Der nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­ge­reich­te Schrift­satz

Mit der Fra­ge des recht­li­chen Gehörs für einen nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung, aber vor Ver­kün­dung ein­ge­reich­ten Schrift­satz hat­te sich jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu befas­sen:

Der nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­ge­reich­te Schrift­satz

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist Art. 103 Abs. 1 GG auch dann ver­letzt, wenn das Gericht einen ord­nungs­ge­mäß ein­ge­reich­ten Schrift­satz über­sieht. Ob der Spruch­kör­per selbst Kennt­nis von dem Schrift­satz erlangt hat, ist dabei uner­heb­lich. Viel­mehr ist das Gericht ins­ge­samt dafür ver­ant­wort­lich, dass dem Gebot des recht­li­chen Gehörs Rech­nung getra­gen wird. Auf ein Ver­schul­den des Gerichts kommt es dabei nicht an 1.

In dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers unmit­tel­bar im Anschluss an die münd­li­che Ver­hand­lung einen ange­sichts der Ent­fer­nung zwi­schen dem Gerichts­sitz in Hal­le und dem Kanz­lei­sitz des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten in Leip­zig offen­kun­dig vor­be­rei­te­ten Schrift­satz per Fax ein­ge­reicht. Die­ser Schrift­satz war ledig­lich mit „Eilt! Bit­te sofort vor­le­gen!“ über­schrie­ben. Es war in kei­ner Wei­se kennt­lich gemacht, dass der Rechts­streit gera­de ver­han­delt wor­den war und sich die Kam­mer mög­li­cher­wei­se noch in einer wei­te­ren Ver­hand­lung bzw. noch in der Bera­tung befand. Die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze dürf­ten auf eine sol­che Kon­stel­la­ti­on nicht anwend­bar sein, ent­schied das Bun­des­ar­beits­ge­richt. Es erscheint zwei­fel­haft, ob Gerich­te orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen dafür tref­fen müs­sen, dass Anwäl­te ohne erkenn­ba­ren Anlass im unmit­tel­ba­ren Anschluss an die münd­li­che Ver­hand­lung durch Über­mitt­lung von Schrift­sät­zen noch ver­su­chen, Ein­fluss auf die Ent­schei­dungs­fin­dung der Kam­mer zu neh­men, statt die dafür an sich gesetz­lich vor­ge­se­he­ne münd­li­che Ver­hand­lung zu nut­zen, oder sogar ver­su­chen, durch ein der­ar­ti­ges Vor­ge­hen Revi­si­ons­grün­de bzw. Revi­si­ons­zu­las­sungs­grün­de zu schaf­fen.

Jeden­falls kann der Klä­ger einen Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG nicht gel­tend machen. Er hat es ver­säumt, sich vor Gericht in der dafür gesetz­lich vor­ge­se­he­nen münd­li­chen Ver­hand­lung Gehör zu ver­schaf­fen.

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das ent­schei­den­de Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 2. Das Gebot des recht­li­chen Gehörs soll als Pro­zess­grund­recht sicher­stel­len, dass die vom Fach­ge­richt zu tref­fen­de Ent­schei­dung frei von Ver­fah­rens­feh­lern ergeht, die ihren Grund in unter­las­se­ner Kennt­nis­nah­me und Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags der Par­tei­en haben 3. Die auf unzu­rei­chen­de Kennt­nis­nah­me des Par­tei­vor­trags gestütz­te Rüge der Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG dient jedoch nicht dazu, recht­li­ches Gehör zu erset­zen, das sich die Par­tei in zumut­ba­rer Wei­se unter Nut­zung ihrer pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung hät­te ver­schaf­fen kön­nen. Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG liegt dar­um grund­sätz­lich nicht vor, wenn die Par­tei es ohne sach­li­chen Grund ver­säumt hat, Sach­vor­trag in der münd­li­chen Ver­hand­lung dem Gericht zur Kennt­nis zu brin­gen und dies nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung mit einem nicht nach­ge­las­se­nen Schrift­satz nach­ho­len will 4.

