Der Rechts­streit über die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­tra­ges

Für Kla­gen einer Arbeit­ge­be­rin auf Fest­stel­lung, dass die durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les aus­ge­spro­che­nen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen rechts­wid­rig sind und die Arbeit­ge­be­rin in ihren Rech­ten ver­let­zen, ist der Rechts­weg zu den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten eröff­net.

Der Rechts­streit über die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­tra­ges

Die Gerichts­bar­keits­klau­sel nach § 47 Abs. 1 VwGO fin­det kei­ne Anwen­dung auf Kla­gen zur Fest­stel­lung der Ver­let­zung sub­jek­tiv-öffent­li­cher Rech­te durch Nor­men nach § 43 Abs. 1 VwGO [1].

Der Zustän­dig­keit der Ver­wal­tungs­ge­rich­te steht Art. 2 Nr. 1b des am 16.08.2014 in Kraft getre­te­nen Geset­zes zur Stär­kung der Tarif­au­to­no­mie (Tarif­au­to­no­mie­stär­kungs­ge­setz) [2], wonach die Zustän­dig­keit der Arbeits­ge­richts­bar­keit für „die Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nach § 5 des Tarif­ver­trags­ge­set­zes“ gege­ben ist, nicht ent­ge­gen. Dabei kann offen­blei­ben, ob die hier in Rede ste­hen­de Kla­ge auf Fest­stel­lung der Ver­let­zung eige­ner Rech­te durch die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betrifft. Die Rege­lung des Art. 2 Nr. 1b des Tarif­au­to­no­mie­stär­kungs­ge­set­zes ist hier jeden­falls gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 GVG unbe­acht­lich, weil sie bei Rechts­hän­gig­keit des vor­lie­gen­den Rechts­streits am 7.02.2012 (§ 90 Abs. 1 VwGO) noch nicht in Kraft getre­ten war; eine abwei­chen­de gesetz­li­che Rege­lung wur­de nicht getrof­fen [3]. Nach der Rechts­la­ge zum danach maß­geb­li­chen Zeit­punkt des Ein­tritts der Rechts­hän­gig­keit war der Rechts­weg zu den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten aus den nach­fol­gen­den Grün­den eröff­net.

Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nach § 5 TVG ist ein Recht­set­zungs­akt eige­ner Art zwi­schen auto­no­mer Rege­lung und staat­li­cher Recht­set­zung, die gemäß § 5 Abs. 4 TVG die nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber – wie hier die Klä­ge­rin – ein­sei­tig den Rechts­nor­men des Tarif­ver­trags unter­wirft. Es han­delt sich somit um einen dem öffent­li­chen Recht zuge­hö­ren­den „staat­li­chen Hoheits­akt[4]. Da Kla­gen auf Fest­stel­lung der Ver­let­zung eige­ner sub­jek­tiv-öffent­li­cher Rech­te durch eine All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nach § 43 Abs. 1 VwGO [5] weder ver­fas­sungs­recht­li­cher Art sind noch bis zum Erlass des Art. 2 Nr. 1b des Tarif­au­to­no­mie­stär­kungs­ge­set­zes eine Son­der­zu­wei­sung an die Arbeits­ge­richts­bar­keit bestand [6], war bei Rechts­hän­gig­keit die Zustän­dig­keit der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit gege­ben. Davon ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt schon bis­her unaus­ge­spro­chen aus­ge­gan­gen [7].

Die Klä­ge­rin meint dem­ge­gen­über, dass das ein­schrän­ken­de Tat­be­stands­merk­mal des § 47 Abs. 1 VwGO, wonach das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt „im Rah­men sei­ner Gerichts­bar­keit“ über die Gül­tig­keit von Rechts­vor­schrif­ten ent­schei­det, ana­log auf Kla­gen zur Fest­stel­lung der Ver­let­zung eige­ner Rech­te durch Nor­men nach § 43 Abs. 1 VwGO anzu­wen­den sei. Danach sei der Ver­wal­tungs­rechts­weg nicht eröff­net, weil für Strei­tig­kei­ten zwi­schen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern in Bezug auf die Rech­te und Pflich­ten aus dem für all­ge­mein ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trag aus­schließ­lich die Arbeits­ge­rich­te zustän­dig sei­en. Dem kann nicht gefolgt wer­den.

