Der behin­der­te, aber cha­rak­ter­lich unge­eig­ne­te Stel­len­be­wer­ber im öffent­li­chen Dienst

Nach § 82 Satz 2 SGB IX in der bis zum 31.12.2017 gel­ten­den Fas­sung (aF) hat der öffent­li­che Arbeit­ge­ber schwer­be­hin­der­te Bewer­ber/​innen zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­zu­la­den. Eine Ein­la­dung ist nach § 82 Satz 3 SGB IX aF ent­behr­lich, wenn die fach­li­che Eig­nung offen­sicht­lich fehlt.

Der behin­der­te, aber cha­rak­ter­lich unge­eig­ne­te Stel­len­be­wer­ber im öffent­li­chen Dienst

Nach § 82 Satz 1 SGB IX aF mel­den die Dienst­stel­len der öffent­li­chen Arbeit­ge­ber den Agen­tu­ren für Arbeit früh­zei­tig frei­wer­den­de und neu zu beset­zen­de sowie neue Arbeits­plät­ze. Haben schwer­be­hin­der­te Men­schen sich um einen sol­chen Arbeits­platz bewor­ben oder sind sie von der Bun­des­agen­tur für Arbeit oder von einem von die­ser beauf­trag­ten Inte­gra­ti­ons­fach­dienst vor­ge­schla­gen wor­den, wer­den sie zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­ge­la­den, § 82 Satz 2 SGB IX aF. Nach § 82 Satz 3 SGB IX aF ist eine Ein­la­dung ent­behr­lich, wenn die fach­li­che Eig­nung offen­sicht­lich fehlt.

Maß­stab für die fach­li­che Eig­nung eines Bewer­bers ist der Auf­ga­ben­be­reich des zu beset­zen­den Arbeits­plat­zes. Ob ein schwer­be­hin­der­ter Mensch für eine zu beset­zen­de Stel­le fach­lich unge­eig­net ist, ist dem­nach anhand eines Ver­gleichs zwi­schen dem (fach­li­chen) Anfor­de­rungs­pro­fil des zu beset­zen­den Arbeits­plat­zes und dem (fach­li­chen) Leis­tungs­pro­fil des Bewer­bers oder der Bewer­be­rin zu ermit­teln1.

„Offen­sicht­lich” fach­lich nicht geeig­net ist, wer „unzwei­fel­haft” inso­weit nicht dem (fach­li­chen) Anfor­de­rungs­pro­fil der zu ver­ge­ben­den Stel­le ent­spricht. Blo­ße Zwei­fel an der fach­li­chen Eig­nung recht­fer­ti­gen es nicht, von einer Ein­la­dung abzu­se­hen, weil sich Zwei­fel im Vor­stel­lungs­ge­spräch aus­räu­men las­sen kön­nen2. Las­sen aller­dings bereits die Bewer­bungs­un­ter­la­gen zwei­fels­frei erken­nen, dass die durch das Anfor­de­rungs­pro­fil zuläs­sig vor­ge­ge­be­nen fach­li­chen Kri­te­ri­en nicht erfüllt wer­den, besteht für den öffent­li­chen Arbeit­ge­ber kei­ne Ver­pflich­tung, den schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­zu­la­den3.

Weiterlesen:
Streikverbot für Beamte - Menschenrechtskonventionswidrig, aber wirksam

Es kann dabei für das Bun­des­ar­beits­ge­richt dahin­ste­hen, ob der öffent­li­che Arbeit­ge­ber über den Wort­laut von § 82 Satz 3 SGB IX aF hin­aus auch dann von der Ver­pflich­tung befreit ist, einen schwer­be­hin­der­ten Bewer­ber zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­zu­la­den, wenn der Bewer­ber zwar nicht offen­sicht­lich fach­lich unge­eig­net ist, ihm jedoch die per­sön­li­che Eig­nung4 in dem Sin­ne fehlt, dass er nicht über cha­rak­ter­li­che Eigen­schaf­ten ver­fügt, die für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le von Bedeu­tung sind5.

