Das nicht vor­schrift­mä­ßig besetz­te Lan­des­ar­beits­ge­richt

Eine Ent­schei­dung ist stets als auf einer Ver­let­zung des Rechts beru­hend anzu­se­hen, wenn das Gericht nicht vor­schrifts­mä­ßig besetzt war, § 547 Nr. 1 ZPO. Dies gilt grund­sätz­lich auch im Arbeits­ge­richts­ver­fah­ren. Dort ist bei Vor­lie­gen eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des im Sin­ne von § 72 Abs. 2 Nr. 3 Alt. 1 ArbGG, § 547 Nr. 1 bis 5 ZPO die Rege­lung des § 72a Abs. 7 ArbGG ana­log anzu­wen­den. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt kann also in dem der Beschwer­de statt­ge­ben­den Beschluss das ange­foch­te­ne Urteil auf­he­ben und den Rechts­streit zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wei­sen.

Das nicht vor­schrift­mä­ßig besetz­te Lan­des­ar­beits­ge­richt

Nach § 72a Abs. 7 ArbGG kann das Bun­des­ar­beits­ge­richt bei Ver­let­zung des Anspruchs des Beschwer­de­füh­rers auf recht­li­ches Gehör in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se in dem der Beschwer­de statt­ge­ben­den Beschluss das ange­foch­te­ne Urteil auf­he­ben und den Rechts­streit zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wei­sen. Dem Wort­laut der Vor­schrift nach besteht die­se Mög­lich­keit nicht bei Vor­lie­gen eines ande­ren Zulas­sungs­grun­des. § 72a Abs. 7 ArbGG ist aber bei Vor­lie­gen eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des iSv. § 72 Abs. 2 Nr. 3 Alt. 1 ArbGG, § 547 Nr. 1 bis 5 ZPO ana­log anzu­wen­den.

Ana­lo­ge Geset­zes­an­wen­dung setzt vor­aus, dass der gesetz­lich unge­re­gel­te Fall nach Maß­ga­be des Gleich­heits­sat­zes und zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­der­sprü­chen nach der glei­chen Rechts­fol­ge ver­langt wie die erfass­ten Fäl­le [1]. Es muss aller­dings eine posi­tiv fest­zu­stel­len­de Geset­zes­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes vor­lie­gen [2].

Nach die­sen Grund­sät­zen ist eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 72a Abs. 7 ArbGG bei Vor­lie­gen eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des gemäß § 547 Nr. 1 bis 5 ZPO gebo­ten.

§ 72a Abs. 7 ArbGG wur­de durch das Anhö­rungs­rü­gen­ge­setz vom 09.12 2004 [3] neu ein­ge­fügt. Die Vor­schrift ori­en­tiert sich an § 544 Abs. 7 ZPO und dient der Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens [4]. Die­sem Zweck der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung wür­de es wider­spre­chen, wenn bei Vor­lie­gen eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung zunächst im Revi­si­ons­ver­fah­ren ohne wei­te­re Sach­prü­fung auf­ge­ho­ben und das Ver­fah­ren erst dann an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen wer­den müss­te [5].

Für eine unbe­wuss­te Geset­zes­lü­cke im Sin­ne eines Redak­ti­ons­ver­se­hens spricht die aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung erfolg­te Ori­en­tie­rung an dem im Wesent­li­chen wort­glei­chen § 544 Abs. 7 ZPO, der wie­der­um § 133 Abs. 6 VwGO zum Vor­bild hat [6]. Dabei ist offen­bar über­se­hen wor­den, dass § 543 ZPO anders als § 72 Abs. 2 Nr. 3 ArbGG eine Zulas­sung der Revi­si­on wegen Vor­lie­gens eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des nicht vor­sieht [7]. Die Berück­sich­ti­gung abso­lu­ter Revi­si­ons­grün­de war bei § 544 Abs. 7 ZPO daher nicht ver­an­lasst.

All dies spricht dafür, dass die mit § 72a Abs. 7 ArbGG bezweck­te Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung zur Ver­mei­dung eines ledig­lich ent­schei­dungs­ver­zö­gern­den Revi­si­ons­ver­fah­rens auch bei Dar­le­gung eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren gemäß § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 Alt. 1 ArbGG ermög­licht wer­den soll. Eine ent­spre­chen­de Ana­lo­gie ent­spricht auch der Inter­es­sen­la­ge der Par­tei­en und dem all­ge­mei­nen Beschleu­ni­gungs­ge­bot nach § 9 Abs. 1 ArbGG [8]. In der Lite­ra­tur wird die ana­lo­ge Anwen­dung des § 72a Abs. 7 ArbGG daher über­wie­gend befür­wor­tet [9].

§ 72a Abs. 7 ArbGG ermög­licht auch die Zurück­ver­wei­sung an eine ande­re Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts. Die Vor­schrift sieht dies zwar nicht aus­drück­lich vor. Die­ser Weg ist jedoch in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO eröff­net. Eine der­ar­ti­ge Not­wen­dig­keit kann auch bei einer Zurück­ver­wei­sung im Rah­men des Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­rens ent­ste­hen [10].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 5. Juni 2014 – 6 AZN 267/​14

  1. BAG 24.10.2013 – 2 AZR 320/​13, Rn. 25[]
  2. BAG 16.05.2013 – 6 AZR 556/​11, Rn. 56[]
  3. BGBl. I S. 3220[]
  4. BR-Drs. 663/​04 S. 49; BT-Drs. 15/​3706 S.20[]
  5. Bep­ler RdA 2005, 65, 76; ErfK/​Koch 14. Aufl. § 72a ArbGG Rn. 10; Düwell/​Lipke/​Düwell ArbGG 3. Aufl. § 72a Rn. 59[]
  6. BT-Drs. 15/​3706 S. 17; BAG 12.12 2006 – 3 AZN 625/​06, Rn. 34, BAGE 120, 322[]
  7. vgl. Bep­ler RdA 2005, 65, 76; Düwell/​Lipke/​Düwell ArbGG 3. Aufl. § 72a Rn. 59[]
  8. ErfK/​Koch 14. Aufl. § 72a ArbGG Rn. 10[]
  9. so GWBG/​Benecke ArbGG 8. Aufl. § 72a Rn. 51; Schwab/​Weth/​Ulrich 3. Aufl. ArbGG § 72a Rn. 87a; Beck­OK ArbR/​Klose Stand 1.03.2014 ArbGG § 72a Rn. 21; aA GK-ArbGG/­Mi­kosch Stand April 2010 § 72a Rn. 84; GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 8. Aufl. § 72a Rn. 62[]
  10. BAG 12.12 2006 – 3 AZN 625/​06, Rn. 33, BAGE 120, 322[]