Das Per­so­nal­rats­mit­glied – und die über­ta­rif­li­che Leistungsvergütung

Nach § 11 Abs. 5 des Tarif­ver­trags über das Leis­tungs­ent­gelt für die Beschäf­tig­ten des Bun­des vom 25.08.2006 (nach­fol­gend Leis­tungs­TV-Bund) erhal­ten zwar unter ande­rem Beschäf­tig­te, die nach dem Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz von der Erbrin­gung ihrer Arbeits­leis­tung zu 75 vH und mehr ihrer indi­vi­du­el­len durch­schnitt­li­chen Arbeits­zeit frei­ge­stellt wor­den sind, ohne Leis­tungs­fest­stel­lung ein Leis­tungs­ent­gelt in Höhe des Durch­schnitts­be­trags der Beschäf­tig­ten ihrer jewei­li­gen Ent­gelt­grup­pe. Die Vor­schrif­ten des Leis­tungs­TV-Bund und damit auch des­sen § 11 Abs. 5 sind jedoch auf von der Arbeit­ge­be­rin gewähr­te (über­ta­rif­li­che) Leis­tungs­ver­gü­tung nicht anwendbar.

Das Per­so­nal­rats­mit­glied – und die über­ta­rif­li­che Leistungsvergütung

Nach § 2 Satz 1 Leis­tungs­TV-Bund regelt die­ser Tarif­ver­trag den Rah­men für die Gewäh­rung „des Leis­tungs­ent­gelts nach § 18 TVöD“. § 18 Abs. 1 TVöD-Bund bestimmt, dass der öffent­li­che Arbeit­ge­ber ein Leis­tungs­ent­gelt zah­len kann. Die Vor­schrift ermög­licht daher dem Arbeit­ge­ber die Zah­lung eines der­ar­ti­gen Ent­gelts, der Arbeit­ge­ber ist hier­zu aber nicht ver­pflich­tet. Zahlt er ein Leis­tungs­ent­gelt nach § 18 TVöD-Bund, rich­tet sich die Umset­zung gemäß § 18 Abs. 2 Satz 2 TVöD-Bund nach den Rege­lun­gen des Leis­tungs­TV-Bund. Der Leis­tungs­TV-Bund fin­det daher nur Anwen­dung auf das tarif­li­che Leis­tungs­ent­gelt, das der öffent­li­che Arbeit­ge­ber des Bun­des auf der Grund­la­ge von § 18 TVöD-Bund zusagt. Gewährt der öffent­li­che Arbeit­ge­ber eine über­ta­rif­li­che Leis­tungs­ver­gü­tung für her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tun­gen nach der für Beam­te gel­ten­den BLBV 2009, fin­den hier­auf weder § 18 TVöD-Bund noch der Leis­tungs­TV-Bund Anwendung.

So auch in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Die Arbeit­ge­be­rin zahl­te im strei­ti­gen Zeit­raum in den Jah­ren 2016 und danach kein Leis­tungs­ent­gelt nach § 18 TVöD-Bund, son­dern eine über­ta­rif­li­che Leis­tungs­ver­gü­tung in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Ver­ord­nung des Bun­des über leis­tungs­be­zo­ge­ne Besol­dungs­in­stru­men­te vom 23.07.2009 (Bun­des­leis­tungs­be­sol­dungs­ver­ord­nung, nach­fol­gend BLBV 2009).

Die im Streit­zeit­raum durch die Arbeit­ge­be­rin für den Geschäfts­be­reich des Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums vor­ge­nom­me­ne Zah­lung von Leis­tungs­prä­mi­en beruht nach § 2 Abs. 1 der Dienst­ver­ein­ba­rung über die Ein­füh­rung und Umset­zung eines über­ta­rif­li­chen Leis­tungs­prä­mi­en- und Leis­tungs­zu­la­gen­sys­tems für Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer (nach­fol­gend DV 2015) auf der die Leis­tungs­ver­gü­tung für Beam­tin­nen und Beam­te regeln­den BLBV 2009. Aus­weis­lich der Prä­am­bel der DV 2015 war die Abkehr vom tarif­li­chen Leis­tungs­ent­gelt hin zur Umstel­lung auf das über­ta­rif­li­che Leis­tungs­prä­mi­en- und Leis­tungs­zu­la­gen­sys­tem in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Vor­schrif­ten der BLBV 2009 bereits in der Dienst­ver­ein­ba­rung vom 16.05.2014 beschlos­sen wor­den. Die über­ta­rif­li­che Anwen­dung der BLBV 2009 auf Arbeit­neh­mer hat­te das BMI im Ein­ver­neh­men mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen durch Rund­schrei­ben vom 20.02.20141 zuge­las­sen. Dar­in heißt es, mit die­sem Rund­schrei­ben wer­de, nach­dem nach der zum 1.01.2014 in Kraft getre­te­nen Neu­fas­sung des § 18 TVöD kei­ne Pflicht zur Zah­lung eines Leis­tungs­ent­gelts mehr bestehe, „als Alter­na­ti­ve zum tarif­li­chen Leis­tungs­ent­gelt … die Mög­lich­keit geschaf­fen, in Anleh­nung an die leis­tungs­be­zo­ge­nen Besol­dungs­in­stru­men­te für Beam­te ein leis­tungs­be­zo­ge­nes Ent­gelt in Form der Zah­lung von Prä­mi­en und Zula­gen für beson­de­re Leis­tun­gen zu zah­len„2.