Da die in § 82 Satz 3 SGB IX aF bestimm­te Aus­nah­me mit dem Erfor­der­nis der „offen­sicht­li­chen fach­li­chen Nicht­eig­nung“ eine abschlie­ßen­de Rege­lung ent­hält6, könn­te eine Befrei­ung des öffent­li­chen Arbeit­ge­bers von der Ein­la­dungs­pflicht nach § 82 Satz 2 SGB IX aF wegen feh­len­der per­sön­li­cher Eig­nung des Bewer­bers im og. Sin­ne nur dann in Betracht gezo­gen wer­den, wenn sich die Ein­la­dung zum Vor­stel­lungs­ge­spräch in einem sol­chen Fall als blo­ße För­me­lei erwei­sen wür­de. Dies wür­de aller­dings vor­aus­set­zen, dass die Beset­zung der Stel­le mit dem Bewer­ber offen­sicht­lich aus Rechts­grün­den aus­schei­det7, weil sei­ne cha­rak­ter­li­chen Män­gel ein offen­sicht­li­ches Ein­stel­lungs- bzw. Beset­zungs­hin­der­nis darstellen.

Nach den Vor­stel­lun­gen des Gesetz­ge­bers sol­len schwer­be­hin­der­te Bewerber/​innen durch das in § 82 Satz 2 SGB IX aF genann­te Vor­stel­lungs­ge­spräch die Mög­lich­keit erhal­ten, ihre Chan­cen im Aus­wahl­ver­fah­ren zu ver­bes­sern. Sie sol­len die Chan­ce haben, den Arbeit­ge­ber von ihrer Eig­nung zu über­zeu­gen8. Dabei ist der Begriff der „Eig­nung“ als umfas­sen­des Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­mal zu ver­ste­hen, das die gan­ze Per­sön­lich­keit des Bewer­bers über rein fach­li­che Gesichts­punk­te hin­aus erfasst9. Der Begriff „Eig­nung“ ver­weist ganz all­ge­mein auf die Eigen­schaf­ten, wel­che die zu beset­zen­de Stel­le von dem Bewer­ber for­dert. Hier­zu gehö­ren über die fach­li­che Eig­nung hin­aus ins­be­son­de­re die oft­mals als „cha­rak­ter­li­che Eig­nung“ bezeich­ne­te Eig­nung und die gesund­heit­li­che Eig­nung10, aber auch sons­ti­ge kör­per­li­che und psy­chi­sche Vor­aus­set­zun­gen, die Team­fä­hig­keit sowie Umgangs­for­men und sons­ti­ge Fähig­kei­ten im Umgang mit Men­schen, zB mit Publi­kums­ver­kehr, sowie Füh­rungs­kom­pe­ten­zen kön­nen – je nach dem Anfor­de­rungs­pro­fil der zu beset­zen­den Stel­le – dazugehören.

Weiterlesen:
Objektschutz - und der Betriebs(teil)übergang

Stel­len die cha­rak­ter­li­chen Män­gel eines Bewer­bers ein offen­sicht­li­ches Ein­stel­lungs- bzw. Beset­zungs­hin­der­nis dar, kann der vom Gesetz­ge­ber mit § 82 Satz 2 SGB IX aF ver­folg­te Zweck, dem schwer­be­hin­der­ten Bewer­ber die Chan­ce zu geben, den Arbeit­ge­ber von sei­ner Eig­nung im wei­te­ren Sin­ne zu über­zeu­gen, von vorn­her­ein nicht erreicht wer­den. Die Ein­la­dung zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch wür­de sich in einem sol­chen Fall als blo­ße För­me­lei erweisen.

