Der ange­hen­de Ret­tungs­sa­ni­tä­ter – und sein Anspruch auf ange­mes­se­ne Ver­gü­tung

Die §§ 26, 17 BBiG fin­den auf ein Prak­ti­kums­ver­hält­nis im Rah­men der Aus­bil­dung zum Ret­tungs­as­sis­ten­ten (§ 7 Ret­tAssG) Anwen­dung. Die­se Rege­lun­gen wur­den nicht durch spe­zi­el­le­re Vor­schrif­ten des Ret­tAssG ver­drängt 1.

Der ange­hen­de Ret­tungs­sa­ni­tä­ter – und sein Anspruch auf ange­mes­se­ne Ver­gü­tung

Nach § 17 Abs. 1 Satz 1 BBiG haben Aus­zu­bil­den­de Anspruch auf eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung. Die Rege­lung ist – wie schon die Vor­gän­ger­norm § 10 Abs. 1 Satz 1 BBiG in der bis zum 31.03.2005 gel­ten­den Fas­sung (aF) – nur eine Rah­men­vor­schrift und legt den Maß­stab für die Ange­mes­sen­heit der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung nicht selbst fest 2. Bei feh­len­der Tarif­bin­dung ist es Auf­ga­be der Ver­trags­par­tei­en, die Höhe der Ver­gü­tung zu ver­ein­ba­ren. Sie haben dabei einen Spiel­raum. Die rich­ter­li­che Über­prü­fung erstreckt sich nur dar­auf, ob die ver­ein­bar­te Ver­gü­tung die Min­dest­hö­he erreicht, die als noch ange­mes­sen anzu­se­hen ist. Ob die Par­tei­en den Spiel­raum gewahrt haben, ist unter Abwä­gung ihrer Inter­es­sen und unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­falls fest­zu­stel­len. Maß­geb­lich dafür ist die Ver­kehrs­an­schau­ung 3.

Wich­tigs­ter Anhalts­punkt für die Ver­kehrs­an­schau­ung sind die ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trä­ge 4. Bei ihnen ist anzu­neh­men, dass das Ergeb­nis der Tarif­ver­hand­lun­gen die Inter­es­sen bei­der Sei­ten hin­rei­chend berück­sich­tigt. Die Ergeb­nis­se kol­lek­tiv aus­ge­han­del­ter Tarif­ver­ein­ba­run­gen haben die Ver­mu­tung der Ange­mes­sen­heit für sich 5. Eine Aus­bil­dungs­ver­gü­tung, die sich an einem ent­spre­chen­den Tarif­ver­trag aus­rich­tet, gilt des­we­gen stets als ange­mes­sen. Eine Aus­bil­dungs­ver­gü­tung ist in der Regel nicht ange­mes­sen iSv. § 17 Abs. 1 Satz 1 BBiG, wenn sie die in einem ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trag ent­hal­te­nen Ver­gü­tun­gen um mehr als 20% unter­schrei­tet 6. Wenn ein­schlä­gi­ge tarif­li­che Rege­lun­gen feh­len, kann auf bran­chen­üb­li­che Sät­ze abge­stellt wer­den, eine der Ver­kehrs­auf­fas­sung des betref­fen­den Gewer­be­zweigs ent­spre­chen­de Ver­gü­tung zugrun­de gelegt oder auf Emp­feh­lun­gen der Kam­mern oder Hand­werks­in­nun­gen zurück­ge­grif­fen wer­den 7. Hier­bei kön­nen auch Tarif­ver­trä­ge, die räum­lich oder zeit­lich nicht ein­schlä­gig sind, ein Anhalts­punkt und eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe bei der Ermitt­lung der ange­mes­se­nen Ver­gü­tung sein.

Bei dem Merk­mal der "ange­mes­se­nen Ver­gü­tung" in § 17 Abs. 1 Satz 1 BBiG han­delt es sich um einen unbe­stimm­ten Rechts­be­griff 8.