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Die Abkehr vom tarif­li­chen Leis­tungs­ent­gelt hin zur über­ta­rif­li­chen Leis­tungs­ver­gü­tung in ent­spre­chen­der Anwen­dung der BLBV 2009 erklärt sich vor dem Hin­ter­grund der his­to­ri­schen Ent­wick­lung der tarif­li­chen Leis­tungs­ver­gü­tung im Bereich des Bun­des3.

Bereits in den Jah­ren 1997 bis 2007 war für den Bereich des Bun­des­diens­tes die über­ta­rif­li­che Gewäh­rung von Leis­tungs­prä­mi­en und ‑zula­gen an Arbeit­neh­mer in ent­spre­chen­der Anwen­dung der für Beam­te gel­ten­den Rege­lun­gen zuge­las­sen4. Im Zuge der Tarif­re­form 2005 wur­de die tarif­li­che Leis­tungs­be­zah­lung für die Tarif­be­schäf­tig­ten im Bun­des­dienst in § 18 TVöD-Bund in der ab dem 1.10.2005 gel­ten­den Fas­sung vom 13.09.2005 (aF) ein­ge­führt als ein wesent­li­cher Bau­stein der mit der Reform ange­streb­ten Stär­kung des Leis­tungs­prin­zips. § 18 TVöD-Bund aF gab zwin­gend – erst­mals für 2007 – dem Arbeit­ge­ber einen bestimm­ten Gesamt­be­trag vor, der als Vom­hun­dert­satz der näher umschrie­be­nen Lohn­sum­me des jewei­li­gen Vor­jah­res defi­niert ist, und ver­pflich­te­te den Arbeit­ge­ber, die­sen Gesamt­be­trag im jewei­li­gen Bezugs­jahr als Leis­tungs­ent­gelt aus­zu­zah­len. Die Gewäh­rung des tarif­li­chen Leis­tungs­ent­gelts wur­de nach § 18 Abs. 3 TVöD-Bund aF näher aus­ge­stal­tet in einem Bun­des­ta­rif­ver­trag, der mit dem Leis­tungs­TV-Bund vom 25.08.2006 am 1.01.2007 in Kraft trat. Mit der Ein­füh­rung die­ses ver­pflich­ten­den tarif­ver­trag­li­chen Leis­tungs­ent­gelts nach § 18 TVöD-Bund aF und dem Leis­tungs­TV-Bund wur­de die bis dahin in ent­spre­chen­der Anwen­dung der für Beam­te gel­ten­den Vor­schrif­ten zuge­las­se­ne über­ta­rif­li­che Leis­tungs­ver­gü­tung für her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tun­gen mit Inkraft­tre­ten des Leis­tungs­TV-Bund im Jahr 2007 abge­löst5.

