Der nicht nach­ge­las­se­ne Schrift­satz – und die Bera­tung der Rich­ter per Tele­fon­kon­fe­renz

Ein abso­lu­ter Revi­si­ons­grund iSv. § 547 Nr. 1 ZPO ist gege­ben, wenn das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht unter Mit­wir­kung der­je­ni­gen Rich­ter, die an der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung teil­ge­nom­men haben, geprüft hat, ob nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung bei Gericht ein­ge­gan­ge­ne Schrift­sät­ze der Par­tei­en gemäß § 156 ZPO Ver­an­las­sung zur Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung gaben.

Der nicht nach­ge­las­se­ne Schrift­satz – und die Bera­tung der Rich­ter per Tele­fon­kon­fe­renz

Selbst wenn ein sol­cher nach­ge­reich­ter Schrift­satz bei der Ent­schei­dung über das Urteil kei­ne Beach­tung mehr fin­den kann, weil das Urteil nach abschlie­ßen­der Bera­tung und Abstim­mung bereits gefällt (§ 309 ZPO) war, hat das Gericht bis zur Urteils­ver­kün­dung ein­ge­hen­de Schrift­sät­ze zur Kennt­nis zu neh­men und eine Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung zu prü­fen. Im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren haben im Fall eines nach­ge­reich­ten Schrift­sat­zes die ehren­amt­li­chen Rich­ter an der Ent­schei­dung über eine Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung mit­zu­wir­ken 1. Ist dies nicht der Fall, wird der Pro­zess­par­tei, die den Schrift­satz ver­fasst hat, der gesetz­li­che Rich­ter ent­zo­gen 2. Bei einem hier­in lie­gen­den Ver­fah­rens­man­gel iSd. § 547 Nr. 1 ZPO wird unwi­der­leg­lich ver­mu­tet, dass er ent­schei­dungs­er­heb­lich ist.

Aus § 193 Abs. 1 GVG ergibt sich, dass die Ent­schei­dung eines Kol­le­gi­al­ge­richts auf einer Bera­tung und Abstim­mung der zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­ter beru­hen muss. § 194 GVG bestimmt die bei der Bera­tung und Abstim­mung ein­zu­hal­ten­de Ver­fah­rens­wei­se. Die münd­li­che Bera­tung im Bei­sein sämt­li­cher betei­lig­ter Rich­ter ist dabei die Regel 3. In geeig­ne­ten Fäl­len kann eine Nach­be­ra­tung im Wege einer Tele­fon­kon­fe­renz zuläs­sig sein, bei wel­cher unter der Lei­tung des Vor­sit­zen­den jeder Teil­neh­mer von sei­nem Tele­fon­ap­pa­rat zeit­gleich mit jedem ande­ren Teil­neh­mer kom­mu­ni­zie­ren kann und alle Teil­neh­mer die gesam­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­hö­ren. Vor­aus­set­zung ist, dass alle betei­lig­ten Rich­ter mit die­ser Ver­fah­rens­wei­se ein­ver­stan­den sind und sicher­ge­stellt ist, dass jeder­zeit in eine münd­li­che Bera­tung im Bei­sein aller Rich­ter ein­ge­tre­ten wer­den kann, falls ein Rich­ter dies wünscht oder ein neu­er Gesichts­punkt es erfor­dert 4. Die Tele­fon­kon­fe­renz ver­mag die münd­li­che Bera­tung bei gleich­zei­ti­ger Anwe­sen­heit aller betei­lig­ten Rich­ter aller­dings nicht zu erset­zen. Sie kann nur neben die­se tre­ten, wie etwa bei der Bera­tung über einen nach­träg­lich ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz. Die erst­ma­li­ge Bera­tung als ein­zi­ge Grund­la­ge für die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che muss zwin­gend im Bei­sein sämt­li­cher betei­lig­ter Rich­ter statt­fin­den 5.