Es konn­te an die­ser Stel­le vom Bun­des­ar­beits­ge­richt offen gelas­sen wer­den, ob die vom beklag­ten Land behaup­te­ten cha­rak­ter­li­chen Män­gel des Stel­len­be­wer­bers ein offen­sicht­li­ches Ein­stel­lungs- bzw. Beset­zungs­hin­der­nis für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le einer „Fach­be­reichs­lei­tung Mar­ke­ting und Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Zen­tra­le“ dar­stel­len wür­den und damit über­haupt geeig­net wären, eine Aus­nah­me von der in § 82 Satz 2 SGB IX aF bestimm­ten Pflicht zur Ein­la­dung zum Vor­stel­lungs­ge­spräch zu begrün­den. Denn das beklag­te Land hat schon nicht dar­ge­tan, dass es bis zu sei­ner E‑Mail vom 27.12.2016, mit der es dem Stel­len­be­wer­ber eine Absa­ge erteil­te, davon aus­ge­gan­gen ist und aus­ge­hen durf­te, dass eine Ein­la­dung des Stel­len­be­wer­bers zum Vor­stel­lungs­ge­spräch wegen offen­sicht­li­cher feh­len­der per­sön­li­cher im Sin­ne cha­rak­ter­li­cher Eig­nung ent­behr­lich gewe­sen wäre. Im Gegen­teil, es hat­te den Stel­len­be­wer­ber zu dem Aus­wahl­ge­spräch am 22.12.2016 ein­ge­la­den. Aus den Urtei­len des Arbeits­ge­richts Düs­sel­dorf vom 31.01.201811 und des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düs­sel­dorf vom 27.06.201812 kann das beklag­te Land bereits des­halb nichts zu sei­nen Guns­ten ablei­ten, weil bei­de Urtei­le erst nach der dem Stel­len­be­wer­ber erteil­ten Absa­ge ergan­gen sind. Zum Zeit­punkt der Mit­tei­lung des beklag­ten Lan­des an den Stel­len­be­wer­ber vom 27.12.2016, dass die­ser für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le nicht in die enge­re Wahl gezo­gen wor­den sei, stand eine etwai­ge cha­rak­ter­li­che Nicht­eig­nung des Stel­len­be­wer­bers mit­hin nicht im Raum.

Weiterlesen:
Eingruppierung einer Sozialarbeiterin

Dem Ent­schä­di­gungs­ver­lan­gen des Stel­len­be­wer­bers steht auch nicht der durch­grei­fen­de rechts­hin­dern­de Ein­wand des Rechts­miss­brauchs (§ 242 BGB) ent­ge­gen13. Das beklag­te Land kann sich zur Begrün­dung des Rechts­miss­brauchs­ein­wands nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, der Stel­len­be­wer­ber habe sich bewor­ben, obwohl er per­sön­lich, dh. hier cha­rak­ter­lich unge­eig­net sei und des­halb die für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le vor­aus­ge­setz­ten Min­dest­an­for­de­run­gen nicht erfül­le. Zwar ist es nicht grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen, dass ein Ent­schä­di­gungs­ver­lan­gen dem durch­grei­fen­den Rechts­miss­brauchs­ein­wand aus­ge­setzt ist, sofern eine Per­son sich bewor­ben hat, obgleich sie – wie sich mög­li­cher­wei­se erst nach­träg­lich her­aus­stellt – für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le per­sön­lich unge­eig­net ist; aller­dings muss eine sol­che Nicht­eig­nung „offen­sicht­lich“ sein, sie muss sich als offen­sicht­li­ches Ein­stel­lungs- bzw. Beset­zungs­hin­der­nis erwei­sen, weil andern­falls die zwin­gen­den Anfor­de­run­gen von § 82 Satz 3 SGB IX aF über den Rechts­miss­brauchs­ein­wand unter­lau­fen würden.