Nach­dem das tarif­li­che Leis­tungs­ent­gelt nach § 18 TVöD-Bund aF Kri­tik erfah­ren hat­te6, wur­de im Zuge der Tarif­ver­hand­lun­gen über eine neue Ent­gelt­ord­nung des Bun­des auch eine Reform der Leis­tungs­ver­gü­tung ver­ein­bart. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en ver­stän­dig­ten sich dar­auf, das tarif­li­che Leis­tungs­ent­gelt nach § 18 TVöD-Bund von einem zwin­gend vor­ge­schrie­be­nen Instru­ment zu einer Opti­on umzu­ge­stal­ten und den Dotie­rungs­rah­men – wenn von der Opti­on Gebrauch gemacht wird – nicht mehr obli­ga­to­risch, son­dern nur als Ober­gren­ze fest­zu­le­gen („bis zu 1 v.H.“). Mit Ände­rungs­ta­rif­ver­trag Nr. 9 zum TVöD-Bund vom 05.09.2013 wur­de § 18 TVöD-Bund ent­spre­chend neu gefasst. Nach­dem die Ände­run­gen zum 1.01.2014 in Kraft getre­ten waren, wur­de das tarif­li­che Opti­ons­mo­dell ergänzt durch die gemäß Rund­schrei­ben des BMI vom 20.02.20142 im Ein­ver­neh­men mit dem Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um den Dienst­stel­len­lei­tun­gen eröff­ne­te Mög­lich­keit, über­ta­rif­li­che Leis­tungs­prä­mi­en und Leis­tungs­zu­la­gen in ent­spre­chen­der Anwen­dung der BLBV 2009 zu gewäh­ren, wie dies bereits bis 2007 mög­lich war. Dar­aus folgt kei­ne recht­li­che Pflicht des Arbeit­ge­bers, Leis­tungs­prä­mi­en oder ‑zula­gen zu gewäh­ren; die Ent­schei­dung dar­über, ob von die­ser Mög­lich­keit Gebrauch gemacht wird, tref­fen die nach­ge­ord­ne­ten Behör­den und Dienst­stel­len7. Wird zuguns­ten der Fort­set­zung des tarif­li­chen Sys­tems optiert und der Dotie­rungs­rah­men fest­ge­legt, ist für die Umset­zung der in die­sem Rah­men fort­ge­setz­ten tarif­li­chen Leis­tungs­be­zah­lung wei­ter­hin der Leis­tungs­TV-Bund in Ver­bin­dung mit der nach sei­nen Vor­ga­ben abge­schlos­se­nen Dienst­ver­ein­ba­rung maß­geb­lich (§ 18 Abs. 2 Satz 2 TVöD-Bund). Wird gegen das Tarif­mo­dell optiert und ent­we­der kei­ne Leis­tungs­ver­gü­tung zuge­sagt oder eine durch das Rund­schrei­ben vom 20.02.2014 ermög­lich­te über­ta­rif­li­che Leis­tungs­ver­gü­tung in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Rege­lun­gen der BLBV, fin­det § 18 TVöD-Bund kei­ne Anwen­dung. Leis­tungs­prä­mi­en und ‑zula­gen in über­ta­rif­li­cher Anwen­dung der BLBV kön­nen nur gewährt wer­den, wenn im Kalen­der­jahr der Aus­zah­lung kein tarif­ver­trag­li­ches Leis­tungs­ent­gelt nach § 18 TVöD-Bund gezahlt wird. Eine par­al­le­le Anwen­dung sowohl der tarif­ver­trag­li­chen als auch der über­ta­rif­li­chen Leis­tungs­be­zah­lungs­in­stru­men­te ist damit – mit Aus­nah­me des Über­gangs­jahrs 2014 – grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen8. Im Bereich des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Ver­tei­di­gung wur­de aus­weis­lich der DV 2015 für das über­ta­rif­li­che Sys­tem in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Rege­lun­gen der BLBV 2009 optiert.