Ein Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist nur dann i.S.d. § 47 Abs. 1 VwGO „im Rah­men sei­ner Gerichts­bar­keit“ zur Kon­trol­le von unter­ge­setz­li­chen Rechts­vor­schrif­ten beru­fen, wenn sich aus der Anwen­dung der ange­grif­fe­nen Rechts­vor­schrift Rechts­strei­tig­kei­ten erge­ben kön­nen, für die der Ver­wal­tungs­rechts­weg gege­ben ist [8]. Damit soll ver­hin­dert wer­den, dass Gerich­te ande­rer Gerichts­zwei­ge für Strei­tig­kei­ten prä­ju­di­ziert wer­den, zu deren Ent­schei­dung im Ein­zel­fall sie sonst aus­schließ­lich zustän­dig sind [9]. Die­ser Rege­lungs­zweck ist bei der hier rele­van­ten Kla­ge auf Fest­stel­lung der Ver­let­zung eige­ner sub­jek­tiv-öffent­li­cher Rech­te durch eine All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nach § 5 TVG nicht berührt. Denn Ent­schei­dun­gen über Fest­stel­lungs­kla­gen nach § 43 Abs. 1 VwGO sind nicht wie die Erklä­rung der Unwirk­sam­keit einer Rechts­norm gemäß § 47 Abs. 5 Satz 2 Halbs. 2 VwGO all­ge­mein ver­bind­lich, son­dern gel­ten nur inter par­tes (lat. „zwi­schen den Par­tei­en“). Die Gerich­te ande­rer Gerichts­zwei­ge wer­den daher durch die Fest­stel­lung der Ver­let­zung sub­jek­tiv-öffent­li­cher Rech­te durch die zur Prü­fung gestell­te Norm nicht hin­sicht­lich von Rechts­strei­tig­kei­ten prä­ju­di­ziert, wel­che die Anwen­dung der­sel­ben Norm betref­fen. So hin­dert etwa eine bereits getrof­fe­ne ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Fest­stel­lung der Rechts­ver­let­zung durch eine All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­er­klä­rung die Arbeits­ge­rich­te nicht, im Rah­men von Rechts­strei­tig­kei­ten über Rech­te und Pflich­ten aus dem Tarif­ver­trag die Recht­mä­ßig­keit der All­ge­mein­ver­bind­lich­keits­er­klä­rung erneut inzi­dent zu prü­fen und ihrer Ent­schei­dung ein abwei­chen­des Ergeb­nis zugrun­de zu legen [10]. Die von der Klä­ge­rin ange­nom­me­ne „fak­ti­sche Prä­ju­di­zwir­kung“ durch sol­che ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Fest­stel­lungs­ur­tei­le kann nicht mit der gesetz­lich ange­ord­ne­ten All­ge­mein­ver­bind­lich­keit ver­gli­chen wer­den. Nur letz­te­re begrün­det das Bedürf­nis, zur Ver­mei­dung einer dem Grund­satz der Gleich­wer­tig­keit der ein­zel­nen Gerichts­zwei­ge zuwi­der lau­fen­den Über­ord­nung der Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te die­je­ni­gen Rechts­vor­schrif­ten aus der Kon­troll­be­fug­nis nach § 47 Abs. 1 VwGO aus­zu­neh­men, deren Anwen­dung der Über­prü­fung durch Gerich­te ande­rer Gerichts­zwei­ge obliegt [11]. Davon zu unter­schei­den ist das – vom Gesetz­ge­ber nun­mehr durch Kon­zen­tra­ti­on der Ent­schei­dun­gen über die Wirk­sam­keit von All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen bei den Arbeits­ge­rich­ten und die Anord­nung einer inter omnes-Wir­kung [12] ent­spre­chen­der rechts­kräf­ti­ger Beschlüs­se (Art. 2 Nr. 5 Tarif­au­to­no­mie­stär­kungs­ge­setz) gelös­te – rechts­po­li­ti­sche Pro­blem, dass es infol­ge feh­len­der Bin­dungs­wir­kung zu sich wider­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen der Ver­wal­tungs­ge­rich­te und der Gerich­te ande­rer Gerichts­zwei­ge zur Fra­ge der Recht­mä­ßig­keit von Nor­men kom­men kann [13].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 15. Sep­tem­ber 2014 – 8 B 30.2014 -

  1. im Anschluss an BVerwG, Urteil vom 28.01.2010 – 8 C 38.09, BVerw­GE 136, 75 Rn. 32 ff.[]
  2. vom 11.08.2014, BGBl I 1348, 1354[]
  3. BVerwG, Urteil vom 12.10.1989 – 6 C 38.88, BVerw­GE 84, 3, 8 = Buch­holz 448.6 § 18 KDVG Nr. 4 S. 11[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.05.1977 – 2 BvL 11/​74, BVerfGE 44, 322, 340, 344[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.01.2010 – 8 C 38.09, BVerw­GE 136, 75 Rn. 30 = Buch­holz 310 § 43 VwGO Nr. 149 Rn. 30[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 03.11.1988 – 7 C 115.86, BVerw­GE 80, 355, 357 ff. = Buch­holz 310 § 40 VwGO Nr. 238; Düwell, NZA-Bei­la­ge 2/​2011 S. 80, 81[]
  7. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 03.11.1988 a.a.O. S. 359; und vom 28.01.2010 a.a.O. Rn. 77 ff.[]
  8. BVerwG, Beschluss vom 27.07.1995 – 7 NB 1.95, BVerw­GE 99, 88, 96 f. = Buch­holz 451.22 § 3 AbfG Nr. 1 S. 9[]
  9. BT-Drs. 3/​55 S. 33; Kopp/​Schenke, VwGO, 20. Aufl.2014, § 47 Rn. 17; Schmidt, in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl.2010, § 47 Rn. 32[]
  10. vgl. Düwell a.a.O. S. 83; BAG, Beschluss vom 26.10.2009 – 3 AZB 24/​09NZA 2009, 1436 ff. und Urteil vom 26.09.2012 – 4 AZR 5/​11 14[]
  11. vgl. BT-Drs. 3/​55 S. 33[]
  12. lat. „unter allen“[]
  13. vgl. Düwell a.a.O. S. 84 f.[]