Soweit ver­tre­ten wird, ie Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 15.12 2005 9 las­se es nicht zu, "Anhalts­punk­te" aus nicht ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trä­gen als Maß­stab her­an­zu­zie­hen, wird nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts ver­kannt, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem Urteil dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass im Fal­le des Feh­lens einer tarif­li­chen Rege­lung auf bran­chen­üb­li­che Sät­ze abge­stellt oder eine der Ver­kehrs­auf­fas­sung des betref­fen­den Indus­trie­zweigs ent­spre­chen­de Ver­gü­tung zugrun­de gelegt wer­den kann 10. Im Ein­klang hier­mit kann vor­lie­gend ua. auf die tarif­li­che Ver­gü­tung für die prak­ti­sche Tätig­keit in der Aus­bil­dung zum Ret­tungs­as­sis­ten­ten im Tarif­ver­trag des Baye­ri­schen Roten Kreu­zes abge­stellt wer­den. Das Prak­ti­kums­ver­hält­nis unter­fiel im hier ent­schie­de­nen Fall zwar nicht dem räum­li­chen, aber dem fach­li­chen Gel­tungs­be­reich die­ses Tarif­ver­trags. Im Übri­gen ist zu beach­ten, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt Sach­sen-Anhalt 11 im vor­lie­gen­den Fall gegen­über der in die­sem Tarif­ver­trag vor­ge­se­he­nen Ver­gü­tung iHv. 988, 38 € brut­to einen – wenn auch nicht sehr hohen – Abschlag vor­ge­nom­men und die tarif­li­che Rege­lung nicht ohne Wei­te­res über­nom­men hat.

Dar­über hin­aus hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt an dem räum­lich und fach­lich ein­schlä­gi­gen Ände­rungs­ta­rif­ver­trag vom 01.08.2000 zum 1. Tarif­ver­trag zur Anpas­sung des Tarif­rechts – Man­tel­ta­rif­li­che Vor­schrif­ten – (DRK-TV-O) vom 01.01.1991 ori­en­tiert, dem zufol­ge die tarif­li­che Ver­gü­tung für Prak­ti­kan­ten monat­lich 974, 67 Euro brut­to betrug. Der Arbeit­ge­ber beschränkt sich im Rah­men sei­ner Revi­si­ons­be­grün­dung dar­auf, auf die Kün­di­gung die­ses Tarif­ver­trags zum 31.12 2001 hin­zu­wei­sen. Er zeigt aber kei­ne Umstän­de auf, aus denen sich erge­ben könn­te, dass eine Ver­gü­tung, die die Tarif­ver­trags­par­tei­en im Jahr 2001 für ange­mes­sen hiel­ten, im Jahr 2010 nicht mehr ange­mes­sen war. Schon im Hin­blick auf den Anstieg der Lebens­hal­tungs­kos­ten über einen Zeit­raum von fast zehn Jah­ren, ist nicht ersicht­lich, wie­so nur eine gerin­ge­re Ver­gü­tung ange­mes­sen sein soll­te. Im Übri­gen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich die Ver­gü­tung der Prak­ti­kan­ten nach dem DRK-TV‑O an dem Tarif­ver­trag für die Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten des öffent­li­chen Diens­tes (TV-Prak‑O) ori­en­tier­te. Nach § 8 des vom Prak­ti­kan­ten ein­ge­reich­ten Tarif­ver­trags für Praktikantinnen/​Praktikanten des öffent­li­chen Diens­tes (TVPöD) vom 27.10.2009 beträgt das monat­li­che Ent­gelt für Prak­ti­kan­ten für den Beruf des Ret­tungs­as­sis­ten­ten 1.201, 25 Euro. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes hiel­ten 2009 mit­hin eine wesent­lich höhe­re Ver­gü­tung für ange­mes­sen als noch beim Tarif­ab­schluss im Jahr 2000. Hier­auf geht die Revi­si­on nicht ein.

Auch soweit das Lan­des­ar­beits­ge­richt Sach­sen-Anhalt die Ver­gü­tung der Aus­zu­bil­den­den nach dem Tarif­ver­trag der Lan­des­ta­rif­ge­mein­schaft des DRK-Lan­des­ver­bands Sach­sen-Anhalt (DRK-TV LSA) idF vom 23.11.2009 berück­sich­tigt hat, ist ein revi­si­bler Rechts­feh­ler weder auf­ge­zeigt noch sonst ersicht­lich. Soweit der Arbeit­ge­ber in der Revi­si­ons­be­grün­dung dar­auf ver­weist, die­ser Tarif­ver­trag sei nicht ein­schlä­gig, weil er kein Mit­glied der Lan­des­ta­rif­ge­mein­schaft sei, so ist die feh­len­de Tarif­ge­bun­den­heit zwi­schen den Par­tei­en unstrei­tig. Es han­delt sich jedoch um einen räum­lich und bran­chen­mä­ßig ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trag, der zur Ermitt­lung der Ver­kehrs­an­schau­ung her­an­ge­zo­gen wer­den kann. Soweit der Arbeit­ge­ber unter Hin­weis auf das Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22.04.2009 12 fer­ner rügt, es sei vom Prak­ti­kan­ten zu kei­nem Zeit­punkt dar­ge­tan wor­den, dass mehr als 50% der Arbeit­ge­ber des Wirt­schafts­ge­biets tarif­ge­bun­den sei­en oder die orga­ni­sier­ten Arbeit­ge­ber mehr als 50% der Arbeit­neh­mer des Wirt­schafts­ge­biets beschäf­tig­ten, ver­kennt er, dass es nach § 17 Abs. 1 BBiG auf die Ange­mes­sen­heit der Ver­gü­tung, nicht auf ihre Üblich­keit ankommt. Der Aus­zu­bil­den­de muss nicht dar­le­gen, dass die bean­spruch­te Ver­gü­tung in dem betref­fen­den Wirt­schafts­zweig bzw. ‑gebiet übli­cher­wei­se gezahlt wird 13. Inso­fern besteht ein erheb­li­cher Unter­schied zwi­schen der Fra­ge der Ange­mes­sen­heit der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung und der Fra­ge des Lohn­wu­chers. Eine Aus­bil­dungs­ver­gü­tung, die so hoch ist, dass sie noch nicht gegen die guten Sit­ten ver­stößt, muss noch nicht ange­mes­sen sein 14.