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Auch ist es der Arbeit­ge­be­rin nicht ver­wehrt, eine über­ta­rif­li­che Leis­tungs­ver­gü­tung zu gewäh­ren, auf die § 18 TVöD-Bund und der Leis­tungs­TV-Bund kei­ne Anwen­dung fin­den. Denn nach der Neu­fas­sung des § 18 TVöD-Bund in der seit dem 1.01.2014 gel­ten­den Fas­sung ist die Gewäh­rung des tarif­li­chen Leis­tungs­ent­gelts nicht mehr ver­pflich­tend vor­ge­schrie­ben. Der Leis­tungs­TV-Bund fin­det daher nur Anwen­dung, wenn sich der öffent­li­che Arbeit­ge­ber für die Zah­lung des tarif­li­chen Leis­tungs­ent­gelts ent­schei­det. Damit haben die Tarif­par­tei­en den Arbeit­ge­ber nicht in der Befug­nis beschränkt, eine über § 18 TVöD-Bund hin­aus­ge­hen­de (über­ta­rif­li­che) Leis­tungs­ver­gü­tung zu gewäh­ren. Ein sol­cher Rege­lungs­wil­le hat in der Vor­schrift des § 18 TVöD-Bund kei­nen Nie­der­schlag gefun­den. Gegen ein der­art ein­schrän­ken­des Ver­ständ­nis des § 18 TVöD-Bund spricht zudem nicht nur die Tarif­ge­schich­te, son­dern auch der Grund­satz der mög­lichst geset­zes­kon­for­men Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen9. Mit einer Rege­lung, wel­che die Zusa­ge einer über­ta­rif­li­chen Leis­tungs­ver­gü­tung unter­sagt, ver­stie­ße die Tarif­norm gegen die dem Güns­tig­keits­prin­zip des § 4 Abs. 3 TVG zu ent­neh­men­de Gren­ze der tarif­li­chen Rege­lungs­macht. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en dür­fen nach § 4 Abs. 3 TVG grund­sätz­lich ihre Arbeits­be­din­gun­gen nicht gleich­zei­tig zu Höchst- und Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen machen10. Gegen­stand kol­lek­ti­ver Rege­lung durch tarif­li­che Inhalts­nor­men ist die Fest­set­zung all­ge­mei­ner und glei­cher Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen. Die Mög­lich­keit, dem­ge­gen­über arbeits­ver­trag­lich güns­ti­ge­re Arbeits­be­din­gun­gen zu ver­ein­ba­ren, kann ein Tarif­ver­trag grund­sätz­lich nicht ein­schrän­ken11.

Der Zuläs­sig­keit der Gewäh­rung einer über­ta­rif­li­chen Leis­tungs­ver­gü­tung außer­halb des § 18 TVöD-Bund im Wege einer Dienst­ver­ein­ba­rung unter Betei­li­gung des Per­so­nal­rats steht – anders als der Per­so­nal­rats­mit­glied meint – § 75 Abs. 5 BPersVG nicht ent­ge­gen. Nach § 75 Abs. 5 Satz 1 BPersVG kön­nen Arbeits­ent­gel­te und sons­ti­ge Arbeits­be­din­gun­gen, die durch Tarif­ver­trag gere­gelt sind oder übli­cher­wei­se gere­gelt wer­den, nicht Gegen­stand einer Dienst­ver­ein­ba­rung sein; dies gilt nicht, wenn ein Tarif­ver­trag den Abschluss ergän­zen­der Dienst­ver­ein­ba­run­gen aus­drück­lich zulässt (§ 75 Abs. 5 Satz 2 BPersVG). Vor­lie­gend besteht eine tarif­li­che Rege­lung gera­de nicht, weil es sich bei der in ent­spre­chen­der Anwen­dung der für Beam­tin­nen und Beam­te gel­ten­den BLBV 2009 gewähr­ten Leis­tungs­ver­gü­tung um ein über­ta­rif­li­ches Arbeits­ent­gelt han­delt, das von § 18 TVöD-Bund; und vom Leis­tungs­TV-Bund nicht erfasst wird12.

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Ein Anspruch des Per­so­nal­rats­mit­glieds auf Zah­lung des Durch­schnitts­be­trags der an die im Bun­des­wehr-Dienst­leis­tungs­zen­trum beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer der Ent­gelt­grup­pe 7 gezahl­ten Leis­tungs­prä­mie ergibt sich auch nicht aus § 46 Abs. 2 Satz 1 BPersVG iVm. § 611a Abs. 2 BGB13.

