Der Streit um den Betriebs­über­gang – und die Rechts­kraft arbeits­ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen

Der Zuläs­sig­keit eines Fest­stel­lungs­an­trags gegen den Betriebs­über­ge­ber steht eine Rechts­kraft des gegen die Betriebs­über­neh­me­rin ergan­ge­nen Urteils nicht ent­ge­gen.

Der Streit um den Betriebs­über­gang – und die Rechts­kraft arbeits­ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen

Die mate­ri­el­le Rechts­kraft (§ 322 Abs. 1 ZPO) einer gericht­li­chen Ent­schei­dung ver­bie­tet zwar – als nega­ti­ve Pro­zess­vor­aus­set­zung – eine neue Ver­hand­lung über den­sel­ben Streit­ge­gen­stand. Unzu­läs­sig ist des­halb eine erneu­te Kla­ge, deren Streit­ge­gen­stand mit dem eines rechts­kräf­tig ent­schie­de­nen Rechts­streits iden­tisch ist1. Die mate­ri­el­le Rechts­kraft einer gericht­li­chen Ent­schei­dung wirkt aber grund­sätz­lich nur gegen­über der Par­tei der gericht­li­chen Ent­schei­dung, sie tritt nur im Ver­hält­nis der Pro­zess­par­tei­en zuein­an­der ein2. Par­tei des Kün­di­gungs­schutz­pro­zes­ses war hin­ge­gen nicht die nun­mehr beklag­te Betriebs­über­ge­be­rin, son­dern die Betriebs­über­neh­me­rin.

Es gibt auch kei­ne beson­de­re gesetz­li­che Bestim­mung, die die mate­ri­el­le Rechts­kraft des gegen die Betriebs­über­neh­me­rin ergan­ge­nen Teil­an­er­kennt­nis­ur­teils auf die Betriebs­über­ge­be­rin erstreckt. Es kann vor­lie­gend dahin­ste­hen, ob und ggf. inwie­weit der Streit­ge­gen­stand, über den durch das gegen die Betriebs­über­neh­me­rin ergan­ge­ne Teil­an­er­kennt­nis­ur­teil erkannt wur­de, mit dem Streit­ge­gen­stand der gegen die Betriebs­über­ge­be­rin gerich­te­ten Kla­ge über­haupt iden­tisch ist; es exis­tiert schon kei­ne Rege­lung, der sich ent­neh­men lie­ße, dass die mate­ri­el­le Rechts­kraft des gegen die Betriebs­über­neh­me­rin ergan­ge­nen Teil­an­er­kennt­nis­ur­teils auch gegen­über der Betriebs­über­ge­be­rin wirkt. Aus § 325 ZPO folgt inso­weit nichts Abwei­chen­des. Zwar kann die bin­den­de Fest­stel­lung eines Rechts­ver­hält­nis­ses zwi­schen dem Arbeit­neh­mer und dem Betriebs­ver­äu­ße­rer nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch gegen­über dem neu­en Inha­ber wir­ken. Die Rechts­kraft eines gegen den frü­he­ren Arbeit­ge­ber erge­hen­den Urteils wirkt in ent­spre­chen­der Anwen­dung der §§ 265, 325 Abs. 1 ZPO für und gegen den neu­en Inha­ber, wenn der Betriebs­über­gang nach Rechts­hän­gig­keit erfolgt ist3. Vor­lie­gend geht es jedoch nicht um die Fra­ge, ob ein gegen den frü­he­ren Arbeit­ge­ber ergan­ge­nes Urteil auch für und gegen den neu­en Inha­ber wirkt, son­dern dar­um, ob die mate­ri­el­le Rechts­kraft einer gegen den (ver­meint­li­chen) neu­en Inha­ber ergan­ge­nen gericht­li­chen Ent­schei­dung auch gegen­über dem frü­he­ren Arbeit­ge­ber wirkt.

Auch die Wer­tun­gen in § 62 ZPO (not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft) gebie­ten kei­ne ande­re Beur­tei­lung.

Dies folgt bereits dar­aus, dass zwi­schen der Betriebs­über­ge­be­rin und der Betriebs­über­neh­me­rin weder eine not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft aus pro­zes­sua­len Grün­den (§ 62 Abs. 1 Alt. 1 ZPO) noch eine sol­che aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den (§ 62 Abs. 1 Alt. 2 ZPO) besteht.

Zwi­schen der Betriebs­über­neh­me­rin und der Betriebs­über­ge­be­rin besteht kei­ne not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft aus pro­zes­sua­len Grün­den (§ 62 Abs. 1 Alt. 1 ZPO).

