­pflich­tet ist, sofern dem nicht kon­kre­te Anhalts­punk­te ent­ge­gen­ste­hen. Ande­ren­falls hät­te er den Urlaubs­an­spruch des Arbeits­neh­mers nicht wirk­sam erfüllt (§ 362 Abs. 1 BGB). Auf­grund die­ser „Zusa­ge“ ist der Zweck einer Aus­schluss­frist – ähn­lich wie beim Ertei­len einer schrift­li­chen Lohn­ab­rech­nung [10] – erreicht. Der Arbeit­neh­mer muss den Urlaubs­ent­gelt­an­spruch nicht mehr im Sin­ne einer Ver­fall­klau­sel gel­tend machen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 30. Janu­ar 2019 – 5 AZR 43/​18

  1. BAG 19.06.2018 – 9 AZR 615/​17, Rn. 38 f. mwN[]
  2. BAG 22.01.2002 – 9 AZR 601/​00, zu A II 4 c der Grün­de, BAGE 100, 189[]
  3. vgl. BAG 27.02.2018 – 9 AZR 238/​17, Rn. 30[]
  4. etwa EuGH 29.11.2017 – C‑214/​16 – [King] Rn. 35 mwN; vgl. zum Ein­heits­an­spruch auch EuArbR/​Gallner 2. Aufl. RL 2003/​88/​EG Art. 7 Rn. 3 mwN[]
  5. EuGH 6.11.2018 – C‑569/​16, – C‑570/​16 – [Bau­er] Rn. 39 mwN[]
  6. dazu BAG 10.02.2015 – 9 AZR 455/​13, Rn. 23 f., BAGE 150, 355[]
  7. ErfK/​Gallner 19. Aufl. BUr­lG § 11 Rn. 27; Schaub ArbR-HdB/­Linck 17. Aufl. § 104 Rn. 116; MHdB ArbR/​Klose 4. Aufl. § 87 Rn. 9[]
  8. AR/​Gutzeit 9. Aufl. § 7 BUr­lG Rn. 10[]
  9. vgl. EuGH 29.11.2017 – C‑214/​16 – [King] Rn. 35 mwN[]
  10. vgl. dazu BAG 28.07.2010 – 5 AZR 521/​09, Rn. 18 mwN, BAGE 135, 197[]