Nach § 46 Abs. 2 Satz 1 BPersVG hat das Per­so­nal­rats­mit­glied für die Dau­er der Frei­stel­lung Anspruch auf Fort­zah­lung des Arbeits­ent­gelts, das es erhal­ten hät­te, wenn es kei­ne Per­so­nal­rats­tä­tig­keit ver­rich­tet, son­dern gear­bei­tet hät­te. Die Ver­säu­mung von Arbeits­zeit, die zur ord­nungs­ge­mä­ßen Durch­füh­rung der Auf­ga­ben des Per­so­nal­rats erfor­der­lich ist, darf nicht zu einer Min­de­rung des Arbeits­ent­gelts füh­ren. Die fort­zu­zah­len­de Ver­gü­tung bemisst sich nach dem Lohn­aus­fall­prin­zip14. Die Berech­nung der geschul­de­ten Ver­gü­tung nach dem Lohn­aus­fall­prin­zip erfor­dert eine hypo­the­ti­sche Betrach­tung, wel­ches Arbeits­ent­gelt das Per­so­nal­rats­mit­glied ohne die Arbeits­be­frei­ung ver­dient hät­te15. Dabei ist zu beach­ten, dass Per­so­nal­rats­mit­glie­der nach § 8 BPersVG wegen ihrer Tätig­keit weder benach­tei­ligt noch begüns­tigt wer­den dür­fen. Das Benach­tei­li­gungs- und Begüns­ti­gungs­ver­bot unter­sagt jede nicht gerecht­fer­tig­te Ungleich­be­hand­lung der geschütz­ten Per­so­nen gegen­über ande­ren ver­gleich­ba­ren Beschäf­tig­ten. Benach­tei­li­gung ist jede Zurück­set­zung oder Schlech­ter­stel­lung, Begüns­ti­gung jede Bes­ser­stel­lung oder Vor­teils­ge­wäh­rung. Die Benach­tei­li­gung oder Begüns­ti­gung ist ver­bo­ten, wenn sie im ursäch­li­chen Zusam­men­hang mit der Wahr­neh­mung per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­cher Auf­ga­ben und Befug­nis­se steht und nicht aus sach­li­chen Grün­den erfolgt. Dabei genügt das objek­ti­ve Vor­lie­gen einer Begüns­ti­gung oder Benach­tei­li­gung des Funk­ti­ons­trä­gers wegen sei­ner Amts­tä­tig­keit. Auf eine Begüns­ti­gungs- oder Benach­tei­li­gungs­ab­sicht kommt es nicht an. Eine unzu­läs­si­ge Begüns­ti­gung liegt vor, wenn ein Per­so­nal­rats­mit­glied nur wegen sei­ner Per­so­nal­rats­tä­tig­keit eine höhe­re Ver­gü­tung erhält. Das Ver­bot einer Bes­ser­stel­lung folgt aus der Unent­gelt­lich­keit und Ehren­amt­lich­keit der Per­so­nal­rats­tä­tig­keit (§ 46 Abs. 1 BPersVG), deren Wahr­neh­mung kei­ne zu ver­gü­ten­de Arbeit dar­stellt. Es dient der inne­ren und äuße­ren Unab­hän­gig­keit der Per­so­nal­rats­mit­glie­der16. Auf der ande­ren Sei­te darf die Per­so­nal­rats­tä­tig­keit auch nicht zu Ein­bu­ßen im Arbeits­ent­gelt füh­ren. Wäh­rend der Frei­stel­lung ist ein frei­ge­stell­tes Per­so­nal­rats­mit­glied so zu behan­deln, als übe es sei­ne bis­he­ri­ge arbeits­ver­trag­lich geschul­de­te Tätig­keit wei­ter­hin aus17.

Danach hat der Per­so­nal­rats­mit­glied nach § 46 Abs. 2 Satz 1 BPersVG iVm. § 611a Abs. 2 BGB (bzw. § 611 Abs. 1 BGB) kei­nen Anspruch auf die gel­tend gemach­te Leis­tungs­prä­mie in Höhe der durch­schnitt­lich an Arbeit­neh­mer der Ent­gelt­grup­pe 7 aus­ge­zahl­ten Leistungsprämien.

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Nach § 3 Abs. 1 DV 2015 kann eine Leis­tungs­prä­mie nur für eine her­aus­ra­gen­de beson­de­re – auch dau­er­haft erbrach­te – Leis­tung, ggf. auch eine her­aus­ra­gen­de beson­de­re Team­leis­tung (vgl. § 6 Abs. 4 DV 2015), gewährt wer­den. Ein Anspruch des Per­so­nal­rats­mit­glieds auf Zah­lung einer Leis­tungs­prä­mie setzt daher nach dem Lohn­aus­fall­prin­zip unter Berück­sich­ti­gung des Ver­bots der Min­de­rung des Arbeits­ent­gelts bei Aus­übung von Per­so­nal­rats­tä­tig­keit eine belast­ba­re Tat­sa­chen­grund­la­ge vor­aus, die eine aus­sa­ge­fä­hi­ge Pro­gno­se dar­über erlaubt, ob der Per­so­nal­rats­mit­glied ohne Frei­stel­lung eine her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tung erbracht hät­te. Eine sol­che Pro­gno­se ist bei einem voll­stän­dig vom Dienst frei­ge­stell­ten Per­so­nal­rats­mit­glied nahe­zu aus­ge­schlos­sen18 mit der Fol­ge, dass in der Regel ein Anspruch auf Zah­lung einer Leis­tungs­prä­mie nicht besteht. Dadurch wird das voll­stän­dig frei­ge­stell­te Per­so­nal­rats­mit­glied nicht ent­ge­gen § 8 BPersVG unzu­läs­sig benach­tei­ligt. Kann pro­gnos­tisch nicht nach­voll­zieh­bar fest­ge­stellt wer­den, dass das Per­so­nal­rats­mit­glied die Anfor­de­run­gen der Leis­tungs­ver­gü­tung ohne Frei­stel­lung erfüllt hät­te, so ver­schafft ihm das Benach­tei­li­gungs­ver­bot kei­nen Anspruch dar­auf, davon befreit zu wer­den. Eine Betrach­tungs­wei­se, die das Per­so­nal­rats­mit­glied von jed­we­der Anbin­dung an fik­ti­ve Erwä­gun­gen löst, ist durch das Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht nicht gebo­ten19.

