Der Ham­bur­gi­sche Ver­sor­gungs­fond und das Rück­kehr­recht des Arbeit­neh­mers

Der gesetz­li­che Rege­lungs­plan des § 17 Satz 1 des Gesetz­tes über den Ham­bur­gi­schen Ver­sor­gungs­fonds (HVFG) kann infol­ge der Tarif­suk­zes­si­on im öffent­li­chen Dienst der Län­der nicht mehr unmit­tel­bar ver­wirk­licht wer­den. Er ist des­halb von den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen durch ent­spre­chen­de Anwen­dung der Über­lei­tungs­re­ge­lun­gen des TVÜ-Län­der zu ver­voll­stän­di­gen.

Der Ham­bur­gi­sche Ver­sor­gungs­fond und das Rück­kehr­recht des Arbeit­neh­mers

§ 17 HVFG räumt unter den dort gere­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen den betrof­fe­nen Arbeit­neh­mern einen Anspruch dar­auf ein, wie­der bei der Beklag­ten beschäf­tigt zu wer­den. Die­ses sog. Rück­kehr­recht ver­wirk­licht sich – inso­weit besteht zwi­schen den Par­tei­en kein Streit – durch den Abschluss eines neu­en Arbeits­ver­trags zwi­schen der Beklag­ten und dem Rück­keh­rer. Zum Inhalt des neu­en Arbeits­ver­trags ver­pflich­tet § 17 Satz 1 HVFG die Beklag­te als Arbeit­ge­be­rin, die vom Rück­keh­rer beim LBK Ham­burg erreich­te Lohn- bzw. Ver­gü­tungs­grup­pe und Beschäf­ti­gungs­zeit zu wah­ren.

Die gesetz­li­che Ver­pflich­tung zur Wah­rung einer bestimm­ten Lohn- bzw. Ver­gü­tungs­grup­pe und Beschäf­ti­gungs­zeit ist als Arbeit­neh­mer­schutz­be­stim­mung ein­sei­tig zwin­gend1. Soweit die Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen in den von der Beklag­ten den Rück­keh­rern gestell­ten Arbeits­ver­trä­gen § 17 Satz 1 HVFG nicht genü­gen, sind sie unwirk­sam. Dage­gen haben Abwei­chun­gen vom gesetz­li­chen Stan­dard zuguns­ten der Arbeit­neh­mer Bestand.

Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Wah­rung der erreich­ten Lohn- bzw. Ver­gü­tungs­grup­pe und Beschäf­ti­gungs­zeit, also des Min­dest­in­halts des neu­en Arbeits­ver­trags, ist der Vor­tag des Tages, an dem gemäß § 17 Satz 2 HVFG der Anspruch auf Abschluss eines neu­en Arbeits­ver­trags ent­stand. Das ist der 31. Dezem­ber 2006.

Wah­ren bedeu­tet ua. etwas, beson­ders einen bestimm­ten Zustand auf­recht­erhal­ten, nicht ver­än­dern, bewah­ren. Mit der Ver­pflich­tung der Beklag­ten, rück­keh­ren­den Ange­stell­ten die beim LBK Ham­burg erreich­te Ver­gü­tungs­grup­pe zu wah­ren, ord­net das Gesetz an, die Rück­keh­rer bei der Beklag­ten in eine Ver­gü­tungs­grup­pe ein­zu­grup­pie­ren, die der­je­ni­gen ent­spricht, in die sie zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt beim LBK Ham­burg ein­grup­piert waren. Die­ser Rege­lungs­plan konn­te unmit­tel­bar ver­wirk­licht wer­den, solan­ge bei der Beklag­ten mit dem BAT und bei dem LBK Ham­burg mit dem MTV Ange­stell­te AVH kom­pa­ti­ble tarif­li­che Ent­gelt­sys­te­me gal­ten. Weil eine pro­blem­lo­se Wah­rung von Ver­gü­tungs­grup­pen aber nur in kom­pa­ti­blen Tarif­sys­te­men erfol­gen kann, zwingt die gesetz­li­che Anord­nung bei ver­schie­den gestal­te­ten Ent­gelt­struk­tu­ren oder im Fal­le einer Tarif­suk­zes­si­on mit einer neu­en Ent­gelt­struk­tur zur sach­ge­rech­ten Anwen­dung von Über­lei­tungs­vor­schrif­ten.

