Der neue Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter – und der Betriebs­über­gang

Der blo­ße Erwerb von Antei­len an einer Gesell­schaft und die Aus­übung von Herr­schafts­macht über die­se Gesell­schaft durch eine ande­re Gesell­schaft genü­gen weder für die Annah­me eines Über­gangs von Unter­neh­men, Betrie­ben oder Unter­neh­mens- und Betriebs­tei­len iSd. Richt­li­nie 2001/​23/​EG noch für die Annah­me eines Betriebs­über­gangs iSv. § 613a BGB.

Der neue Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter – und der Betriebs­über­gang

Zwar trifft es zu, dass im Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts die Ver­pflich­tung zur Ein­hal­tung der in der Uni­ons­rechts­ord­nung garan­tier­ten Grund­rech­te, dar­un­ter Art. 16 GRC, besteht 1. Außer­halb uni­ons­recht­lich gere­gel­ter Fall­ge­stal­tun­gen fin­den die­se Grund­rech­te aller­dings kei­ne Anwen­dung 2. Dem­nach wären Art. 16 GRC und das Urteil in der Rechts­sa­che Ale­mo-Her­ron ua. 3 hier nur zu beach­ten, wenn eine uni­ons­recht­lich gere­gel­te Fall­ge­stal­tung iSd. Richt­li­nie 2001/​23/​EG vor­lä­ge.

Dies ist vor­lie­gend aber nicht der Fall. Der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt fällt nicht in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts. Ins­be­son­de­re han­delt es sich nicht um einen – auch bei der Aus­le­gung und Anwen­dung von § 613a BGB maß­ge­bend zu berück­sich­ti­gen­den – Über­gang iSd. Richt­li­nie 2001/​23/​EG. Dies ergibt sich aus der stän­di­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on. Des­halb kommt es hier – anders als die Arbeit­ge­be­rin meint – weder auf das Urteil in der Rechts­sa­che Ale­mo-Her­ron ua., noch auf Art. 16 GRC oder das in die­sem Zusam­men­hang ergan­ge­ne Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 17.06.2015 4 an.

Die Richt­li­nie 2001/​23/​EG betrifft die "Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprü­chen der Arbeit­neh­mer beim Über­gang von Unter­neh­men, Betrie­ben oder Unter­neh­mens- oder Betriebs­tei­len".

Die Richt­li­nie 2001/​23/​EG soll nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on die Kon­ti­nui­tät der im Rah­men einer wirt­schaft­li­chen Ein­heit bestehen­den Arbeits­ver­hält­nis­se unab­hän­gig von einem Inha­ber­wech­sel gewähr­leis­ten. Für die Anwend­bar­keit der Richt­li­nie 2001/​23/​EG ist nach ihrem Art. 1 Abs. 1 Buchst. b des­halb ent­schei­dend, dass der Über­gang eine ihre Iden­ti­tät bewah­ren­de (auf Dau­er) ange­leg­te wirt­schaft­li­che Ein­heit im Sin­ne einer orga­ni­sier­ten Zusam­men­fas­sung von Res­sour­cen zur Ver­fol­gung einer wirt­schaft­li­chen Haupt- oder Neben­tä­tig­keit betrifft 5. Um eine sol­che Ein­heit han­delt es sich bei jeder hin­rei­chend struk­tu­rier­ten und selb­stän­di­gen Gesamt­heit von Per­so­nen und Sachen zur Aus­übung einer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit mit eige­nem Zweck 6. Dar­auf, ob es sich dabei um ein Unter­neh­men, einen Betrieb oder einen Unter­neh­mens- oder Betriebs­teil – auch iSd. jewei­li­gen natio­na­len Rechts – han­delt, kommt es nicht an 7.

Im Übri­gen ist die Richt­li­nie 2001/​23/​EG nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nur in den Fäl­len anwend­bar, in denen die für den Betrieb der wirt­schaft­li­chen Ein­heit ver­ant­wort­li­che natür­li­che oder juris­ti­sche Per­son, die die Arbeit­ge­ber­ver­pflich­tun­gen gegen­über den Beschäf­tig­ten ein­geht, (im Rah­men ver­trag­li­cher Bezie­hun­gen) wech­selt 8. Ein "Über­gang" iSd. Richt­li­nie 2001/​23/​EG erfor­dert eine Über­nah­me durch einen "neu­en" Arbeit­ge­ber 9. Die­se Recht­spre­chung ist auch für das Ver­ständ­nis der anzu­wen­den­den Bestim­mun­gen des natio­na­len Rechts, hier: § 613a BGB, maß­ge­bend.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus Art. 1 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2001/​23/​EG. Die­se Bestim­mung stellt ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung der Arbeit­ge­be­rin kei­ne "Aus­nah­me" dar. Sie stellt viel­mehr (nur) klar, dass die Richt­li­nie für öffent­li­che Unter­neh­men gilt, die eine wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­üben, unab­hän­gig davon, ob sie Erwerbs­zwe­cke ver­fol­gen oder nicht 10. Aus­ge­nom­men sind nur die struk­tu­rel­le Neu­ord­nung der öffent­li­chen Ver­wal­tung oder die Über­tra­gung von Ver­wal­tungs­auf­ga­ben von einer öffent­li­chen Ver­wal­tung auf eine ande­re 11.