Eine not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft iSv. § 62 Abs. 1 Alt. 1 ZPO setzt ua. vor­aus, dass­ge­setz­li­che Vor­schrif­ten die Rechts­kraft des gegen­über dem einen Streit­ge­nos­sen ergan­ge­nen Urteils auf den ande­ren Streit­ge­nos­sen erstre­cken4. Hier müss­te aus pro­zes­sua­len Grün­den auch dann ein­heit­lich ent­schie­den wer­den, wenn die Pro­zes­se nach­ein­an­der durch­ge­führt wer­den5. Die blo­ße Bin­dungs­wir­kung bezüg­lich einer Vor­fra­ge reicht inso­weit nicht aus6.

Danach besteht zwi­schen der Betriebs­über­ge­be­rin und der Betriebs­über­neh­me­rin kei­ne not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft iSv. § 62 Abs. 1 Alt. 1 ZPO7. Es kann vor­lie­gend dahin­ste­hen, ob der Fall der Rechts­kraf­ter­stre­ckung nach § 325 ZPO als Anwen­dungs­fall der not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen­schaft iSv. § 62 Abs. 1 Alt. 1 ZPO über­haupt in Betracht kommt, was zwei­fel­haft ist, da der Rechts­nach­fol­ger im Hin­blick auf die in § 265 Abs. 2 Satz 2 ZPO getrof­fe­ne Bestim­mung nicht gemein­sam mit dem Rechts­vor­gän­ger als Par­tei auf­tre­ten kann8. Es gibt – wie aus­ge­führt – kei­ne beson­de­re gesetz­li­che Bestim­mung, die die mate­ri­el­le Rechts­kraft des gegen die Betriebs­über­neh­me­rin ergan­ge­nen Teil­an­er­kennt­nis­ur­teils auf die Betriebs­über­ge­be­rin erstreckt.

Zwi­schen der Betriebs­über­neh­me­rin und der Betriebs­über­ge­be­rin besteht auch kei­ne not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den iSv. § 62 Abs. 1 Alt. 2 ZPO.

Eine Streit­ge­nos­sen­schaft ist mate­ri­ell-recht­lich eine not­wen­di­ge, wenn ein Recht aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den nur von meh­re­ren Berech­tig­ten oder gegen meh­re­re Ver­pflich­te­te gemein­sam aus­ge­übt wer­den darf, die Kla­ge ein­zel­ner oder gegen ein­zel­ne Streit­ge­nos­sen mit­hin wegen feh­len­der Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis als unzu­läs­sig abge­wie­sen wer­den müss­te9. Das Erfor­der­nis einer gemein­schaft­li­chen Kla­ge ergibt sich hier aus der ledig­lich gemein­schaft­lich vor­han­de­nen mate­ri­ell-recht­li­chen Ver­fü­gungs­be­fug­nis10. Nicht aus­rei­chend für die Annah­me einer not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen­schaft aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den iSv. § 62 Abs. 1 Alt. 2 ZPO ist hin­ge­gen, dass aus Grün­den der Logik eine ein­heit­li­che Ent­schei­dung not­wen­dig oder ange­sichts der Fol­ge­pro­ble­me wün­schens­wert wäre11.

Danach liegt im vor­lie­gen­den Fall kei­ne Streit­ge­nos­sen­schaft aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den iSv. § 62 Abs. 1 Alt. 2 ZPO vor. Der frü­he­re Arbeit­ge­ber und der neue Inha­ber iSv. § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB sind gera­de nicht ledig­lich gemein­schaft­lich mate­ri­ell-recht­lich verfügungsbefugt.Es gibt kei­ne mate­ri­ell-recht­li­che Norm, die anord­net, dass über den Bestand eines Arbeits­ver­hält­nis­ses bei meh­re­ren alter­na­tiv in Betracht kom­men­den Arbeit­ge­bern nur ein­heit­lich ent­schie­den wer­den kann. Inso­weit lie­ße sich allen­falls fest­stel­len, dass ins­be­son­de­re im Fall eines strei­ti­gen Über­gangs des Arbeits­ver­hält­nis­ses infol­ge eines Betriebs­über­gangs aus Grün­den der Logik eine ein­heit­li­che Ent­schei­dung not­wen­dig oder ange­sichts der – auch auf wider­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen beru­hen­den – Fol­ge­pro­ble­me wün­schens­wert wäre. Dies reicht jedoch für die Annah­me einer not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen­schaft nach § 62 Abs. 1 Alt. 2 ZPO nicht aus.