Ein Anspruch auf Gewäh­rung einer Leis­tungs­prä­mie wäh­rend der Frei­stel­lung kommt zur Ver­mei­dung einer nach § 8 BPersVG unzu­läs­si­gen Benach­tei­li­gung aus­nahms­wei­se dann in Betracht, wenn das frei­ge­stell­te Per­so­nal­rats­mit­glied in der Zeit vor sei­ner Frei­stel­lung wie­der­holt eine Form der Leis­tungs­ver­gü­tung (per­sön­lich oder als Team­mit­glied) für her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tun­gen erhal­ten hat oder jeden­falls mehr­ma­lig eine her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tung erbracht hat20.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat nicht fest­ge­stellt, dass die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Auf der Grund­la­ge des Vor­trags des Per­so­nal­rats­mit­glieds bestehen kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die­ser in dem Zeit­raum vor sei­ner Frei­stel­lung im Juli 2013 her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tun­gen erbracht hat. Viel­mehr begehrt der Per­so­nal­rats­mit­glied – ohne geson­der­te Leis­tungs­fest­stel­lung – die Teil­ha­be an der tat­säch­lich an ver­gleich­ba­re Arbeit­neh­mer aus­ge­zahl­ten Leis­tungs­prä­mie aus­schließ­lich im Wege einer Durchschnittsberechnung.

Die Zah­lung des Durch­schnitts­be­trags der an Arbeit­neh­mer sei­ner Ent­gelt­grup­pe tat­säch­lich zur Aus­zah­lung gelang­ten Leis­tungs­prä­mi­en ohne Leis­tungs­be­ur­tei­lung kann der Per­so­nal­rats­mit­glied nach dem Lohn­aus­fall­prin­zip ohne­hin nicht ver­lan­gen. Sie wür­de zu einer unzu­läs­si­gen Begüns­ti­gung des Per­so­nal­rats­mit­glieds iSv. § 8 BPersVG füh­ren. Durch eine der­ar­ti­ge Durch­schnitts­be­rech­nung erhiel­te das frei­ge­stell­te Per­so­nal­rats­mit­glied eine Leis­tungs­prä­mie ohne Bewer­tung der eige­nen Leis­tung allein auf der Grund­la­ge her­aus­ra­gen­der beson­de­rer Leis­tun­gen bestimm­ter Refe­renz­per­so­nen. Damit stün­de dem frei­ge­stell­ten Per­so­nal­rats­mit­glied – anders als Arbeit­neh­mern ohne Man­dat – immer dann, wenn über­haupt eine Leis­tungs­prä­mie an ver­gleich­ba­re Arbeit­neh­mer gezahlt wird, allein auf­grund sei­ner Amts­ei­gen­schaft eine Leis­tungs­prä­mie zu. Dies wider­sprä­che § 8 BPersVG.

