Der Anspruch des Wirt­schafts­aus­schus­ses auf regel­mä­ßi­ge Unter­rich­tung durch die Arbeit­ge­be­rin – und sei­ne Durchsetzung

Die Eini­gungs­stel­le nach § 109 BetrVG kann auch über ein Ver­lan­gen des Wirt­schafts­aus­schus­ses befin­den, das sich auf künf­tig regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Aus­künf­te oder Vor­la­gen von Unter­la­gen bezieht.

Der Anspruch des Wirt­schafts­aus­schus­ses auf regel­mä­ßi­ge Unter­rich­tung durch die Arbeit­ge­be­rin – und sei­ne Durchsetzung

Bereits die sprach­li­che Fas­sung von § 109 Satz 1 BetrVG gibt ein ein­ge­schränk­tes, künf­tig regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Aus­künf­te aus­schlie­ßen­des Ver­ständ­nis nicht vor. Die Ver­wen­dung sowohl des unbe­stimm­ten Arti­kels („eine Aus­kunft“) als auch des Plu­rals („wirt­schaft­li­che Ange­le­gen­hei­ten“) lässt den Schluss zu, dass es sich nicht not­wen­di­ger­wei­se um eine ein­ma­lig zu ertei­len­de Aus­kunft han­deln muss. Nach dem Wort­laut der Norm ist die „Nicht„erteilung einer Aus­kunft iSv. § 109 Satz 1 BetrVG auch dann gege­ben, wenn das erfolg­los an den Unter­neh­mer gerich­te­te Begeh­ren des Wirt­schafts­aus­schus­ses sich auf eine regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Unter­rich­tung über eine bestimm­te Ange­le­gen­heit – ggf. unter Vor­la­ge bestimm­ter Unter­la­gen – bezieht.

Der sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hang der Norm stützt die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis. Die in § 106 Abs. 2 Satz 1 BetrVG vor­ge­se­he­ne recht­zei­ti­ge und umfas­sen­de Unter­rich­tung des Wirt­schafts­aus­schus­ses greift nach § 106 Abs. 3 BetrVG nicht nur bei ein­ma­li­gen Anläs­sen (vgl. etwa § 106 Abs. 3 Nr. 4, Nr. 6 bis Nr. 10 BetrVG), son­dern erstreckt sich auch auf dau­er­haf­te Sach­ver­hal­te (vgl. etwa § 106 Abs. 3 Nr. 1 und Nr. 2 BetrVG [„Lage“]). Dem­entspre­chend sieht § 108 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 BetrVG vor, dass der Wirt­schafts­aus­schuss ein­mal monat­lich mit dem Unter­neh­mer oder des­sen Ver­tre­ter zu einer Sit­zung zusam­men­kom­men soll, um – ua. – die genann­ten wirt­schaft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten gemäß § 106 Abs. 1 Satz 2 BetrVG mit die­sem zu bera­ten. Die­se kon­zep­tio­nel­le Aus­ge­stal­tung der Auf­ga­ben des Wirt­schafts­aus­schus­ses als dau­er­haf­te und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de sowie der Inhalt der damit kor­re­spon­die­ren­den Unter­rich­tungs­pflich­ten des Unter­neh­mers spre­chen gegen die Annah­me, das in § 109 BetrVG vor­ge­se­he­ne Kon­flikt­lö­sungs­ver­fah­ren erstre­cke sich nur auf ein­ma­li­ge Auskünfte.Auch die Geset­zes­ge­schich­te lie­fert für eine der­art beschränk­te Zustän­dig­keit der Eini­gungs­stel­le kei­ner­lei Hin­wei­se. Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung zum Ent­wurf eines Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes soll­te § 109 BetrVG „im Wesent­li­chen mit redak­tio­nel­len Anpas­sun­gen dem gel­ten­den Recht“ ent­spre­chen1. Das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz 1952 sah in sei­nem § 70 vor, dass die Eini­gungs­stel­le ent­schei­det, wenn ent­ge­gen dem Ver­lan­gen der Hälf­te der Mit­glie­der des – damals noch pari­tä­tisch besetz­ten – Wirt­schafts­aus­schus­ses eine Aus­kunft über wirt­schaft­li­che Ange­le­gen­hei­ten nicht oder nur unge­nü­gend erteilt wird und es hier­über zwi­schen Unter­neh­mer und Betriebs­rat nicht zu einer Ver­stän­di­gung kommt. Anhalts­punk­te, dass die­se Ent­schei­dung nur über ein sich auf eine ein­ma­li­ge Aus­kunft bezie­hen­des Ver­lan­gen der Mit­glie­der des Wirt­schafts­aus­schus­ses hät­te erge­hen kön­nen, las­sen sich weder dem Wort­laut von § 70 BetrVG 1952 noch der hier­zu gege­be­nen Geset­zes­be­grün­dung2 entnehmen.