Vor­lie­gend ist kei­ne Über­nah­me iSd. Richt­li­nie 2001/​23/​EG erfolgt, denn es fehlt an einem Wech­sel in der natür­li­chen oder juris­ti­schen Per­son, die die Arbeit­ge­ber­ver­pflich­tun­gen gegen­über den Beschäf­tig­ten ein­geht; es fehlt an einer Über­nah­me durch einen "neu­en" Arbeit­ge­ber. Weder der von der Arbeit­ge­be­rin ange­führ­te Umstand, dass die M AG sämt­li­che Gesell­schafts­an­tei­le an der Arbeit­ge­be­rin über­nom­men hat, noch der von ihr vor­ge­tra­ge­ne Umstand, dass die M AG seit­dem die tat­säch­li­che Kon­trol­le, dh. die tat­säch­li­che Herr­schafts­macht über sie aus­übt, ändern etwas dar­an, dass nach wie vor die Arbeit­ge­be­rin Arbeit­ge­be­rin ist. Bei­de Umstän­de betref­fen ledig­lich das (Innen-)Verhältnis der Arbeit­ge­be­rin zur M AG. Der Fort­be­stand und die Iden­ti­tät der Arbeit­ge­be­rin wer­den durch die Über­nah­me der Gesell­schafts­an­tei­le und die Aus­übung von Herr­schafts­macht durch die M AG nicht berührt 12.

Damit liegt der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt auch außer­halb des Anwen­dungs­be­reichs von Art. 16 GRC.

Ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ist nicht ver­an­lasst. Die vor­lie­gend maß­geb­li­chen uni­ons­recht­li­chen Fra­gen sind ins­be­son­de­re durch die unter Rn. 21 bis 23 ange­führ­ten Ent­schei­dun­gen des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on aus­rei­chend geklärt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 23. März 2017 – 8 AZR 91/​15

  1. vgl. dazu – neben Art. 51 Abs. 1 GRC – die st. Rspr. des EuGH, ua. 21.12 2016 – C‑201/​15 – [AGET Ira­klis] Rn. 62 mwN[]
  2. st. Rspr., ua. EuGH 21.12 2016 – C‑119/​15 – [Biuro podró?y Part­ner] Rn. 24 mwN[]
  3. EuGH 18.07.2013 – C‑426/​11[]
  4. BAG 17.06.2015 – 4 AZR 61/​14 (A), BAGE 152, 12; sowie – 4 AZR 95/​14 (A) []
  5. vgl. etwa EuGH 26.11.2015 – C‑509/​14 – [Aira Pascu­al ua.] Rn. 31; 9.09.2015 – C‑160/​14 – [Fer­rei­ra da Sil­va e Bri­to ua.] Rn. 25; 6.03.2014 – C‑458/​12 – [Ama­to­ri ua.] Rn. 30 mwN[]
  6. EuGH 6.03.2014 – C‑458/​12 – [Ama­to­ri ua.] Rn. 31 f. mwN; 6.09.2011 – C‑108/​10 – [Scat­to­lon] Rn. 42 mwN, Slg. 2011, I‑7491 zur Vor­gän­ger­richt­li­nie 77/​187/​EWG; 29.07.2010 – C‑151/​09 – [UGT-FSP] Rn. 26, Slg. 2010, I‑7591; 13.09.2007 – C‑458/​05 – [Joui­ni ua.] Rn. 31, Slg. 2007, I‑7301; 26.09.2000 – C‑175/​99 – [May­eur] Rn. 32, Slg. 2000, I‑7755 zur Vor­gän­ger­richt­li­nie 77/​187/​EWG[]
  7. vgl. EuGH 9.09.2015 – C‑160/​14 – [Fer­rei­ra da Sil­va e Bri­to ua.] Rn. 25; 20.01.2011 – C‑463/​09 – [CLECE] Rn. 30, Slg. 2011, I‑95[]
  8. ua. EuGH 26.11.2015 – C‑509/​14 – [Aira Pascu­al ua.] Rn. 28; 9.09.2015 – C‑160/​14 – [Fer­rei­ra da Sil­va e Bri­to ua.] Rn. 24 mwN; 6.03.2014 – C‑458/​12 – [Ama­to­ri ua.] Rn. 29 mwN[]
  9. st. Rspr., ua. EuGH 6.03.2014 – C‑458/​12 – [Ama­to­ri ua.] Rn. 30 mwN; 6.09.2011 – C‑108/​10 – [Scat­to­lon] Rn. 60 mwN, Slg. 2011, I‑7491[]
  10. EuGH 26.11.2015 – C‑509/​14 – [Aira Pascu­al ua.] Rn. 24; 20.01.2011 – C‑463/​09 – [CLECE] Rn. 25, Slg. 2011, I‑95[]
  11. EuGH 26.09.2000 – C‑175/​99 – [May­eur] Rn. 33, Slg. 2000, I‑7755; 15.10.1996 – C‑298/​94 – [Hen­ke] Rn. 14 f., Slg. 1996, I‑4989[]
  12. vgl. etwa BGH 3.11.2015 – II ZR 446/​13, Rn. 27; 8.11.1965 – II ZR 223/​64, zu I 2 a der Grün­de, BGHZ 44, 229; BAG 12.07.1990 – 2 AZR 39/​90, zu B II 1 a der Grün­de[]