Durch die Tarif­suk­zes­si­on im öffent­li­chen Dienst der Län­der war zum 31.Dezember 2006 eine sol­che unmit­tel­ba­re Zuord­nung der beim LBK Ham­burg erreich­ten Ver­gü­tungs­grup­pe nicht mehr mög­lich. Da § 17 Satz 1 HVFG nicht vor­schreibt, wel­che Über­gangs- und Über­lei­tungs­vor­schrif­ten zur Anwen­dung kom­men sol­len, wenn die Rück­kehr­wil­li­gen in ein Sys­tem mit einer neu­en Ent­gelt­struk­tur über­führt wer­den müs­sen, ist der gesetz­li­che Rege­lungs­plan von den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen zu ver­voll­stän­di­gen2.

Bei der Ver­voll­stän­di­gung des gesetz­li­chen Rege­lungs­plans ver­bie­tet sich die von der Beklag­ten prak­ti­zier­te Auf­spal­tung der von den Rück­keh­rern zu einem bestimm­ten Zeit­punkt erreich­ten Ver­gü­tungs­hö­he in einen – ver­meint­lich – tarif­li­chen und einen über­ta­rif­li­chen Teil und die Anrech­nung von Letz­te­rem ins­be­son­de­re auf Tarif­er­hö­hun­gen und Höher­grup­pie­run­gen. Denn der Gesetz­ge­ber hat bei der zeit­lich letz­ten Rege­lung des Rück­kehr­rechts in § 17 HVFG trotz der kurz zuvor am 1.11.2006 erfolg­ten Tarif­suk­zes­si­on im öffent­li­chen Dienst der Län­der bei den Moda­li­tä­ten des Rück­kehr­rechts an der For­mu­lie­rung in den Vor­gän­ger­re­ge­lun­gen3 fest­ge­hal­ten und damit sei­nen Wil­len bekun­det, den Rück­keh­rern nicht nur zu einem bestimm­ten Zeit­punkt eine bestimm­te Ver­gü­tungs­hö­he zu garan­tie­ren, son­dern – wie bis­her – ihre beim LBK Ham­burg erreich­te Lohn- bzw. Ver­gü­tungs­grup­pe zu „wah­ren“.

Zur Ver­wirk­li­chung des gesetz­li­chen Rege­lungs­plans ist des­halb die vom rück­keh­ren­den Ange­stell­ten am maß­geb­li­chen Stich­tag 31.12.2006 beim LBK Ham­burg erreich­te Ver­gü­tungs­grup­pe des MTV Ange­stell­te AVH der ihrer Benen­nung nach ent­spre­chen­den Ver­gü­tungs­grup­pe des BAT gedank­lich zuzu­ord­nen und Letz­te­re sodann nach dem bei der Beklag­ten gel­ten­den Über­lei­tungs­recht des TVÜ­Län­der zu erset­zen. Die Über­lei­tung hat sich in den von §§ 4 bis 6 TVÜ­Län­der vor­ge­se­he­nen Schrit­ten zu voll­zie­hen. Erst mit deren Voll­endung ist die bis­he­ri­ge Ein­grup­pie­rung ersetzt4 und damit die vom Rück­keh­rer beim LBK Ham­burg erreich­te Ver­gü­tungs­grup­pe „gewahrt“. Damit wird zugleich eine Frik­ti­on der Moda­li­tä­ten des Rück­kehr­rechts mit Uni­ons­recht ver­mie­den5.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Okto­ber 2011 – 5 AZR 419/​10

  1. vgl. BAG 13.10.1982 – 5 AZR 370/​80 – zu II 4 a der Grün­de, BAGE 40, 221; 10.02.1988 – 1 ABR 70/​86 – zu B II 2 b der Grün­de, BAGE 57, 317; ErfK/​Franzen 11. Aufl. § 1 TVG Rn. 13; Schaub/​Treber ArbRHdb 14. Aufl. § 200 Rn. 17
  2. zu die­ser Auf­ga­be und Befug­nis des Rich­ters vgl. BVerfG 26.09.2011 – 2 BvR 2216/​06 und 2 BvR 469/​07 – zu B II 1 a der Grün­de; 12.11.1997 – 1 BvR 479/​92 und 1 BvR 307/​94 – zu B I 2 a der Grün­de, BVerfGE 96, 375, jeweils mwN
  3. § 17 Abs. 2 LBKHG, § 15 Abs. 2 LBKIm­mo­bi­li­en­ge­setz
  4. vgl. dazu BAG 22.04.2009 – 4 ABR 14/​08, Rn. 56 ff., BAGE 130, 286; zur Stu­fen­zu­ord­nung als Bestand­teil der Ein­grup­pie­rung sie­he auch BAG 6.04.2011 – 7 ABR 136/​09, Rn. 25, DB 2011, 2207; 26.06.2008 – 6 AZR 498/​07, Rn. 9, 14, AP BMTG II § 6 Nr. 2
  5. vgl. EuGH 8.09.2011 – C297/​10 und C298/​10 – [Hen­nigs und Mai], NZA 2011, 1100