Auch kann die Betriebs­über­ge­be­rin aus dem von ihr ange­zo­ge­nen Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 24.09.201512 nichts zu ihren Guns­ten ablei­ten. Zwar hat der Bun­des­ar­beits­ge­richts in den nicht­tra­gen­den Grün­den die­ser Ent­schei­dung die Annah­me einer not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen­schaft iSv. § 62 ZPO – aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den – zwi­schen ver­klag­tem ver­meint­li­chem Ver­äu­ße­rer und ver­meint­li­chem neu­en Inha­ber iSv. § 613a Abs. 1 Satz 1 BGB erwo­gen. Dies war aller­dings untrenn­bar mit der Erwä­gung ver­knüpft, eine "Betriebs­über­gangs-Fest­stel­lungs­kla­ge" für nach § 256 ZPO zuläs­sig zu erach­ten. Dass eine – auch nega­ti­ve – Betriebs­über­gangs-Fest­stel­lungs­kla­ge unzu­läs­sig ist, weil sie nicht auf die Fest­stel­lung eines fest­stel­lungs­fä­hi­gen Rechts­ver­hält­nis­ses iSv. § 256 Abs. 1 ZPO gerich­tet ist, wur­de indes bereits aus­ge­führt.

Im Übri­gen kommt einem for­mell rechts­kräf­ti­gen Teil­ur­teil gegen ein­zel­ne aus mate­ri­ell-recht­li­chen Grün­den (§ 62 Abs. 1 Alt. 2 ZPO) not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen auch kei­ne mate­ri­el­le Rechts­kraft­wir­kung gegen­über den ande­ren not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen zu13.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. Janu­ar 2018 – 8 AZR 309/​16

  1. BGH 24.01.2008 – VII ZR 46/​07, Rn. 13; 19.11.2003 – VIII ZR 60/​03, zu II 1 der Grün­de, BGHZ 157, 47 []
  2. vgl. BGH 4.04.2014 – V ZR 110/​13, Rn. 11; 12.01.1996 – V ZR 246/​94, zu II 4 c der Grün­de, BGHZ 131, 376 []
  3. st. Rspr. vgl. etwa BAG 19.11.2014 – 4 AZR 761/​12, Rn. 23 mwN, BAGE 150, 97; 24.08.2006 – 8 AZR 574/​05, Rn. 25 []
  4. vgl. BGH 3.11.2016 – I ZR 101/​15, Rn. 17 mwN; 26.10.1984 – V ZR 67/​83, zu I der Grün­de, BGHZ 92, 351; 13.07.1970 – VIII ZR 230/​68, zu I 1 der Grün­de, BGHZ 54, 251; 15.06.1959 – II ZR 44/​58, zu II 3 der Grün­de, BGHZ 30, 195: "auf Grund beson­de­rer Vor­schrif­ten" []
  5. vgl. BGH 26.10.1984 – V ZR 67/​83 – aaO []
  6. vgl. BGH 24.06.1992 – VIII ZR 203/​91, zu I 2 a der Grün­de, BGHZ 119, 35; Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes 5. Aufl. § 62 Rn. 17 []
  7. vgl. etwa BAG 22.08.2013 – 8 AZR 521/​12, Rn. 37 mwN []
  8. zu die­ser Pro­ble­ma­tik vgl. etwa Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes 5. Aufl. § 62 Rn. 7 mwN; Musielak/​Voit/​Weth ZPO 14. Aufl. § 62 Rn. 4; PG/​Gehrlein ZPO 9. Aufl. § 62 Rn. 4 []
  9. BGH 3.11.2016 – I ZR 101/​15, Rn. 17; 24.01.2012 – X ZR 94/​10, Rn.19, BGHZ 192, 245; 14.04.2010 – IV ZR 135/​08, Rn. 17; 26.10.1984 – V ZR 67/​83, zu I der Grün­de []
  10. BGH 14.04.2010 – IV ZR 135/​08 – aaO; Zöller/​Althammer ZPO 32. Aufl. § 62 Rn. 11 []
  11. BGH 4.04.2014 – V ZR 110/​13, Rn. 6; 14.04.2010 – IV ZR 135/​08, Rn. 18; 15.06.1959 – II ZR 44/​58, zu II 4 der Grün­de, BGHZ 30, 195; vgl. auch BAG 22.08.2013 – 8 AZR 521/​12, Rn. 37 []
  12. BAG 24.09.2015 – 2 AZR 562/​14, Rn. 22, BAGE 152, 345 []
  13. vgl. etwa BGH 4.04.2014 – V ZR 110/​13, Rn. 11; 12.01.1996 – V ZR 246/​94, zu II 4 c der Grün­de, BGHZ 131, 376 []
  14. BGBl. I S. 3497 []