Der Streit um die Betriebs­rats­wahl – und die Beschwer­de­be­fug­nis des Betriebsrats

Die Rechts­mit­tel­be­fug­nis im Beschluss­ver­fah­ren folgt der Betei­li­gungs­be­fug­nis. Rechts­be­schwer­de­be­fugt ist nur, wer nach § 83 Abs. 3 ArbGG am Ver­fah­ren betei­ligt ist1.

Der Streit um die Betriebs­rats­wahl – und die Beschwer­de­be­fug­nis des Betriebsrats

Das ist eine Per­son oder Stel­le, die durch die zu erwar­ten­de Ent­schei­dung in ihrer betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­stel­lung unmit­tel­bar betrof­fen wird.

Die Betei­lig­ten­be­fug­nis ist vom Gericht in jeder Lage des Ver­fah­rens – auch noch in der Rechts­be­schwer­de­instanz – von Amts wegen zu prü­fen und zu berück­sich­ti­gen2.

Ist das Amt eines an einem Beschluss­ver­fah­ren betei­lig­ten Betriebs­rats erlo­schen, ohne dass ein neu­er Betriebs­rat gewählt wur­de, endet damit des­sen Betei­lig­ten­fä­hig­keit3. Ein unstrei­ti­ger Ver­lust der Betei­lig­ten­fä­hig­keit des Betriebs­rats führt grund­sätz­lich zur Unzu­läs­sig­keit eines von ihm ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tels4. Fehlt die Rechts­mit­tel­be­fug­nis, ist das Rechts­mit­tel als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen5. Ist die Betei­lig­ten­fä­hig­keit des Betriebs­rats strei­tig, wird sie hin­sicht­lich der Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels unter­stellt. Es ent­spricht einem all­ge­mei­nen pro­zes­sua­len Grund­satz, dass eine Par­tei, deren Par­tei­fä­hig­keit oder gar recht­li­che Exis­tenz über­haupt im Streit steht, wirk­sam ein Rechts­mit­tel mit dem Ziel ein­le­gen kann, hier­über eine Sach­ent­schei­dung zu erlan­gen6.

Der Rechts­be­schwer­de­be­fug­nis des Betriebs­rats steht nicht ent­ge­gen, dass auf­grund der behaup­te­ten Nich­tig­keit der Wahl Streit über sei­ne recht­li­che Exis­tenz besteht. Inso­weit ist er als betei­lig­ten­fä­hig anzusehen.

Etwas ande­res gilt nur, wenn das Amt des Betriebs­rats – unge­ach­tet der strei­ti­gen Nich­tig­keit der Wahl – aus sons­ti­ge Grün­de geen­det hat.

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Das Amt des Betriebs­rats als Gre­mi­um endet, wenn alle Betriebs­rats­mit­glie­der – etwa durch Nie­der­le­gung des Betriebs­rats­amts (§ 24 Nr. 2 BetrVG), Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses (§ 24 Nr. 3 BetrVG), Ver­lust der Wähl­bar­keit (§ 24 Nr. 4 BetrVG) oder Aus­schluss aus dem Betriebs­rat (§ 24 Nr. 5 BetrVG) – aus ihrem Amt aus­ge­schie­den und kei­ne Ersatz­mit­glie­der mehr vor­han­den sind. Mit dem Amts­ver­lust des letz­ten Mit­glieds ist die Amts­zeit des Betriebs­rats been­det und der Betrieb wird betriebs­rats­los. Eine Wei­ter­füh­rung der Geschäf­te kommt hier anders als im Fal­le des Rück­tritts des gesam­ten Betriebs­rats nicht in Betracht7. Einem nicht (mehr) exis­ten­ten Gre­mi­um kom­men kei­ne betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­po­si­tio­nen (mehr) zu8.

Selbst jedoch, wenn alle Mit­glie­der des Betriebs­rats bis auf ein Mit­glied ent­we­der ihr Amt nie­der­ge­legt hät­ten oder ihre Arbeits­ver­hält­nis­se been­det waren, hät­te dies nicht zur Been­di­gung des Amts des Betriebs­rats geführt. Zwar ist nach § 13 Abs. 2 Nr. 2 BetrVG ein neu­er Betriebs­rat zu wäh­len, wenn die Gesamt­zahl der Betriebs­rats­mit­glie­der nach Ein­tre­ten sämt­li­cher Ersatz­mit­glie­der unter die vor­ge­schrie­be­ne Zahl der Betriebs­rats­mit­glie­der gesun­ken ist. In die­sem Fall führt aber nach § 22 BetrVG der Betriebs­rat die Geschäf­te bis zur Neu­wahl des Betriebs­rats weiter. 

Auch der Umstand, das der Betriebs­rat erklärt hat, sei­nen Rück­tritt beschlos­sen zu haben, hat nicht die Been­di­gung der Amts­zeit des Betriebs­rats zur Fol­ge. Nach § 22 BetrVG führt der Betriebs­rat im Fal­le sei­nes Rück­tritts gemäß § 13 Abs. 2 Nr. 3 BetrVG die Geschäf­te wei­ter, bis der neue Betriebs­rat gewählt und das Wahl­er­geb­nis bekannt­ge­ge­ben ist. Die Geschäfts­füh­rungs­be­fug­nis besteht auch dann fort, wenn nach dem Erlö­schen der Mit­glied­schaft der ande­ren Mit­glie­der nur noch ein Betriebs­rats­mit­glied im Amt ist9.

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Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 30. Juni 2021 – 7 ABR 24/​20

  1. BAG 19.12.2018 – 7 ABR 79/​16, Rn. 17; 20.06.2018 – 7 ABR 48/​16, Rn. 12; 17.04.2012 – 1 ABR 5/​11, Rn.19 mwN, BAGE 141, 110[]
  2. vgl. BAG 28.04.2021 – 7 ABR 20/​20, Rn. 9; 23.07.2014 – 7 ABR 23/​12, Rn. 13; 9.07.2013 – 1 ABR 17/​12, Rn. 11[]
  3. vgl. BAG 19.12.2018 – 7 ABR 79/​16, Rn.19; 26.05.2009 – 1 ABR 12/​08, Rn. 13[]
  4. vgl. BAG 18.03.2015 – 7 ABR 42/​12, Rn. 12; 27.08.1996 – 3 ABR 21/​95, zu II 2 b der Grün­de[]
  5. BAG 19.12.2018 – 7 ABR 79/​16 – aaO; 8.11.2011 – 1 ABR 42/​10, Rn. 12[]
  6. BAG 19.12.2018 – 7 ABR 79/​16, Rn.20 mwN[]
  7. st. Rspr., vgl. BAG 24.10.2001 – 7 ABR 20/​00, zu B II 2 a ff der Grün­de mwN, BAGE 99, 208[]
  8. BAG 25.02.2020 – 1 ABR 40/​18, Rn. 11 unter Bezug­nah­me auf BAG 24.10.2018 – 7 ABR 1/​17, Rn. 10[]
  9. vgl. BAG 19.11.2003 – 7 AZR 11/​03, zu I 3 der Grün­de, BAGE 109, 1; Fit­ting BetrVG 30. Aufl. § 22 Rn. 8[]

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