Unter Beach­tung die­ser Grund­sät­ze liegt ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG nicht vor. Der Klä­ger legt nicht dar, inwie­weit es ihm nicht mög­lich gewe­sen ist, die recht­li­chen Stand­punk­te, die er mit sei­nem Schrift­satz vom 9. Juni 2010 ins Gerichts­ver­fah­ren ver­sucht hat ein­zu­füh­ren, bereits im Ter­min vor­zu­tra­gen. Die Fra­ge der ord­nungs­ge­mä­ßen Bevoll­mäch­ti­gung der Zeu­gin H und die wirk­sa­me Zurück­wei­sung der Kün­di­gung nach § 174 BGB war über bei­de Instan­zen hin­weg der wesent­li­che Streit­ge­gen­stand des Ver­fah­rens. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 174 Satz 2 BGB waren in der Beru­fungs­be­grün­dung vom Klä­ger aus­führ­lich erör­tert wor­den, eben­so im Schrift­satz vom 12. März 2010. Der Klä­ger macht nicht gel­tend, in der münd­li­chen Ver­hand­lung sei von der Kam­mer zu die­ser Rechts­fra­ge ein recht­li­cher Stand­punkt ver­tre­ten wor­den, auf den er unge­ach­tet des Umstands, dass ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter grund­sätz­lich alle ver­tret­ba­ren recht­li­chen Gesichts­punk­te von sich aus in Betracht zie­hen und sei­nen Vor­trag dar­auf ein­stel­len muss 5, nicht noch direkt im Ter­min hät­te ein­ge­hen kön­nen. Dies gilt umso mehr, als über die zeit­li­che Abfol­ge hin­aus auch die For­mu­lie­rung des zwei­ten Absat­zes auf S. 1 des Schrift­sat­zes vom 9. Juni 2010 dar­auf schlie­ßen lässt, dass die­ser Schrift­satz bereits vor dem Ter­min vor­be­rei­tet war. Im Ter­min war über die Kün­di­gungs­be­fug­nis der Zeu­gin H Beweis erho­ben wor­den. Bei ihrer Ver­neh­mung hat­te die Zeu­gin erklärt, dass der Geschäfts­füh­rer ihr aus­drück­lich auf­ge­ge­ben habe, dem Klä­ger eine Kün­di­gung zu erklä­ren. Der noch­ma­li­ge Hin­weis auf das Bestrei­ten einer sol­chen spe­zi­el­len Bevoll­mäch­ti­gung durch den Klä­ger im Schrift­satz vom 9. Juni 2010 hat­te daher wenig Sinn. Der Klä­ger macht auch nicht etwa gel­tend, es sei ihm von der Kam­mer unmög­lich gemacht wor­den, sei­nen Rechts­stand­punkt im Rah­men der Sit­zung vor­zu­tra­gen.

Der Klä­ger hat dem­nach die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel, sich in der dafür gesetz­lich vor­ge­se­he­nen münd­li­chen Ver­hand­lung Gehör zu ver­schaf­fen, nicht aus­rei­chend genutzt. Auf eine Ver­let­zung sei­nes Anspruchs auf recht­li­ches Gehör in der Zeit zwi­schen Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung und Ver­kün­dung des anzu­fech­ten­den Urteils kann er sich daher nicht beru­fen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 14. Dezem­ber 2010 – 6 AZN 986/​10

  1. st. Rspr. seit BVerfG 14.06.1960 – 2 BvR 96/​60, BVerfGE 11, 218; vgl. auch 19.10.1977 – 2 BvR 566/​76, BVerfGE 46, 185[]
  2. st. Rspr. seit BVerfG 14.06.1960 – 2 BvR 96/​60, BVerfGE 11, 218[]
  3. BVerfG 20.04.1982 – 1 BvR 1242/​81, BVerfGE 60, 247, 249[]
  4. vgl. BAG 23.09.2008 – 6 AZN 84/​08, Rn. 11, BAGE 128, 13, für die Rüge der unzu­rei­chen­den Erör­te­rung der Sach- und Rechts­la­ge in der münd­li­chen Ver­hand­lung; BFH 12.08.2008 – X S 35/​08 (PKH), Rn. 36, BFH/​NV 2008, 2030; vgl. zum Sub­si­dia­ri­täts­grund­satz bei der Gehörs­rü­ge all­ge­mein BGH 06.05.2010 – IX ZB 225/​09, Rn. 7 f., MDR 2010, 948[]
  5. BVerfG 15.08.1996 – 2 BvR 2600/​95, AP GG Art. 103 Nr. 56[]