Das beklag­te Land hat eine sol­che offen­sicht­li­che per­sön­li­che, dh. hier cha­rak­ter­li­che Nicht­eig­nung des Stel­len­be­wer­bers für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le einer „Fach­be­reichs­lei­tung Mar­ke­ting und Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Zen­tra­le“ jedoch nicht dar­ge­tan. So bleibt zum einen schon unklar, in wel­chem der bei­den Bewer­bungs­ver­fah­ren der Stel­len­be­wer­ber in sei­nem Lebens­lauf unzu­tref­fen­de Anga­ben zu sei­ner Erfah­rung gemacht haben soll. Zum ande­ren kann es für die zum Teil unter­schied­li­chen Anga­ben zur vor­han­de­nen Erfah­rung in den in zwei unter­schied­li­chen Bewer­bungs­ver­fah­ren ein­ge­reich­ten Lebens­läu­fen auch Erklä­run­gen geben, die der Annah­me einer per­sön­li­chen Nicht­eig­nung ent­ge­gen­ste­hen. Nicht jede abwei­chen­de Dar­stel­lung von Erfah­run­gen im Lebens­lauf, mit der sich der Bewer­ber eine Ver­bes­se­rung sei­ner Chan­cen im Bewer­bungs­ver­fah­ren ver­spricht, über­schrei­tet die Gren­ze zur Falsch­dar­stel­lung. Die Dar­le­gun­gen des beklag­ten Lan­des blei­ben inso­weit ins­ge­samt unsub­stan­ti­iert und recht­fer­ti­gen des­halb nicht die Annah­me des durch­grei­fen­den Rechtsmissbrauchseinwands.

Weiterlesen:
Wenn statt des Landes als Arbeitgeber verklagte Behörde

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 27. August 2020 – 8 AZR 45/​19

  1. vgl. BAG 11.08.2016 – 8 AZR 375/​15, Rn. 37, BAGE 156, 107; BVerwG 3.03.2011 – 5 C 16.10, Rn.20, BVerw­GE 139, 135[]
  2. vgl. etwa BAG 11.08.2016 – 8 AZR 375/​15, Rn. 36 mwN, BAGE 156, 107[]
  3. vgl. BAG 11.08.2016 – 8 AZR 375/​15, Rn. 37 mwN, aaO[]
  4. zur Berück­sich­ti­gung der feh­len­den per­sön­li­chen Eig­nung vgl. Düwell in LPK-SGB IX 5. Aufl. § 165 Rn. 7[]
  5. gene­rell zur Eig­nung nach Art. 33 Abs. 2 GG im enge­ren Sin­ne vgl. BVerfG 23.06.2015 – 2 BvR 161/​15, Rn. 28 mwN[]
  6. ua. BAG 11.08.2016 – 8 AZR 375/​15, Rn. 50, BAGE 156, 107; 20.01.2016 – 8 AZR 194/​14, Rn. 45; 24.01.2013 – 8 AZR 188/​12, Rn. 42[]
  7. vgl. BVerwG 15.12.2011 – 2 A 13.10, Rn. 26[]
  8. vgl. etwa BAG 23.01.2020 – 8 AZR 484/​18, Rn. 48; 22.08.2013 – 8 AZR 563/​12, Rn. 59[]
  9. zur Eig­nung iSv. Art. 33 Abs. 2 GG vgl. etwa BVerwG 6.02.1975 – II C 68.73, zu 2 a der Grün­de, BVerw­GE 47, 330[]
  10. zur Eig­nung iSv. Art. 33 Abs. 2 GG vgl. etwa BVerwG 30.10.2018 – 1 WDS-VR 5.18, Rn. 18; 11.04.2017 – 2 VR 2.17, Rn. 11; 30.10.2013 – 2 C 16.12, Rn.19, BVerw­GE 148, 204; 6.02.1975 – II C 68.73, zu 2 a der Grün­de, BVerw­GE 47, 330[]
  11. ArbG Düs­sel­dorf 31.01.2018 – 8 Ca 3707/​17[]
  12. LAG Düs­sel­dorf 27.06.2018 – 12 Sa 135/​18[]
  13. zu den stren­gen Vor­ga­ben vgl. BAG etwa 25.10.2018 – 8 AZR 562/​16, Rn. 46 ff. mwN[]