Der Streit um den Urlaub – und kei­ne Ele­men­ten­fest­stel­lungs­kla­ge mit Ver­gan­gen­heits­be­zug

Mit sei­nem Antrag auf Fest­stel­lung, dass es sich bei dem Urlaub, den die Arbeit­ge­be­rin ihm vom 26.02.bis zum 27.03.2018 gewähr­te, um 22 Rest­ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2016 han­del­te, hat der Arbeit­neh­mer eine unzu­läs­si­ge Ele­men­ten­fest­stel­lungs­kla­ge mit Ver­gan­gen­heits­be­zug erho­ben.

Der Streit um den Urlaub – und kei­ne Ele­men­ten­fest­stel­lungs­kla­ge mit Ver­gan­gen­heits­be­zug

Nach § 256 Abs. 1 ZPO kann Kla­ge auf Fest­stel­lung des Bestehens oder Nicht­be­stehens eines Rechts­ver­hält­nis­ses erho­ben wer­den, wenn die Kla­ge­par­tei ein recht­li­ches Inter­es­se dar­an hat, dass das Rechts­ver­hält­nis durch rich­ter­li­che Ent­schei­dung als­bald fest­ge­stellt wer­de.

Die Fest­stel­lungs­kla­ge kann sich auf ein­zel­ne Bezie­hun­gen oder Fol­gen aus einem Rechts­ver­hält­nis, auf bestimm­te Ansprü­che oder Ver­pflich­tun­gen oder auf den Umfang einer Leis­tungs­pflicht beschrän­ken (sog. Ele­men­ten­fest­stel­lungs­kla­ge). Ein Fest­stel­lungs­in­ter­es­se ist dafür nur gege­ben, wenn der Streit durch die Ent­schei­dung über den Fest­stel­lungs­an­trag ins­ge­samt besei­tigt wird und das Rechts­ver­hält­nis der Par­tei­en abschlie­ßend geklärt wer­den kann. Die Rechts­kraft der Ent­schei­dung muss wei­te­re gericht­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die zwi­schen den Par­tei­en strit­ti­gen Fra­gen um den­sel­ben Fra­gen­kom­plex aus­schlie­ßen. Es fehlt, wenn durch die Ent­schei­dung kein Rechts­frie­den geschaf­fen wird, weil nur ein­zel­ne Ele­men­te des Rechts­ver­hält­nis­ses zur Ent­schei­dung des Gerichts gestellt wer­den [1].

Dies gilt ins­be­son­de­re in den Fäl­len, in denen der Arbeit­neh­mer die Fest­stel­lung eines in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Rechts­ver­hält­nis­ses begehrt. Eine sol­che Kla­ge ist nur zuläs­sig, wenn sich aus der Fest­stel­lung noch Rechts­fol­gen für die Gegen­wart oder Zukunft erge­ben [2]. Ande­ren­falls ver­langt der Arbeit­neh­mer ein Rechts­gut­ach­ten für einen in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den, abge­schlos­se­nen Sach­ver­halt. Es gehört nicht zu den Auf­ga­ben der Gerich­te, eine die Par­tei­en inter­es­sie­ren­de Rechts­fra­ge gut­ach­ter­lich zu klä­ren [3].

Danach ist die erho­be­ne Fest­stel­lungs­kla­ge man­gels Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses unzu­läs­sig. Die begehr­te Fest­stel­lung wäre weder geeig­net, wei­te­re gericht­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Par­tei­en aus­zu­schlie­ßen, noch ver­bin­den sich mit ihr Rechts­fol­gen für die Gegen­wart oder die Zukunft. Auf die­se Gesichts­punk­te hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt den Arbeit­neh­mer im Vor­feld der münd­li­chen Ver­hand­lung hin­ge­wie­sen.

Der von dem Arbeit­neh­mer ver­folg­te Fest­stel­lungs­an­trag ist auf die Ent­schei­dung über eine – vor­greif­li­che – Rechts­fra­ge mit Ver­gan­gen­heits­be­zug gerich­tet, deren allei­ni­ge Klä­rung weder zum Rechts­frie­den zwi­schen den Par­tei­en führ­te noch ein sons­ti­ges schutz­wer­tes Inter­es­se erken­nen lässt [4]. Mit einer der Kla­ge statt­ge­ben­den Ent­schei­dung wäre allein geklärt, ob und in wel­chem Umfang es sich bei dem von der Arbeit­ge­be­rin vom 26.02.bis zum 27.03.2018 gewähr­ten Urlaub um einen sol­chen aus dem Jahr 2016 han­del­te. Die Fol­gen die­ser Fest­stel­lung für die gegen­wär­ti­gen Urlaubs­an­sprü­che des Arbeit­neh­mers blie­ben hin­ge­gen offen. Denn die­se hän­gen nicht nur von der begehr­ten Fest­stel­lung, son­dern ins­be­son­de­re vom Bestand; und vom Umfang der Urlaubs­an­sprü­che aus den Fol­ge­jah­ren ab. Die Urlaubs­an­sprü­che des Arbeit­neh­mers aus dem Jahr 2017 könn­ten aber durch Erfül­lung sei­tens der Arbeit­ge­be­rin oder infol­ge Ver­falls am 30.09.2018 erlo­schen sein, die­je­ni­gen aus dem Jahr 2018 durch Gewäh­rung des Urlaubs in natu­ra oder durch Ver­fall am 30.09.2019. Zu die­sen Fra­gen hat weder das Lan­des­ar­beits­ge­richt tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen getrof­fen noch der Arbeit­neh­mer Sach­vor­trag gehal­ten.

Soweit der Arbeit­neh­mer auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 12.04.2011 [5] ver­weist, über­sieht er, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt damals nicht – wie im Streit­fall – über die Zuläs­sig­keit einer Ele­men­ten­fest­stel­lungs­kla­ge mit Ver­gan­gen­heits­be­zug, son­dern allein über die Fra­ge zu befin­den hat­te, ob der Grund­satz vom Vor­rang der Leis­tungs­kla­ge einem Fest­stel­lungs­an­trag ent­ge­gen­steht. Dar­um geht es vor­lie­gend nicht.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 3. Dezem­ber 2019 – 9 AZR 54/​19

  1. BAG 21.05.2019 – 9 AZR 260/​18, Rn. 17; vgl. auch BAG 15.01.2013 – 9 AZR 430/​11, Rn. 16, BAGE 144, 150[]
  2. BAG 16.01.2018 – 7 AZR 312/​16, Rn. 28, BAGE 161, 283; 15.12 1999 – 5 AZR 457/​98, zu I 2 der Grün­de; 8.03.1994 – 9 AZR 368/​92, zu I 1 der Grün­de mwN[]
  3. vgl. BAG 24.02.2016 – 7 ABR 23/​14, Rn. 12[]
  4. so bereits zu einem in der Sache iden­ti­schen Antrag: BAG 8.03.1994 – 9 AZR 368/​92, zu I 2 b aa der Grün­de[]
  5. BAG 12.04.2011 – 9 AZR 80/​10, Rn. 13, BAGE 137, 328[]