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Vor allem Sinn und Zweck des in § 109 BetrVG nor­mier­ten Kon­flikt­lö­sungs­ver­fah­rens spre­chen für eine Pri­märzu­stän­dig­keit der Eini­gungs­stel­le auch bei einem Streit der Betriebs­par­tei­en über ein sich auf regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Infor­ma­tio­nen bezie­hen­des Ver­lan­gen des Wirt­schafts­aus­schus­ses3. Das Eini­gungs­stel­len­ver­fah­ren zielt dar­auf ab, eine der „interns­ten Ange­le­gen­hei­ten der Unter­neh­mens­lei­tung“ zunächst einer unter­neh­mens­in­ter­nen Rege­lung zuzu­füh­ren4. Die­ser Zweck greift unge­ach­tet des­sen, ob die Mei­nungs­ver­schie­den­heit zwi­schen Unter­neh­mer und Betriebs­rat eine ein­ma­lig zu ertei­len­de Aus­kunft bzw. vor­zu­le­gen­de Unter­la­ge oder eine fort­wäh­ren­de Unter­rich­tungs­ver­pflich­tung über wie­der­keh­ren­de wirt­schaft­li­che Ange­le­gen­hei­ten des Arbeit­ge­bers betrifft. 

Der Umstand, dass die Pflicht zur Unter­rich­tung und zur Vor­la­ge von Unter­la­gen nach § 106 Abs. 2 Satz 1 BetrVG unter dem Vor­be­halt steht, dass hier­durch Betriebs- und Geschäfts­ge­heim­nis­se des Unter­neh­mens nicht gefähr­det wer­den, steht die­ser Aus­le­gung nicht ent­ge­gen. Ob eine sol­che Gefähr­dungs­la­ge gege­ben ist, hat die Eini­gungs­stel­le zu prü­fen5. Tre­ten die Umstän­de, die eine sol­che – ohne­hin nur in Aus­nah­me­fäl­len denk­ba­re6 – Gefähr­dung begrün­den sol­len, erst nach Abschluss des Eini­gungs­stel­len­ver­fah­rens auf, bleibt es dem Arbeit­ge­ber unbe­nom­men, die­sen Ein­wand in einem auf die Anfech­tung des Spruchs gerich­te­ten Ver­fah­ren gel­tend zu machen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 17. Dezem­ber 2019 – 1 ABR 35/​18

  1. BT-Drs. VI/​1786 S. 54[]
  2. vgl. BT-Drs. I/​3585 S. 15[]
  3. aA H/​W/​G/​N/​R/​H/​Hess 10. Aufl. § 109 Rn. 2; Oetker GK-BetrVG 11. Aufl. § 109 Rn. 35; HWK/​Willemsen/​Lembke 8. Aufl. § 109 BetrVG Rn. 6[]
  4. vgl. BAG 12.02.2019 – 1 ABR 37/​17, Rn. 21 mwN, BAGE 165, 330[]
  5. vgl. BAG 11.07.2000 – 1 ABR 43/​99, zu B I 2 a der Grün­de, BAGE 95, 228[]
  6. vgl. BAG 11.07.2000 – 1 ABR 43/​99, zu B I 2 b der Grün­de, aaO[]

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