Zwar hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt für frei­ge­stell­te Per­so­nal­rats­mit­glie­der eine pau­scha­le Rege­lung zur Fort­zah­lung des Arbeits­ent­gelts nach Durch­schnitts­wer­ten für bestimm­te Tätig­kei­ten oder Ver­gü­tungs­be­stand­tei­le21 für zuläs­sig gehal­ten, eben­so die Zusa­ge eines pau­scha­lier­ten Monats­be­trags anhand der von ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mern geleis­te­ten Tätig­kei­ten zu zuschlags­re­le­van­ten Zei­ten für die Fort­zah­lung von Zeit- oder Erschwer­nis­zu­schlä­gen an ein frei­ge­stell­tes Betriebs­rats­mit­glied22. In die­sen Fäl­len ging es jedoch um die Ermitt­lung der Höhe der fort­zu­zah­len­den Ver­gü­tung, wobei ggf. auch eine Schät­zung nach den Grund­sät­zen des § 287 Abs. 2 ZPO in Betracht kom­men kann. Im Streit­fall bedarf es hin­ge­gen nicht ledig­lich der Berech­nung der Höhe eines grund­sätz­lich bestehen­den Ver­gü­tungs­an­spruchs, viel­mehr geht es um die Fest­stel­lung, ob der Per­so­nal­rats­mit­glied ohne die Frei­stel­lung die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung einer Leis­tungs­prä­mie dem Grun­de nach über­haupt erfül­len wür­de. Dies kann nicht im Wege der vom Per­so­nal­rats­mit­glied begehr­ten Durch­schnitts­be­rech­nung ermit­telt werden.

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Ent­ge­gen der Ansicht des in der Vor­in­stanz täti­gen Lan­des­ar­beits­ge­richts kommt es für den gel­tend gemach­ten Anspruch nicht dar­auf an, ob die Mehr­zahl der mit dem Per­so­nal­rats­mit­glied ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer eine Leis­tungs­prä­mie erhält oder erhal­ten hat. Dies ist ein Gesichts­punkt, der für einen Anspruch eines Betriebs­rats­mit­glieds auf Teil­ha­be an der Ver­gü­tungs­ent­wick­lung ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer mit betriebs­üb­li­cher beruf­li­cher Ent­wick­lung nach § 37 Abs. 4 BetrVG von Bedeu­tung ist. § 37 Abs. 4 BetrVG regelt jedoch einen ande­ren Sach­ver­halt als § 46 Abs. 2 Satz 1 BPersVG. Dies hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­kannt. § 46 Abs. 2 Satz 1 BPersVG regelt – eben­so wie § 37 Abs. 2 BetrVG für Betriebs­rats­mit­glie­der – die Fort­zah­lung des ver­ein­bar­ten, dem Per­so­nal­rats­mit­glied bei unter­stell­ter Erbrin­gung sei­ner ver­trag­li­chen Tätig­keit zuste­hen­den Arbeits­ent­gelts für die Dau­er der Arbeits­be­frei­ung zur Wahr­neh­mung per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­cher Auf­ga­ben. § 37 Abs. 4 BetrVG gewährt hin­ge­gen einem Betriebs­rats­mit­glied einen Anspruch auf Erhö­hung sei­nes Ent­gelts in dem Umfang, in dem das Ent­gelt ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer mit betriebs­üb­li­cher beruf­li­cher Ent­wick­lung steigt23. Die vom Per­so­nal­rats­mit­glied gel­tend gemach­te Leis­tungs­prä­mie beruht nicht auf einer betriebs­üb­lich stei­gen­den Ver­gü­tungs­ent­wick­lung ver­gleich­ba­rer Arbeit­neh­mer, son­dern hono­riert her­aus­ra­gen­de beson­de­re Leis­tun­gen im Ein­zel­fall. Unab­hän­gig davon ist es ohne­hin äußerst unwahr­schein­lich, dass in einem Bezugs­zeit­raum die Mehr­zahl der mit dem Per­so­nal­rats­mit­glied ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mer eine Leis­tungs­prä­mie erhält, da nach § 6 Abs. 7 DV 2015 im Rah­men der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Haus­halts­mit­tel Leis­tungs­prä­mi­en und Leis­tungs­zu­la­gen zusam­men nur an bis zu 15 % der am Stich­tag im Bereich der jewei­li­gen Ent­schei­dungs­be­rech­tig­ten beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer gewährt werden.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. August 2020 – 7 AZR 345/​18