Eine Rechts­ver­let­zung iSv. § 73 ArbGG, § 547 Nr. 1 ZPO ist vom Revi­si­ons­ge­richt wegen § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b ZPO nur zu beach­ten, wenn die Revi­si­on (auch) auf sie gestützt wird 6. Der Revi­si­ons­füh­rer muss dar­le­gen, dass der gerüg­te abso­lu­te Revi­si­ons­grund tat­säch­lich vor­liegt. Das setzt die Anga­be von Tat­sa­chen vor­aus, aus denen sich der behaup­te­te Ver­fah­rens­man­gel erge­ben soll. Han­delt es sich dabei um gerichts­in­ter­ne Vor­gän­ge, muss der Revi­si­ons­füh­rer zumin­dest auf­zei­gen, dass er eine zweck­ent­spre­chen­de Auf­klä­rung ver­sucht hat 7. Auch bei der Bean­stan­dung, ein Urteil sei ent­ge­gen § 193 Abs. 1, § 194 GVG nicht auf­grund gehei­mer Bera­tung und Abstim­mung der zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­ter ergan­gen, muss die hier­in lie­gen­de Ver­fah­rens­rüge nach § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b ZPO die Bezeich­nung der Tat­sa­chen ent­hal­ten, die den Man­gel erge­ben, auf den sich die Revi­si­on stüt­zen will.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen war für das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem hier ent­schie­de­nen Fall die Art und Wei­se, in wel­cher das Beru­fungs­ge­richt über den nach der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz des Klä­gers bera­ten hat, recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Aus­weis­lich des hand­schrift­li­chen Ver­merks des Vor­sit­zen­den des Beru­fungs­ge­richts hat die Kam­mer in der Beset­zung der münd­li­chen Ver­hand­lung "per Tele­fon­kon­fe­renz" über den zuvor den ehren­amt­li­chen Rich­tern zuge­lei­te­ten Schrift­satz des Klä­gers bera­ten und beschlos­sen, "daß die Wie­der­eröff­nung nicht ver­an­laßt, son­dern die nie­der­ge­leg­te Ent­schei­dung zu ver­kün­den ist".

Die Bera­tung über den nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz im Wege der abge­hal­te­nen Tele­fon­kon­fe­renz des Vor­sit­zen­den und der ehren­amt­li­chen Rich­ter, die an der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung teil­ge­nom­men haben, war zuläs­sig. Es han­del­te sich um eine blo­ße Nach­be­ra­tung. Sie hat die münd­li­che Bera­tung der Rich­ter nicht ersetzt, son­dern ist – im Hin­blick auf den nicht nach­ge­las­se­nen Schrift­satz des Klä­gers – nur neben sie getre­ten.

Ohne Erfolg blieb vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt auch die Rüge, es sei vom Beru­fungs­ge­richt weder ange­ge­ben, wie die Tele­fon­kon­fe­renz statt­ge­fun­den habe, noch ob die ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hier­für erfüllt gewe­sen sind. Ein dar­auf gerich­te­ter Ver­fah­rens­man­gel ist schon nicht hin­rei­chend dar­ge­legt. Zudem ist in dem Akten­ver­merk des Vor­sit­zen­den der Beru­fungs­kam­mer die Art und Wei­se der Bera­tung als "Tele­fon­kon­fe­renz" doku­men­tiert. Das drückt eine Bera­tung aus, bei wel­cher unter der Lei­tung des Vor­sit­zen­den jeder Teil­neh­mer von sei­nem Tele­fon­ap­pa­rat zeit­gleich mit jedem ande­ren Teil­neh­mer kom­mu­ni­zie­ren kann und alle Teil­neh­mer die gesam­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­hö­ren. Auch das Ein­ver­ständ­nis sämt­li­cher betei­lig­ter Rich­ter mit die­ser Art und Wei­se der Bera­tung über den nach­ge­reich­ten Schrift­satz und die Mög­lich­keit, in eine münd­li­che Bera­tung im Bei­sein aller Rich­ter ein­zu­tre­ten, kom­men in einem so gefass­ten Akten­ver­merk zum Aus­druck 8.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 14. April 2015 – 1 AZR 223/​14

  1. vgl. BAG 25.01.2012 – 4 AZR 185/​10, Rn. 14 ff.; 18.12 2008 – 6 AZN 646/​08, Rn. 4 ff., BAGE 129, 89[]
  2. vgl. BAG 18.12 2008 – 6 AZN 646/​08, Rn. 7, BAGE 129, 89[]
  3. vgl. BAG 18.01.2012 – 7 ABR 72/​10, Rn. 63; BGH 20.04.2012 – LwZR 5/​11, Rn. 8[]
  4. BAG 26.03.2015 – 2 AZR 417/​14, Rn. 12 mwN; BGH 29.11.2013 – BLw 4/​12, Rn. 33[]
  5. vgl. BAG 26.03.2015 – 2 AZR 417/​14 – aaO; BGH 29.11.2013 – BLw 4/​12 – aaO[]
  6. BAG 24.10.2013 – 2 AZR 1057/​12, Rn. 13, BAGE 146, 257[]
  7. vgl. BAG 18.01.2012 – 7 ABR 72/​10, Rn. 58[]
  8. vgl. BGH 29.11.2013 – BLw 4/​12, Rn. 35[]