Der Bran­chen­ta­rif­ver­trag – und die arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel

Neh­men Arbeits­ver­trags­par­tei­en indi­vi­du­al­ver­trag­lich auf die jeweils gel­ten­den Tarif­ver­trä­ge einer bestimm­ten Bran­che Bezug, han­delt es sich dabei in der Regel um eine zeit­dy­na­mi­sche Bezug­nah­me auf die ent­spre­chen­den Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge, die Haus­ta­rif­ver­trä­ge eines ein­zel­nen Arbeit­ge­bers nicht erfasst.

Der Bran­chen­ta­rif­ver­trag – und die arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel

Die Klau­sel stellt eine – zeit­dy­na­mi­sche – Bezug­nah­me auf die Tarif­ver­trä­ge einer bestimm­ten Bran­che, dh. eines bestimm­ten Wirt­schafts­zweigs, dar. Da eine Bran­che regel­mä­ßig eine Viel­zahl von Unter­neh­men umfasst, ist unter einem Bran­chen­ta­rif­ver­trag übli­cher­wei­se ein Flä­chen­ta­rif­ver­trag zu ver­ste­hen. So fin­det sich bei­spiels­wei­se im Tarif­re­gis­ter Nord­rhein-West­fa­len unter "Arten der Tarif­ver­trä­ge" als Defi­ni­ti­on des Begriffs Bran­chen-/Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge die For­mu­lie­rung: "Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge sind sol­che Tarif­ver­trä­ge, bei denen zwi­schen den Tarif­par­tei­en ver­ein­bart wur­de, dass der Tarif­ver­trag für gan­ze Bran­chen und bestimm­te regio­na­le Berei­che – z.B. für ganz Nord­rhein-West­fa­len – gel­ten soll". Danach ist ein Ver­weis auf die Tarif­ver­trä­ge einer bestimm­ten Bran­che als Ver­weis auf die jewei­li­gen Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge zu ver­ste­hen. Ob von der Bezug­nah­me­klau­sel ggf. auch ein fir­men­be­zo­ge­ner Ver­bands­ta­rif­ver­trag erfasst wäre 1, bedarf im Streit­fall kei­ner Ent­schei­dung.

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bedeu­tet dies: Da es im Ein­zel­han­del kei­ne bun­des­wei­ten Tarif­ver­trä­ge gibt und sich der Arbeits­ort der Klä­ge­rin in Nord­rhein-West­fa­len befin­det, bezieht sich die Klau­sel auf die Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge für den Ein­zel­han­del im Land Nord­rhein-West­fa­len. Sol­che sind, soweit ersicht­lich, nur zwi­schen dem Han­dels­ver­band Nord­rhein-West­fa­len e.V. und der Gewerk­schaft ver.di geschlos­sen wor­den. Danach umfasst die arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel den zwi­schen dem Han­dels­ver­band Nord­rhein-West­fa­len e.V. mit der Gewerk­schaft ver.di am 18.08.2015 geschlos­se­ne Gehalts­ta­rif­ver­trag für den Ein­zel­han­del Nord­rhein-West­fa­len (GTV 2015) sowie der am 29.08.201 abge­schlos­se­ne Fol­ge­ta­rif­ver­trag (GTV 2017).

Auch ein Ver­weis auf die "Gesamt­be­triebs­ver­ein­ba­run­gen bzw. die Betriebs­ver­ein­ba­run­gen" läßt kei­nen Rück­schluss auf den Wil­len der Par­tei­en betref­fend die in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge zu. Die arbeits­ver­trag­li­che "Bezug­nah­me" auf Tarif­ver­trä­ge einer­seits und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen ande­rer­seits betrifft unter­schied­li­che Nor­men­wer­ke mit grund­le­gend unter­schied­li­chen Wir­kun­gen. Wäh­rend Betriebs­ver­ein­ba­run­gen "auto­ma­tisch" nor­ma­tiv auf das Arbeits­ver­hält­nis ein­wir­ken (§ 77 Abs. 4 BetrVG), gel­ten Tarif­ver­trä­ge grund­sätz­lich nur dann unmit­tel­bar und zwin­gend, wenn die Arbeits­ver­trags­par­tei­en – kon­gru­ent – tarif­ge­bun­den sind. Unab­hän­gig davon kann ein Tarif­ver­trag auch im Wege einer arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me­klau­sel zur Anwen­dung gebracht wer­den, wobei die Fra­ge der Gewerk­schafts­zu­ge­hö­rig­keit des jewei­li­gen Arbeit­neh­mers dann struk­tu­rell kei­ne Rol­le spielt 2. Die­se Ver­ein­ba­rung unter­liegt – vor­be­halt­lich einer Kon­trol­le nach §§ 305 ff. BGB – der Ver­trags­frei­heit der Par­tei­en. Des­halb kön­nen ins­be­son­de­re auch fach­lich und räum­lich nicht ein­schlä­gi­ge 3 oder sogar unwirk­sa­me 4 Tarif­ver­trä­ge in Bezug genom­men wer­den. Eine sol­che arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf Tarif­ver­trä­ge hat kon­sti­tu­ti­ve Wir­kung 5, wäh­rend einem Hin­weis auf die Gel­tung von Betriebs­ver­ein­ba­run­gen wegen der gesetz­li­chen Gel­tungs­an­ord­nung in § 77 Abs. 4 BetrVG regel­mä­ßig nur dekla­ra­to­ri­scher Cha­rak­ter zukommt 6. Dem Umstand, dass die Arbeits­ver­trags­par­tei­en die – räum­lich ein­schlä­gi­gen – Betriebs­ver­ein­ba­run­gen und Gesamt­be­triebs­ver­ein­ba­run­gen in Bezug genom­men haben, kommt des­halb für die Aus­le­gung der Bezug­nah­me auf die Tarif­ver­trä­ge kei­ne Bedeu­tung zu. Soweit ver­ein­zel­ten Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts 7 Gegen­tei­li­ges zu ent­neh­men sein soll­te, hält das Bun­des­ar­beits­ge­richt dar­an nicht fest.

Die Ent­wick­lun­gen im Unter­neh­men und im Ein­zel­han­del kön­nen nicht zur Aus­le­gung der Bezug­nah­me­klau­sel her­an­ge­zo­gen wer­den. Sie haben in deren Wort­laut kei­nen Nie­der­schlag gefun­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. Juli 2018 – 4 AZR 533/​17

  1. vgl. BAG 11.10.2006 – 4 AZR 486/​05, Rn. 16 ff., BAGE 119, 374[]
  2. BAG 22.04.2009 – 4 AZR 100/​08, Rn. 38, BAGE 130, 237[]
  3. BAG 14.12 2011 – 4 AZR 26/​10, Rn. 43; 22.01.2002 – 9 AZR 601/​00, zu A I 2 a der Grün­de, BAGE 100, 189[]
  4. BAG 30.08.2017 – 4 AZR 443/​15, Rn. 15 mwN, BAGE 160, 106[]
  5. ausf. BAG 22.04.2009 – 4 AZR 100/​08, Rn. 38 mwN, aaO[]
  6. zB BAG 13.03.2012 – 1 AZR 659/​10, Rn. 15 mwN; 12.03.2008 – 10 AZR 256/​07, Rn. 24[]
  7. BAG 23.01.2008 – 4 AZR 602/​06, Rn. 24; 23.03.2005 – 4 AZR 203/​04, zu I 1 b bb (2) (a) der Grün­de, BAGE 114, 186[]