Das nicht vor­schrifts­mä­ßig besetz­te Arbeits­ge­richt – und die Rechts­be­schwer­de

Die nicht vor­schrifts­mä­ßi­ge Beset­zung des Gerichts ist gemäß § 78 Satz 1 ArbGG, § 576 Abs. 3, § 547 Nr. 1, § 577 Abs. 2 Satz 3 ZPO im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren regel­mä­ßig nur auf Rüge hin zu beach­ten. Die­se ist grund­sätz­lich nur dann begrün­det, wenn das Beschwer­de­ge­richt nicht vor­schrifts­mä­ßig besetzt war 1. Auf die nicht vor­schrifts­mä­ßi­ge Beset­zung des Gerichts ers­ter Instanz kann die Rüge in der Rechts­be­schwer­de grund­sätz­lich nur dann gestützt wer­den, wenn auch der ange­foch­te­ne Beschluss des Beschwer­de­ge­richts mit die­sem Ver­fah­rens­man­gel behaf­tet ist 2.

Das nicht vor­schrifts­mä­ßig besetz­te Arbeits­ge­richt – und die Rechts­be­schwer­de

Die nicht ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Arbeits­ge­richts bei der Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit des Rechts­wegs und über die Nicht­ab­hil­fe wirkt sich nicht auf den ange­foch­te­nen Beschluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts aus. Die­ses hat nach § 78 Satz 3 ArbGG ord­nungs­ge­mäß ohne Hin­zu­zie­hung der ehren­amt­li­chen Rich­ter ent­schie­den und den Sach­ver­halt selb­stän­dig und umfas­send gewür­digt. Der Beset­zungs­feh­ler ers­ter Instanz hat dadurch sei­ne Bedeu­tung ver­lo­ren 3.

Ob davon eine Aus­nah­me zu machen ist, wenn die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung objek­tiv will­kür­lich gegen das Ver­fas­sungs­ge­bot des gesetz­li­chen Rich­ters ver­stößt 4, kann offen­blei­ben. Einen sol­chen Feh­ler stellt die vor­schrifts­wid­ri­ge Beset­zung des Vor­der­ge­richts grund­sätz­lich nicht dar 5. Der Kam­mer­vor­sit­zen­de des Arbeits­ge­richts hat das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters weder grund­le­gend ver­kannt noch hat er unter objek­tiv will­kür­li­cher Miss­ach­tung der gesetz­li­chen Rege­lung in § 48 Abs. 1 Nr. 2 ArbGG ent­schie­den. Ins­be­son­de­re war sein Vor­ge­hen nicht Aus­druck schlecht­hin unver­ständ­li­cher oder offen­sicht­lich unhalt­ba­rer Miss­ach­tung der Zustän­dig­keits­nor­men, die gegen das Will­kür­ver­bot ver­sto­ßen wür­de und einen Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar­stel­len könn­te 6. Denn der Vor­sit­zen­de hat offen­sicht­lich schlicht über­se­hen, dass er den Beschluss nach § 17a Abs. 2 GVG nicht – wie bei Ent­schei­dun­gen außer­halb der münd­li­chen Ver­hand­lung üblich – nach § 53 Abs. 1 Satz 1 ArbGG allein erlas­sen kann, weil inso­weit in § 48 Abs. 1 Nr. 2 ArbGG "ande­res bestimmt" ist. Dar­in liegt kein objek­tiv will­kür­li­cher Ver­stoß gegen das Ver­fas­sungs­ge­bot des gesetz­li­chen Rich­ters.

Hin­zu kommt, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts die nach § 572 Abs. 3 ZPO eröff­ne­te Mög­lich­keit, die erfor­der­li­che Anord­nung an das Gericht zu über­tra­gen, von dem die beschwe­ren­de Ent­schei­dung erlas­sen war, im arbeits­ge­richt­li­chen Beschwer­de­ver­fah­ren nach § 78 ArbGG, § 17a Abs. 4 GVG nicht eröff­net ist. Sie wider­sprä­che dem im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren beson­ders bedeut­sa­men Beschleu­ni­gungs­grund­satz (§ 9 Abs. 1 ArbGG). Die­ser fin­det im arbeits­ge­richt­li­chen Beru­fungs­ver­fah­ren sei­nen Aus­druck in § 68 ArbGG, wonach die Zurück­ver­wei­sung wegen eines Ver­fah­rens­man­gels aus­ge­schlos­sen ist. Auch wenn die­se Bestim­mung im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht anwend­bar ist, wider­sprä­che es ent­ge­gen einer in der Recht­spre­chung der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te ver­tre­te­nen Auf­fas­sung 7 regel­mä­ßig dem in die­ser Vor­schrift und in § 9 Abs. 1 ArbGG zum Aus­druck kom­men­den Grund­ge­dan­ken der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung, wenn im ledig­lich vor­ge­schal­te­ten Rechts­weg­be­stim­mungs­ver­fah­ren nach § 17a GVG eine Zurück­ver­wei­sung aus der Beschwer­de­instanz an das Arbeits­ge­richt zuläs­sig wäre. Das Haupt­sa­che­ver­fah­ren darf nicht bereits im Rechts­weg­be­stim­mungs­ver­fah­ren durch Zurück­ver­wei­sun­gen von zwei­ter zu ers­ter Instanz ver­zö­gert wer­den 8.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 17. Sep­tem­ber 2014 – 10 AZB 4/​14

  1. vgl. BGH 30.05.1958 – V ZR 232/​56NJW 1958, 1398; BVerwG 19.07.2010 – 2 B 127.09, Rn. 7 [zu § 138 Nr. 1 VwGO][]
  2. vgl. BAG 16.10.2008 – 7 AZN 427/​08, Rn. 11, BAGE 128, 130; BGH 30.05.1958 – V ZR 232/​56 – aaO[]
  3. eben­so zu § 138 Nr. 1 VwGO: BVerwG 19.07.2010 – 2 B 127.09, Rn. 5[]
  4. vgl. BGH 22.11.2011 – VIII ZB 81/​11, Rn. 9[]
  5. vgl. BGH 29.04.2004 – V ZB 46/​03, zu II 1 der Grün­de mwN[]
  6. vgl. BGH 14.05.2013 – VI ZR 325/​11, Rn. 15[]
  7. vgl. LAG Bre­men 5.01.2006 – 3 Ta 69/​05; LAG Rhein­land-Pfalz 25.01.2007 – 11 Ta 10/​07; wie hier dage­gen Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt 15.05.2008 – 20 Ta 80/​08[]
  8. vgl. BAG 17.02.2003 – 5 AZB 37/​02, zu II 3 der Grün­de, BAGE 105, 1; GMP/­Mül­ler-Glö­ge § 78 Rn. 35[]