  1. BMF, Schrei­ben vom 20.02.2014 – D 5 – 31002/​12, GMBl. 2014 S. 476 ff.[]
  2. GMBl.2014 S. 476[][]
  3. vgl. zur Reform der Leis­tungs­be­zah­lung beim Bund Hanebeck/​Beyer ZTR 2014, 127[]
  4. vgl. etwa BMI, Rund­schrei­ben vom 14.02.2003 – D II 2–220219‑4/62, abge­druckt als Anla­ge zum Rund­schrei­ben vom 30.09.2005, GMBl.2005 S. 1226 f.[]
  5. vgl. BMI, Rund­schrei­ben vom 30.09.2005 – D II 2–220219‑4/62, GMBl.2005 S. 1225; und vom 11.12.2006 – D II 2 – 220 210 – 2/​18, GMBl.2007 S. 166 ff.[]
  6. vgl. dazu etwa Lit­schen ZTR 2009, 298; Rich­ter ZTR 2008, 28[]
  7. vgl. Fie­berg in Fürst GKÖD Bd. IV Stand Febru­ar 2014 E § 18 Rn. 55[]
  8. vgl. BMI, Rund­schrei­ben vom 20.02.2014, unter 2.1, GMBl.2014 S. 476, 478; Hanebeck/​Beyer ZTR 2014, 127, 132[]
  9. vgl. dazu etwa BAG 17.04.2019 – 7 AZR 292/​17, Rn. 24 mwN[]
  10. BAG 26.08.2009 – 4 AZR 294/​08, Rn. 49[]
  11. vgl. BAG 13.05.2020 – 4 AZR 489/​19, Rn. 28; 27.04.2016 – 5 AZR 229/​15, Rn. 33, BAGE 155, 70; 14.12.2011 – 4 AZR 179/​10, Rn. 57; ErfK/​Franzen 20. Aufl. TVG § 4 Rn. 31; Däub­ler TVG/​Deinert 4. Aufl. § 4 Rn. 614[]
  12. vgl. VG Köln 8.11.2018 – 33 K 11595/17.PVB, Rn. 29; ähn­lich zur Hes­si­schen Leis­tungs­prä­mi­en- und ‑zula­gen­ver­ord­nung – HLPZVO – vom 04.11.1998 und § 74 des Hes­si­schen Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­set­zes Hes­si­scher VGH 2.12.2004 – 22 TH 3429/​02, Rn. 28[]
  13. für den Zeit­raum vor dem 1.04.2017: § 46 Abs. 2 Satz 1 BPersVG iVm. § 611 Abs. 1 BGB[]
  14. BAG 16.11.2011 – 7 AZR 458/​10, Rn. 13; 16.02.2005 – 7 AZR 95/​04, Rn. 14[]
  15. vgl. BAG 13.11.1991 – 7 AZR 469/​90, zu II 2 b der Grün­de; 29.06.1988 – 7 AZR 651/​87, zu I der Grün­de; zu § 37 Abs. 2 BetrVG: BAG 29.08.2018 – 7 AZR 206/​17, Rn. 31; 25.10.2017 – 7 AZR 731/​15, Rn. 29; 29.04.2015 – 7 AZR 123/​13, Rn. 14 mwN[]
  16. vgl. BAG 16.11.2011 – 7 AZR 458/​10, Rn. 14; 7.11.2007 – 7 AZR 820/​06, Rn. 24, BAGE 124, 356; 16.02.2005 – 7 AZR 95/​04, zu I 1 der Grün­de[]
  17. BAG 16.11.2011 – 7 AZR 458/​10 – aaO[]
  18. vgl. für ver­be­am­te­te frei­ge­stell­te Per­so­nal­rats­mit­glie­der BVerwG 23.01.2020 – 2 C 22.18, Rn. 26, BVerw­GE 167, 273[]
  19. vgl. für ver­be­am­te­te Per­so­nal­rats­mit­glie­der BVerwG 23.01.2020 – 2 C 22.18, Rn. 31, aaO[]
  20. vgl. für ver­be­am­te­te Per­so­nal­rats­mit­glie­der BVerwG 23.01.2020 – 2 C 22.18, Rn. 32, BVerw­GE 167, 273[]
  21. vgl. BAG 13.11.1991 – 7 AZR 469/​90, zu II 2 a der Grün­de[]
  22. BAG 29.08.2018 – 7 AZR 206/​17, Rn. 39; vgl. zur Berech­nung der Höhe eines umsatz­ab­hän­gi­gen Jah­res­bo­nus im Wege der Schät­zung BAG 29.04.2015 – 7 AZR 123/​13, Rn. 14, 23[]
  23. vgl. BAG 18.05.2016 – 7 AZR 401/​14, Rn. 18; 29.04.2015 – 7 AZR 123/​13, Rn. 17; 16.01.2008 – 7 AZR 887/​06, Rn. 15; 19.01.2005 – 7 AZR 208/​04, zu I 2 a der Grün­de[]

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