Der Kün­di­gungs­schutz­pro­zess und die zwi­schen­zeit­li­che erneu­te Kün­di­gung

Der Umfang der Rechts­kraft einer gericht­li­chen Ent­schei­dung im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess bestimmt sich nach dem Streit­ge­gen­stand. Streit­ge­gen­stand einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge mit einem Antrag nach § 4 Satz 1 KSchG ist, ob das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en aus Anlass einer bestimm­ten Kün­di­gung zu dem in ihr vor­ge­se­he­nen Ter­min auf­ge­löst wor­den ist. Die begehr­te Fest­stel­lung erfor­dert nach dem Wort­laut der gesetz­li­chen Bestim­mung eine Ent­schei­dung über das Bestehen eines Arbeits­ver­hält­nis­ses zum Zeit­punkt der Kün­di­gung. Mit der Rechts­kraft des der Kla­ge statt­ge­ben­den Urteils steht des­halb fest, dass jeden­falls im Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gung zwi­schen den strei­ten­den Par­tei­en ein Arbeits­ver­hält­nis bestan­den hat 1. Auch ent­hält ein rechts­kräf­ti­ges Urteil, wonach das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en durch eine bestimm­te Kün­di­gung zu dem vor­ge­se­he­nen Ter­min nicht auf­ge­löst wor­den ist, grund­sätz­lich die kon­klu­den­te Fest­stel­lung, dass die­ses Arbeits­ver­hält­nis nicht zuvor durch ande­re Ereig­nis­se auf­ge­löst wor­den ist 2. Die Rechts­kraft schließt gemäß § 322 ZPO im Ver­hält­nis der Par­tei­en zuein­an­der eine hier­von abwei­chen­de gericht­li­che Fest­stel­lung in einem spä­te­ren Ver­fah­ren aus 3.

Der Kün­di­gungs­schutz­pro­zess und die zwi­schen­zeit­li­che erneu­te Kün­di­gung

Zu berück­sich­ti­gen ist aber, dass der Streit­ge­gen­stand der 4 Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und damit der Umfang der Rechts­kraft eines ihr statt­ge­ben­den Urteils auf die 5Auf­lö­sung des Arbeits­ver­hält­nis­ses durch die kon­kret ange­grif­fe­ne Kün­di­gung beschränkt wer­den kann 6. Eine sol­che Ein­schrän­kung des Umfangs der Rechts­kraft bedarf deut­li­cher Anhalts­punk­te, die sich aus der Ent­schei­dung selbst erge­ben müs­sen 7. Das schließt es nicht aus, für die Bestim­mung des Umfangs der Rechts­kraft im Ein­zel­fall Umstän­de her­an­zu­zie­hen, die schon mit der Ent­schei­dungs­fin­dung zusam­men­hän­gen. So kann für die "Aus­klam­me­rung" der Rechts­fol­gen einer eigen­stän­di­gen, zeit­lich frü­her wir­ken­den Kün­di­gung aus dem Streit­ge­gen­stand der Kla­ge, die sich gegen eine spä­ter zuge­gan­ge­ne Kün­di­gung rich­tet, der Umstand spre­chen, dass die­sel­be Kam­mer des Arbeits­ge­richts am sel­ben Tag über bei­de Kün­di­gun­gen ent­schie­den hat. In einem sol­chen Fall ist regel­mä­ßig sowohl für die Par­tei­en als auch für das Gericht klar, dass die Wir­kun­gen der frü­he­ren Kün­di­gung nicht zugleich Gegen­stand des Rechts­streits über die spä­ter wir­ken­de Kün­di­gung sein soll­ten 8.