Auch soweit das Lan­des­ar­beits­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de gelegt hat, dass wei­te­re begrün­de­te Anhalts­punk­te für die Bestim­mung der Ange­mes­sen­heit der Ver­gü­tung für einen Prak­ti­kan­ten in der Aus­bil­dung zum Ret­tungs­as­sis­ten­ten nicht ersicht­lich sind, zeigt die Revi­si­on kei­ne neu­en Anhalts­punk­te auf. Ins­be­son­de­re hat der Arbeit­ge­ber kei­ne tarif­li­chen Rege­lun­gen oder Ähn­li­ches in den Pro­zess ein­ge­führt, aus der sich die Ange­mes­sen­heit einer gerin­ge­ren Ver­gü­tung erge­ben könn­te. Aus der von dem Arbeit­ge­ber mit sei­nem Betriebs­rat am 18.11.2010 geschlos­se­nen Betriebs­ver­ein­ba­rung lässt sich eine Unan­ge­mes­sen­heit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt als ange­mes­sen ange­se­he­nen Ver­gü­tung schon des­halb nicht ent­neh­men, weil die­se erst nach dem Aus­schei­den des Prak­ti­kan­ten aus dem Betrieb des Arbeit­ge­bers in Kraft getre­ten ist. Vor die­sem Hin­ter­grund bedarf die Fra­ge der Wirk­sam­keit der Betriebs­ver­ein­ba­rung im Hin­blick auf § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG kei­ner Erör­te­rung.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 12. April 2016 – 9 AZR 744/​14

  1. BAG 29.04.2015 – 9 AZR 78/​14, Rn. 8 ff.[]
  2. BAG 22.01.2008 – 9 AZR 999/​06, Rn. 32, BAGE 125, 285; vgl. auch BT-Drs. V/​4260 S. 9[]
  3. BAG 29.04.2015 – 9 AZR 78/​14, Rn. 28 mwN[]
  4. st. Rspr., zuletzt BAG 29.04.2015 – 9 AZR 108/​14, Rn.20 mwN[]
  5. BAG 21.05.2014 – 4 AZR 50/​13, Rn. 29 mwN, BAGE 148, 139[]
  6. BAG 26.03.2013 – 3 AZR 89/​11, Rn. 11 mwN[]
  7. st. Rspr., zuletzt BAG 29.04.2015 – 9 AZR 78/​14, Rn. 30 mwN[]
  8. BAG 17.03.2015 – 9 AZR 732/​13, Rn. 11; vgl. zur Ange­mes­sen­heit iSd. § 32 UrhG eben­so BVerfG 23.10.2013 – 1 BvR 1842/​11, 1 BvR 1843/​11, Rn. 84, BVerfGE 134, 204; zum ange­mes­se­nen Zuschlag iSd. § 6 Abs. 5 ArbZG BAG 9.12 2015 – 10 AZR 156/​15, Rn. 23[]
  9. BAG 15.12.2005 – 6 AZR 224/​05[]
  10. BAG 15.12 2005 – 6 AZR 224/​05, Rn. 12[]
  11. LAG Sach­sen-Anhalt 26.06.2014 – 3 Sa 230/​12[]
  12. BAG 22.04.2009 – 5 AZR 436/​08BAGE 130, 338[]
  13. vgl. BAG 29.04.2015 – 9 AZR 108/​14, Rn. 26; sie­he zu § 6 Abs. 5 ArbZG, wo der Arbeit­ge­ber die Dar­le­gungs­last für die Ange­mes­sen­heit des Zuschlags trägt: BAG 9.12 2015 – 10 AZR 423/​14, Rn. 33[]
  14. BAG 29.04.2015 – 9 AZR 108/​14, Rn. 23[]