Danach führt die Rechts­kraft des der Kla­ge gegen die Kün­di­gung vom 04.12.2009 statt­ge­ben­den Urteils vom 23.06.2010 nicht dazu, dass im vor­lie­gen­den Rechts­streit die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses auf­grund der frist­lo­sen Kün­di­gung vom 22.09.2009 nicht mehr geprüft wer­den könn­te. Die Aus­le­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, das Arbeits­ge­richt habe mit sei­nem Urteil vom 23.06.2010 nicht über die Wirk­sam­keit der ihm bekann­ten, zeit­lich vor­her­ge­hen­den Kün­di­gung ent­schei­den wol­len und ent­schie­den, ist rechts­feh­ler­frei. Die Par­tei­en haben ihren Streit über die Wirk­sam­keit der betref­fen­den Kün­di­gun­gen in getrenn­ten Pro­zes­sen aus­ge­tra­gen. Im Tat­be­stand des Urteils vom 23.06.2010 wird aus­drück­lich auf die frist­lo­se Kün­di­gung vom 22.09.2009 hin­ge­wie­sen. Es ist das erst­in­stanz­li­che Akten­zei­chen des vor­lie­gen­den Rechts­streits auf­ge­führt und dar­ge­stellt wor­den, dass das Arbeits­ge­richt der Kla­ge statt­ge­ge­ben hat. Das Urteil vom 23.06.2010 stammt von der­sel­ben Kam­mer, die am 9.04.2010 das erst­in­stanz­li­che Urteil in der vor­lie­gen­den Sache ver­kün­det hat. Hin­zu kommt, dass bei Ver­kün­dung des Urteils vom 23.06.2010 die Frist für die Ein­le­gung einer Beru­fung gegen das am 9.04.2010 ergan­ge­ne Urteil noch nicht abge­lau­fen war. Dafür, dass sich das Arbeits­ge­richt die­ser Tat­sa­che bei Ver­kün­dung des Urteils vom 23.06.2010 bewusst war, spricht der in den dor­ti­gen Tat­be­stand auf­ge­nom­me­ne Hin­weis, es han­de­le sich bei der vor­aus­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung vom 22.09.2009 um ein erst­in­stanz­li­ches Urteil. Schon die­se Umstän­de zei­gen, dass aus Sicht des Arbeits­ge­richts die Kün­di­gung vom 22.09.2009 nicht zugleich Gegen­stand des Rechts­streits betref­fend die Kün­di­gung vom 04.12.2009 sein soll­te. Über­dies befas­sen sich die Ent­schei­dungs­grün­de des Urteils vom 23.06.2010 an kei­ner Stel­le mit der Fra­ge, ob das Arbeits­ver­hält­nis im Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gung vom 04.12.2009 noch bestan­den hat. Dies kann in Anbe­tracht des bekann­ter­ma­ßen noch nicht rechts­kräf­tig been­de­ten Streits über die Wirk­sam­keit der vor­an­ge­gan­ge­nen Kün­di­gung, zu deren Recht­fer­ti­gung sich die Beklag­te über­dies auf völ­lig ande­re Grün­de beru­fen hat­te, nur so ver­stan­den wer­den, dass das Arbeits­ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung vom 23.06.2010 die recht­li­che Bewer­tung der Kün­di­gung vom 22.09.2009 dem Aus­gang des vor­lie­gen­den Rechts­streits über­las­sen woll­te.

Eine Kün­di­gung kann nicht erfolg­reich auf Grün­de gestützt wer­den, die der Arbeit­ge­ber schon zur Begrün­dung einer vor­her­ge­hen­den Kün­di­gung vor­ge­bracht hat und die in einem rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nen Kün­di­gungs­schutz­pro­zess mit dem Ergeb­nis mate­ri­ell geprüft wor­den sind, dass sie die Kün­di­gung nicht tra­gen. Mit einer Wie­der­ho­lung die­ser Grün­de zur Stüt­zung einer spä­te­ren Kün­di­gung ist der Arbeit­ge­ber aus­ge­schlos­sen 9. Eine sol­che Prä­k­lu­si­ons­wir­kung ent­fal­tet die Ent­schei­dung über die frü­he­re Kün­di­gung aller­dings nur bei iden­ti­schem Kün­di­gungs­sach­ver­halt. Hat sich die­ser wesent­lich geän­dert, darf der Arbeit­ge­ber erneut kün­di­gen 10.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Novem­ber 2012 – 2 AZR 732/​11

  1. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 826/​09, Rn. 13, AP KSchG 1969 § 4 Nr. 73; 26.03.2009 – 2 AZR 633/​07, Rn. 16, BAGE 130, 166[]
  2. BAG 25.03.2004 – 2 AZR 399/​03, zu B II 1 der Grün­de, AP BMT‑G II § 54 Nr. 5 = EzA BGB 2002 § 626 Unkünd­bar­keit Nr. 4; 5.10.1995 – 2 AZR 909/​94, zu II 1 der Grün­de, BAGE 81, 111[]
  3. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 826/​09, Rn. 13, aaO; 10.11.2005 – 2 AZR 623/​04, zu B I 1 b aa der Grün­de, AP BGB § 626 Nr.196 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 11[]
  4. spä­te­ren[]
  5. strei­ti­ge[]
  6. BAG 26.03.2009 – 2 AZR 633/​07, Rn. 16, BAGE 130, 166; 25.03.2004 – 2 AZR 399/​03, zu B II 2 der Grün­de, AP BMT‑G II § 54 Nr. 5 = EzA BGB 2002 § 626 Unkünd­bar­keit Nr. 4; 20.05.1999 – 2 AZR 278/​98, zu I der Grün­de, Zin­sO 2000, 351; 17.05.1984 – 2 AZR 109/​83, zu A II der Grün­de, BAGE 46, 191[]
  7. für die Ein­schrän­kung der Rechts­kraft eines die Leis­tungs­kla­ge abwei­sen­den Urteils vgl. BAG 11.10.2011 – 3 AZR 795/​09, Rn. 18 mwN, EzA ZPO 2002 § 322 Nr. 2[]
  8. vgl. BAG 20.05.1999 – 2 AZR 278/​98, zu I der Grün­de, aaO[]
  9. BAG 06.09.2012 – 2 AZR 372/​11, Rn. 13, BB 2012, 2367; 8.11.2007 – 2 AZR 528/​06, Rn. 20 ff. mwN, EzA BGB 2002 § 626 Nr. 19[]
  10. BAG 6.09.2012 – 2 AZR 372/​11 – Rn. 13, aaO; 26.11.2009 – 2 AZR 272/​08 – Rn. 19, BAGE 132, 299[]